Heft 24/1998 | mecklenburg-vorpommern | Seite 85 - 86

Redaktion

Rahel von Saß:"Der Greifswalder Weg"

Die von Rahel von Saß vorgelegte Studie versteht sich als ein Beitrag zur Aufarbeitung der jüngsten Kirchengeschichte der DDR. Die Evangelische Landeskirche Greifswald (ELKG) - die heutige Pommersche Evangelische Kirche - war eine von acht protestantischen Kirchen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, von denen jede ihren eigenen Weg zwischen Anpassung und Verweigerung beschritt. Der Weg der Greifswalder Kirche wurde in der Zeit der »Wende« jedoch so stark wie kaum ein anderer hinterfragt. Äußerer Anlaß war die Domeinweihung in Greifswald im Juni 1989, die unter Anwesenheit Honeckers und bei weitgehender Abwesenheit der Bischöfe der DDR stattgefunden hatte. Die Wiedereinweihung des Greifswalder Doms ist jedoch nur der Schlußpunkt einer längeren innerkirchlichen Entwicklung. 
Von Saß geht mit ihrer Studie über den bisher üblichen Rahmen von »Aufarbeitung« hinaus, in dem Kirchenpolitik oftmals auf die Frage nach konspirativen Kontakten zum Ministerium für Staatssicherheit begrenzt wurde. Zwar kommt auch sie anhand umfangreichen Quellenmaterials aus der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR zu dem Schluß, daß die Kontakte zum MfS die Schlüsselstelle für die nachfolgende starke Vereinnahmung kirchenleitender Amtsträger und infolge daher sehr nachteilig für die Greifswalder Landeskirche gewesen sind, sie ordnet diese Kontakte jedoch in einen größeren kirchenpolitischen Kontext ein. Bisher kaum beachtet, untersuchte die Autorin auch die kirchenpolitische Rolle des Rates des Bezirks Rostock, des Staatssekretariats für Kirchenfragen und der SED-Bezirksleitung sowie der Arbeitsgruppe Kirchenfragen beim ZK der SED und sah die entsprechenden Quellen im Landesarchiv Greifswald (Bestand des Rates des Bezirks Rostock und der Bezirksleitung der SED in Rostock) sowie im Bundesarchiv Berlin (Staatssekretariat für Kirchenfragen, Arbeitsgruppe Kirchenfragen beim ZK der SED) ein. Auch das Landeskirchliche Archiv der Pommerschen Evangelischen Kirche wurde mit einbezogen. Weiterhin wurden Dokumente aus Privatbesitz genutzt. Von besonderem Interesse sind die zahlreichen Gespräche mit Zeitzeugen, die von Saß geführt hat.
Die Studie über den »Greifswalder Weg« setzt die Ziele und Methoden von Staat und Kirche in einem regional überschaubaren Bereich in einen Zusammenhang. Zu den Feldern der landeskirchlichen Arbeit, die genauer betrachtet werden, gehören u.a. die staatlichen Versuche, Einfluß auf die kirchlichen Leitungsstrukturen zu gewinnen, aber auch die Vorbereitung und Durchführung der Kirchentage 1985 und 1988, die Jugend- und Studentenarbeit, die Entwicklung basisdemokratischer Friedens- und Umwelt-Gruppen und die Wiedereinweihung des Greifswalder Doms. Von Saß untersucht, wo im kirchlichen wie im staatlichen Bereich Kirchenpolitik angesiedelt war, von welchen innen- und außenpolitischen Bedingungen sie abhing und welche Tendenzen sich im Laufe der achtziger Jahre abzeichneten. Dabei legt Autorin Wert auf eine detaillierte Darstellung der Beziehungen zwischen dem Bezirk Rostock und der Greifswalder Kirche, um die Vielzahl der kleinen Schritte, durch die die Kirchenpolitik auf den unteren Ebenen gekennzeichnet war, deutlich zu machen. Die Methoden der Landeskirche Greifswald, mit der diese ihre Existenz gegenüber den staatlichen Stellen zu sichern versuchte, waren demnach vielfältig. Dazu gehörten die von außen nicht mehr nachzuvollziehende Begrenzung kirchenpolitischer Kontakte zu den staatlichen Stellen auf wenige leitende Amtsträger ebenso wie die Begrenzung kirchenpolitischer Interessen auf einen lokalen Bereich und dadurch die zeitweilige Abkoppelung von Interessen des Kirchenbundes. Auch die Hierarchisierung innerhalb der Landeskirche und eine Verlagerung kirchenpolitischer Entscheidungen von der Kirchenleitung auf das Konsistorium waren wichtige innerkirchliche Entwicklungen. Das zentrale Instrument zur (vermeintlichen) Durchsetzung kirchenpolitischer Interessen der Landeskirche Greifswald war das Gespräch mit staatlichen Funktionären, vor allem mit Vertretern der SED und des MfS. In den Kirchen der DDR waren diese Gespräche nicht üblich, in Teilen der Greifswalder Kirchenführung wurden sie jedoch sehr weit ausgebaut und ermöglichten - dies belegen die eingesehen staatlichen Quellen sehr deutlich - eine starke Transparenz innerkirchlicher Vorgänge sowie eine nachfolgende weitgehende staatliche Einflußnahme auf das Geschehen innerhalb der Greifswalder Kirche. Dies zeigt sich insbesondere anhand der Kirchentage 1985 und 1988 sowie anhand der Jugend- bzw. Studentenarbeit der ELKG. Insgesamt waren die kirchenpolitischen Instrumente des Bezirks Rostock denen der Greifswalder Kirche weit überlegen. Instrumentalisierung, Differenzierung und Zersetzung waren Instrumente, die nicht nur durch den Staatssicherheitsdienst angewendet wurden. Zum einen arbeiteten die Funktionäre der staatlichen Seite und der SED eng zusammen und verfügten dadurch über ein dichtes Informationsnetz. Zum anderen waren die staatlichen Instrumente und Informationsketten über Jahrzehnte mit dem Ziel herausgebildet worden, die Kontrolle über die Kirche zu erlangen. Ein vergleichbares System bestand seitens der Kirche nicht. Drittens waren die kirchenpolitischen Ziele der Landeskirche und der SED vollkommen verschieden. Die Landeskirche wollte die Stabilisierung der Kontakte zur Sicherung mehr oder weniger existenzieller Fragen erreichen, während die SED mit Hilfe des Rates des Bezirks und des Staatssicherheitsdienstes versuchte, die Landeskirche Greifswald unter ihre Kontrolle zu bringen. Dies ist Staat und Partei teilweise gelungen.
Verbarg sich hinter dem »Greifswalder Weg« aber nicht auch der Versuch, den schwierigen Stand der Kirche in einem atheistischen Staat zu sichern? Eine vermeintliche Notwendigkeit des sogenannten guten »Staat-Kirche-Verhältnisses« oder gar positive Auswirkungen auf das kirchliche Leben, wie nach der »Wende« immer wieder zu hören war, kann die Autorin nicht bestätigen. Sie kommt anhand der eingesehenen Quellen zu dem Schluß, daß der »Greifswalder Weg« für die Landeskirche verhängnisvolle Auswirkungen hatte. Zwar wurden in Bereichen wie Baufragen oder bei der Durchführung von großen Veranstaltungen auch Erfolge erzielt, jedoch nie in zentralen Fragen. Statt dessen wurde der Druck auf die Kirchenführung, selbst kleine Zugeständnisse staatlicherseits als Erfolg zu betrachten und öffentlich so auszulegen, immer größer. Dies führte zu einer zunehmenden Spaltung innerhalb der Landeskirche - zwischen kirchlichen Mitarbeitern ebenso wie zwischen der Kirchenbasis und Teilen der Kirchenführung. Die Studie zum »Greifswalder Weg« will einen neuen Anfang in einer Diskussion um Aufarbeitung der Geschichte dieser Landeskirche setzen. Dafür stellt sie die notwendigen differenzierenden Informationen zur Verfügung, denn Aufarbeitung und Vergangenheitsbewältigung sind immer Umschreibungen für einen Prozeß des Meinungsaustauschs und der Annäherung an die komplexe Geschichte religiösen Lebens in der DDR.

Rahel von Saß, Der »Greifswalder Weg«. Die Evangelische Landeskirche Greifswald und die DDR-Kirchenpolitik 1980 bis 1989, hg. vom Landesbeauftragten für Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Jägerweg 2, 19053 Schwerin, in Zusammenarbeit mit dem »Verein für Regional- und Zeitgeschichte e.V. Schwerin«, Schwerin 1998 (Schutzgebühr 10,-DM).

 

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