Heft 23/1998 | Sachsen | Seite 1 - 21

Uwe Schwabe

"Symbol der Befreiung"

Die Friedensgebete in Leipzig

Obwohl in Leipzig eine lange Tradition von Widerstand und Protest zu verzeichnen ist, gibt es noch keine umfangreiche Untersuchung zu diesem Thema.
Erinnert sei nur kurz an die Versuche von Studenten, den neugegründeten Staat DDR demokratisch zu gestalten, den Volksaufstand am 17. Juni 1953, die Beatdemonstration 1965 und die Tumulte während der Sprengung der Universitätskirche im Mai 1968. Ende der 50er Jahre trieben nach Berichten der Leipziger Polizeiorgane Jugendbanden, wie die »Capitolbande« und die »Lindenfelsmeute«, ihr Unwesen in Leipzig. Sie taten nichts anderes als »westliche Tänze wie Rock-and-Roll aufzuführen«.
Ende der 70er Jahre trafen sich »dekadente« Jugendliche zu sogenannten »Saufabenden« in verschiedenen Kneipen von Leipzig, ein beliebter Treff war das »Café Moderna« am Leipziger Sachsenplatz. Auf Betreiben der Behörden wurde dies geschlossen. Gleichzeitig entstanden Bausoldatengruppen, die den aktiven Wehrdienst verweigerten.
Anfang der 80er Jahre entwickelte sich eine unabhängige Jugend- und Alternativszene, die von Punks bis zu Hausbesetzern reichte. Es etablierte sich die »Offene Jugendarbeit« mit ihren »Offenen Kellern«. Eine lebendige Kulturszene entwickelte sich mit der Galerie »Eigenart« und es wurden unabhängige Künstlerzeitschriften wie z.B. »Zweite Person« vertrieben. Mitte der 80er Jahre eröffneten alternative Cafés und Kneipen in besetzten Häusern, wie z.B. am Lindenauer Markt und in der Zweinaundorferstraße.
Zu einem wichtigen Anlaufpunkt entwickelten sich in den 80er Jahren aber die Friedensgebete in Leipzig, auf die ich hier näher eingehen möchte.

Für viele sind die Friedensgebete untrennbar mit den Ereignissen vom Herbst 1989 verbunden. Daß die Friedensgebete in Leipzig eine lange Tradition hatten, ist in der Öffentlichkeit jedoch wenig bekannt.
Schon im Herbst 1981 fanden in Leipzig Friedensgebete statt. Die Idee, »für den Frieden zu beten«, ging auf eine Anregung von Pfarrer Christoph Wonneberger zurück. Dieser versuchte schon 1980 nach dem im Vorjahr gefaßten Beschluß der Raketennachrüstung, eine Initiative ins Leben zu rufen, die zwei wichtige Komponenten miteinander vereinte: Frieden bewahren und menschlich miteinander umgehen. Wonneberger dachte über eine Umverteilung der materiellen und menschlichen Ressourcen nach. In der Idee des »Sozialen Friedensdienstes«1 führte er diese zwei Komponenten zusammen.

Die ersten Gedanken zum Thema »Sozialer Friedensdienst« wurde über Kettenbriefe verbreitet, die insgesamt 5.000 Gemeindemitglieder unterschrieben. Ein geplantes Treffen mit allen Interessenten für das Frühjahr 1982 kam dagegen nicht zustande. Pfarrer Wonneberger wurde durch die Kirchenleitung das weitere Verbreiten des Kettenbriefes unter Androhung der Beurlaubung untersagt.
Was Wonneberger vorhatte - ein Treffen aller Interessierten in drei Kirchen Dresdens -, war nun nicht mehr durchführbar. Um seine und die Arbeit der Gruppen im kirchlichen Raum nicht zu gefährden, ließ er diese Initiative erst einmal ruhen. Er sah jetzt seine Aufgabe darin, mehr Leute für seine Ideen zu gewinnen. Dafür mußten Möglichkeiten geschaffen werden, sich zu treffen.
Schon Anfang 1981 hatte er die Vorstellung, über Friedensgebete Anlaufpunkte in mehreren Städten einzurichten, »wo man sich versammeln und über zentrale Dinge reden konnte«2.
Als sich nun die SOFD-Initiative mit dem großen Treffen nicht realisieren ließ, kümmerte er sich verstärkt um die Idee der Friedensgebete. Viele Menschen aus anderen Städten nahmen diese Anregungen auf, so u.a. in Rostock, Magdeburg und Leipzig.
Wonneberger sagte dazu:
»Mit Ihrer Übereinstimmung von Form und Inhalt wurden durch die Friedensgebete Strukturen geschaffen, die es ermöglichten, Horizonte zu erweitern. Ihnen standen dafür urchristliche Elemente zur Verfügung: Klage, Lob, Sammlung, Glaubensbekenntnis, Fürbitte. Die Liturgie im Frie-densgebet greift die einzelnen Glieder dieser Kette wieder auf. Zuerst war da die Notwendigkeit, Informationen weiterzugeben, die Anlaß zum Klagen waren. Das kann in der christlichen Liturgie in Form eines gesprochenen oder gesungenen Kyrie geschehen: Gott erbarme dich!
Die Klage ist laut geworden und andere stimmen darin ein. Beim Kyrie ist der nächste Schritt, sich mitzuer-barmen. Wenn niemand eine Idee hat, wie der beklagte Zustand zu ändern ist, muß man ihn gemeinsam aushalten. Dann bleibt es bei dem gesungen Kyrie. Es kann aber auch soweit gehen, daß das Kyrie zum Protest führt. Der Protest wird gemeinsam artikuliert, schriftlich festgehalten und an konkrete Adressaten übergeben. Dadurch wird Öffentlichkeit hergestellt.
Die Friedensgebete haben die Funktion eines Zwischengliedes zwischen Persönlichem und Öffentlichem. Sie gründen sich tief in der Theologie, führen aber bis zum aktuellen politischen Handeln. Die Friedensgebete waren selbst als eigenständige Struktur gedacht, aber ohne sie in feste Organisationsformen einzubinden«.3

Die Idee die Friedensgebete in Leipzig zu verwirklichen, griffen der Theologiestudent Heinz Bächer, der Fotografiestudent Lutz Stellmacher, der Gemeindehelfer Joachim Döring und der Katechet Günther Johannsen auf. Bächer und Stellmacher waren Mitglieder der Arbeitsgruppe Friedensdienst, die Mitte der 70er Jahre aus einem Bausoldatenkreis entstand.
Dieser Kreis bemühte sich unter anderem um einen »christlichen Friedensdienst« anstelle des Militärdienstes und begleitete und beriet Bausoldaten.
Vor allem Heinz Bächer vertrat die Meinung, daß es nicht ausreicht, einmal im Jahr zu den Friedensdekaden »für den Frieden zu beten«, sondern dies wenigstens wöchentlich zu tun.
Ab dem 13. September 1981 begann die AG »Friedensdienst« mit den montäglichen Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche. Vorerst wurden sie nur im kleineren Kreis durchgeführt. 1983 entdeckten aber immer mehr Menschen, vor allem Jugendliche, diese Möglichkeit der öffentlichen Meinungsäußerung.

Mit dem Nato-Doppelbeschluß 1983 spitzte sich die Lage in Europa immer mehr zu. Den Jugendlichen reichte es nicht mehr aus, ihre Meinung nur in der Kirche zu äußern.
So kam es im  November 1983 erstmals nach den Friedensgebeten in der Nikolaikirche zu Demonstrationen in der Leipziger Innenstadt4. Zu diesem Zeitpunkt fand, wie jedes Jahr, in Leipzig die in der internationalen Öffentlichkeit anerkannte »Dokumentar-und Kurzfilmwoche« statt. Die Jugendlichen nutzten diese Öffentlichkeit und machten mit Kerzendemonstrationen auf die Gefahren der Hochrüstung aufmerksam.
Sofort griff die Staatsmacht ein und nahm zahlreiche Teilnehmer fest. Sechs von ihnen erhielten Haftstrafen bis zu zwei Jahren.
Der Rat der Stadt berichtete an den 1. Sekretär der SED-Stadtleitung folgendes über diese Demonstrationen:
»Am 5.11.83 gegen 18.15 wurden auf dem Marktplatz ca. 50 Jugendliche sitzend einen Kreis bildend und in der Mitte brennende Kerzen aufgestellt, angetroffen.
Am 6.11.83 gegen 19.50 Uhr versammelten sich 20 Jugendliche am Bachdenkmal des Thomaskirchhofes kurzzeitig mit brennenden Kerzen.
Am 7.11.83 gegen 18.40 Uhr versammelten sich ca. 30 Personen aus der Nikolaikirche kommend und gingen in Richtung Naschmarkt und Grimmaische Straße mit brennenden Kerzen.
Durch die Genossen der Volkspolizei wurden insgesamt 32 Beteiligte durch Feststellen der Personalien und Befragung namhaft gemacht. [...] Die Befragung der Beteiligten nach ihrem Motiv ergibt, daß sie mit dieser ‘Symbolhandlung’ ihren Willen zum Frieden dokumentieren wollen und beabsichtigen, die Bürger zum Nachdenken über den Frieden anzuregen. [...]
Diese Ereignisse können nur als Mißbrauch christlich-motivierten Friedensengagements durch reaktionäre Kräfte innerhalb der Kirche im Sinne einer eigenen selbständigen Friedensbewegung bewertet werden.
[...] Schlußfolgerungen:
1. Der Stellv. d. Rates d. Bez.[irkes] f. Inneres und der Stellv. d. OBM f. Inneres führen [...] eine prinzipielle Aussprache mit den Sup.[erintendenten] durch, mit dem Ziel, daß unter Verantwortung beider Sup.[erintenden-ten] gewährleistet wird, daß derartige sogenannte ‘Sym-bolhandlungen’ im Interesse der Kirche und des Staates der Unterbindung jeglichen politischen Mißbrauchs im Namen der Kirche sowie unter Wahrung der Gesetzlichkeit [...] unterbleibt.«5
An diese Erwartungshaltung des Staates werden sich später einige Kirchenvertreter aus Leipzig sehr genau halten.

In den Jahren 1984-1987 führten die Friedensgebete in Leipzig eher ein »Mauerblümchen-Dasein«6. Vor allem die Arbeitsgruppe Friedensdienst bemühte sich immer wieder um eine regelmäßige Durchführung, obwohl es außerhalb der Friedensdekade wenig Interesse dafür gab. Eine Neuorientierung gab es, als Pfarrer Wonneberger, der 1985 seinen Dienst in Leipzig-Volksmarsdorf antrat, im September 1987 die Koordinierung übernahm. Seine Absicht war es, sie wieder in einer größeren Öffentlichkeit bewußt zu machen. Wonneberger verschaffte sich einen Überblick über die bestehenden Gruppen in Leipzig und motivierte sie, sich an der Gestaltung der Friedensgebete zu beteiligen.
»Von da an wurde ein gemeinsames Projekt daraus: ein Versuch ein Stück Kultur miteinander zu lernen«.7

Zur gleichen Zeit entstanden in Leipzig zwei Gruppen mit neuen Ansätzen in ihrer Arbeit. Die eine war die »Initia-tivgruppe Leben« (IGL), die andere die »Arbeitsgruppe Menschenrechte« (AGM).
Die »Initiativgruppe Leben« spaltete sich im Juni 1987 von der »harmlosen« »Arbeitsgruppe Umweltschutz« (AGU) ab, die sich zu sehr auf die Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Stellen orientierte, »und deren Öffentlichkeitsarbeit folglich eher Aufklärung als Protest sein sollte«8. Dagegen erkannten die Gründer der IGL, »daß ein wirksamer Umweltschutz in der DDR erst nach Reformen im politischen System möglich sein würde«9. Die IGL suchte nicht die enge Anbindung an die Kirche sondern nutzte für ihre Treffen private Wohnungen, hielt aber immer den Kontakt zu kirchlichen Gruppen und beteiligte sich inhaltlich an der Gestaltung der Friedensgebete. Eines ihrer Ziel war, durch Aktionen in der Öffentlichkeit die Menschen zu erreichen und für ihre politischen Vorstellungen zu gewinnen. Auch wurden die Themen weiter gefaßt, mit denen sich die Gruppe beschäftigte.
Anfangs standen die Themen Wehrdienst und Friedenserziehung im Vordergrund der Arbeit. Dafür wurde eine Wanderausstellung zum gleichem Thema hergestellt, die später in vielen Städten der DDR zu sehen war.10 Gleichzeitig wurde jungen Leuten eine juristische Beratung bei Wehrdienstverweigerung angeboten. Später gab es fünf Untergruppen zu den Schwerpunkten: Umweltschutz, Wehrdienst, Perestroika/Umgestaltung, Rumänien und Ausreise.

Im März 1987 bildete sich um Pfarrer Wonneberger die Arbeitsgruppe Menschenrechte.
Diese Gruppe thematisierte vor allem die fehlende Meinungsfreiheit in der DDR und nahm die Initiative zum Thema »Sozialer Friedensdienst« wieder auf. Später wurden vor allem die Menschenrechtsverletzungen in der DDR thematisiert. Von Anfang an gab es eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen beiden Gruppen. Es war nicht selten, daß Mitglieder der IGL auch bei der AGM (oder umgekehrt) mitarbeiteten. Damit war eine neue Qualität in Leipzig erreicht, denn diese Gruppen sahen im öffentlichen Protest durchaus ein Mittel, auf die Probleme im Land aufmerksam zu machen.11
In dieser Zeit wurde auch das Kommunikationsnetz zwischen den Gruppen in der gesamten DDR eigenständiger und engmaschiger. Zum Zentrum entwickelte sich die Umweltbibliothek in Berlin. Hier wurden alle Informationen von Gruppen in der gesamten DDR gesammelt und in den Umweltblättern veröffentlicht oder anderweitig verbreitet. Die Gruppen hatten in der Umweltbibliothek einen Postkasten, in dem  Informationsmaterial ausgetauscht werden konnte und durch Kuriere abgeholt wurde.

Durch die beginnenden Reformen Gorbatschows wuchs auch der Anreiz, für Reformen im eigenen Land einzutreten. So nahmen im September 1987 viele Gruppenmitglie-der mit eigenen Transparenten am Olof-Palme-Friedensmarsch teil, der auch in der DDR durchgeführt wurde.12 Trotz der ständigen Versuche von FDJ-Ordnungsgruppen, die Teilnehmer abzudrängen, waren die dabei gemachten Erfahrungen für die weitere Entwicklung in Leipzig von großer Bedeutung. Auf der einen Seite war das gute Gefühl, mit gesellschaftskritischen Transparenten an einer vom Staat organisierten Demonstration teilzunehmen, auf der anderen Seite stand aber der primitive Versuch der FDJ-Handlanger, nicht angenehme Transparente zu verdecken.13

In der Folgezeit überschlugen sich die Ereignisse: Am 24./25. November 1987 durchsuchte die Staatssicherheit die Umweltbibliothek in Berlin und nahm zahlreiche Mitarbeiter fest.14 Das MfS hatte vermutet, daß in der Umweltbibliothek die Samisdatzeitschrift »Grenzfall« der Initiative Frieden und Menschenrechte gedruckt würde. Als die Einsatzgruppe um 0.00 Uhr »mit sportlichem Elan die Umweltbibliothek stürmten, fanden sie in unserer Wachs-matritzenmaschine nur die Umweltblätter«15. Diese Aktion ging durch verschiedene »Zufälle«16 gewaltig in die Hose. Der Überfall wurde aber zum »Auslöser für die erste DDR-weite Solidaritätsaktion und die erste schwere Niederlage der Staatssicherheit in ihrer Geschichte«17. Mitglieder Leipziger Basisgruppen nahmen an den Mahnwachen in Berlin teil und brachten ihre dort gesammelten Erfahrungen mit nach Leipzig. Für die Leipziger Bewegung war dies ein wichtiger Meilenstein für ihre weitere Arbeit und für die folgenden Ereignisse von großer Bedeutung.

Am 15. Januar 1988 nahm die Staatsmacht Teilnehmer an der offiziellen Demonstration zu Ehren von Liebknecht und Rosa Luxemburg in Berlin fest und trieb sie zum Teil außer Landes18. Die von vielen gerade nach dem »Olof-Palme-Marsch« erhoffte Öffnung des Landes entpuppte sich als eine Farce.
Diese Aktionen des Staates führten im ganzen Land zu Protesten. Es wurden Fürbittgebete und Mahnwachen organisiert. In Leipzig entstand eine Koordinierungsgruppe für die Inhaftierten, die täglich Informationsveranstaltungen und Fürbittgebete in verschiedenen Gemeinden gestaltete. Unterkunft fand die Koordinierungsgruppe in der Evangelischen Studentengemeinde. Pfarrer Bartels stellte sofort die geeigneten Räume sowie ein Telefon zur Verfügung.19

Durch die Proteste und Solidaritätsaktionen im ganzen Land kam es zu einem engeren Zusammenrücken und zur Stärkung des Selbstbewußtseins der Gruppen. Der Staat mußte seine Niederlage eingestehen und entließ alle Inhaftierte oder schob sie in den Westen ab.
Viele der Gruppenmitglieder waren aber auch enttäuscht, daß einige der Inhaftierten, die sich an  der Demonstration im Januar 1988 beteiligt hatten, noch in der Haft einen Ausreiseantrag stellten. In Berlin führte dies zu den vom Staat beabsichtigten großen Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen und in ihnen, zu einer Ausgrenzung der Antragsteller und zu einer zeitweisen Lähmung der konstruktiven Arbeit.

In Leipzig bewirkte es genau das Gegenteil: Hier hatten die Gruppen erlebt, »wie sich Solidarität, Protest und Unmut wie ein ‘Flächenbrand’ an allen Ecken der DDR artikulierte« und der Staat »davon nicht unbeeindruckt geblieben war«20. Viele Gruppenmitglieder sagten: »Jetzt müssen andere nachrücken«. Damit erweiterte sich in Leipzig die Szene der Gruppen; im Frühjahr 1988 entstanden viele neue Gruppen21, andere hofften jetzt auf einen Ausbau ihrer Möglichkeiten. Die AGM und die IGL dachten darüber nach, auch in Leipzig eine »Umweltbibliothek« zu eröffnen. Aus diesen Gedanken wuchs später die Initiative zur Einrichtung eines »Kommunikationszentrums«22.

Da ein Teil der am 17. Januar 1988 inhaftierten Ausreisewilligen kurz darauf in die Bundesrepublik abgeschoben wurde, fühlten sich jetzt viele Ausreisantragsteller motiviert, durch politische Aktionen ihre Ausreise zu beschleunigen. Damit wiederum nahmen in den folgenden Monaten auch viele Antragsteller an den Friedensgebeten teil. Sie nutzten so sehr früh die Möglichkeit, aus ihrer Anonymität auszubrechen. Die Nikolaikirche war auf einmal überfüllt und wurde der Ort der politischen Diskussion. Viele Gruppen sahen sich in ihrer Arbeit bestätigt und nutzten die Friedensgebete in Zukunft verstärkt als politische Bühne.
Dadurch entwickelte sich aber ein weiteres Konfliktpotential. Das Verhältnis zwischen »Hierbleibern« und »Ausreisern« wurde zum eigentlichen Thema. Die Kirche und die Gruppen waren einfach nicht darauf vorbereitet, daß Antragsteller auf einmal zu Hunderten in die Kirche kamen.

Auch in anderen Städten der DDR trat dieses Problem auf. Es wurde sehr unterschiedlich darauf reagiert. In Berlin führte die Beteiligung zu großen Auseinandersetzungen und zur Ausgrenzung der Antragsteller durch viele Gruppen. In Leipzig konnten sich Ausreisewillige an der Gestaltung der Friedensgebete beteiligen. Viele Gruppen integrierten die Antragsteller und nahmen sie auf. Gleichzeitig entstanden sogenannte »Staatsbürgerschaftsrechtsgruppen«, die Entwürfe zu Eingaben an Honecker mit der Bitte um gesetzliche Regelungen der Ausreise verbreiteten. Für deren Verbreitung wurden in Leipzig vor allem die Friedensgebete genutzt.

In den darauf folgenden Wochen wollten die staatlichen Stellen vor allem eine Verständigung und engere Zusammenarbeit zwischen Ausreisewilligen und den Mitgliedern anderer Basisgruppen verhindern. Einige der Ausreiser wurden mehrere Tage inhaftiert, es wurde ihnen nahegelegt, nicht an den Friedensgebeten teilzunehmen. Aber diese Maßnahmen hatten einen gegenteiligen Effekt: Immer mehr Leute schlossen sich den neu entstandenen Ausreisergruppen oder den Basisgruppen an oder gründeten neue. Damit war der Konflikt zwischen Staat und Kirchenleitung einerseits und zwischen Kirchenleitung und Gruppen andererseits vorprogrammiert23.

Die Friedensgebete wurden in dieser Zeit zum zentralen Ort der politischen Auseinandersetzung. In dieser Zeit entwickelte sich aus der intimen Andacht und aus dem »Gruppentreff« ein Forum, in dem die gesellschaftlichen Probleme öffentlich gemacht wurden. Am Rande der Friedensgebete eroberten die Gruppen das Gebiet, auf dem die Macht der SED hinterfragt und in Frage gestellt werden konnte.

Die Basisgruppen versuchten, neben dem Friedensgebet eine zweite Öffentlichkeit herzustellen. Sie wollten aus dem engen kirchlichen Raum ausbrechen und sahen in der Organisation von Demonstrationen eine neue Möglichkeit dazu. Ein erster Versuch wurde zum Weltumwelttag im Juni 1988 gestartet. Vorerst tarnte man diese Demonstrationen noch und benutzte dafür andere Bezeichnungen. Thema des geplanten »Gedenkumzuges« war die Umweltsituation im Leipziger Chemiedreieck und hier vor allem die starke Verschmutzung der Pleiße, die 1956 innerhalb der Stadt unter die Erde verlegt worden war. Mit Handzetteln wurden die Leipziger aufgerufen, sich an dem »Gedenkumzug« zu beteiligen.

Folgender Text wurde verteilt:
»Lesen  Abschreiben  Weitergeben [/] 5. Juni 1988 - Weltumwelttag [/] Pleiße-Gedenkumzug [/] Als Ausdruck der Betroffenheit [/] Besinnung und [/] Mahnung
Treffpunkt: Sonntag 5.6.88, 14.00 Uhr Sportplatz Teichstraße [/] zu erreichen mit der Straßenbahn [/] 10,11,22,24, 28 bis Connewitzer Kreuz
Der Wunsch nach sauberen Gewässern [/] soll uns miteinander verbinden [/] soll uns die Verantwortung für das Morgen bewußt werden lassen [/] soll uns fordern, aktiv für die Erhaltung der Natur einzutreten.
Eingeladen wurden: Bürgermeister d. Stadt Leipzig, Sup. Richter, Vertreter des Ministeriums für Umweltschutz, Sup. Magirius, Staatliche Gewässeraufsicht, Jugendpfarrer Kaden, verschiedene Betriebsdirektoren, Pfarrer Wonneberger, Bez.-Hyg.-Inspektion, Pfarrer Berger und Stadtreporter der LVZ.
Für ein abschließendes Mahl bitten wir, kleine Portionen an Speisen, Instrumente und Blumen mitzubringen.«24

Schon im Vorfeld wurden vermeintliche Organisatoren des Gedenkumzuges vom MfS vorgeladen und verhört25. Sie wurden beauftragt, diese »nichtgenehmigte Demonstration« abzusagen. Ihnen wurde untersagt, selbst daran teilzunehmen. Da »natürlich« niemand wußte, wer diese Demonstration vorbereitet hatte, konnte auch niemand diese absagen.
Die »Vorgeladenen« nahmen das Verbot nicht ernst und beteiligten sich am Gedenkumzug. Die Superintendenten Leipzigs distanzierten sich von dieser Aktion, und verlangten, daß Plakate, die zu diesem Gedenkumzug einluden, aus den Schaukästen der Kirchgemeinden entfernt würden26. Außer Christoph Wonneberger nahm kein anderer Pfarrer am »Umzug« teil. Die Polizei schritt nicht ein und begleitete den Umzug aus der Distanz, was nun wiederum dazu führte, daß die Mitglieder der Basisgruppen in Zukunft nicht abzuhalten waren, weitere Demonstrationen zu organisieren.27 Damit spitzten sich die Auseinandersetzungen um die Friedensgebete immer mehr zu.
Die Antragsteller auf Ausreise führten im Anschluß an die Friedensgebete eigene Demonstrationen durch. Gerade an den Messe-Montagen nutzten sie die Möglichkeit, in Anwesenheit vieler Journalisten aus den westlichen Ländern, auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Mit deren Aufmerksamkeit und Hilfe war es möglich, eine internationale Öffentlichkeit herzustellen, die aus eigenen Kräften vor Ort nicht organisiert werden konnte. Die westlichen Medien spielten also, wie auch schon 1983, eine große Rolle.28 In den Nachrichtensendungen am Abend konnte ein Millionenpublikum diese Auseinandersetzungen miterleben. Damit aber wurde der Druck des Staates auf die Kirchenleitung noch stärker.

Auch zwischen den Gruppen in Leipzig gab es keine einheitliche Meinung, wie man mit den Antragstellern umgehen sollte, die immer stärker in die Friedensgebete drängten. Einige in den Gruppen meinten, die Ausreisewilligen hätten nur egoistische Ziele und wollten mit der Teilnahme am Friedensgebet ihre Ausreise beschleunigen.
Bei den meisten Gruppen spielte aber der Öffentlich-keitsgewinn durch die Beteiligung der Ausreisegruppen eine große Rolle. Es bestand damit die große Chance, den noch immer als eng empfundenen Raum der Gruppenszene zu durchbrechen. So wurden in den Friedensgebeten die Probleme der Ausreiser stärker thematisiert. Dies waren vor allem die Fragen der Rechtsunsicherheit beim Stellen eines Ausreiseantrages und die fehlende Freiheit. Andere Gruppen weigerten sich sogar, weiter die Friedensgebete zu gestalten.

Die Arbeitsgruppe »Frieden« schrieb in einer Stellungnahme:
»Wir hatten uns als Friedensgruppe vorgenommen, das heutige Gebet zu gestalten. Dazu wollten wir den mit unserem konsumorientierten Lebensstil verbundenen Fleischverbrauch hinterfragen und auf unsere damit verbundene Verantwortung gegenüber der Schöpfung hinweisen. Doch nach einigen miterlebten Gebeten und dem Erscheinen anderer Stellungnahmen wurde uns klar, daß unser Empfinden - nämlich die Verbindung des Friedensgebetes mit einer Treff- und Gesprächsmöglichkeit für Antragsteller - kein Einzeleindruck war.
Da wir die Notwendigkeit nicht übersehen, aber auch nicht das Friedensgebet zu einem obligatorischen Rahmenprogramm degradieren wollen, fordern wir von den zuständigen kirchlichen Gremien die Schaffung von geeigneten Gelegenheiten für beide Anliegen. [/] Deshalb sehen wir von der Gestaltung des heutigen Friedensgebetes ab.«29
Die Jugendkommission der Christlichen Friedenskonferenz ging am 24 Juni 1988 noch einen Schritt weiter und schrieb in einer Stellungnahme:
»4. Das Friedensgebet kann nicht die Funktion einer politischen Veranstaltung haben, die irgendeiner gesellschaftlichen Gruppierung ein Podium für Öffentlichkeit bietet. [...] Wenn Stille und Meditation durch Applaus ersetzt wird, ist die Chance der eigenen Veränderung vertan, haben wir unser Ziel im Friedensengagement verfehlt.
5. Menschen, die den Entschluß gefaßt haben, aus der DDR auszureisen, und die an den Friedensgebeten teilnehmen, sollten sich fragen lassen, ob sie damit nicht auch aus der solidarischen Gemeinschaft mit den Menschen, die täglich durch hartes Engagement Gesellschaft gestalten und verändern, ausgetreten sind.«30

Auch andere Mitarbeiter in den Basisgruppen meldeten sich zu Wort. So schrieb Gabriele Heide von der Gruppe »Frauen für den Frieden«:
»Die vielen Menschen mit Ausreiseantrag sind ein deutliches Zeichen für unfriedliche Zustände in unserem Land. Sowohl die Gründe für einen Ausreiseantrag als auch die Probleme, denen Antragsteller ausgesetzt sind, gehören deshalb schon in ein Friedensgebet, also auch am Montag in die Nikolaikirche. Die Kirche und die Basisgruppen sind sicher nicht die Verursacher dieser unfriedlichen Zustände. Aber mit unserer jahrelangen Verdrängung dieser Problematik haben wir wohl zur Verschärfung beigetragen....«.31

Die Antragsteller bemerkten natürlich diesen Konflikt und baten daraufhin in Briefen und Stellungnahmen, ihnen diese einzige Möglichkeit, aus der Isolation auszubrechen, nicht zu nehmen.

Einen Höhepunkt der Auseinandersetzung bildete das Friedensgebet am 27. Juni 1988. Die »Initiativgruppe Leben« hielt zusammen mit Pfarrer Wonneberger das letzte Friedensgebet vor der Sommerpause. Zum Schluß wurde eine Kollekte zur Finanzierung des Strafgeldes gesammelt, das Jürgen Tallig zahlen sollte.
Er hatte am 5. Februar 1988 Losungen an einer Fußgängerunterführung angebracht32, wurde am 15. 2. 1988 vom MfS verhaftet und zu 6.000 Mark Ordnungsstrafe verurteilt. Bei der Sammlung kamen über 1.000 Mark zusammen. Der anwesende Stellvertreter des Superintendenten, Pfarrer Wugk, distanzierte sich noch während des Friedensgebetes von der Aktion, die die IGL als »konkreten Fürbitte« bezeichnet hatte, da dies eine »illegale« Sammlung sei. Andere Gruppenmitglieder warfen der IGL vor, die »Revolution zu proben«.
Nach diesem Friedensgebet kam es zu verschärften Auseinandersetzungen zwischen Pfarrer Wonneberger und der Kirchenleitung. Pfarrer Wonneberger verbat es sich daraufhin, öffentlich gegen ein von ihm zu verantwortendes Friedensgebet vorzugehen.
Es stellte sich immer drängender die Frage, wer für die Friedensgebete letztlich verantwortlich war.
Dem Superintendenten, auf den von staatlicher Seite immer mehr Druck ausgeübt wurde, war dies zu viel. Am 15. August 1988 schrieb er einen Brief an die Gruppen, in dem er mitteilte, daß das Friedensgebet nach der Sommerpause in die alleinige Regie des Kirchenvorstandes von St. Nikolai übergehen solle.

Er schrieb:
»Liebe Freunde! [/] Die Nikolaikirchgemeinde übernimmt nach der Sommerpause Durchführung und Verkündigung der Friedensgebete selbst.
Die meisten Teilnehmer an den Zusammenkünften sind nicht interessiert und engagiert an den Fragen ‘Frieden-Gerechtigkeit-Bewahrung der Schöpfung’ im Sinne des konziliaren Prozesses, sondern erwarten von der Kirche, daß diese sich für ihre Probleme einsetzt. So wenig wir konkret helfen können, wollen wir uns doch dafür einsetzen, daß diejenigen, die einen Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft gestellt haben, nicht ins Abseits gedrängt werden. Doch dem Einzelnen können wir im Grunde nur helfen mit der uns anvertrauten Botschaft des befreienden Evangeliums, das seine Gültigkeit in jeder Gesellschaftsordnung hat. Einige Gruppen haben sich seit der veränderten Situation ohnehin nicht mehr an der Gestaltung der Friedensgebete beteiligt, anderen scheint die Aufgabe belastend zu sein.
So bitte ich darum, daß sich die Gruppen in der nächsten Zeit verstärkt ihren spezifischen Aufgaben zuwenden, wie sie etwa in den zwölf Themenbereichen der konziliaren Versammlung von Dresden aufgenommen worden sind. Ich wäre dankbar, wenn durch Gespräche und Impulse mehr noch die Gemeinden unserer Stadt in den Prozeß einbezogen werden könnten. Denn gemeinsam mit allen, die hier bleiben, wollen wir doch verantwortlich das Leben in unserer Gesellschaft verändern und verbessern. [...]
Mit besten Grüßen [/] Schalom! [/gez.] Magirius«.33

Der Brief an Pfarrer Wonneberger, der bis zu diesem Zeitpunkt die Friedensgebete koordiniert hatte, fiel noch etwas schärfer aus:
»Lieber Bruder Wonneberger! [/] Da Sie einschließlich Freitag, 26.8, im Urlaub sind, möchte ich mich schriftlich an Sie wenden. Wie Ihnen bekannt ist, hat mein Stellvertreter Bruder Wugk Ihnen im Zusammenhang mit dem letzten Friedensgebet vor der Sommerpause erklärt, daß Sie sich selbst durch Ihre Handlungsweise Ihre Kompetenz für die Funktion der Koordinierung begeben haben. Wir haben unterdessen eine neue Gestaltung der Friedensgebete für die nächsten Wochen vorbereitet. Meinerseits stelle ich noch einmal fest, daß sie damit von Ihrer bisherigen Aufgabe entbunden sind. Am Mittwoch, 31. August, um 10.00 Uhr, möchte ich gern zu Ihnen kommen, um das verschobene Abschlußgespräch zur Visitation zu halten. [/] Ihr [gez.] Friedrich Magirius [/] Superintendent«34

Einige Gruppenmitglieder reagierten auf diesen Brief sofort mit einer Protesterklärung. Denn jetzt fühlten sie sich nicht nur vom Staat sondern auch von der Kirche ins Abseits gedrängt:
»Am 22.08.1988, eine Woche vor Beginn der Frie-densgebete nach der Sommerpause, erhielten wir von Ihnen einen Brief, in dem Sie uns erklären, daß ‘in der nächsten Zeit’ die Basisgruppen von der Gestaltung der Friedensgebete ausgeschlossen sind. Damit beenden Sie eine Gottesdienstform, deren Ablauf und Inhalt seit 1985 durch kirchliche Basisgruppen geprägt wurde. Sie nehmen dadurch den Gruppen eine wesentliche Möglichkeit der öffentliche Selbstdarstellung sowie eine verbindliche gemeinsame Aufgabe. [...] Ungeachtet dessen nutzen Sie Ihr Hausrecht (in Abwesenheit des zuständigen Gemeindepfarrers) und stellen die Gruppen und die Gemeinde des Friedensgebetes vor vollendete Tatsachen. [...] Die in den letzten Monaten vorwiegend durch Ausreiseantragsteller vergrößerte Gemeinde stellt in den Augen der Staatsorgane (für wen auch immer) eine potentielle Gefahr dar. Mit der beabsichtigten Ausgrenzung der Antragsteller stellen Sie sich auf die Seite derer, die dieser Gemeinde ein ehrliches Interesse an Inhalt und Botschaft dieser Gottesdienste absprechen. Die Gemeinde nimmt aber diszipliniert und aufmerksam an den Gottesdiensten teil und wächst mit ihnen.
Ihr Urteil über ‘die meisten Teilnehmer’ ist eine Diffamierung! Mit Befremden stellen wir fest, daß die versammelten Teilnehmer von Ihnen nicht als Gemeinde Christi angenommen werden.
Wir fordern:
- Offenlegung der tatsächlichen Hintergründe Ihrer uns unverständlichen Entscheidung
- Wiederherstellung der Möglichkeit für die Leipziger kirchlichen Basisgruppen, die Friedensgebete in Eigenverantwortung (unzensiert) zu gestalten«.35

Die Bemerkung »unzensiert« bezog sich auf die Tatsache, daß die Kirchenleitung schon seit dem Frühjahr 1988 ein Instrumentarium geschaffen hatte, um auf den Ablauf der Friedensgebete Einfluß zu nehmen. So mußten die Gruppen eine halbe Stunde vor Beginn der Friedensgebete vor einem Gremium von Mitgliedern der Sächsischen Kirchenleitung, dem Superintendenten und dem Gemeindepfarrer, den Inhalt ihrer  Friedensgebete vorstellen.
Mit diesen Briefen verschärfte sich der Konflikt zwischen Kirchenleitung und Gruppen immer mehr. Beim Friedensgebet am 29. August 1988, dem ersten nach der Sommerpause, kam es zur Eskalation.
Da der Superintendent nicht, wie zuvor den Gruppen versprochen, seinen Brief vom 15. August 1988 während des Friedensgebetes verlas, versuchte Jochen Läßig zum Abschluß des Friedensgebetes, die oben zitierte Protesterklärung zu verlesen.
Da wurde ihm das Mikrofon abgeschaltet. Er las jedoch weiter. Nach wenigen weiteren Worten und einem Handzeichen von Superintendent Magirius übertönte dann die Orgel Jochen Läßigs kräftige Stimme. Daraufhin kletterte ein anderes Mitglied der IGL zur Orgelempore und schaltete den Orgelmotor ab. Nun konnte die Protesterklärung weiter verlesen werden.36
Währenddessen stieg Pfarrer Führer auf eine Kirchenbank und gab folgende Erklärung ab:
»Liebe Zuhörer, falls Sie jetzt weiter hierbleiben, wird das bedeuten, daß das Friedensgebet nicht weitergeht.
Eine Stellungnahme dieser Gruppe wird auf alle Fälle erfolgen. Es wird Herr Superintendent Magirius mit den Gruppen noch sprechen. Er hat dies auf alle Fälle zugesagt. [...] Uns geht es hauptsächlich darum, daß Sie weiter in unserer Nikolaikirche kommen können. Das hab’ ich am Anfang gesagt. [...] Deshalb bitte ich jetzt, daß wir miteinander die Kirche verlassen.
[...] Sie haben mich vorhin verstanden. Das sind keine Leute von uns. Wenn Sie hier weiter bleiben, arbeiten wir nur dem Staat in die Hände, der das Friedensgebet je eher je lieber aufhören lassen will. Wenn Sie jetzt nicht die Kirche verlassen, wird das vermutlich Konsequenzen haben.«37
In der am Abend stattfindenden Sitzung des Kirchenvorstandes von St. Nikolai machte der Kirchenvorstand  die Entscheidung des Superintendenten im nachhinein auch zu seiner Entscheidung, dies wohl noch unter dem unmittelbaren Eindruck des eine Stunde zuvor zu Ende gegangenen Friedensgebetes.38

Zum nächsten Eklat kam es beim Friedensgebet am 5. September 1988.
Die Basisgruppenmitglieder hatten in der Zwischenzeit einen Offenen Brief an Landesbischof Dr. Hempel verfaßt, indem sie sich über die Vorgehensweise von Superintendent Magirius beschwerten. Sie warfen Magirius unter anderem vor, daß er verschiedenen Abhängigkeiten unterläge, welche er nicht offenlegen wolle. Sie schrieben in diesem Brief weiter:
»[...], hat er unseren Respekt als kirchenleitende Persönlichkeit, unser Vertrauen auf seine geistliche Kompetenz und unser Glauben an seine moralische Integrität verloren. [...]
Wir gewinnen den Eindruck, daß Sup. Magirius bewußt Mißverständnisse schafft und Voreingenommenheit bei Pfarrern gegen unsere Arbeit erzeugt, um unser Engagement zu behindern. Wir müssen uns immer wieder die Frage stellen, ob diese Vorgehensweise wirklich einer christlichen Motivation entspringt oder ob Sup. Magirius andere Interessen vertritt.«39
Die Unterzeichner des Offenen Briefes verteilten diesen  während des Friedensgebetes40 und schickten ihn außerdem an verschiedene Vertreter der Kirchenleitung, an Presseagenturen und kirchliche Zeitungen.
Gleichzeitig verlasen sie vor der Nikolaikirche eine Erklärung der Basisgruppen, in der die Änderung der Friedensgebete als skandalös bezeichnete wurde.
Sie forderten von der Kirchenleitung, die Entscheidung zu überdenken und wenigstes das Recht auf freie Meinungsäußerung in ihren Räumen zuzulassen.41 Im Anschluß daran demonstrierten ca. 150 Teilnehmer zum Marktplatz, was ein großes Echo in den Medien fand.42

Seit dieser Zeit trugen einige Basisgruppenmitglieder jeden Montag eine Mundbinde mit der Aufschrift »Redeverbot«. Sie standen während des Friedensgebetes demonstrativ im hinteren Teil der Nikolaikirche und beobachteten das Geschehen. Nach dem Friedensgebet stellten sie sich an den Ausgang der Nikolaikirche und nutzten im Anschluß den hofartigen Platz vor der Kirche als Versammlungsort. Die dort lagernden Betonplatten einer Baustelle dienten als Rednerbühnen. Die Informationen, die in den Friedensgebeten nicht verlesen werden konnten, wurden hier verlesen. Viele Besucher der Montagsgebete nutzten diese Möglichkeit, nach der kirchlichen Veranstaltung noch weitere Informationen zu erhalten, und diskutierten über die Lage im Land. Die engen Mauern der Kirche wurden somit symbolisch durchbrochen.
Auch andere Gruppen, die den Offenen Brief an Bischof Hempel bisher nicht unterzeichnet hatten, solidarisierten sich daraufhin mit den Unterzeichnern.
Die Arbeitsgruppen »Umweltschutz« und »Menschenrechte« gaben eigene Erklärungen ab.43
Das Friedensgebet am 24. Oktober 1988 wurde von Vertretern der Basisgruppen erneut genutzt, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Während des Eingangsliedes »Oh komm' du Geist der Wahrheit« stellten und setzten sie sich mit Kerzen und Transparenten in den Altarraum. Auf den Transparenten standen folgende Forderungen:
1. Wir mahnen uns, an die zu denken, die gehen mußten
2. Wir mahnen uns, die Wahrheit zu sagen
3. Wir mahnen uns, danach zu handeln
4. Mündigkeit verpflichtet - ziviler Ungehorsam44
Zum Schluß versuchte Gesine Oltmanns45, eine Unterzeichnerin des Offenen Briefes, eine Erklärung zu dieser Aktion abzugeben, aber das Mikrofon wurde von Superintendent Magirius sofort abgeschaltet. Es kam zu einer tumultartigen Diskussion.
Die Träger der Plakate stellten sich danach auf die Betonplatten vor der Nikolaikirche und verlasen ihre Erklärung. Alle wurden am nächsten Tag zugeführt und zu ihrer Aktion befragt, ihnen wurden hohe Ordnungsstrafen auferlegt, deren Zahlung sie aber verweigerten. Sie begründeten ihre Verweigerung damit, daß sie nur Ihr Recht auf Versammlungsfreiheit genutzt hätten.46

Während der alljährlichen Friedensdekade im November 1988 verteilten einige Gruppenmitglieder in der Niko-laikirche ein Flugblatt der »Initiative zur demokratischen Erneuerung unserer Gesellschaft«47, in dem Parallelen zwischen den Verhältnissen in der Zeit des Nationalsozialismus’ und der DDR gezogen wurden. Außerdem wurden konkrete Menschenrechtsverletzungen in der DDR angeklagt. Pfarrer Führer kommentierte dies zwei Tage später im Friedensgebet mit folgenden Worten: »Einige scheinen unsere Kirche mit einem Warenumtauschplatz zu verwechseln«.48

Obwohl es immer wieder Konflikte zwischen den Gruppen und ihm gab, ist es trotzdem gerade Pfarrer Führer zu verdanken, daß der Kontakt zwischen Kirchenleitung, Kirchenvorstand und Gruppen in dieser Zeit nicht völlig abriß. Für ihn war es das wichtigste, daß die Friedensgebete weiter durchgeführt werden konnten. Er dachte deshalb verstärkt über eine Möglichkeit nach, die Gruppen wieder in die Gestaltung der Friedensgebete einzubinden.
So kam es am 21. November 1988 zu einem Treffen zwischen dem Kirchenvorstand von St. Nikolai, dem Ausschuß der Bezirkssynode und den Vertretern der Basisgruppen. Nach einer kontroversen Diskussion wurde zu folgendem Text Übereinstimmung erreicht:
»Das Friedensgebet sollte gestaltet werden von den im Synodalausschuß vertretenen Gruppen und einem ordinierten Pfarrer, der von den Gruppen gesucht wird. Eine Liste der jeweiligen Gruppen und Pfarrer soll durch den Synodalausschuß für jeweils ein Quartal erstellt und dem Kirchenvorstand Nikolai einen Monat vor Beginn des entsprechenden Quartals vorliegen. Der Kirchenvorstand Ni-kolai seinerseits achtet darauf, daß keine Häufung von Gruppen oder Pfarrern in der Gestaltung des Friedensgebetes eintritt.
Der Informationsteil sollte künftig verantwortet werden von:
1. dem Begrüßungspfarrer, 2. dem Gruppenpfarrer, 3. einem Gruppenmitglied, 4. einem Mitglied des Kirchenvorstandes Nikolai.
Der Informationsteil sollte von allen Partnern getragen werden. Bei Bedenken von Kirchenvorstands-Mitglied und Begrüßungspfarrer können diese nicht überstimmt und die entsprechende Information kann am jeweiligen Montag nicht gegeben werden.
Einen Antrag in diesem von beiden Seiten als Konsens betrachteten Sinn wird der Bezirkssynodalausschuß dem Kirchenvorstand Nikolai [...] zuleiten.«49

Diesen Antrag stellte der Bezirkssynodalausschuß und schlug folgende Ordnung des Friedensgebetes vor:
»1. Begrüßung durch einen Pfarrer an St. Nikolai [/] 2. Lied [/] 3. Schriftlesung [/] 4. Auslegung durch einen Pfarrer und der jeweiligen Gruppe [...] [/] 5. Gebet [/] 6. Information, Abkündigungen [/] 7. Sendungswort [/] 8. Lied«50

Dieser Gruppenvorschlag wurde in der nächsten Sitzung des Kirchenvorstandes St. Nikolai diskutiert und mit einigen Ergänzungen an diese zurückgeschickt mit der Aufforderung, sich bis zum 6. Januar 1989 schriftlich zu äußern. Am 13. Februar 1989 beschloß der Kirchenvorstand St. Nikolai, daß die Gruppen die Friedensgebete ab April 1989 wieder mitgestalten können.51

Von den Friedensgebeten gingen in dieser Zeit immer wieder Aktionen aus, die die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit fanden. So machten während der Dokumentar- und Kurzfilmwoche, am 28. November 1988, Mitglieder der »Initiativgruppe Leben« nach dem Friedensgebet auf die unhaltbare Informationspolitik in der DDR aufmerksam. Im November 1988 war durch das Presseamt der DDR die sowjetische Zeitschrift »Sputnik« und die Aufführung einiger sowjetische Filme verboten worden, die sich mit dem Thema Stalinismus beschäftigten. Die Mitglieder der IGL beschrieben Luftballons mit den Titeln der verbotenen Filme und dem Namen »Sputnik«, gingen damit zum Kino »Capitol«, dort hatte die Festivalleitung ihren Sitz und dort wurden die meisten Filme gezeigt, und ließen die Ballons steigen. Ein wildes Jagen auf die Luftballons begann. Die Stasi-Spitzel benutzten ihre brennenden Zigaretten und Regenschirme als Waffe gegen diese »ungenehmigten Flugobjekte«. Von einigen Teilnehmern dieser Aktion wurden die Personalien festgestellt und Ordnungsstrafverfahren eingeleitet.52

Einige Gruppen hatten in der Zwischenzeit die Erkenntnis gewonnen, daß es nicht mehr ausreicht, nur die zu gewinnen, die sowieso die Schwelle der Kirche überwanden. Sie wollten eine noch breitere Basis schaffen, um ihre Ideen und Vorstellungen von einer Veränderung der Gesellschaft in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Friedensgebete waren da nur eine Möglichkeit, man setzte nunmehr verstärkt auf Demonstrationen in der Öffentlichkeit.
So verteilten beispielsweise am 12. Januar 1989 Grup-penvertreter zirka 10.000 Flugblätter53 in Hausbriefkäs-ten, Telefonzellen, Straßenbahnen usw. und riefen zu einer eigenständigen Demonstration zum Gedenken an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in Leipzig auf. Sie wollten nicht, wie ein Jahr zuvor in Berlin, die offiziellen Feierlichkeiten der Staatsführung stören, sondern bereitete eine eigene Demonstration vor.
Gefordert wurden in dem Aufruf zur Demonstration vor allem das Recht auf freie Meinungsäußerung, Versammlungs-, Vereinigungs- und Pressefreiheit. Schon einen Tag nach Verteilung der Flugblätter wurden 12 Beteiligte vom MfS festgenommen und in Untersuchungshaft genommen.54 Das MfS hatte diesmal gut gearbeitet und einen Inoffiziellen Mitarbeiter55 mitverteilen lassen. Dieser schickte noch am späten Abend ein Telegramm nach Berlin, indem er alle Namen der Beteiligten mitteilte.
Trotz dieser Verhaftungen kam es am 15. Januar 1989 zu einer der größten Demonstrationen, die Leipzig vor dem Herbst 1989 erlebte. An ihr nahmen etwa 800 Menschen teil. Die Polizei löste die Demonstration auf und führte 53 Teilnehmer zu. Nun setzte in der gesamten DDR eine breite Solidarität ein. In Leipzig wurde wieder eine Koordinierungsgruppe gebildet, die Fürbitt- und Solidaritätsaktionen vorbereitete.
Durch die DDR-weiten und internationalen Proteste, so u.a. durch den amerikanischen und bundesdeutschen Außenminister auf dem 3. KSZE-Folgetreffen in Wien, wurden die Inhaftierten am 19. Januar wieder entlassen und die Ermittlungsverfahren auf Anweisung von Erich Honecker am 24. Januar eingestellt.
Die Inhaftierten bedankten sich während des nächsten Friedensgebetes am 23. Januar bei den Teilnehmern der Proteste und lasen eine Erklärung vor, in der sie ihre Weiterarbeit an gesellschaftlichen Themen trotz der noch laufenden Ermittlungsverfahren ankündigten.
Zwar hatte Superintendent Magirius zuvor den Inhaftierten untersagt, diese Erklärung zu verlesen. Sie aber erschlichen sich das Wort mit dem Vorwand, »an die Gemeinde einen kurzen Dank richten zu wollen«56.

Der Leiter der Dienststelle des MfS in Leipzig schickte noch am Abend ein Fernschreiben an das ZK der SED und informierte über den Mißbrauch des Friedensgebetes. Die Leipziger Behörde befürchtete außerdem, daß an diesem Tag erneut eine Demonstration stattfinden würde und setzte 400 »Genossen« und »Genossinnen« ein, die verpflichtet wurden, sich am Friedensgebet zu beteiligen und dafür zu sorgen, daß es im Anschluß zu keiner Provokation käme.57

Am Montag während der Frühjahrsmesse fand erneut nach dem Friedensgebet eine Demonstration statt. Zirka 300 Friedensgebetsteilnehmer zogen von der Nikolaikirche in Richtung Thomaskirche. Durch die Anwesenheit westlicher Journalisten hielten sich die Sicherheitsorgane weitgehend zurück. Diese Zurückhaltung wurde in der Nachrichtensendung vom ZDF am Abend unter der Überschrift »SED-Spitze bremst das MfS« kommentiert.58

Das »begrenzte politische Mandat der Kirche«, diesen Begriff hatte vor allem der sächsischen Landesbischof Hempel geprägt, wurde immer mehr zum Thema im Konflikt zwischen Kirchenleitung und Gruppen. Ab April konnten die Gruppen unter Verantwortung eines Pfarrers wieder die Friedensgebete inhaltlich gestalten. Die »Initi-ativgruppe Leben« nutzte sofort diese Möglichkeit und thematisierte das Problem in ihrem Friedensgebet am 8. Mai, was wiederum zu Auseinandersetzungen führte.
Michael Arnold warf der Kirchenleitung vor:
»[... es] geht immer wieder in der Auseinandersetzung mit der Kirchenleitung um den sehr unterschiedlichen ausgelegten Auftrag und Dienst der Kirche«.59
Er forderte von der Kirche, daß in einer Verkündigung des Evangeliums die aktuellen und gegenwärtigen Probleme unserer Menschen enthalten sein müßten und daß »das zeitlose Predigen, bei dem Konflikte bewußt umgangen werden, die Menschen mit ihren Sorgen allein läßt«.60
Dies bezeichnete Oberstleutnant Seidel vom MfS in einer Dienstversammlung am 11. Mai als die Hetzveranstaltung am 8. Mai in der Nikolaikirche.61
In der Anlage zur Wochenübersicht Nr. 19/89 der ZAIG des MfS62 wird dazu festgehalten:
»Alle von Mitgliedern der sogenannten kirchlichen Basisgruppe IGL im Rahmen des Friedensgebetes entwickelten Aktivitäten hatten keinerlei religiösen Bezug und trugen eindeutig politischen und provozierenden Charakter...«.

In einer Sondersitzung des Kirchenvorstandes St. Nikolai mit Landesbischof Hempel wurde das Friedensgebet vom 8. Mai ausgewertet. Bischof Hempel bemerkte:
»[...], daß die Gruppenarbeit in der Form des 8. Mai nicht mehr annehmbar ist. Der bislang ausgehandelte Kompromiß mit den Gruppen muß erhalten bleiben, eine Selbstdarstellung innerhalb des Friedensgebetes zerstört die Verkündigung...«.63
Im Ergebnis dieser Sondersitzung wurden die Friedensgebete in Montagsgebete umbenannt.
Superintendent Magirius entschuldigte sich sogar eine Woche später in einem Gespräch mit Staatsvertretern:
»Es tue ihm leid, daß das Friedensgebet gerade am 8.5.89 so unerfreulich verlaufen sei. Er fühle sich persönlich hintergangen. [...] Für ihn sei Läßig einer derjenigen, die andere Verhältnisse wollen.«64

Ein weiteres wichtiges Ereignis in diesem Jahr war das Straßenmusikfestival am 10. Juni.
Die Leipziger Basisgruppen versuchten schon seit 1988, durch Straßenmusik die Leipziger Innenstadt lebendiger zu machen. Die Spielversuche endeten meist auf dem VP-Revier, wo die Musiker hohe Ordnungsstrafen zahlen mußten. Straßenmusik war in der DDR nicht erwünscht, hatte der Staat doch an dieser Stelle nicht unter Kontrolle, was da auf der Straße zum »besten« gegeben wurde. Bei den »Zuführungen« durch die Polizei solidarisierten sich die Leipziger sofort mit den Musikern durch mitsingen und durch »Sitzstreik«. Diese spontane Solidarität begeisterte die Mitglieder der Basisgruppen so, daß sie mit einem großen »Straßenmusikfestival« auf diese unhaltbare Situation aufmerksam machen wollten.
Für dieses Festival wurde in der gesamten DDR geworben. Das Sicherheitskartell versuchte mit allen Mitteln, diese »unkontrollierbare Ansammlung« zu verhindern. Die Organisatoren des Festivals sollten alle am Morgen des 10. Juni zugeführt werden. Die Stasi-Mitarbeiter standen aber umsonst vor deren Haustüren. Diese hatten die Nacht im katholischen Gemeindezentrum Probstei verbracht, und fuhren am frühen Morgen mit einigen Taxis in die Innenstadt. Über eintausend Musiker und Zuschauer aus weiten Teilen der DDR beteiligten sich an diesem Festival. Leider ließen sich im Vorfeld viele professionelle Musiker vom Staat, mit dem Hinweis die Spielerlaubnis entzogen zu bekommen, einschüchtern und nahmen nicht daran teil.
Gegen Mittag war dem 2. Sekretär der Leipziger SED-Bezirksleitung Hackenberg das Treiben zu viel, es begann in der Innenstadt eine Treibjagd auf jeden, der ein Musikinstrument in den Händen hielt. Viele Zuhörer stiegen freiwillig auf die LKWs der Polizei, um so die Zuführungen und den Abtransport der verhafteten Musiker zu verhindern. 84 Teilnehmer wurden bis zu 24 Stunden festgehalten und 29 mußten Ordnungsstrafen zwischen 100 bis 500 Mark zahlen. Nachdem die Organisatoren des Festivals die »Staatsmacht« durch eine Finte in den nahe gelegenen Clara-Zetkin-Park gelockt hatten65, konnte das Festival am Abend  ungehindert fortgeführt werden.66

Während des Straßenmusikfestivals wurde auch an die Niederschlagung der Demokratiebewegung in China erinnert. Michael Arnold hatte bei Vietnamesen, die in Leipzig lebten und arbeiteten, Aufnäher anfertigen lassen, die die chinesische Flagge und einen schwarzen Trauerflor zeigten. Diese Aufnäher wurden verteilt und zierten in den nächsten Monaten die Taschen und Jacken vieler Leipziger.

In dieser Zeit distanzierte sich die Kirchenleitung immer mehr von den kritischen Gruppen. Dies nutzte der Staat, um seinerseits immer mehr Druck auszuüben. Das Geschehen vor und auf dem Leipziger Kirchentag im Juli verdeutlicht, daß die Bemühungen des Staates auf keine deutliche Ablehnung bei der Kirchenleitung stieß.
Nach 1954 und 1978 war dies der dritte große Kirchentag in Leipzig. Die Kirchenleitung beabsichtigte in ihrer Selbstzensur, keine Störungen durch die Basisgruppen zuzulassen. Dies nutzte der Staat aus, massiv Einfluß auf Gestaltung und Ablauf des Kirchentages auszuüben. Die Vertreter der Kirchen wurden bei den Vorbereitungsgesprächen immer wieder vor die Alternative gestellt, entweder das Friedensgebet abzusetzen oder an den Rand von Leipzig zu verlegen, ansonsten würde die Durchführung des Kirchentages nicht genehmigt. In einem Bericht des Staatssekretariats für Kirchenfragen wurde vermerkt, daß die Kirche zustimmte:
»[...], daß der religiöse Charakter des Kirchtages, die Begrenzung auf die Landeskirche, gewahrt wird, die religiöse Dimension und der kirchliche Auftrag, die Rückbesinnung auf Bibel und Evangelium, im Mittelpunkt stehen und [...] kein ‘Markt der Möglichkeiten’ zur Selbstdarstellung alternativer, außerhalb der kirchlichen Strukturen tätiger Gruppen zugelassen wird.«67
Durch diesen Beschluß fühlten sich die Gruppen vom offiziellen Kirchentag ausgegrenzt. Bei dem von der Kirchentagsleitung eingerichteten »Treffpunkt Glauben« wurde, als Bedingung für die Teilnahme der Gruppen, eine biblische Legitimierung verlangt. Dieser Zensur wollten sich die meisten Gruppen nicht stellen. Sie bereiteten in der Lukaskirche unter maßgeblicher Beteiligung und Verantwortung von Pfarrer Wonneberger den »Statt Kirchentag« vor. Dieser wurde wiederum von Staat und Kirche stillschweigend geduldet.
Der Staat hatte die Gruppen so besser unter Kontrolle und die Kirche konnte nahezu ungestört ihren Kirchentag durchführen.68 Einige Gruppenmitglieder nahmen mit eigenen Transparenten an der Abschlußveranstaltung teil und protestierten gegen die Wahlfälschung im Mai des Jahres und gegen die blutige Niederschlagung der Demokratie-Bewegung in China. Die Ordnungsgruppen  der Kirche selbst - auch dies eine erfüllte Forderung des Staates69 - hinderten sie daran, die Tribüne zu betreten. Die Demonstranten zogen daraufhin auf die Straße, wurden aber von Polizei und Staatssicherheit in die am nächsten gelegene Kirche abgedrängt.70

Die Situation in Leipzig hatte sich nach dem offensichtlichen Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen im Mai, nach der Begrüßung der blutigen Niederschlagung des Pekinger Studentenprotestes durch die DDR-Regierung immer mehr zugespitzt und wurde durch die vielen Versuche, dieses ungeliebte Land zu verlassen immer weiter aufgeheizt, so daß dann die Massenflucht von DDR-Bürgern über die ungarisch-österreichische Grenze und in westdeutsche Botschaften in Budapest, Prag, Warschau und Sofia im Land den Einzelnen immer mehr zur persönlichen Stellungnahme und Entscheidung drängte.

Immer mehr Leipziger, die keinen »Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft« gestellt hatten, besuchten die Friedensgebete. Dies registrierte auch die Staatsführung. In einer »Lageeinschätzung zu den seit März 1988 stattfindenden Friedensgebeten in der Nikolaikirche...«71 vom Volkspolizei-Kreisamt Leipzig vom 25. September 1989, wurde festgestellt:
»Während 1988 und in den ersten Monaten des Jahres 1989 Personen dominierten, die über die Teilnahme an derartigen Provokationen die Genehmigung ihres Antrages auf ständige Ausreise ‘beschleunigen’ wollten, treten jetzt in zunehmenden Maße Personen in Erscheinung, von denen bekannt ist, daß sie sich als ‘innere Opposition in der DDR’ verstehen. Diese Zäsur für diesen Strukturwandel kann hierbei zu dem Zeitpunkt der Vorbereitung und Durchführung der Volkswahlen 1989 gesetzt werden«.

Nach dem Kirchentag gingen die Friedensgebete in die Sommerpause. Während dieser Zeit versuchte die Staatsführung den Kirchenvorstand von St. Nikolai dahingehend zu beeinflussen, die Friedensgebete am 4. September nicht wieder beginnen zu lassen. Der Kirchenvorstand lehnte jedoch dieses Ansinnen ab.72
So wurde das erste Friedensgebet wie geplant am ersten Montag im September, dem Messemontag durchgeführt. Auch den Mitgliedern der Basisgruppen war klar, daß von den Ausreiseantragstellern, denen man den Weg nach Ungarn oder in die CSSR versperrt hatte, wieder eine spontane Demonstration ausgehen würde. Die große Öffentlichkeit durch westliche Journalisten sollte diesmal aber nicht alleine den Antragstellern überlassen werden. Einige Mitglieder von Basisgruppen entschieden sich, mit eigenen Transparenten an die Öffentlichkeit zu gehen.
Eine der Losungen, die dafür vorbereitet wurden, lautete: »Für ein offenes Land mit freien Menschen«. Sie widerspiegelte ein Grundanliegen einiger Mitglieder der Basisgruppen. Sie konnten sich nicht mehr vorstellen, mit den Machthabern im Lande zu reden. Eine wahre Erneuerung oder Veränderung war mit »denen da oben« nicht mehr denkbar. Der einzig vorstellbare Weg war für viele, die Menschen frei über ihr eigenes Leben entscheiden zu lassen. Eine derartige Entscheidung schien aber unter den bestehenden Verhältnissen nicht mehr möglich.
Die Transparente für diesen Montag enthielten die Losungen »Reisefreiheit statt Massenflucht« und »Versammlungsfreiheit - Reisefreiheit«. Sie wurden am gleichen Nachmittag in der Mariannenstraße 46 hergestellt. Dort lebten Mitarbeiter verschiedener Basisgruppen in zwei Wohngemeinschaften zusammen.
Große Schwierigkeit bestand darin, die Transparente unbemerkt zum Nikolaikirchhof zu bringen, da die Mariannenstraße an diesem Tag wie an jedem anderen  von Stasi-Leuten bewacht wurde. So wurde beschlossen die Transparente unter den Jacken zu verstecken und einfach loszugehen. Die Sicherheitsbeamten in Zivil hefteten sich sofort an die Fersen der Transparente-Maler.
An der Ernst-Thälmann-Straße bestiegen sie eine Straßenbahn, die in Richtung Innenstadt fuhr, die Spitzel hinterher. Kurz vor dem Schließen der Tür sprangen die jungen Leute wieder aus der Bahn. Den Stasi-Leuten schlug die Tür vor der Nase zu, sie konnten nur noch dumm zurückschauen. Auf soviel Spontaneität waren die »Hüter des Staates« nicht vorbereitet.
Die Mitglieder der Basisgruppen gingen auf Umwegen zu Fuß in die Innenstadt und suchten sich in der Nikolaikirche noch Leute, die bereit waren, später die Transparente mitzutragen.
Erst nach Abschluß des Friedensgebetes entrollten sie auf dem Nikolaikirchhof, vor den versammelten Kameras der westlichen Fernsehstationen, die Transparente. Sie waren nur kurz zu sehen und zu lesen. Stasi-Leute in Zivil rissen sie sofort herunter. Aber die Bilder davon gingen um die Welt.
Schweigend formierten sich einige Leute zu einem kleinen Demonstrationszug, die erste Reihe marschierte los, wurde aber nach wenigen Metern von einer Polizeikette gestoppt. Es entstand plötzlich eine große Lücke im Zug. Die Menschen, die sich der Demonstration in den hinteren Reihen angeschlossen hatten, blieben stehen, stellten sich vor die westlichen Kameras in Pose, streckten Ihre Hände zum Siegeszeichen und riefen »Wir wollen raus«.
Die Spaltung war perfekt. Die Leute in den ersten Reihen gaben angesichts der Polizeiketten den Versuch auf, geschlossen durch die Innenstadt zu ziehen.

Eine Woche später rächte sich die Staatsmacht für ihre Niederlage. Nach dem Friedensgebet am 11. September wurde der Nikolaikirchhof völlig abgeriegelt. Die Polizei nahm zahlreiche Besucher des Gebetes fest. Gegen 18 der Zugeführten wurde Haftbefehl erlassen und Haftstrafen bis zu vier Monaten verhängt. Andere mußten Ordnungsstrafen bis zu 5.000 Mark zahlen.

Noch am selben Abend bildete sich deshalb eine Koordinierungsgruppe und organisierte wie im Januar 1988 und 1989 wieder eine Protestveranstaltung. Am nächsten Morgen stellten sich Mitarbeiter dieser Gruppe, vom MfS mißtrauisch beobachtet, an den Ausgang der Untersuchungshaftanstalt in der Dimitroffstraße und paßten die freigelassenen »Zugeführten« vom Vortage ab. Ihnen wurde eine Kontaktadresse bekanntgegeben, wo sie sich zur juristischen Beratung melden, und einen Bericht über die »Zuführung« abgeben sollten. Für die Berichte wurden Formulare vorbereitet, die die Zugeführten ausfüllen sollten.73
In der Evangelischen Studentengemeinde und später im Markuspfarramt wurde ein Büro eingerichtet, das Rund um die Uhr besetzt war. Von hier aus wurden tägliche Fürbittandachten organisiert und der Kontakt zu Medien und den anderen Gruppen und Gemeinden in der DDR hergestellt. Auch Mitglieder der Charta 77 in der CSSR74 riefen an und teilten ihre Solidarität mit. Gleichzeitig wurden die Eltern der Inhaftierten betreut und juristisch beraten. Manche Eltern, die nie etwas mit der Kirche zu tun hatten und den Ereignissen um die Nikolaikirche eher skeptisch gegenüber standen, waren nun selber betroffen. Sie wußten, daß ihre Kinder keine »Verbrecher« waren. Die Solidarität, die die Eltern hier spürten, beeindruckte viele sehr. Bei einem Treffen zwischen Eltern der Inhaftierten, der Koordinierungsgruppe und dem Rechtsanwalt Wolfgang Schnur75 in der Leipziger Markusgemeinde, sagte der Vater eines Inhaftierten: »Wenn es in der Gewerkschaft so eine Solidarität gegeben hätte, wie hier unter Euch, dann wäre es nie soweit gekommen mit diesem Staat«. Die Mitarbeiter der Koordinierungsgruppe hatten eine sehr schwere Arbeit zu leisten: auf der einen Seite waren die eigenen Freunde inhaftiert und auf der anderen Seite mußten Eltern beruhigt und getröstet werden.

In der gesamten DDR setzte eine große Solidaritätswelle ein. In vielen Städten wurden Fürbittveranstaltungen durchgeführt und Geld für die Inhaftierten gesammelt. Bei einem Fürbittgebet in der Leipziger Reformierten Kirche verbreitete Jochen Läßig76 die Idee, die Fenster der Nikolaigemeinde als Zeichen der Solidarität mit Blumen zu schmücken77. Die Leipziger Studentin Cornelia Fromme entwarf später Texte, die an die Fenster der Nikolaikirche befestigt wurden. Diese Texte spiegelten das Gefühl der Leute, deren Freunde und Freundinnen eingesperrt waren, am besten wieder. Einer der Texte lautete:
»Wir wollen keinen Dialog mit denen, die unsere Freunde verprügeln und einsperren. Wir wollen unsere Freunde wieder um uns haben! Erst dann werden wir reden. Für freie Menschen in einem freien Land.«
Von nun an kamen von Montag zu Montag mehr Menschen zum Nikolaikirchhof. Aus ihnen formierte sich am 25. September nach einem beeindruckenden Friedensgebet in der Verantwortung von Pfarrer Wonneberger und seiner Arbeitsgruppe Menschenrechte78 der erste große Demonstrationszug durch Teile der Innenstadt. Die Polizei versuchte mit brutalen Mitteln, die Demonstration aufzulösen. Wieder wurden zahlreiche Teilnehmer verhaftet.
Einer der wichtigsten Ansprechpartner in dieser Zeit war der 1983 aus der DDR ausgebürgerte Westberliner Journalist Roland Jahn.79 Er rief jeden Tag bei der Ko-ordinierungsgruppe in Leipzig an und machte den Mitarbeitern Mut. Er organisierte Telefoninterviews, u.a. für die Tagesschau. Vorher wurde abgesprochen was unbedingt gesagt werden mußte, so u.a., daß die Demonstranten die Freiheit der Inhaftierten forderten.
Roland Jahn wollte nicht, daß vergessen wird, daß Menschen unschuldig hinter Gittern saßen. Denn immer wieder wurden Menschen nach den Friedensgebeten als Rowdys und Ruhestörer verhaftet und verurteilt.
Die Teilnehmerzahlen der  Demonstrationen war oft sehr schwer zu ermitteln. Einige Mitglieder der Koordi-nierungsgruppe waren jeden Montag unterwegs, um die Zahlen zu schätzen. Im Anschluß entbrannte immer eine heftige Diskussion, wie viele es gewesen seien. Man einigte sich immer auf den Mittelwert. Eins war dabei immer klar, es »mußten« mehr sein als an dem Montag vorher.

Am 6.10.1989 versuchte die SED, mit der Ankündigung einer »chinesischen Lösung«, die Menschen massiv einzuschüchtern. Die Leipziger Volkszeitung veröffentlichte den Brief eines Kampfgruppenkommandeurs, in dem es unter anderen hieß: »Wir sind bereit und Willens, das von uns mit unserer Hände Arbeit Geschaffene wirksam zu schützen, um diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam zu unterbinden. Wenn es sein muß mit der Waffe in der Hand!«80
Dieses Ziel wurde aber nicht erreicht. Zum vierzigsten und letzten Geburtstag der DDR, dem Nationalfeiertag am 7. Oktober 1989, versammelten sich auf dem Nikolaikirchhof, obwohl kein Friedensgebet stattfand, 4.000 Demonstranten.
Die Staatsmacht reagierte mit Wasserwerfern, Hunden und Festnahmen. Fast zweihundert Personen werden verhaftet und u.a. in Pferdeställen auf dem Agra-Gelände in Leipzig Markkleeberg eingepfercht, dessen Gelände als Internierungslager für den »Spannungsfall« vorgesehen war.81
Für diese »Maßnahme« trägt die Bezirkseinsatzleitung82 die Verantwortung. Erich Honecker, der den Vorsitz des Nationalen Verteidigungsrates innehatte und dem die Bezirkseinsatzleitungen unterstanden, umriß die Aufgabe der Bezirkseinsatzleitungen so:
»In Anbetracht der verstärkten Angriffe der Feinde des Sozialismus auf die politische Stabilität und Ausstrahlungskraft unserer Republik sollte es zunehmend Anliegen der Einsatzleitung sein, allen Provokationen und Verleumdungskampagnen durch koordiniertes und umsichtiges Handeln entschieden entgegenzutreten...«.83

Der Nikolaikirchhof hatte sich durch die lange Tradition der Friedensgebete und durch die Berichte im Westfernsehen zu einem Kristallisationspunkt herausgebildet, an dem die Menschen ihren Unmut über den Staat artikulieren konnten. Dafür war kein Friedensgebet mehr notwendig. Das, was die Gruppen erreichen wollten, die »Kirchenmauer« zu durchbrechen, wurde jetzt Wirklichkeit.
Diese Aktivitäten wurden auch vom Volkspolizeikreis-amt in einer »Lageeinschätzung zu den seit März 1988 stattfindenden Friedensgebeten in der Nikolaikirche« festgestellt.
In der bereits zitierten Lageeinschätzung vom 25. September 1989 heißt es:
»3. Immer deutlicher zeichnet sich ab, daß das an die Nikolaikirche angrenzende Territorium zu einem Treff- und Sammelpunkt gegnerischer Kräfte wird, ohne daß ein unmittelbarer zeitlicher und örtlicher Zusammenhang zu den montags stattfindenden Friedensgebeten besteht«.84

Der 9.10.1989 wurde zum entscheidenden Tag für die weitere Zukunft des Landes. Es kamen ca. 70.000 Menschen in die Leipziger Innenstadt und erzwangen mit ihrer friedlichen Demonstration die Wende und die Freilassung der Inhaftierten. Das Sicherheitskartell hatte »die Niederschlagung der Konterrevolution« geplant. Das war nicht mehr durchführbar.
Über die Ereignisse am 9.10.1989 ist schon viel geschrieben85, berichtet und spekuliert worden. Ich möchte auf drei Dokumente eingehen, die für sich sprechen. In einem Entschluß des Volkspolizeikreisamtes Leipzig vom 8.10.198986, der vom Chef der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei Generalmajor Straßenburg bestätigt wurde, hieß es:
»Auf der Grundlage der bisher eingetretenen Störungen der stattlichen Ordnung [...] und Sicherheit innerhalb der Stadt Leipzig im Zusammenhang mit den seit März 1988 wöchentlich stattfindenden ‘Montagsgebeten’ in der Nikolaikirche
HABE ICH MICH ENTSCHLOSSEN
mit den mir unterstellten Kräften und Mitteln einen Ord-nungseinsatz am 09.10.1989 durchzuführen.
Das Ziel des Einsatzes besteht in der Auflösung rechtswidriger Menschenansammlungen und unmittelbar nachfolgend in der dauerhaften Zerschlagung gegnerischer Gruppierungen sowie der Festnahme deren [!] Rädelsführer.
[...] Kräfteeinsatz insgesamt:
Deutsche Volkspolizei [...] Gesamt 835
Zukommandierte Kräfte [...] Gesamt 1.690
Kampfgruppen der Arbeiterklasse [...] 600 Kämpfer
[...] Gesamt 3.125
Reserven: [...] - 2 Kp. (ABV-Schule Wolfen)
- 3 KGH(mot)87«

Das zweite Dokument ist die Eintragung des Einsatzleiters im Einsatzbuch der BDVP vom 9.10.198988. Unter den laufenden Nummern 09 und 19 sind folgende Meldungen zu lesen:
»09 [/] 15.00 Uhr [/] SPW89 mit Munition in VPB90 Handlungsbereit
[...]
19 [/] 22.00 Uhr [/] Ausgangslage an aufmunitionierten SPW in VPB herstellen«91

Generalmajor Gerhard Straßenburg feiert den Ausgang der Demonstration einen Tag später als einen Erfolg der Einsatzkräfte. In einen Fernschreiben92 an alle beteiligten Einheiten und Kräfte schrieb er:
»Die Einsatzkräfte zeigten getreu des Eides und unseres Gelöbnisses treue Pflichterfüllung, hohe Moral, Disziplin und waren bereit konsequent zu handeln. [...]
Offensichtlich unter dem Eindruck hoher gesellschaftlicher Aktivität progressiver Bürger, der Wirkung der Veröffentlichungen in der LVZ, besonders vom 09.10., über rowdyhafte Ausschreitungen am 02.10. und 07.10. sowie der starken Präsenz der Deutschen Volkspolizei und der Kampfgruppen der Arbeiterklasse handelten über 60.000 Teilnehmer des ungenehmigten Demonstrationszuges ohne Gewaltanwendung.«
Kein Wort davon, daß z.B. 5 Kampfgruppeneinheiten nur eine »Einsatzstärke zwischen 40,2 und 58,3 % (in der Mehrzahl nicht erreicht, in einigen Fällen das Kommen verweigert)«93 erreicht haben und daß man über den »Massenauflauf« der Demonstranten überrascht war.

Das, was das Sicherheitskartell geplant hatte, »die Niederschlagung der Konterrevolution«, war angesichts der Massen auf den Straßen und der klaren Absage der Sowjetunion nicht mehr durchführbar.

Ausgehend vom Leipziger Impuls breiteten sich nun Demonstrationen, Kundgebungen, Streiks und Mahnwachen wie ein »Flächenbrand« in der gesamten DDR aus. Vom August 1989 bis April 1990 wurden 3115 Demonstrationen, Kundgebungen, Streiks und Mahnwachen in der gesamten DDR organisiert und durchgeführt. Dabei stand Sachsen mit 963 Aktionen an der Spitze, gefolgt von Thüringen 789, Mecklenburg 451, Sachsen-Anhalt 418, Brandenburg 385 und Berlin 109. Die Sachsen waren im ehemaligen Bezirk Karl-Marx-Stadt mit 542 Aktionen in 78 verschiedenen Orten am aktivsten. Gefolgt vom Bezirk Dresden mit 230 Aktionen in 40 verschiedenen Orten und dem Bezirk Leipzig mit 191 Aktionen in 29 verschiedenen Orten.
Wenn auch nur wenige Menschen sich aktiv in das politische Tagesgeschehen einmischten, konnte diese Revolution nur durch diese »flächendeckenden« Proteste im ganzen Land erfolgreich werden.94

1  SOFD
2   Interview mit Christoph Wonneberger, in: Bernd Lindner/Katrin Teichmann/Manfred Leyh/Uwe Schwabe/Anett Stuth (Hrsg.): Zum Herbst’89 - Demokratische Bewegung in der DDR, Leipzig 1994, S. 192; vgl. auch das Interview mit Wonneberger in Stefan Bickhardt/Marion Haeger/Gerd Poppe/Edelbert Richter/Hans-Jürgen Tschiche (Hrsg.): Spuren - Zur Geschichte der Friedensbewegung in der DDR, Berlin Februar 1988.
3  Ebd.
4  Alle im Text aufgeführten Dokumente über die Friedensgebete können in der Dokumentation von Christian Dietrich/Uwe Schwabe (Hrsg.): Freunde und Feinde. Friedensgebete in Leipzig zwischen 1981 und dem 9. Oktober 1989, Leipzig 1994, nachgelesen werden oder sie befinden sich im Archiv Bürgerbewegung e.V., Leipzig.
5  StAL BT/RdB ohne Nr. [Am 8.11.1983 der Stellvertreter des OBM für Inneres - Sabatowska - an Dr.Wötzel: »Information über Vorkommnisse im Rahmen der Friedensdekade der evang. Kirche vom 6. bis 16.11.1983«].
6  Interview mit Wonneberger, [Anm. 2], S. 192.
7  Ebd.
8  Vgl. Christian Dietrich: Fallstudie Leipzig 1987-1989. Die politisch-alternativen Gruppen in Leipzig vor der Revolution, in: Material der Enquete-Kommission »Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland« (12. Wahlperiode des Deutschen Bundestages), hrsg. vom Deutschen Bundestag, Bd. 2: Widerstand, Opposition, Revolution, Seiten 558-667.
9  Peter Unterberg: Wir sind erwachsen, Vater Staat! Vorgeschichte, Entstehung und Wirkung des ‘Neuen Forum’ Leipzig, Diplomarbeit Sozialwissenschaften, Universität Bochum, 1991.
10  Nicht alle Gemeinden stellten ihre Räume für so eine brisante Ausstellung zur Verfügung. Pfarrer Fritzsche von der Paulusgemeinde Leipzig-Grünau verlangte sogar, nach einem Gespräch mit dem Stadtbezirksbürgermeister, daß einige Stellen der Ausstellung geändert werden. Dieses Ansinnen wurde von den Organisatoren abgelehnt.
11  In Leipzig existierte bei vielen Gruppen keine zentralistische Gruppenstruktur. Hier geschah sehr viel über Freundeskreise, die wiederum in verschiedenen Gruppen tätig waren. Auch außerhalb der politischen Aktivitäten wurde viel miteinander unternommen. Man saß nicht nur in dunklen Kellern und bereitete die »Revolution« vor, sondern es wurde auch viel gefeiert und gelacht. Deshalb lebten die Leute auch in Wohngemeinschaften zusammen. Diese Art des »Miteinanderumgehens« brachte der Leipziger Szene oft den Vorwurf, »des Aktionismus ohne fundierte inhaltliche Arbeit« ein. Vor allem die Berliner Gruppen, deren Arbeit immer träger und schwerfälliger wurde, konnten mit dieser Frische und Phantasie nichts anfangen. Diese Phantasie wurde in Berlin oft als Naivität gewertet. Vgl. Umweltblätter Nr. 5/1989 S.3ff., vgl. auch das Interview mit Katrin Hattenhauer in: Neues Forum Leipzig, Jetzt oder Nie - Demokratie - Leipziger Herbst 1989, Leipzig 1989, S. 296-301.
12  Fotos vom Olof-Palme-Friedensmarsch in: Norbert Heber/Johannes Lehmann (Hrsg.): Keine Gewalt! Der friedliche Weg zur Demokratie. Eine Chronik in Bildern, Berlin 1991, S. 43.
13  Auch der offizielle Empfang Erich Honeckers in Westdeutschland im September 1987 war für die weitere Entwicklung von großer Bedeutung. Bestätigte er doch die Überzeugung der Gruppen, daß sie nicht auf Hilfe von außen (von offizieller Seite) für ihre Anliegen hoffen konnten. Die Gruppen waren davon überzeugt, sich selber aktiv »einmischen« zu müssen, um in diesem Land »etwas bewegen« zu können.
14  Wolfgang Rüddenklau: Störenfried. DDR-Opposition 1986-1989. Mit Texten aus den »Umweltblättern«, Berlin 1992, S.114ff.
15  Ebd.
16  Vgl. auch den Bericht in den Umweltblättern, Schlacht um Zion, 16/1987, S. 2ff.
17  W.Rüddenklau, [Anm. 14], S. 114ff.
18  Vgl. Dokumentation über Verhaftung und Solidarisierung Januar/Februar 1988 in: Peter Grimm/Reinhard Weißhuhn/Gerd Poppe (Hrsg.): Fußnote, Berlin Mai 1988.
19  Wichtige Veranstaltungen fanden in Leipzig auch außerhalb der Nikolaikirche statt. Der »Mythos Nikolaikirche« als Ort der Revolution entspricht nicht der Wahrheit. So fand eine Grafikauktion Leipziger Künstler, deren Erlös für die Arbeit der Leipziger Gruppen bestimmt war und eine Veranstaltung zum Thema »Sozialer Friedensdienst« in der Reformierten Kirche statt. In der Nikolaikirche undenkbar. Eine Informationsveranstaltung zu den Vorgängen um die Zionskirche in Berlin und eine Veranstaltung zu den Gefahren der Kernenergie fanden in der Michaeliskirche statt. Der »Statt Kirchentag« sowie Konzerte von Stefan Krawczyk und Freya Klier fanden, trotz massiver Einschüchterungsversuche durch die SED-Führung, in der Lukaskirche und der Laurentiuskirche statt. Die ersten Fürbittandachten nach den Verhaftungen im Januar 1989 wurden in der Lukaskirche durchgeführt. Informationsveranstaltungen zur Situation in Rumänien wurden in der Pauluskirche und im Offenen Keller Mockau durchgeführt. Informationsveranstaltungen zum Thema »Kommunalwahlen« und eine Solidaritätsveranstaltung für die Inhaftierten in der CSSR, fanden in der Markusgemeinde statt. Die meisten dieser Veranstaltungen wären in der Nikolaikirche undenkbar gewesen.
20  C.Dietrich, [Anm. 8], S. 558-667.
21  Eine wichtige Gruppe war der Arbeitskreis Gerechtigkeit, der Ende 1987 von Studenten des Theologischen Seminars gegründet wurde. Der AKG baute vielfältige Beziehungen zu oppositionellen Gruppen in Polen, in der CSSR, im Baltikum und zu westlichen Journalisten auf.
22 Dieses Zentrum kam durch die Verschleppungstaktik der Leipziger Kirchenleitung nicht zustande. Vgl. C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4],
S. 481.
23  Auch einige Pfarrer blieben davon nicht verschont. Pfarrer Führer veranstaltete z.B. am 19.02.1988 in der Nikolaikirche einen Gemeindeabend unter dem Motto »Leben und Bleiben in der DDR«, an dem ca. 900 Menschen teilnahmen. Damit wurde zum erstenmal den Ausreiseantragstellern ein großes öffentliches Forum geboten. Gleichzeitig bot Führer das Friedensgebet als Kontaktmöglichkeit für Antragsteller an. Dieses Ansinnen wies Superintendent Magirius während des Friedensgebetes am 22.02.1988 zurück. Er teilte mit, daß Seelsorge für Ausreiseantragsteller nur individuell geschehen könne.
24  Das Flugblatt ist abgedruckt in: Umweltblätter, Pleißegedenkumzug, 8/88, S. 21.
25  U.a. Roland Quester (AG Umweltschutz) und Uwe Schwabe (IGL). Bei der Zuführung wurde Uwe Schwabe ein Brief mit der Einladung zum Umzug vorgelegt. Unklar ist, ob der Brief abgefangen oder vom Adressaten abgegeben wurde. Der Adressat war ein Abonnent der Zeitschrift »Streiflichter«, die von der AGU herausgegeben wurde.
26  In einer Information des Stellvertreters des Oberbürgermeisters an den Rat des Bezirkes vom 1.8.1988 hieß  es dazu: »In Übereinstimmung mit den beiden Superintendenten wurden weitere Versuche der öffentlichen Propagierung der Veranstaltung verhindert...«, vgl. C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4], S. 178. Der Stellvertreter des Superintendenten, Pfarrer Wugk, besuchte Uwe Schwabe sogar auf der Arbeit und bat ihn darum, die Veranstaltung unbedingt abzusagen und die Eingeladenen wieder auszuladen (wahrscheinlich eine Forderung des MfS, da diese bei der Vernehmung nichts erreicht hatten).
27  Bericht zum Ablauf des »Pleißegedenkumzuges« in: Umweltblätter [Anm. 24], S. 21-24. 1989 wurde versucht diese Aktion zu wiederholen. Diesmal schaltete sich die Kirchenleitung mit ein und versuchte den Ablauf nach ihren Vorstellungen zu beeinflussen. Zur Organisation wurde deshalb extra ein Arbeitskreis Weltumwelttag ins Leben gerufen. Im Vorfeld gab es um den Pleißemarsch Streit zwischen dem harten Kern der Basisgruppenmitglieder und denen, die einen Pilgerweg durchführen wollten. Nachdem keine Einigung erzielt werden konnte, zogen sich die, die eine Demonstration wollten, von der Vorbereitung zurück. Der Pilgerweg wurde nicht genehmigt und der Versuch ihn doch durchzuführen von der Polizei, durch zahlreiche Zuführungen und Ordnungsstrafen, verhindert. Bericht in: Umweltblätter, Pleißegedenkmarsch, 16/1989, S. 9 und Streiflichter, 10.07.1989, S. 13-14.
28  Wenn auch viele Journalisten Leipzig, als einen wichtigen Ort für die Entwicklung der Opposition, nicht wahrnahmen oder nicht wahrnehmen wollten. Zum Beispiel wurden Journalisten zum Pleißegedenkumzug und dem Straßenmusikfestival 1989 eingeladen, aber niemand ließ sich blicken.
29  Die Stellungnahme vom 03.06.1988 wurde an den Kirchenvorstand von St.Nikolai und den Bezirkssynodalausschuß geschickt, vgl. C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4], S. 171.
30  Aus: »Position zum Friedensgebet in der Nikolaikirche«. - Die Erklärung wurde an die Gruppen im Bezirkssynodalausschuß geschickt; vgl. C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4], S. 175.
31  Leserbrief zu den Friedensgebeten aus dem Mitteilungsblatt der Leipziger Basisgruppen: Kontakte, Mai 1988, S. 5.
32  »Wir brauchen Offenheit und Demokratie wie die Luft zum Atmen. M. Gorbatschow«, »Neues Denken auch nach innen« und »Hoch Lenin! B.B.«
33  Vgl. C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4], S. 178.
34  Ebd. S. 181, am 26.01.1992 begründete Magirius in einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt seine Entscheidung mit den Worten: »... er wollte nicht, daß das Friedensgebet zu einem Politforum wird«.
35  C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4], S. 181.
36  Die Protesterklärung wurde im Anschluß von ca. 200 Friedensgebetsbesucher unterzeichnet.
37  C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4], S. 184.
38  Protokoll in Ebd., S. 185.
39  Ebd., S. 190.
40  Gleichzeitig mit dem Brief wird auch die Dokumentation des Gesprächs vom 19.02.1988 zwischen Bischof Leich und Dr. Jarowinsky verteilt. (Jarowinsky war ZK-Sekretär und auch zuständig für Kirchenfragen).
41  C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4], S. 193.
42  Ein Beitrag davon wurde in der ZDF Heute-Sendung am Abend gesendet.
43  Archiv Bürgerbewegung, Hefter 1.
44  Text dazu in: C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4], S. 222; Foto in: B.Lindner/K.Teichmann/M.Leyh/U.Schwabe/A.Stuth [Anm. 2], S. 52.
45  Siehe auch Interview in: Leipziger Blätter, Leipzig 1994 S. 6-7.
46  Die Beschwerde abgedruckt in: C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4],
S. 252.
47  Die Initiative war ein loser Zusammenschluß von Mitgliedern verschiedener Gruppen.
48  Stellungnahme von Pfarrer Führer in: C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4], S. 232.
49  Ebd. S. 249.
50  Ebd. S. 251.
51  Ebd. Protokoll der Sitzung, S. 280.
52  Bericht in den Umweltblättern, DDR-weite Proteste gegen Verbot des Sputnik, 11/1988, S. 4.
53  Text des Flugblattes in: Horch und Guck, Heft 20, Berlin 1997, S. 13.
54  Vgl. Uwe Schwabe, HAFT!, in: Horch und Guck, Heft 20, Berlin 1997, S. 12-15.
55  IM »Helmut« alias Ulli Rühr.
56  Die Erklärung ist abgedruckt in C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4],
S. 267.
57  C.Dietrich [Anm. 8], S. 558-667.
58  Siehe den Beitrag von Tobias Hollitzer in: Zu Fuß durch Leipzig, Forum Verlag, Leipzig 1996, S.111-127.
59  C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4], S. 313.
60  Ebd., S. 317.
61  BSTU Leipzig AB 3838, MfS 41b.
62  BSTU ZAIG 4594, 71.
63  Protokoll der Sondersitzung, Archiv der Nikolaigemeinde Leipzig.
64  Protokoll in C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4], S. 330.
65  Ein Organisator sagte auf die Frage »seines« Stasi-Vernehmers: »wie den der Tag weiter ablaufen soll«, daß das Festival am Abend im Clara-Zetkin-Park fortgeführt wird. Der Park wurde daraufhin weiträumig abgesperrt, was bei dessen Größe eine Herausforderung an die Sicherheitskräfte darstellte.
66  Jochen Läßig/ Uwe Schwabe/ Cornelia Fromme/ Stefan Walter/ Frank Sellentin/ Katrin Hattenhauer/ Gesine Oltmanns: Dokumentation vom Straßenmusikfestival im Leipziger Stadt-Zentrum, Berichte, Fotos vom 10. Juni 1989, Leipzig 1989, Bericht in den Umweltblättern, Berlin Mai 1989, S. 9ff.; und Steffen Lieberwirth, Wer eynen spielmann zu tode schlaegt... Ein mittelalterliches Zeitdokument anno 1989, Leipzig 1990.
67  Vgl. Dietrich Christian: Die Kirche zwischen offiziellem und inoffiziellem Bereich der Gesellschaft. Eine lokale Studie am Beispiel Leipzig 1988/89, Naumburg 1991, S. 3.
68  Die »Staatsführung« benutzte die Kirche schon lange als Kanalisationspunkt für Protest und Widerstand, auf diese Weise hatte man  die »Widerständler/innen« auf bestimmte Punkte konzentriert und so besser unter Kontrolle. Dafür nutzte das MfS auch die vielen IMs im Umfeld der Kirchen. Dies erklärt auch die Nervosität der Staatsführung, als verschiedene Gruppen die engen Kirchenmauern durchbrachen und z.B. in Leipzig den Nikolaikirchhof als Versammlungsort nutzten.
69  Aktennotiz über die Beratung des »Kleinen Kollektives« am 31.10.1988 zu den Themen: Friedensdekade und Vorbereitung Kirchentag, Archiv Polizeipräsidium Leipzig [siehe Anm. 67].
70  Foto von der Demonstration in: Norbert Heber/Johannes Lehmann [Anm. 12], S. 14-18.
71  Archiv des Polizeipräsidiums Leipzig - VPKA 11449, 12388, 12389, 12390, 12405.
72  Protokoll des Gespräches zwischen dem Oberbürgermeister Leipzigs und dem KV der Nikolaikirche in C.Dietrich/Uwe Schwabe
[Anm. 4], S. 380.
73  Die Berichte liegen im Archiv Bürgerbewegung Leipzig, Hefter 1.
74  Ebd.
75  Der Inoffizielle Mitarbeiter des MfS, Wolfgang Schnur, versuchte immer wieder die Mitarbeiter der Koordinierungsgruppe einzuschüchtern, in dem er u.a. sagte: »In der Untersuchungshaftanstalt in der Beethovenstraße werden die Zellen schon mit Doppelstockbetten belegt, damit mehr Leute untergebracht werden können.«
76  Ein Mitarbeiter der Koordinierungsgruppe, siehe auch Interview in: Leipziger Blätter, Leipzig 1994.
77  Fotos in: Wolfgang Schneider: Leipziger Demotagebuch, Leipzig und Weimar 1990, S. 41.
78  Text des Friedensgebetes in: C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4], 
S. 405 und: Dona nobis pacem. Fürbitten und Friedensgebete Herbst’89 in Leipzig, Leipzig 1996, S. 25-29.
79  Walter Jahn: Du bist wie Gift. Erinnerungen eines Vaters. Hrsg. vom Landesbeauftragten des Freistaates Thüringen für die MfS-Unterlagen, Erfurt 1996.
80  Leipziger Volkszeitung vom 6.10.1989, S. 2.
81  Vgl. Minderheitenvotum von Arnold, Michael und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen zum Schlußbericht des Sonderausschußes zur Untersuchung von Amts- und Machtmißbrauch infolge der SED-Herrschaft, Dresden Juni 1994; Ekkehard Kuhn: Der Tag der Entscheidung. Leipzig, 9. Oktober 1989. Berlin, Frankfurt/Main 1992, S. 55-65, Berlin 1992; vgl. Neues Forum Leipzig [Anm. 11] S. 66-69.
82  Die Bezirkseinsatzleitungen setzen sich wie folgt zusammen: 1. der 1. Sekretär der Bezirksleitungen der SED in der Funktion als Vorsitzender der BEL, 2. der 2. Sekretär der Bezirksleitungen der SED als Stellvertreter des Vorsitzenden im Amt, 3. der Chef des Wehrbezirkskommandos der NVA als Stellvertreter des Vorsitzenden, 4. der Leiter der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit, 5. der Chef der Bezirksbehörde der Deutschen Volkspolizei, 6. der Vorsitzende des Rates des Bezirkes der Bezirksleitung der SED in der Funktion als Sekretär der Bezirkseinsatzleitung. Die Aufgabe der Bezirkseinsatzleitung bestand darin, zu Friedens- und Krisenzeiten den Machterhalt der SED zu sichern. Eine Form der zur Verfügung stehenden Maßnahmen war die »Internierung«.
Zuständig für die »Internierung« war entsprechend der Beschlußvorlage des Nationalen Verteidigungsrates das Ministerium des Innern. Zu diesem Zweck wurden seit 1969 Listen aller »gefährlicher bzw. unzuverlässigen« Personen geführt, die im Spannungsfall sofort zu »internieren« sind. Diese Listen wurden ständig aktualisiert. Vor allem in den 80er Jahren verlagerten sich die Orientierungen der Bezirkseinsatzleitungen verstärkt auf die »Überwindung innerer Spannungsperioden«. Alle Diensteinheiten der Bezirksverwaltung erhielten den Auftrag, im April 1989 sowie im August 1989 die spezifisch-operativen Maßnahmen zu aktualisieren. Dies bedeutete »monatlich bis zum 25. die Vervollkommnung und Aktualisierung der Erfassung aller feindlich-negativen Personen ...« (siehe Minderheitenvotum Arnold [Anm. 80], Beschluß Nr. 12/78). Die Unterbringung sollte in sogenannten »Internierungslagern« erfolgen für die in Leipzig u.a. die Pferdeställe auf dem Agra-Gelände vorbereitet waren.
83  Protokoll der 78. Sitzung des Nationalen Verteidigungsrates vom 16. Juni 1989 - Zwischenarchiv Potsdam VA-01/39539.
84  Archiv des Polizeipräsidium Leipzig [siehe Anm. 71]. In dieser Zeit wurden in Gemeinden und Kirchen bei Veranstaltungen, Friedensgebeten und Fürbittgottesdiensten auch die neuen Organisationen und Parteien vorgestellt und Mitglieder geworben. Gleichzeitig wurden die kirchlichen Informationsstrukturen wie z.B. Schaukästen, Informationstafeln und Telefone genutzt um auf Aktionen hinzuweisen. Sehr wichtig waren hierbei auch die Vervielfältigungsmöglichkeiten, die in Kirchenräumen vorhanden waren. Erste Flugblätter und Erklärungen wurden in der Anfangszeit zum größten Teil dort gedruckt.
85  C.Dietrich/U.Schwabe [Anm. 4], S. 453-462; B.Lindner/K.Teichmann/M.Leyh/U.Schwabe/A.Stuth [Anm. 2]; Hans-Jürgen Sievers: Stundenbuch einer deutschen Revolution, S. 68-69, Vandenhoeck & Ruprecht 1990; Ekkehard Kuhn [Anm. 81]; Neues Forum Leipzig [Anm. 11].
86  Archiv des Polizeipräsidiums Leipzig [siehe Anm. 71].
87  Motschützen.
88  Archiv des Polizeipräsidiums Leipzig [siehe Anm. 71].
89  Schützenpanzerwagen.
90  Volkspolizeibereitschaft.
91  Vgl. auch das Interview mit fünf ehemaligen Bereitschaftspolizisten in: Neues Forum Leipzig [Anm. 11] S. 92-93.
92  Nr.466 vom 10.10.1989. Archiv des Polizeipräsidiums Leipzig
[siehe Anm. 71].
93  Parteiinformation der BDVP vom 10.10.1989, Archiv Polizeipräsidium Leipzig [siehe Anm. 71].
94  Ausführliche Auswertung zu den Demonstrationen, Kundgebungen usw. in: Uwe Schwabe »Wir waren doch das Volk«, in: Eberhard Kuhrt/Gunter Holzweißig/Hannsjörg Buck: Am Ende des realen Sozialismus (3), Opposition in der DDR von den 70er Jahren bis zum Zusammenbruch der SED-Herrschaft, Bonn 1998.

Uwe Schwabe, geboren 1962, Mitarbeiter bei der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland/Zeitgeschichtliches Forum Leipzig, im Vorstand des Archivs Bürgerbewegung Leipzig e.V.<//font>

 

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