Heft 20/1997 | missbrauchtes vertrauen | Seite 22 - 25

Lutz Wohlrab und Robert Conrad (Fotografien)

Jugend in Greifswald

»Zerfall & Abriß. Greifswald in den 80er Jahren« ist der Titel eines kleinen Buches mit 35 Fotos von Robert Conrad, Gedichten von Martin Bernhardt und einem Bericht von Lutz Wohlrab, aus dem wir einen Auszug veröffentlichen. In Greifswald hatte Ende letzten Jahres dieses Buch einen solchen Erfolg, daß jetzt die 2. Auflage (jeweils 1 000 Exemplare) erscheinen kann. Der Bericht ist erst durch die Einsicht in die Akten der Staatssicherheit möglich geworden, die in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens eingedrungen war.
Erzählt wird von einer Gruppe junger Greifswalder, deren trotziger Mut durch den großflächigen Zerfall ihrer Stadt katalysiert wurde. Die Enge der Stadt, ihr Klima von Angst, Verrat und Depressivität fand im Umgang mit den alten Häusern seinen symbolischen Ausdruck.
Die Fotografien von Robert Conrad - wir präsentieren hier auch drei im Buch nicht enthaltene Arbeiten - sind nicht nur zeitgeschichtliche Dokumente, nicht nur Anklage, sondern zeigen die Schönheit einer in Jahrhunderten gewachsenen Stadtidylle noch im Moment ihres Vergehens.
Dieser Freundeskreis wird unter anderen neben der Dresdner Mail Art Gruppe (vgl. »Horch und Guck«, Heft 19, S. 58 ff.) Bestandteil der Ausstellung »Bohème und Diktatur« vom 5. 9. bis 16.12.97 im Deutschen Historischen Museum Berlin sein.
Das Buch ist nur in Greifswalder Buchhandlungen oder über die Redaktion erhältlich. Preis 19,80 DM (80 Seiten, Duplex, Festeinband).

InAm 17. August 1984 eröffnete die Kreisdienststelle der Staatssicherheit in Greifswald die Operative Personenkontrolle »Lyrik«. Darin wird Martin Bernhardt, der bereits seit Studienbeginn als Mitglied der Evangelischen Studentengemeinde und deren Friedensinitiative aufgefallen war, mit der Begründung bearbeitet: »B. besitzt eine feindlich-negative Grundposition und gibt negativ-dekadenten Jugendlichen die Möglichkeit zur Verbreitung ihres Gedankengutes. Weiterhin ermöglicht er ihnen unter seiner Einflußnahme nicht genehmigte Zusammenkünfte. Damit besteht die Gefahr der Schaffung eines Podiums zur Propagierung antisozialistischer Kunstauffassungen und der Formierung negativ-dekadenter bzw. feindlich-negativer Personen«.1 Der Einleitungsbericht enthält folgende Punkte: »1. Aufklärung der Ziele, Motive und Pläne des B. bei der Organisation der ‘Hoffeste’ sowie der Inhalte durchgeführter und beabsichtigter Veranstaltungen. 2. Feststellung, Identifizierung und Aufklärung der Personenkreise, die an den Zusammenkünften teilnehmen... 3. Verhinderung des Entstehens eines feindlich-negativen Podiums unter Anwendung qualifizierter Zersetzungsmaß-nahmen«. Der Maßnahmeplan der OPK, in die später auch Dietrich Buhrow und ich einbezogen wurden, sieht das »Eindringen in den Personenkreis, die Teilnahme an Zusammenkünften, sowie Aufbau und Festigung der Verbindungen« ausgewählter Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi aus dem Studienjahr wie »Claudia Fink« und »Kerstin Hansen«2 sowie aus dem Freizeitbe-reich und der Evangelischen Studentengemeinde vor.
Dem IM »Erich Fried« fiel die »Aufklärung des Umfeldes zur Analyse und Einschätzung von Ergebnissen der ‘künstlerischen Arbeit’ des B. sowie anderer beteiligter Personen« zu. In seinem vierseitigen Bericht griff Karl-fried K. auf ein »von Anfang an... sehr vertrauensvolles Verhältnis zu B. (zurück), weil er in mir einen Menschen sah, der für seine Entwicklung und auch für seine literarische Arbeit großes Interesse zeigte«. K. schildert Martins Tätigkeit in einem »Zirkel schreibender Arbeiter« seit 1975, informiert über dessen Eltern und deren angebliche Schwächen, beschreibt ihr Einfamilienhaus, skizziert Martins Charakter und Entwicklung, dessen spätere eigene Wohnung und spekuliert über seine Ehe und Lebensziele. »Seine Gedichte ragen nicht über den Rahmen des Normalen hinaus... die aber in bestimmten Kreisen, insbesondere in Kirchenkreisen, hochgespielt werden können und dadurch eine gewisse Bedeutung erlangen... Zur Grundhaltung von B. bei den Hoffesten muß noch ergänzt werden, daß hier eine Einstellung zum Ausdruck kommt, die man sehr häufig im Bereich  der Jugendkreise der Kirche vorfindet, die in Westzeitungen u.a. auch so bezeichnet wird: ‘Man spielt das Spiel, Staatssicherheit ärgern’«.
K.’s inoffizielle Stasi-Mitarbeit war im wörtlichen Sinne Berufsaufgabe, denn er war im wirklichen Leben Leiter des Stadtkabinetts für Kulturarbeit. Sein Verhalten entsprach genau der »Leiterinformation«, so daß er zunächst Interesse an künstlerischen Arbeiten vortäuschte, mit der Absicht, später deren mangelnde Qualität deutlich zu machen.
Das Hauptinteresse der Stasi richtete sich von Anfang an auf den IMB »Anne Becker«, der dann durch den »Ausbau der Position bei B.«  das wichtigste operative Mittel wurde, der »vertrauliche Beziehungen zu den bearbeiteten Personen herstellte und ausbaute und inoffiziell die Beweislage sicherte und Möglichkeiten der Offiziali-sierung der vorliegenden operativen Kenntnisse erarbeitete«. Mit Thomas Fricks3 Freundin, Heike W., hatten wir seit unserem dritten und letzten Hoffest unseren besten Spitzel »Anne Becker« auf den Fersen.
1984 war Greifswald absolut deprimierend. Wir fühlten uns mitverantwortlich für die »geerbte« Stadt, deren Marktplatz wir mehrmals täglich mit dem Rad von einem Hörsaal zum andern, auf dem Weg zur Mensa oder zu Freunden überquerten. Wie uns zu Ohren kam, sollte der schöne, leere Markt inmitten der verfallenden Stadt durch eine Art »Brunnen der Lebensfreude«, wie ihn schon Rostock hatte, zurechtgelogen werden. Der Auftrag sollte wieder an Jo Jastram gehen, der kürzlich das erste Karl-Marx-Denkmal des afrikanischen Kontinents ins »befreundete« Addis Abeba exportierte. Die Anpassungsbereitschaft dieses Künstlers verlieh der Granit-Büste von 1,80 m sogar negroide Züge.
Aus Empörung über ein an so prominenter Stelle geplantes Werk des Sozialistischen Realismus schnitt Dietrich den Text: »Bürger! Brauchen wir einen Brunnen auf dem Markt? Ihr habt Mitspracherecht!« ins Linoleum. Wir vervielfältigten das A-4-Plakat und klebten es in der Dunkelheit des 11. November 1984 mit den Freunden, die an diesem Abend zu einer Geburtstagsfeier kamen, an die Wände der Stadt.
Am 18. Januar 1985 fand auf dem Dachboden des Hauses in der Rathenaustraße 40 unsere »Buchpremiere« statt. Mit handgedruckten Einladungen baten wir etwa 20 Freunde zu kommen. Es gab Bier und eine Performance, bei der sich meine Frau ihrer alten, engen Kleidung entledigte und in ein neues, freieres Gewand schlüpfte. Die abgelegten Textilien wurden von uns in bewährter Weise zu einem großen Materialdruck verwendet. Martin hielt eine Laudatio auf unseren ersten »Schwarzdruck«, das Buch »FHUNDE und Gedichte von Fukarek«. So weit so gut. Dann der Höhepunkt der Feier in den Augen der Stasi: die Verbrennung einer DDR-Fahne, wie sie sich vorschriftsmäßig auch auf diesem Dachboden befand. Diese kurze Aktion, in der man auch das konsequenteste Happening im realexistierenden Sozialismus sehen kann, erregte die feucht-fröhliche Zustimmung oder wenigstens die staunende Aufmerksamkeit einiger Freunde. Sie stimmten in den Gesang mit ein: »Brüder, seht die rote Fahne, brennt uns kühn voran...«. Andere verließen betroffen oder traurig-ängstlich bald die Feier. Wenn »Anne Becker« nicht dabei gewesen wäre, hätten diese Minuten ohne Folgen bleiben können, ihr Spitzel-Auftrag fand aber so seine Sensation. Dem Führungsoffizier, Hauptmann N., gab sie am 22. Januar Bericht und lieferte eine »Ergänzungsinformation« nach der anderen. Jener reichte die Nachricht des »mehrfach überprüften IM’s« an die übergeordnete Bezirksverwaltung in Rostock weiter: »Bei vorliegendem Sachverhalt handelt es sich um eine Straftat gem. § 222 StGB sowie um eine Ordnungswidrigkeit der nicht genehmigten Herstellung und Verbreitung von Druckerzeugnissen«.
Die Berichte »Anne Beckers«, die sich wahrscheinlich durch die Abenteuer-Serie des DDR-Fernsehens über Artur Becker inspiriert fühlte, lesen sich durchaus spannend. »Gestern traf ich noch zufällig Lutz Wohlrab... Aus der Unterhaltung entnahm ich, daß Wohlrab den Fahnenverbrenner kennt... Man könne aber sagen, daß man nichts gesehen habe (möglichst nur die Namen nennen, die schon genannt sind).«   Oder: »Ich wollte gerade nach Hause gehen. Unten vor der Kirche traf ich Bernhardt an seinem Fahrrad. Ich fragte ihn, ob wir nicht noch ein Stück zusammen gehen könnten... Anschließend sind wir dann zu mir gegangen... Bernhardt holte noch eine Flasche Wein. Er bestätigte meine Ansicht, daß er direkt daneben gestanden hat... Namen wollte er nicht nennen. Aus seinen Andeutungen entnehme ich, daß er den Täter kennt. Auf meine Frage, wie man sich nun verhalten könnte, sagte er, daß er sagt, daß er nicht gewußt habe, daß es sich um eine Fahne handelte..., daß es sich um ein Stück Stoff... um Lumpen handelte«.
Vom Ereignis bis zu unserer Festnahme dauerte es fast drei Monate. Am 9. April 1985 wurden wir überraschend der Stasi-Kreisdienststelle, die mit dem kleinen Gefängnis in der Domstraße verbunden war, »zugeführt«. Eine Reihe von Hausdurchsuchungen führten zur Beschlagnahmung von Arbeitsgeräten wie Wäschemangeln, Druckvorlagen, dem angefangenen neuen Buch mit Gedichten von Martin Bernhardt in einer Auflage von 30 Exemplaren sowie weiteren Grafiken, persönlichen Notizen und Briefen. Durch Geständnisse von Dietrich und Martin waren die vermeintlichen Täter schnell gefunden. Trotzdem gingen die Verhöre weiter in alle Einzelheiten unserer Gedanken, Taten und Pläne. Aus Gründen einer effektiven Zersetzung,  und weil sie wohl bereits meine Neigungen kannten, fiel mir die Rolle des beobachtenden Zeugen zu. Da ich zunächst die Vorstellung hatte, wenn wir alle schwiegen, wird man das Verfahren schon aus Gründen der Unverhältnismäßigkeit einstellen, stritt ich eine Fahnenverbrennung ab. In der Nacht hörte ich, wie im Nebenraum Robert Conrad mit Namen gerufen, geschlagen und mehrmals gegen einen Schrank gestoßen wurde. Laut wurde er aufgefordert, endlich darüber zu reden, wie die Fahne brannte, wie sie stank. Das machte mir natürlich Angst.
Heute weiß ich, daß Robert nicht geschlagen wurde. Diese Farce wurde extra für mich aufgeführt, eine Form der psychischen Folter.
Am 15. Mai wurden Dietrich und Martin per Strafbefehl zu fünf Monaten Haft verurteilt, die Untersuchungshaft wurde angerechnet. Die Verteidigung im Ermittlungsverfahren übertrugen sie Rechtsanwalt Wolfgang Schnur4, der nun sehr zur Annahme des Strafbefehls riet. Einen Prozeß vor Gericht hatte es nicht gegeben. Die Zeit bis zu ihrer Entlassung am 8. September verbüßten die beiden im Strafvollzug in Stralsund, einem Barackenlager für Kriminelle mit jeweils 15 bis 20 Menschen in einer Zelle mit dreistöckigen Bettstellen. In der Volks-Werft hatten sie unter schwersten Bedingungen Entrostungsarbeiten auszuführen, in ihrer Freizeit aber riefen sie einen Linolschnittzirkel ins Häftlingsleben.5
Das von informierten Kreisen als mild eingestufte Urteil läßt sich wohl weniger auf das Engagement der Greifswalder Landeskirche und ihres Konsistorialrates Hans-Martin Harder, der uns wie Rechtsanwalt Schnur sehr menschlich und verständnisvoll begegnete, zurückführen, als vielmehr auf ein Angebot von Generalmajor Mittag, dem Leiter der Bezirksverwaltung Rostock der Staatssicherheit. In einer »Information« vom 22. April schrieb er: »Ich schlage vor, daß der Stellvertreter für Inneres beim Rat des Bezirkes unter Einbeziehung des zuständigen Staatsanwaltes kurzfristig ein Gespräch mit dem Landesbischof Gienke6 führt... Durch eine sachliche und den Gegebenheiten angemessene persönlich-vertrauliche Gesprächsführung ist das gute Verhältnis zwischen dem staatlichen Organ und dem Landesbischof weiter zu festigen und auszubauen. Es ist deutlich zu machen, daß die Ermittlungsverfahren sich nicht gegen die Kirche richten... Insbesondere im Hinblick auf den 9. Kirchentag der Evangelischen Kirche Greifswald, aber auch im Zusammenhang mit einzelnen anderen kirchlichen Veranstaltungen ist der Landesbischof zu veranlassen, seinen Einfluß auf Pastoren, kirchliche Mitarbeiter und die Studentengemeinde zu verstärken, um politisch negative Erscheinungen vorbeugend zu verhindern bzw. zurückzudrängen«.
Am 24. Mai teilte mir der Prorektor für Erziehung und Ausbildung meine »Beurlaubung vom Studium mit sofortiger Wirkung« mit. Am 11. Juni wurde ein Disziplinarverfahren unter der Leitung von Professor H. gegen mich durchgeführt. Mit ernster Miene erwarteten mich zwei weitere Professoren, mein Seminargruppenbetreuer Dr. S., zwei Mitarbeiter von E/A und zwei vorbildliche FDJ-ler. Meine Kommilitonen Christine und Rudolf, die den Mut hatten, mich zu begleiten, wurden barsch abgewiesen.
Es ging nicht darum, mir den Prozeß zu machen, mir mein »grobes politisch-moralisches Fehlverhalten und die Schädigung des Ansehens der Universität in der Öffentlichkeit«7 durch meine Freundschaften und meine künstlerische Betätigung, die man sich nur in Anführungszeichen denken konnte, klarzumachen, sondern darum, meine Selbstkritik entgegenzunehmen. Ich bemühte mich aber um meine Verteidigung und um Verständnis bei dieser Kommission, da ich annahm, daß sie mit ihrer vorgefaßten Meinung das Ansehen einer Universität schädigen.
Ich wurde kurz vor Abschluß des Medizinstudiums, wie später auch Martin, für drei Jahre exmatrikuliert.
Greifswald, das ich nie recht mochte, verließ ich im Sommer 1985 und empfand mich nach und nach in Berlin das erste Mal zu Hause. Den gleichen Gedanken lese ich gerade von Wolfgang Koeppen, dem in Greifswald anläßlich der Verleihung der Ehrenbürgerwürde eine Ausstellung8 gewidmet ist. Über seinen quasi inoffiziellen Besuch der Stadt 1985 sagte er: »Ich fand Greifswald schrecklich, beklemmend. Nun kommt hinzu, daß man in der DDR diese Stadt verfallen ließ. Sie ist an sich schon bedrückend. Sie ist ein Alptraum ... Diese Stadt ist aufgegeben worden, und unwillkürlich hat man das Gefühl, wenn man die wenigen Leute auf den Straßen sieht, sind das Leute, die irgendwie überlebt haben und sich da nur noch aufhalten«.9
Der systematische Abriß der Altstadt ist heute gestoppt. Vieles hat sich verbessert.
Eine der ehemals Mächtigen der Stadt, Lisa H., Mitglied im Sekretariat der SED-Kreisleitung, handelt in ihrem Antiquariat am Mühlentor nun auch mit früher verbotenen Büchern.
Stasi-Leutnant M. schickt als Geschäftsführer eines Reisebüros die Leute nicht mehr nur nach Rostock, Stralsund und Bautzen.
Unsere IM-Kommilitonen Regina P. und Carsten M. alias »Sven-Ake« sind als Ärzte für Chirurgie in die alten Bundesländer gezogen. Sie sollen nicht abstreiten, daß sie beteiligt waren, uns zu denunzieren. Regina P.: »Sie gehören zu den absoluten Außenseitern... Besonders B. fällt durch sein ungepflegtes, schlampiges Aussehen auf... Sie vertreten nur selten ihre Ansichten, da diese oft so absurd sind, daß sie auf wenig Widerhall stoßen... W. findet es unangenehm, sich mit seinem Kind auf der Straße zu zeigen...«. Carsten M. bemerkt, »daß Bernhardt zu Hause eine komplette Bootsausrüstung und alte Seekarten vom Bodden und der Gewässer um Aaland hat. Der IM weist darauf hin, daß es bei Wohlrab eine potentielle Gefährdung des Verlassens der DDR gibt. Der IM erinnert sich an permanente Bemerkungen Wohlrabs, daß ihn hier in der DDR alles anstinkt, und er nicht ewig hier leben will. Bei W. hat sich in den letzten zwei Jahren ein richtiger Pessimismus herausgebildet  und ... (er hat) periodisch psychische Tiefs ...W. (hat) sich fanatisch mit der Psychoanalyse Freuds beschäftigt ... Das hat insgesamt Einfluß auf seine Lebens- und Weltanschauung genommen«.
Heike W. intensivierte nach den Straf-, Ordnungs- und Disziplinarverfahren sowohl den Kontakt zu mir als auch zu ihrem Führungsoffizier. In einer Reihe von Informationen berichtete sie von unseren Reaktionen und Vermutungen über mögliche Spitzel, an denen sie sich mit Spaß beteiligte, so falsche Fährten legte und zur »Zersetzung« beitrug.
Heike W. war noch bis Ende 1990 am Greifswalder Stadtkabinett für Kulturarbeit tätig, bevor sie nach Südfrankreich zog.
Die Universität setzte eine Ehrenkommission ein. Einige Hochschullehrer, darunter die u.a. an unseren Disziplinarverfahren beteiligten Medizin-Professoren G. und W., verloren ihre Lehrstühle. Auch sie haben die Stadt verlassen.
Was bleibt, sind die seltsam schönen Fotos von Robert Conrad. Er bewegt sich zwischen einer Faszination für Tristesse und einer Anklage des kulturellen Verlustes. Er zeigt Rückverwandlungen von Stadt in Natur, bröckelnden, moosigen und regennaßen Beton oder Stein. Er zelebriert eine Ästhetik der leeren Räume, des Zerfalls und der verlassenen Behausungen. Die Fotos wirken wie Spiegel der Vergangenheit, die den Betrachter eintauchen lassen hin zu einem fernen Ort. Als ob dort ewig Herbst wäre.
Tod und Ende sind die Themen der Bilder. Und die Abwesenheit des Lebendigen.
Die Bilder sind ein Abriß der Zeit.

1. Sofern Zitate nicht anders ausgewiesen, stammen sie aus BStU/Stasi-Akte/OPK 1431/84 bzw. AOPK 2783/85.
2. »Claudia Fink« nicht identifiziert, »Kerstin Hansen« ist Regina P.
3. Vgl. Thomas Frick: »Der Greifswalder Kreis - oder ‘Lizenz zum Filmen’«, in »Gegenbilder. Filmische Subversion in der DDR 1976-1989« Hg. von Karin Fritzsche und Claus Löser, Gerhard Wolf Janus press, Berlin 1996, S. 112ff.
4. Der langjährige IM »Thorsten«, Stern 14/90, S. 30ff., wurde 1989/90 Vorsitzender des »Demokratischen Aufbruchs«.
5. Vgl. ausführlich Martin Bernhardt: »Und das ist auch der beabsichtigte Effekt: die Anstiftung zum Verrat« in Furian, Gilbert (Hg.): »Mehl aus Mielkes Mühlen«, Berlin 1991, S. 218 - 241.
6. »Gienke wurde bei der Stasi als IM ‘Orion’ geführt« in: taz vom 6.1.1992. 7. Zitiert nach der Anordnung über die disziplinarische und materielle Verantwortlichkeit von Studierenden an den Hoch- und Fachschulen - Disziplinarordnung - vom 10. Juni 1977.
8. »Mein Ziel war die Ziellosigkeit«, Ausstellungszentrum der Ernst-Moritz-Arndt-Universität, Juli 1995. Seine Erzählung »Jugend« spielt in Greifswald.
9. Koeppen, Wolfgang: »Ohne Absicht« (Reihe: Zeugen des Jahrhunderts. Ein Gespräch mit  Marcel Reich-Ranicki von 1985), Göttingen 1994, S. 11f.

Lutz Wohlrab, Dr. med., geboren 1959 in Greifswald, Psychotherapeut in Berlin.
Robert Conrad, geboren 1962 in Quedlinburg, Fotograf und Architekturstudent in Berlin.
Martin Bernhardt, geboren 1961 in Greifswald, Facharzt für Neurologie/Psychiatrie in Ueckermünde.

 

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