Heft 21/1997 | charta 77 | Seite 20 - 21

Eva Kantùrková

Fragen - Antworten*

Persönliche Situation um die Jahreswende 1976 und 1977.

Ich hatte keinerlei Beschäftigung, ich durfte nicht publizieren und schrieb; ernährt hat mich mein Mann, der nach der Entlassung aus dem Fernsehen Arbeit als Projektant bei der Organisierung von Bauvorhaben bekam und in einem Projektinstitut angestellt war. Nach der Unterzeichnung der Charta kamen außer dem Publikationsverbot verschiedene polizeiliche Schikanen hinzu. Im Jahre 1981 wurde ich für ein im Ausland erschienenes Buch1 über die Frauen der Charta 77 der »Republikuntergrabung« beschuldigt, nach einjähriger Untersuchungshaft wurde ich ohne ein Gerichtsverfahren entlassen - die Beschuldigung blieb bis 1989 aufrechterhalten. 1986 wurde ich Sprecherin der Charta 77 und die polizeilichen Schikanen - wie massives Observieren, mehrere Tage währender polizeilicher Gewahrsam, Hausdurchsuchungen und ähnliches mehr - sind zum regelmäßigen Bestandteil meines Lebens geworden. Zuletzt wurde ich am 19. November 1989 polizeilich festgenommen.

Gründe für die Unterzeichnung der Charta 77.

Von der Unterschriftenaktion der Charta 77 erfuhr ich zwischen den Weihnachtsfeiertagen, jedoch von einem unglaubwürdigen Menschen. Die Charta habe ich in der zweiten Welle, durch Vermittlung von Libuše Šilhánová, unterzeichnet. Ich habe sie aus Protest gegen die massive Verfolgung der Charta-Leute unterzeichnet. Viele meiner Freunde wurden aus der Arbeit entlassen, aber wahrscheinlich am meisten hat es mich empört, daß Václav Havel von der Polizei festgenommen wurde, als er »Die Erklärung« (Das Gründungsdokument der Charta. Anm. der Red.)2  ins Parlament bringen wollte. Die Reaktion des Regimes war überraschend, man konnte schon daraus erkennen, daß die mit der Idee der Verteidigung der Menschenrechte verbundene Gruppierung unterschiedlicher Meinungsorientierungen das Regime sehr stark traf. Ein Gefühl von etwas Außerordentlichem hatte ich vermutlich nicht, ich bewegte mich in einem unmißverständlich oppositionellen Kreis, in einem Raum also, der gegenüber der Macht gewissermaßen stets als außerordentlich galt. Ich habe eher die Weisheit und die weitreichende Gültigkeit bei der Wahl der Menschenrechte als Hauptangriffspunkt sehr geschätzt.

Das Wissen um die anderen Unterzeichner.

Ich kannte die Charta-Unterzeichner, die meisten meiner Freunde haben die Charta unterzeichnet.

Beteiligung an der Verbreitung der Charta.

Ich habe eher an verschiedenen Charta-Dokumenten mitgearbeitet, so wie sich das aus der kollektiven Arbeit der Sprecher ergab. Und wir verbreiteten vielmehr Bücher, Zeitschriften und Samisdat-Publikationen als Die Erklärung selbst.

Meinung zur sogenannten Anticharta.

Das war ein wirksamer Schachzug des Regimes. Die Treuen wurden in ihrer Treue bestärkt, die Opportunen überzeugten sich selbst davon, daß man opportun sein kann, und die Feiglinge haben es den Charta-Leuten bis heute nicht verziehen, daß sie selbst feige waren. Über einige Unterschriften war ich jedoch sehr erstaunt. Da wurde es mir bewußt, daß sich die Charta in einer gefährlichen Exklusiv-Stellung befand und vom Regime in eine Isolation der Randalierer und Verrückten gedrängt wurde. Dies ist aber nicht gelungen.

Hat Sie etwas an Charta oder ihren Unterzeichnern gestört?

Meiner Meinung nach ist das keine gut formulierte Frage. »Gestört« ist kein ganz präzises Wort. Was die Texte anbelangt, und so auch »Die Erklärung«, sie waren das Werk eines Meinungskompromisses. Auch als Sprecherin mußte ich auf meine eventuell eigenständige, ausgeprägte Meinung verzichten, wenn ich erreichen wollte, daß wir den Text gemeinsam unterzeichnen und daß er als ein gemeinsamer Text reflektiert wird. In jeder Petition, in der Unterschriften aus verschiedenen Wirkungskreisen vereint werden, gibt es etwas, womit nicht jeder einverstanden sein kann.
Die Stärke dieser Petitionen, und daher auch der »Erklärung der Charta 77« bestand darin, daß es möglich war, einen gemeinsamen Kompromiß anzunehmen, denn »Die Erklärung« brachte das zum Ausdruck, was die einzelnen Strömungen vereinte. Und was die Unterzeichner anbelangt - die Charta war eine offene Gemeinschaft. Diese Offenheit brachte eine mögliche Verlegenheit darüber mit sich, wer »Die Erklärung« ebenfalls unterschrieb. Dagegen gab es keinen Schutz, wenn sich die Charta nicht verschließen wollte. Diese leichte Möglichkeit des Infiltrierens der Charta-Leute wurde jedoch weitgehend damit eliminiert, daß wir die meisten Spitzel kannten. Mich haben eher verschiedene Radikale beunruhigt, die die Möglichkeiten und das Programm »Der Erklärung« überschreiten wollten. Diese konnten jedoch angesichts der Notwendigkeit eines Konsenses nicht zu Sprechern werden und konnten daher die Tätigkeit nicht erheblich beeinflussen.

Die erwartete Unterstützung seitens der Öffentlichkeit.

Ich erinnere mich, daß mir die damals geäußerte Ansicht, die Charta 77 würde die politischen Verhältnisse wesentlich verändern, lächerlich vorkam. Die Charta habe ich mit dem Bewußtsein unterschrieben, daß ich selbst ein Teil der Öffentlichkeit war, deren Unterstützung sie gewonnen hat. Und daß man bei anderen Leuten erst sehen müßte.
Ich denke, daß die meisten Unterzeichner Die Erklärung mit der Einstellung unterschrieben, um für sich selbst zu reagieren. Sie hofften mit ihrer Unterschrift, zum Bestandteil einer Gemeinschaft zu werden. Dies entsprach der damaligen Atomisierung der Gesellschaft; unter dem Gefühl der Verlassenheit litten hauptsächlich Menschen auf dem Lande und in kleinen Städten.
Ich möchte damit sagen, daß die Charta-Unterzeichnung auch eine gewisse Auswahl darstellte, und wo sich einer fand, der die Charta unterschrieb, bedeutete es gleichzeitig, daß er um sich Menschen versammelte, die es aus unterschiedlichen Gründen nicht wagten, die Charta selbst zu unterschreiben. Es bedeutete keine Abgehoben-heit, denn die Charta hat niemandem irgendwelche Vorteile gebracht, vielmehr umgekehrt. Sie bedeutete eine Schaffung von etlichen örtlichen Punkten und Wider-standszentren.
Ich weiß aus eigenem Erleben,  wieviele Menschen sich an mich wandten und mich auch unterstützten, sowohl in Prag als auch in Písek. Die Charta-Leute stellten einen sichtbaren Widerstand gegen das Regime dar und wurden zu einem Mittelpunkt stillen Widerstandes, ohne den die Charta hätte weder existieren noch arbeiten können. Ich erinnere mich, was für eine große Menge Menschen an den Fachdokumenten arbeiteten. An die Sprecher wandten sich sogar die mehr aufgeklärten Beamten des Regimes, um eine bestimmte Sache zu veröffentlichen, mit der sie bei der staatlichen Führung nicht durchkamen.
Die Charta 77 nur als jene heiligen tausend Unterschriften zu betrachten, kommt mir als eine Unsinnigkeit, Böswilligkeit oder Unkenntnis des realen Zustandes vor. Außerdem waren die Charta-Unterzeichner fast ausnahmslos auch bei anderen Aktivitäten tätig und konzentrierten viele Menschen um sich: im Samisdat, an den Universitäten, bei Konzerten sowie einfachen Ausflügen, bei Hochzeiten, Kirchmessen. Und später arbeiteten sie auch an Petitionsaktivitäten, von denen die massivste zur Unterstützung der katholischen Kirche stattfand, oder auf die Entlassung von Václav Havel im Jahre 1989 gerichtet war sowie die Unterschriftenaktion »Einige Sätze«3. Mit Hilfe des ausländischen Rundfunks sowie durch die eigene Tätigkeit daheim durchbrach die Charta die Isolation, in die sie vom Regime hineinmanipuliert werden sollte. Die Charta 77 hatte selbstverständlich keinen so großen Einfluß wie die polnische Solidarnoœæ, aber sie ist auch aus anderer Basis hervorgegangen, aus einem eher intellektuellen Kreis und stieß auf eine ingrimmige und klug geführte Abwehr seitens der Macht. Einen Einfluß auf die allgemein ziemlich verÈSSRängstigte Atmosphäre hatte vielmehr die Besetzung des Landes durch die Sowjetarmee und das mit dem militärischen Überfall im Jahre 1968 ausgelöste Trauma. Auf die Psyche der Gesellschaft wirkte es sich vernichtend aus, allein schon im Vergleich zum relativ liberalen vorangegangenen Jahrzehnt.
Ende der achtziger Jahre, als die repressiven Verhaltensweisen des Regimes keineswegs schwächer wurden und keiner eine Hoffnung auf den Zusammenbruch des Regimes auszusprechen wagte, begann diese Totenstille zu schwinden. Über viele Aktivitäten in den Kirchen, im Samisdat, aber auch um die Charta herum kann man sagen, daß sie einen Massencharakter hatten. Daran hatte sicherlich auch die Charta 77 ihren unbestrittenen Anteil.
Manchmal wird gesagt, daß die Charta-Leute durch ihre Überspanntheit andere Menschen abstießen, zum Beispiel dadurch, daß sie in Gefängnisse eingesperrt wurden. Sicherlich hat es in den Menschen Angst hervorgerufen und selten hätte jemand gern eine Haft in Kauf genommen. Aus eigener Erfahrung weiß ich jedoch, daß die Menschen mit ihrer stillen Unterstützung quasi das ausdrücken wollten, daß die inhaftierten Charta-Leute auch stellvertretend für sie verfolgt wurden. Es läßt sich statistisch nicht erfassen, aber ohne diesen beträchtlichen solidarischen Hintergrund hätte sich das Regime mit der Charta viel vernichtender auseinandergesetzt. Heute klingt es unglaublich, aber ich erfuhr verschiedene kleine Bekundungen von Sympathie oder tatsächlicher Hilfe gegen die StB-Offiziere, sogar zum Beispiel von den normalen Polizisten oder den Gefängniswärtern. Ganz zu schweigen von Menschen, die unsere Sachen bei sich versteckten, Verbindungen herstellten, uns durch Geld unterstützten, uns Wohnungen geliehen haben.
Ich möchte damit ausdrücken, daß ich nie mit der These einverstanden war, daß die Charta in einem Ghetto lebte. Meine ganzen Ausführungen über die Charta ist ein Erzählen davon, wie die Menschen durch sie zu einem - obwohl stillen - Widerstand inspiriert wurden und wie stark die Solidaritätsbereitschaft mit denjenigen war, die keine Angst hatten, Risiken einzugehen.
Meine Antwort auf die gestellte Frage klingt nun so: die Frage ist aufgezwungen, künstlich, akademisch - das Leben war anderswo. Die ganze Gesellschaft hatte es nötig, aus dem tiefen Trauma der Okkupation und des inneren Verrats aufzuwachen. Zu diesem Erwachen hat auch die Charta 77 beigetragen. Am Ende der zwei Jahrzehnte der Okkupation übte sie einen größeren Einfluß auf die Öffentlichkeit aus, als es die Angst vor Repressionen des Regimes vermochte.

(Aus dem Tschechischen übersetzt von Gabriela Oeburg)

* Von der Redaktion eingefügte Überschrift.

1 Eva Kantùrková: »Verbotene Bürger. Die Frauen der Charta 77«, Langen Müller Verlag, München-Wien 1982, 248 Seiten, ISBN 3-7844-1934-8, 22,- DM. Beim Verlag erhältlich: Thomas-Wimmer-Ring 11, 80539 München, Tel.: (089) 29088-132, Fax: (089) 29088-144.
2  Die »Charta ’77« [Dokument Nr. 1; Prag, 1.Januar 1977], in: Hans-Peter Riese (Hrsg.), »Bürgerinitiative für die Menschenrechte«. Europäische Verlagsanstalt; Köln, Frankfurt am Main 1977, S.45ff.

Eva Kantùrková, geboren 1930; Schriftstellerin, Drehbuchautorin. Seit 1970 Verbot öffentlicher Betätigung. Charta-Sprecherin. 1981 verhaftet und wegen »subversiver Tätigkeit und Untergrabung der Republik« angeklagt. Nach einjähriger Untersuchungshaft freigelassen, ohne daß das Strafverfahren gegen sie eingestellt wurde.

 

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