Heft 22/1998 | rudolf bahro | Seite 67 - 69

Stephan Konopatzky

Headquarters Germany

Rezension zu: Klaus Eichner/Andreas Dobbert: »Headquarters Germany«.

Wenn im Jahr sieben nach dem Ende der DDR und des MfS wieder einmal ein Buch zum Thema Geheimdienste auf dem bereits reichlich gesättigten Markt erscheint, so hat es gute Chancen, nicht wahrgenommen zu werden. Auch stellt die Tatsache, daß, wie im vorliegenden Fall, die Autoren als hauptamtliche Mitarbeiter im Sold des MfS/HVA standen, heute keine Besonderheit mehr da. Aus dem Rahmen fällt das bei edition Ost erschienene, 381 Seiten starke Buch, aber durch die Tatsache, daß die Autoren ihre Tätigkeit zur Ausforschung amerikanischer Geheimdienste bis 1990 nicht nur beschreiben, sondern sie mit den Recherchen für das Buch darüber hinaus noch fortgesetzt haben. Genauer gesagt, geht es Eichner und Dobbert weniger um die Beschreibung ihrer Tätigkeit in der Abteilung Gegenspionage der HVA, als vielmehr um die genaue Darstellung der durch diese Arbeit gewonnenen Erkenntnisse zum Thema US-Geheimdienste, insbesondere deren Aktivitäten in der Bundesrepublik und der DDR. Ihre Recherchen reichen in einigen Fällen, besonders bei Personenangaben, über das Jahr 1990 hinaus.
Wer erwartet, eine selbstkritische Aufarbeitung der Tätigkeit und Praktiken von Wolfs bzw. Großmanns Spionageabteilung in die Hand zu bekommen, wird sich enttäuscht finden; in einem Werk, das von der Sprache und Diktion »waschechter«, langjähriger MfS-Mitarbeiter geprägt ist:
Klaus Eichner, Jahrgang 1939, Diplomjurist, Mitarbeiter des MfS von 1957 bis 1990. Zunächst in der Spionageabwehr, danach in der Spionage (»Aufklärung«) tätig. Seit 1974 Analytiker im Bereich IX/C der HVA, spezialisiert auf USA-Geheimdienste. Von 1987 bis zur Auflösung der HVA Leiter des Bereichs C (Auswertung und Analyse) der Abteilung IX (Gegenspionage). Heute aktiver Einsatz für die Interessen ehemaliger MfS/HVA-Angehöriger und Betreuung inhaftierter inoffizieller Mitarbeiter der HVA.
Dr. Andreas Dobbert, Jahrgang 1959, Kriminalistikstudium, externe Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin, Mitarbeiter des MfS von 1978 bis 1990. Von 1984 bis zur Auflösung der HVA im Bereich von Klaus Eichner als Analytiker, Spezialisierung »Amerikanische Geheimdienste«. Heute im EDV-Bereich in den alten Bundesländern tätig.
Ohne Frage hätte dieses Buch, von wenigen Passagen abgesehen, auch vor zehn Jahren als MfS-interner Zwischenbericht zum Stand der gewonnenen Erkenntnisse über amerikanische Geheimdienste durch die Abteilung IX/C der HVA, Minister Mielke auf den Tisch gelegt werden können und das nicht nur wegen des sicherlich Mielkes Geschmack treffenden Titelbildes. Im Klappentext liest sich das so: »... Erstmals haben sich Experten daran gemacht, die Tätigkeit amerikanischer Geheimdienste auf deutschem Boden seit 1945 mit großer Sach- und Detailkenntnis darzustellen. Kritisch, selbstkritisch, eben aufklärerisch.«
Und im Begleittext zum Buch heißt es: »...Aber nicht in der Darstellung dieser Sinnlosigkeit [der geheimdienstlichen Arbeit für den Fortgang der Menschheitsgeschichte] besteht der Wert dieses Buches, sondern in der Tatsache, daß wir - trotz Untergang von MfS und AfNS - unverändert Ausspähobjekte der übriggebliebenen Geheimdienste sind«. Wobei das »wir« hier nicht weiter definiert wird.
Für diejenigen, die meinen, Teil dieses »wir« zu sein, oder aus sonst welchen Gründen Interesse am Thema haben und die oben genannten Eigenheiten des Buches ignorieren können, eröffnet sich eine gut recherchierte, umfangreiche Arbeit zum Thema amerikanische Geheimdienste.
Dabei wurde an vielen Stellen auf bereits veröffentlichte Quellen zurückgegriffen, so daß ein Großteil der Informationen eigentlich nicht neu ist. Trotzdem fanden auch Informationen Eingang in das Buch, die der »Erinnerung« der Autoren aus ihrer Tätigkeit in der HVA entstammen.
Im Prolog heißt es: »Die Autoren arbeiteten ohne jedes Aktenmaterial aus ihrer früheren Tätigkeit, sie stützen sich im wesentlichen auf Veröffentlichungen sowie auf ihre Erinnerung.« Der Leser hat allerdings den Eindruck, daß dieses Erinnerungsvermögen der Autoren, manchmal geradezu olympische Qualität erreicht:
An die Telefonüberwachung der Ehefrau des letzten Residenten der CIA in Ostberlin »erinnern« sich die Autoren: »...Als er dann an seinem Schulungsort angekommen war, rief er prompt seine Frau zu Hause an und teilte ihr mit, daß er unter der Rufnummer 4406203 im amerikanischen Militärtelefonnetz zu erreichen sei.«
Zu Beginn beschreiben Eichner/Dobbert den Aufbau amerikanischer Geheimdienst- und Interessenstrukturen im Nachkriegsdeutschland bzw. dessen Vorbereitung in den letzten Jahren des Krieges. So wird u.a. einiges über die Aktion »Crownjewels« des CIA-Vorläufers OSS zur Einflußnahme auf die Auswahl von im Nachkriegsdeutschland bedeutenden Politikern, Gewerkschaftern und Militärs gesagt. Auf einer sog. »Weißen Liste« sollen u.a. spätere Funktionsträger wie Dr. Wilhelm Hoegner (erster bayerischer Ministerpräsident) und Paul Dickopf (erster Präsident des BKA) mit genauer Angabe ihrer späteren Tätigkeit gestanden haben. Weitere Schilderungen sind u.a. dem Projekt »CROWCASS« - der zentralen Registrierung von Kriegsverbrechern und Verdächtigen und der darauf aufbauenden Nutzung von ehemaligen Nazis für die Zwecke der amerikanischen Geheimdienste gewidmet.
Der Aktion »Bloodstone« (geheimdienstliche Verwendung von Flüchtlingen aus den ehemals von den Deutschen besetzten Gebieten) und deren Folgen ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Zum Aufbau der Organisation Gehlen und der zuständigen amerikanischen Verbindungsstäben finden sich im Buch ebenfalls einige Details.
In den folgenden Kapiteln offenbaren die Autoren dann ihr detailliertes Wissen über amerikanische Geheimdienststrukturen und deren Aktivitäten. So gibt es namentliche Auflistungen der CIA-Residenten in der Bundesrepublik, Westberlin und der DDR. Im Buch liest sich das so: »Ende 1989 gab es folgende Dislozierungen der CIA aus dem Territorium der Bundesrepublik, Westberlins und der DDR...«
Genaue Beschreibungen einer Vielzahl von amerikanischen Geheimdienstzweigen der »Intelligence Community« und ihrer Aktivitäten machen dann den Hauptteil des Buchs aus. Gerade dieser Teil des Buchs ist wegen der Fülle der eingeführten Bezeichnungen, Abkürzungen, Strukturbeschreibungen usw. leider besonders schwer lesbar. Unbestritten sind hier aber viele interessante Detailinformationen zu finden.
Stichpunktartig hier nur eine kleine Auswahl.
- Zur Tarnung in der Öffentlichkeit verwendete die CIA für ihre Dienststellen in verschiedenen europäischen Staaten folgende  Deckbezeichnungen:
»Office of the Coordinator and Special Advisor« (OCA);
»U.S. Army Field Systems Office« (USAFSO);
»Joint Reports and Research Unit« (JRRU);
»U.S. Army Europe Southern European Projekts Unit«
 (USASEPU);
»Regional Reports Office« (RRO).
- Während seiner Tätigkeit an der US-Botschaft in Ostberlin führte der Resident der CIA Fields (MfS-Deckname »Neptun«) fünf IMB des MfS.
- Die HVA bediente sich für ihre Tätigkeit mikroverfilmter Unterlagen amerikanischer Banken, welche sie »monatlich bekam«.
- Die HVA hatte Zugang zum sogenannten Archiv Kauschen. (Bruno Kauschen hatte als V-Mann der Organisation Gehlen und des CIC nach dem Krieg in München ein Beratungsbüro für Heimkehrer und Emigranten. Er legte umfangreiche Dossiers über die von ihm betreuten Personen an und beschaffte so seinen geheimdienstlichen Partnern das Ausgangsmaterial für die nachrichtendienstliche Nutzung dieser Personen.)
- Durch den für das MfS tätigen amerikanischen Geheim-dienstmitarbeiter James Hall III (Deckname »Paul«) erhielt das MfS umfangreiche Kenntnisse über den 1977 gegründeten militärischen Nachrichtendienst INSCOM (»Army In-telligence and Security Command«), der u.a. für den Lauschposten auf dem Teufelsberg verantwortlich war.
- Für die Überprüfungen von Mitarbeitern auf dem Lügendetektor hatten die Geheimdienste der US-Landstreitkräfte in München eigens ein sog. »Polygraph-Detachmant« eingerichtet.
- Die HVA war im Besitz der »National SIGNIT Re-quirements List« (NSRL), einer Art Wunschliste aller amerikanischen Geheimdienste an die Fernmelde-/elektronische Aufklärung.
- Mit dem Dokument »Conopy Wing« besaß die HVA ein strategisch bedeutendes Papier über die geplante elektronische Lähmung der sowjetischen Militärkommunikation für den Kriegsfall.
- Sogenannte Special Collection Elements (SCE) waren speziell für die elektronische Spionage ausgebildete CIA-Mitarbeiter. Sie sollen u.a. z.B. 1987 in Moskau eine aufwendige elektronische Aufzeichnungseinrichtung an einem wichtigen Kommunikationskabel der sowjetischen Rüstungsindustrie angebracht haben.
Aufgefüllt werden diese Beschreibungen immer wieder mit mehr oder weniger bedeutenden Possen aus dem Alltag der Spionage und Gegenspionage des MfS/HVA. Unverständlich bleibt, warum die beiden Analyse-Experten in den recht umfangreichen Anhang des Buchs kein Personen- und Sachregister aufgenommen haben.
Erwähnt werden soll noch die Schilderung der Vorgänge um die Verbindungen von Rainer Eppelmann zu Mitarbeitern der US-Botschaft in Ostberlin.
Die Autoren zitieren hier aus einem unveröffentlichten Manuskript des ehemaligen Leiters der HA II (Spionageabwehr) des MfS, Günther Kratsch. In diesem schreibt er, nachdem er Mielke pflichtgemäß (»Es war meine Pflicht...«) über die Verbindungen Eppelmanns berichtet hat, von diesem aufgefordert worden zu sein, eine Vorlage über die Geheimdienstverbindungen Eppelmanns für Honecker zu erstellen. Honeckers Einverständnis wäre nämlich die Voraussetzung für eine Inhaftierung Eppelmanns gewesen. Diese Vorlage hat Kratsch aber nicht erarbeitet und so kam es auch nicht zum Gespräch zwischen Mielke und Honecker. Kratsch will Mielke statt dessen vorgeschlagen haben, Eppelmann ein »politische[s] Gespräch im Beisein von Zeugen [anzubieten,] um ihm zu sagen, daß seine amerikanischen Gesprächspartner Mitarbeiter des Geheimdienstes seien. ... Mielke lehnte ab. Er wollte sich den möglichen Spionagefall warmhalten«.
Eichner und Dobbert schreiben, daß sie gerade die wichtigsten Gesprächspartner von Eppelmann nicht direkt einem US-Geheimdienst zuordnen konnten. Sie bezeichneten sie als sogenannte »Gesprächsaufklärer«.
Am Ende des Buches erfährt man noch einiges über das Ende der HVA. Hier findet sich u.a. eine Auflistung der von der HVA der Nachwelt offiziell übergebenen Dokumente, welche sich heute im Archiv der Gauck-Behörde befinden müßten.
Nachdenklich werden die Autoren dann, bei den Ge-dankenspielen über die undichte(n) Stelle(n) während der Auflösung der HVA, die dem CIA den Zugriff auf Unterlagen erlaubte, mit denen der in der Lage war Angaben über »Quellen« der HVA zu rekonstruieren. Dies gehört nach Meinung der Autoren zu ihren »größten Niederlagen«. Hier quälen sie sich mit Gedanken wie: »Oder war etwa unter den mit der Sicherung beauftragten der Judas?«
Im Epilog führen Eichner/Dobbert den Leser mit Bibelzitaten, einer Würdigung der zunehmenden Bedeutung des Internets, den globalen Problemen der Menschheit, wie Ozonloch und Hunger, zu der weisen Erkenntnis der Sinnlosigkeit von Geheimdiensten. So recht glaubwürdig scheint diese Erkenntnis in Anbetracht des zuvor gelesenen aber nicht zu sein. Überschriften wie »Gegen die Größten macht es am meisten Spaß« oder die »Krone der Geheimdienstarbeit«, die in der »Informationsbeschaffung aus sensitiven Gegenspionagebereichen des Gegners...« besteht, hinterlassen eher den Eindruck, die Autoren sehnen sich an ihre alten Schreibtische zurück.
Dennoch gehört »Headquarters Germany« in die Bücherregale der wenigen am Thema interessierten kritischen Leser.

Klaus Eichner/Andreas Dobbert: »Headquarters Ger-many. Die USA-Geheimdienste in Deutschland«, edition ost, Berlin 1997, 381 Seiten, ISBN 3-929161-77-X, 24,80 DM.

 

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