Heft 24/1998 | mecklenburg-vorpommern | Seite 56 - 57

Jaroslav Hutka

WER IST EIN TERRORIST?

Ein Feuilleton zum Nikolaustag

Wenn Petr Uhl das kleine Paulchen nicht hätte, und seit drei Monaten Tag und Nacht uniformierte Polizisten vor der Tür, wäre ich nicht Engel geworden. Im Westen hatte sich die Pest des Terrorismus verbreitet und unsere Polizei hat vor die Tür des immer freundlichen Petr Uhl eine Schutzwache aufgestellt. In seine Arbeitsstelle sowie auf dem Heimweg wird er von Zivilisten begleitet, und auf Dienstreisen fahren sie immer im Auto hinter ihm her. Und das alles, weil er Marxsche Revolutionsanschauungen ernstnimmt. Aber das ist doch bei uns erlaubt, oder? Obwohl, immerhin, einige Jahre lang hatte er dafür eingesessen. Einmal möchte ich ihn gerne fragen, wie es kommt, daß, wenn eine Revolution die vorherige Ordnung abmurkst, sie nicht imstande ist, die Leiche zu beseitigen. Und warum erst dann eine Revolution ausbricht, wenn die vorherige Ordnung schon so schwach auf den Beinen ist, daß es vielleicht genügen würde, ihr nur vernünftig zuzureden. Er wird mir sicherlich eine ehrliche Antwort geben und jeder von uns beiden wird anschließend bei der eigenen Meinung bleiben - und wir bleiben dann weiterhin Freunde. Er ist nicht rechthaberisch, sorgsam achtet er die Kraft der Argumente und den Segen der Toleranz. Ich kann mir nicht vorstellen, daß dieser freidenkende Mensch so sehr das Leben eines Anderen mißachten würde, sodaß er nicht zögern würde, jemanden zu töten oder wegen der Durchsetzung seiner eigenen Idee jemanden zu erpressen.
Aber nun zum Terrorismus. Es ist eine moderne, auf einem romantischen Küchenherd aufgebrühte Krankheit, wo man glaubt, daß es erlaubt sei, den eigenen Willen auf eine beliebige Weise durchzusetzen und dies keine Gaunerei sei. Irgendein Nächster springt mir in den Weg, preßt mir die Pistole gegen den Bauch und sagt, wenn ihm jemand gänzlich anderer keinen Kies oder irgendwas anderes gebe, würde er mich erschießen. Und ich bete nur, daß dieser andere soviel Verantwortung besitzt und ihm den Kies gibt, denn ich kann ja nichts dafür, ich bin hier rein zufällig nur entlanggekommen.
Ein Terrorist ist ein feiger Schmarotzer an Unschuld und Wehrlosigkeit. Ob das Reisende in einem Flugzeug oder Bus sind, Besucher eines Kaufhauses oder einfache Fußgänger - sie werden überfallen, eventuell getötet, und die Verantwortung wird auf verantwortliche Menschen abgewälzt. Zur Entstehung des Terrorismus‘ ist eine wehrlose Geisel nötig, jemand, der für sie Verantwortung empfindet, und ein zu allem fähiger Unmensch. Auf diesen Gedanken wurde ich in der Bartolomejská-Straße gebracht, als man mich fragte, ob ich Kinder hätte. Ich habe einen Sohn, der die erste Klasse besucht. Und so mußte ich mir Vorhaltungen anhören, daß ich ihm das Leben verderben werde, daß er auf keine Schule und zu keinem anständigen Beruf kommen werde. Und darüber habe ich zu entscheiden? Angeblich ja. Mit meinem Standpunkt und meinen Ansichten. Aber mein Sohn geht in Paris in die erste Klasse! So hörte man auf darüber zu reden. Leider hat nicht jeder Vater dieses »Glück«, und es ist bekannt, wohin sich die Waagschale zu neigen pflegt, wenn irgendjemand das Schicksal deines Kindes auf eine Waagschale setzt und dein Gewissen auf die andere. Ein Terrorist ist ein Schmarotzer an etwas, was uns wichtig ist. Und so kann auch dein Interesse, dein Beruf, deine Bildung und dein Wohnrecht zu einer Geisel werden. Das alles läßt sich vereinnahmen und damit erpressen.
Am 5. Dezember waren in Alt-Prag viele Nikoläuse, Teufel und Engel zu sehen. Auch wir sind losgegangen. Pavel Kohout ging als Nikolaus, Pavel Landovský als Teufel und ich war der Engel. Kohout hatte als ein stets pünktlicher und verantwortungsbewußter Mensch mit dem Anziehen seines Kostüms gleichsam seine Seele verwandelt und begann, alle Menschen mit »mein Sohn« anzusprechen. Ich hielt eine Pfauenfeder in der Hand und pfiff auf einer kleinen Flöte himmlische Melodien, und der Schauspieler Landovský rasselte mit den Ketten und blubberte: »Wo sind denn die Kinder?«
Im Neubaugebiet Prosek kamen wir in der Dunkelheit an. Eine Weile irrten wir zwischen den Plattenbau-Ungeheuern umher, in denen sich das Leben so abspielt, daß morgens der Bus alle Einwohner verschlingt und am Abend an der gleichen Stelle alle wieder ausspuckt. Es sind Wohnsilos ohne Theater, Kirchen, Cafés, enge Gassen, Auslagen, Handwerker; ohne menschliche Ecken, wo ein Kind mikroskopisch und natürlich das Menschenleben, sein Funktionieren und seine Anmut sowie seine Einmaligkeit beobachten könnte. Alles ist typisiert und verallgemeinert. Eine unpersönliche Welt, wo es passieren kann, daß das Leben eines Einzelnen übersehen wird und zu einem bloßen Zweck, einer Arbeitskraft oder zu einem schreitenden Portemonnaie in finsterer Nacht zusammenschrumpft. So könnte es womöglich für immer funktionieren, wenn es Kinder nicht gäbe, die geboren werden, aufwachsen, für die wir Verantwortung empfinden und für die es so sehr wichtig ist, wo sie aufwachsen.
Gleich nachdem wir aus dem Auto ausgestiegen waren, standen an die dreihundert unter unsagbarem Gejohle um uns herum. »Guck mal, dem Engel gucken die Jeans heraus.« »Ej, Alter, der Engel fetzt am meisten, der hat ‘ne lange Matte.« Über die Köpfe der Kinder hinweg schaute ich mich in dieser Öde um. Was tun sie hier den ganzen Tag lang? Wie ist es möglich, daß innerhalb eines einzigen Augenblicks eine solche Menge überhaupt zusammenlaufen kann? Heute ist hier der Altersdurchschnitt zehn Jahre. In zehn Jahren sind es zwanzig. Haben die Soziologen nachgedacht, was passiert, noch bevor der Investor das Geld für diese Bauten zur Verfügung stellte? Haben sie aus der Geschichte der großen amerikanischen Städte und der Entstehung jugendlicher Gangs an ihren Peripherien irgendeine Lehre gezogen? Die Väter wurden hier untergebracht und fühlen Verantwortung für ihre Kinder. Für die Kinder ist es schon ein Zuhause. Werden sie für dieses Zuhause Verantwortung den Vätern gegenüber empfinden? Wer bringt es ihnen bei? Inzwischen zupfen sie an meinen papierenen Flügeln und jaulen begeistert, als wir in Würde zu einem der Plattenhaufen schreiten, wo im siebten Stock die kleine Monika Ledererová wohnt. Ihr Vater ist schon zum dritten Mal während ihres Lebens im Gefängnis. Dafür, daß er ein Buch schreiben wollte.
Einige Väter und Mütter hielten uns an - sie hätten auch Kinder - und wollten uns einen Hunderter geben, wenn wir bei ihnen vorbeikämen. Anstatt sich selber einen Bart anzukleben, wollten sie lieber einen Hunderter bezahlen. Wir stiegen langsam in den siebten Stock empor, ich pfiff auf der Flöte und die bartlosen Geldbörsen blieben mit Neid und einem Hunderter in der Hand in den einzelnen Stockwerken zurück.
Monika ist ein bildhübsches Mädchen. Herr Nikolaus stellte fest, daß sie sehr gut in der Schule ist und so bekam sie Geschenke. Einige hundert Kinder schrien unter den Fenstern. Wir traten auf den Balkon hinaus. Begeisterter Kinderjubel hallte über Prosek, nur der Nikolaus sagte zwischen den einzelnen Segenszeichen etwas traurig: »Wenn sie nur wüßten, wem sie hier zuwinken.« Die Kinder, wie schon so oft, wußten von nichts. Ich winkte mit der Pfauenfeder und dachte über die Geiselnahme, den Terrorismus, die Unschuld und die Verantwortung nach, und auch darüber, wie man das Leben meistern soll, um jenes in der Seele zu haben, was ich heute angezogen habe.
Unterwegs hatte das Auto eine Panne. Im Engelskostüm mußte ich unter das Auto kriechen und einen Gummischlauch auswechseln. Der Nikolaus hustete etwas erkältet und trat von einem Bein aufs andere. Einige Autos hielten an. Nicht weil sie einem Engel helfen wollten, sondern weil sie Kinder zu Hause hatten und einen Hunderter ausgeben wollten. Sie sind einfach nicht imstande, das Glücksgefühl eines Kindes und das eigene Gewissen auf der Waagschale auszuwiegen. Sie besitzen nur diesen Hunderter, der ihnen für das Umkippen der Waagschale zukam.
Wir fuhren weiter, zu den Uhls. Wir traten ins Haus. In den vierten Stock fuhren wir stillos mit dem Fahrstuhl hinauf. Als wir die Fahrstuhltür aufmachten, fing es zu blitzen an. Die Staatssicherheit hatte im Treppenhaus einen Fotografen aufgestellt. Vor der Wohnungstür standen zwei Zweimeter-Uniformen mit braunen Augen. Der Teufel wollte klingeln. Der Polizist verdeckte die Klingel mit seinem Körper und meinte: »Zeigen Sie zuerst Ihren Personalausweis!« »Wozu? So ein Gesetz kenne ich nicht. Wir sind da, um für die Kinder den Nikolaus zu spielen!« wurde der Teufel wütend. »Den Personalausweis«! sagte unnachgiebig das einfarbige Kostüm zu uns Vielfarbigen. Der Fotograf auf der Treppe blitzte wie vor einem Gewitter. Ich pfiff auf der Flöte himmlische Melodien und vermied die teuflischen Intervalle. Peters Frau hörte den Lärm im Gang und machte die Tür auf, im Arm das kleine Paulchen. Der zweijährige Junge fing zu weinen an. Der Vater Petr Uhl war aber nicht zu Hause. Wen bewacht man denn hier überhaupt? Mich schauderte. Den ganzen heutigen Tag mußte ich noch daran denken.
Als die Polizei beschlossen hatte, das Zuhause des Paulchen zu bewachen, ordnete sie an, daß nicht mehr als drei Personen in die Wohnung hineindürfen. Wir waren drei, so daß andere drei für die Zeit der Bescherung hinaus mußten. »Aber ich stille gerade mein Kind!« sagte eine junge Frau und knöpfte sich ihre Bluse zu. Das braunäugige Gesetz im grünen Tuch war unnachgiebig. Vor der Wohnungstür war es eng geworden und wir gingen hinein. Auf dem Sofa lag ein ganz kleines Kind, und Hanka setzte sich mit Paulchen daneben - und beide waren untröstlich. Der Teufel nahm schließlich seine Maske ab: »Paulchen, ich bin kein Teufel, das ist doch nur Spaß«, aber das Kind weinte weiter. Mit seinem Gefühl spürte es die Anwesenheit des Satans. Völlig engels-unartig zündete ich mir eine Zigarette an und ging ins Bad, um mir die Hände zu waschen. Es fiel mir ein, daß nach dem Alten Testament auch ein Engel Recht auf Haß hätte. Nur der Nikolaus fiel nicht aus der Rolle, beruhigte das Paulchen und gab ihm Geschenke. Inzwischen kamen von unten noch einige weitere Wesen mit einem Dienstauftrag an: »Was ist denn das hier für ein Theater?« Den volkstümlichen Traditionsbrauch hatten sie auf ihre Weise aufgefaßt. Aber keiner der sich drängenden Unschuldigen auf dem Gang verspürte das Bedürfnis, ihnen zu antworten. Man brauchte sich nur umzusehen.
Ein Terrorist ist ein Schmarotzer an dem, was unserem Leben Sinn gibt. An der Unschuld, an der Wehrlosigkeit und an der Freiheit.

10. Dezember 1977

Jaroslav Hutka, geboren 1947, Liedermacher, lebt in Prag. - Unterzeichner der Charta 77. 1978 Ausreise in die Niederlande, Rückkehr im November 1989. - Prägende Persönlichkeit des tschechischen Folks der 70er Jahre. Etwa 200 Bearbeitungen mährischer Volkslieder und Autor von 200 Liedern des eigenen Schaffens. Autor mehrer Bücher; außerdem verschiedene Publikationen in Zeitschriften, besonders auch für Kinder.

 

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