HEFT 01/1996 | Vergangenheitsklärung | SEITE 1

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Wir bedauern sehr, daß wir Sie so lange auf dieses Heft haben warten lassen. Einige Ereignisse, auf die wir wenig oder gar keinen Einfluß hatten, haben die Verzögerung verschuldet. Es gab einen Krankheitsfall, der uns veranlaßte, das ursprünglich für dieses Heft vorgesehene Haupt- oder Titelthema "Bildende Kunst. II.Teil" kurzfristig herauszunehmen und durch ein neues, nämlich das, was wir schließlich als "Vergangenheitsklärung" bezeichnet haben, zu
ersetzen. - Redaktionsalltag...

Durchaus nichtalltäglicher Natur war aber eine andere Mitteilung, die uns von der dafür zuständigen Senatsverwaltung er-reichte und die wir bisher nicht so einfach wegstecken konnten: alle Personal-Stellen und somit alle Mittel für ein drittes und so-mit letztes Jahr unseres Projektes "Außerschulische Jugendarbeit" (nach § 249h Arbeitsförderungsgesetz) wurden zum 30. April 1996 gestrichen.

Welche Konsequenzen die Tatsache hat, daß alle fünf Mitarbeiter und somit auch zwei "Horch-und-Guck"-Redakteure ab 1.Mai 1996 arbeitslos sind (mehr oder weniger formal natür-lich: wir verwandeln uns ja nicht von einem Tag zum anderen in unpolitisch denkende und handelnde Menschen), ist in allen seinen Auswirkungen noch schwer überschaubar.

Ein erstes öffentliches Nachdenken unsererseits, über die so entstandene neue Situation und besonders über die Zukunft von "Horch und Guck", finden Sie in diesem Heft in der Spalte "In eigener Sache". Es ist klar, daß wir von Ihnen, unseren Leserinnen und Lesern, schon gerne wüßten, was Sie von dem Unternehmen "Horch und Guck" überhaupt halten: Sollen wir weitermachen? Wenn nein: Warum nicht? Wenn ja: warum und wie? Was wünschen Sie sich anders, besser oder gar nicht? Sind Sie selbst bereit, sich zu engagieren, wie auch immer: in Form von Artikeln, Recherchen für Sachbeiträge, Hinweisen auf aktuelle Ereignisse und Veröffentlichungen, Geld? ... etc.

Mit der Überschrift "Vergangenheitsklärung" unseres Hauptkapitels in diesem Heft versuchen wir uns dem zu nähern, was man gewöhnlich nach Ende der NS-Diktatur als "Vergangenheitsbewältigung" und nach Ende der SED-Dikatur als "Aufarbeitung der Vergangenheit" bezeichnet hat. Daß es sich bei diesem Thema nicht einfach nur um Haarspaltereien handelt, sondern daß die Vergangenheit und die verschiedenen Sichtweisen auf dieselbe, ins Hier und Jetzt reichen, politisch instrumentalisiert werden und auch anderweitig aktuelle politische Aspekte haben, wird - zum Beispiel - besonders deutlich in der gegenwärtigen Kontroverse um den Begriff der "Zwangsvereinigung" von KPD und SPD.

Die Auseinandersetzung um die Begriffe ist leider nicht so ganz auf die leichte Schulter zu nehmen - ein zu laxer Umgang damit kann auch politisch ausgenutzt werden, um eine an sich ehrenwerte Sache in Mißkredit zu bringen. Ein Beispiel dafür ist das Wort "Aufarbeitung", das ja auch in dem Namen des Bürgerkomitees "15. Januar" vorkommt: "Verein zur Aufarbeitung der Stasi-Vergangenheit". "Aufarbeiten" meint hier eben nicht aufarbeiten im Sinne von "ein Ding, eine Sache aufarbeiten", also eine, unter Umständen, schlimme Sache besser machen, das heißt eigentlich verschlimmbessern...

Der Begriff "Aufarbeitung" ist eher in dem Sinne und so zu verstehen, wie ihn Theodor Adorno 1959 in einem Vortrag "Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?" eingeführt hat: "Es kommt wesentlich darauf an, in welcher Weise das Vergangene vergegenwärtigt wird; ob man beim bloßen Vorwurf stehen bleibt oder dem Entsetzen standhält durch die Kraft, selbst das Unbegreifliche noch zu begreifen ... Was immer propagandistisch geschieht, bleibt zweideutig."

Im Namen der Redaktion
Werner Kiontke

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