HEFT 03/1993 | Zur IM-Problematik | Seite 1

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Kennen Sie den? Zwei Männer mit verschiedenen Auffassungen zu einem Problem diskutieren sich stundenlangdie Köpfe heiß, kommen jedoch zu keiner Einigung. Beim Abschied sagt der eine: "Sollten wir uns darüber nicht bald noch einmal gründlich aussprechen?" Darauf der andere: "Gern. Aber nur, wenn Sie einsehen, daß ich im Recht bin." Nur ein blöder Witz? Ich habe die Situation schon einmal in der Realität miterlebt. Es muß so etwa 1952 gewesen sein, da erlebten wir jungen Philosophiestudenten an der Humboldt-Universität - wir waren die ersten, die nach 1945 in der DDR Fachphilosophie studierten - eine Fachdiskussion einiger Mitglieder unseres Lehrkörpers über die Frage, ob Hegels Philosophie nur "feudal-aristokratische Reaktion auf den französischen Materialismus" sei, wie es ein angebliches Stalin-Zitat behaupte, oder vielmehr doch eine wichtige Stufe im geistigen Entwicklungsprozeß der Menschheit sei. Wolfgang Harich, vehement die zweite Ansicht vertretend, trieb einen der Wortführer der anderen Richtung, Besenbruch, so sehr in die Enge, daß dieser schließlich verzweifelt ausrief: "Herr Harich, wenn Sie auf mich schlagen, schlagen Sie auf Stalin!" Und der Höhepunkt war dann Kurt Hagers Schlußbemerkung, man könne sich gern demnächst zu einer Fortsetzung der Diskussion treffen, aber nur dann, wenn Harich seine Meinung revidiere.

Auf solche Erfahrungen mit dem Dogmatismus zurückblickend, empfindet man Sympathiefür wirklich pluralistischen Meinungsaustausch, ohne daß man darüber seine eigene Haltung verleugnet. Das gilt für Personen wie - die aufmerksame Leserin und der aufmerksame Leser wird es erkennen - für unsere Zeitschrift. Auch Heft 7, das übrigens den zweiten Jahrgang von "Horch und Guck" eröffnet, bietet wieder sehr verschiedene Sichtweisen auf die Probleme unserer Themenkreise, so verschieden, daß es nicht einmal in der Redaktionsgruppe dazu einheitliche Auffassungen gibt. Jede ehrliche und durchdachte Äußerung ist uns willkommen, auch dann, wenn sie bei uns oder anderen Widerspruch erregt.

In diesem Sinne - und in Erwartung etlicher pluralistischer Äußerungen für unser Heft 8, das im Juli 1993 erscheint - grüßt Sie herzlich im Namen der Redaktion
Josh Sellhorn

PS: Und wenn Sie uns helfen wollen, in dieser schwierigen Zeit zu überleben, werden Sie Abonnent von "Horch und Guck" und werben Sie auch in Ihrem Freundeskreis für uns. Danke!

Inhaltsverzeichnis Heft 7