HEFT 01/1994 | Zur Kunst in der DDR | SEITE 1

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Seit einigen Wochen versuchen bestimmte Kreise, Stimmung zu machen für eine Schließung der von der Gauck-Behörde verwalteten Akten des MfS der DDR. Zu  Glück hat sich dagegen ein vielstimmiger Chor des Protestes vernehmen lassen  denn wir brauchen diese Zeugnisse, um wichtige Erkenntnisse über das Funktionieren bestimmter "Organe" eines pervertierten Sozialismus, der seinen Namen nicht mehr verdiente, zu gewinnen; um Beweise für verbrecherische Handlungen zu haben, die strafrechtlich verfolgt werden können und müssen; um Licht in gewisse Wendungen unserer Biographien zu bringen, die wir uns sonst oft gar nicht richtig erklären könnten; um Täter-Opfer-Gespräche zu beginnen, weil wir sonst nicht die Kraft finden, miteinander weiterzuleben; um in gewissen Fällen auch in der Lage zu sein, eigene Unschuld zu beweisen, wenn bewußt oder unbewußt falsche Anschuldigungen ausgesprochen wurden. Diese und viele weitere Grunde sprechen dafür, die MfS-Akten nicht zu schließen.

Wir sollten aber nicht übersehen, daß einige Stimmen für die Aktenschließung aus verständlicher, wenn auch falscher Reaktion auf Fehler beim bisherigen Umgang mit den Stasi-Akten entsprangen. Zu oft wird noch auf absolute Glaubwürdigkeit aller Akten vertraut, statt sie mit sorgfältiger Quellenkritik zu behandeln; zu oft werden noch aus Teilaussagen der Akten hastig voreilige Schlüsse gezogen und damit Menschen falsch beurteilt. Die MfS-Akten sind nicht das einzige Quellenmaterial für die Geschichte der DDR, wenn auch ein wichtiges und nicht zu vernachlässigendes. Es im Zusammenhang mit anderen Quellen sinnvoll zu verwenden, muß von manchen noch gelernt werden.

"Horch und Guck" hat sich immer für eine vielseitige und differenzierte kritische Bewertung der Vergangenheit eingesetzt und wird es auch weiterhin tun. Jede Stimme dazu ist uns veröffentlichungswert, wenn sie sinnvoll, durchdacht und der historischen Wahrheit verpflichtet ist. Nur die Summe vieler - auch mit anderen streitbar differierender - Teilerkenntnisse ergibt eine Annäherung an historisch korrekte Vergangenheitsbewältigung. Weiterhin In diesem Sinne zu wirken, empfinden wir als Verpflichtung.

In diesen Sinne grüßt Sie im Namen der Redaktion
Josh Sellhorn

PS: Zur Information unserer Leserinnen und Leser und unserer Autorinnen und Autoren: Während im vorliegenden Heft 11 als besonderes Thema die Bildende Kunst in der DDR herausgestellt wurde, sollen in den drei folgenden Heften die Themen DDR-Rechtswesen (Heft 12) Jazz und andere populäre Musik in der DDR (Heft 13) DDR und Kirchen (Heft 14) und Literatur in der DDR (Heft 15) im Vordergrund stehen - daneben wird natürlich jeweils eine Vielfalt weiterer Themen behandelt, von denen wir hoffen, daß sie Ihr Interesse finden werden.

Inhaltsverzeichnis Heft 11