HEFT 01/1995 | Zur im-problematik | SEITE 1

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Aus dem angekündigten letzten Heft 1994 ist nun doch das erste Heft1995 geworden - wir haben es einfach nicht geschafft. Der Spagat zwischen einerseits dem Anspruch eine verhaltnismäßig ordentliche Zeitschrift herauszugeben, andererseits der tagtäglichen Nervenmühle von Projektmanagement, Horch-und-Guck Vertriebsorganisation und stupider Buchhaltung fordert seinen Preis.

Diese Nummer behandelt in ihrem Hauptteil nochmals die IM-Problematik. Neben einer grundsätzlichen und faktenreichen Analyse von Helmut Milller-Enbergs werden außerdem andere Facetten dieses Themas abgehandelt. Wir möchten in diesem Zusammenhang besonders auf den Aufsatz von Mitch Cohen und die Interviews von Annette Maennel aufmerksam machen. Klar ist, daß uns dieses Thema auch in Zukunft weiter beschäftigen wird.

Im Januar vor 5 Jahren fand der sogenannte Sturm auf die Stasi-Zentrale in Berlin statt - für uns heute kein Anlaß sich nostalgisch-verklärt zurückzulehnen oder gar das Ereignis zu feiern. (Einmal abgesehen von dem schallenden Gelächter, das sich dann bei den ehemaligen Stasi-Auflösern zum Beispiel in Leipzig, Rostock oder Gera erheben würde: so spät, so spät!) Vielmehr ist es angebracht, gerade in einer Zeit, in der die Geschichtsverdrängung fröhlich-unverschämte Urständ feiert, einen sachlichen und konstruktiven Beitrag zur Erhellung des tatsächlich Geschehenen in jener wilden "Auflösungszeit" zu leisten. Einen ersten Ansatz dazu finden Sie in diesem Heft unter der Rubrik "Zum 15. Januar 1990". Geplant ist eine ganze Reihe von Beiträgen, die die herausragenden Ereignisse des Jahres 1990 zu diskutieren und analysieren versuchen.

Wir bitten alle, die sich in welcher Form auch immer, an der Stasi-Auflösung beteiligt hatten, uns ihre Aufzeichnungen (Erlebnisberichte, Tagebucheintragungen etc.), Fotos und so weiter zur Dokumentation und eventuell zur Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen.

Es ist allerhöchste Zeit, denn die Erinnerungen verblassen bereits und die Dinge verschwinden. Und wenn wir nichts tun, ist der Tag bereits abzusehen, an dem wir uns verstört die Augen reiben und uns fragen: "War da nicht noch was?".

Auf das letzte Heft von Horch und Guck, das erste mit geänderter Redaktionszusammensetzung und in neuer Aufmachung, haben wir größtenteils ein positives Echo gefunden. Hauptpunkte der Kritik waren merkwürdigerweise eher Gestaltungsfragen, zum Beispiel die Forderung nach Auflockerung des Satzspiegels mittels typografischer oder grafischer Mittel.  Auf den Vorfall mit unserem bisher hauptverantwortlichen Redakteur (siehe dazu Horch und Guck, Heft 13, "ln eigener Sache") gab es nur diese eine Reaktion: uns wurde ein Abonnement gekündigt... Leider war derjenige nicht bereit, obwohl wir es ihm angeboten haben, seiner Mißbilligung in einem Artikel für Horch und Guck Luft zu machen.

In dieser Nummer von Horch und Guck wird wiederum versucht, mit Bildern und nicht nur mit Worten, etwas von dem häufig Unnennbaren, was DDR-Leben auch ausmachte, an Sie heranzutragen. Es gibt die Rubrik "Fundstücke" mit oft doppelbödigen Zeugnissenvon DDR-Alltagskultur und neuerdings "Kunststücke" mit Beispielen zumeist aufmüpfiger Kunstproduktion. Leider ist es in einer von den Bild-Medien beherrschten Gesellschaft gar nicht einfach, wirklich originelle Sachen - und das meint eben nicht nostalgischeSachen - aufzutrreiben... Bitte helfen Sie uns. Wenn Sie so etwas besitzen sollten: ein Bild, ein Foto, ein Dokument - ein "Fundstück"- eben, das man nicht groß kommentieren müßte - leihen Sie es uns zum Abdruck her.

Im Namen der Redaktion
Werner Kiontke

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