Heft 25/1999 | thüringen | Seite 46 - 51

Ilko-Sascha Kowalczuk

Kommunistische Diktatur, Legitimation und parteiliche Historiographie: Anmerkungen zum Versuch, die SED-Diktatur historisch zu legitimieren

Nicht erst seit der Debatte um das »Schwarzbuch des Kommunismus’«1 steht die Frage nach der Legitimität der kommunistischen Diktaturen im Zentrum politischer und wissenschaftlicher Diskussionen. Dabei sind in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sehr unterschiedliche Meinungen artikuliert worden. Nur die Kommunisten selbst waren und sind der Ansicht, daß ihre Staatsform durch einen wie auch immer gearteten Willen einer Bevölkerungsmehrheit legitimiert gewesen sei. Diese Ansicht speist sich aus der »wissenschaftlichen Erkenntnis«, wonach die Geschichte gesetzmäßig verlaufe und der Sozialismus/Kommunismus zwangsläufig am Ende der Geschichtsspirale stehe. Insofern – und hier treffen sich Kommunisten und deren Kritiker – beansprucht die Geschichte als Legitimationsinstanz einen besonders herausgehobenen Stellenwert im leninistischen Weltbild.
In den folgenden Ausführungen geht es um zwei in diesem Zusammenhang zentrale Fragestellungen. Erstens werden einige prinzipielle legitimatorische Probleme der kommunistischen Diktatur diskutiert. Zweitens, daran anschließend, geht es um die kommunistische Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft. Der Beitrag basiert auf einem größeren, bereits vor längerer Zeit abgeschlossenen Forschungsprojekt.2

Legitimation als Grundproblem der kommunistischen Diktatur
Im Jahre 1788, ein Jahr vor der Französischen Revolution, erließ der französische König im Kampf gegen die Einberufung einer Nationalversammlung eine Deklaration, die die Macht der Krone bestätigen sollte. Darin hieß es, »daß allein dem König die souveräne Gewalt in seinem Reich zukommt; – daß die Ausübung der Macht allein vor Gott zu verantworten ist; – daß nur die gegenseitige Verpflichtung des Königs und seiner Untertanen das Fortbestehen dieser Verbindung sichern kann; - daß es im Interesse der Nation liegt, daß die Rechte ihres Führers auf keine Weise beschnitten werden; – daß der König der oberste Herrscher der Nation ist und mit ihr eins; – schließlich, daß die Macht der Gesetzgebung einzig und ungeteilt bei der Person des Souveräns liegt.«3 Die vom französischen König einprägsam formulierten Kernsätze monarchischer Herrschaftslegitimation unterscheiden sich prinzipiell von jenen Rechtfertigungsmustern, die die Vertreter der demokratischen Herrschaftsform vorbringen. »Die Fiktion demokratischer Legitimität beruht ... darauf, daß das Volk als Träger bestimmter kultureller Werte fungiert, die in ihrer Gesamtheit eine grundsätzlich von allen akzeptierte gesellschaftliche und staatliche Ordnung ermöglichen.«4 Demokratie ist dabei nicht nur als Systembeschreibung oder als Herrschaftsform zu begreifen, sondern zudem als ein Verhaltensprinzip.5
Die Ausführungen des französischen Königs stehen nicht zufällig am Beginn dieses Abschnittes. Denn so sehr sie auch im Gegensatz zur Demokratie stehen, so sehr ähneln sie einigen Herrschaftsprinzipien kommunistischer Diktaturen. Es wären an der Deklaration zwei Veränderungen vorzunehmen. Erstens müßte für König jeweils die Partei und zweitens für Gott die Geschichte eingesetzt werden. Damit ist aber keineswegs einer Gleichsetzung von Absolutismus und Kommunismus das Wort geredet.6 Die graduellen Unterschiede sind offenkundig. Der gemeinsame Nenner ließe sich in ihrer Ablehnung demokratischer Herrschaftsformen finden, wobei diese Ablehnung historisch ganz unterschiedlich zu erklären wäre. Wenn man Max Webers drei reine Typen der legitimen Herrschaft zugrundelegt,7 wird man nur mit Mühe der kommunistischen Herrschaft überhaupt Legitimität bescheinigen können.8 Während der Absolutismus eine Mischform aus traditioneller und charismatischer Herrschaft darstellte, könnte der Kommunismus weder dem Idealtyp charismatische Herrschaft noch einer eventuellen Mischform zugeordnet werden.9 Weber, der den Begriff Charisma ausdrücklich wertfrei verwendet, benutzt Charisma zur Kennzeichnung außergewöhnlicher Gaben, die etwa Krisensituationen aktiv meistern und überwinden lassen, die prophetisch aufrütteln und Wunder vollbringen lassen, die zwar nicht vom charismatischen Herrscher vollbracht, dafür diesem aber allgemein zugeschrieben werden. Entscheidend an den Qualitäten eines Herrschers »ist nur, ob sie als Charisma galten und wirkten, d.h. Anerkennung fanden«.10
Schließt man sich dieser Lesart an und akzeptiert ganz allgemein Webers Typologie, kommt man kaum umhin, der kommunistischen Diktatur jede Legitimität abzusprechen.11 Das hängt zuerst mit einem Grundsatz des Leninismus zusammen, der in der Praxis alle von Moskau abhängigen kommunistischen Staaten prägte: Denn in Lenins Staatstheorie war die historisch-politische Notwendigkeit entwickelt worden, daß eine avantgardistische Partei, die »Partei neuen Typus«, das Proletariat führen und die Macht im revolutionierten Staat ausüben müsse. Die Notwendigkeit war damit begründet worden, daß nur ein Stoßtrupp der Arbeiterklasse am Beginn des revolutionären Prozesses über das entsprechende historische Bewußtsein verfüge und sich ein solches bei der Masse der ehemals Unterdrückten erst im Laufe der Machtausübung herausbilde.
Diese Konsequenz bedeutete, daß die Diktatur des Proletariats nicht nur über die ehemals Herrschenden ausgeübt wurde, sondern ebenso über diejenigen, die schon im ancien regime zu den Unterdrückten zählten und denen das richtige Klassenbewußtsein fehle, um nicht nur objektiv, sondern auch aktiv an der Machtausübung ihrer Klasse partizipieren zu können. Ein anderer zentraler Punkt betrifft die Frage der Gewalt. Dabei sind zwei Ebenen zu unterscheiden. Zum einen die Ebene, auf der sich die Gewalt gegen die Ausbeuterklassen sowohl im eigenen wie im fremden Land richtet. Zum anderen ist Gewalt als Mittel postuliert worden, um Mitglieder der eigenen Klasse zu unterdrücken, wenn sie sich nicht der Avantgardepartei bedingungslos beugten. Ein bekanntes Beispiel für eine solche Unterdrückung aus der Frühzeit des realen Kommunismus stellt der Kronstädter Aufstand 1921 dar, ein Beispiel, dem hunderte andere mit Millionen von Opfern folgten. Der französische Historiker Francois Furet schrieb: »Das Besondere an der russischen Revolution im 20. Jahrhundert ... ist, daß sie nur einen Anfang hat und unaufhörlich weitergeht.«12 Das eingeführte System ließ weder Platz für die Erfahrungen des Volkes noch für eine etwaige Wahl. »Die Politik, die verfolgt wird, kann sich zwar verändern, jedoch wird sie immer von derselben Partei und denselben Männern bestimmt. Die Oktoberrevolution besteht also fort, insofern als die Macht immer in den Händen derer bleibt, die sie ausgelöst haben.«13
Das wirft die Frage auf, wie eine solche Politik gerechtfertigt werden konnte und warum ihr viele Millionen Menschen fasziniert erlegen waren. Mit Gewalt allein hätte das kommunistische System nicht sieben Jahrzehnte überleben können. Denn so viele Menschen sich auch selbst an der Gewalt in den kommunistischen Diktaturen beteiligt haben mögen, ob nun als Partei- und Regierungsverantwortliche, als Mitarbeiter im Unterdrückungsapparat oder einfach nur als unscheinbare Parteimitglieder, die mit ihrer Stimme die Verfolgung Andersdenkender unterstützten, die meisten beugten sich eher gruppendynamischen Zwängen oder höheren Einsichten als daß man sie prinzipiell den Verfechtern von Gewaltanwendung gegenüber anderen Personen zurechnen müßte. Warum haben nur so viele mitgemacht, warum so viele geschwiegen, warum so wenige sich offen und unmißverständlich aufgelehnt?
Diese Frage ist nicht nur im Zusammenhang mit dem Kommunismus relevant. Gerade in der letzten Zeit zeigte sich, daß die selben Fragen auch für den Nationalsozialismus gelten und längst nicht überzeugend geklärt sind. Man kann diese Fragen nicht beantworten, ohne auf die jeweiligen konkreten historischen Abläufe einzugehen. Wollte man das Verhalten und die Motivationen der vielen Täter vergleichen, etwa zwischen solch unterschiedlichen Ereignissen wie den Massakern in Ruanda, dem Holocaust, dem nigerianischen Bürgerkrieg (Biafra), dem Archipel Gulag, dem türkischen Ausrottungsfeldzug gegenüber den Armeniern, der Kolonisierung Afrikas und Lateinamerikas oder den nordamerikanischen Massenmorden an den Völkern der Indianern, käme man sicherlich nicht aus, ohne Methoden der Psychologie, Soziologie, Ethnologie, Geschichts- und Politikwissenschaft miteinander zu verbinden. Aber genauso wie sich Gemeinsamkeiten feststellen ließen, die keineswegs zu einer Aufrechnung der Opfer führen dürfen, genauso ließen sich spezifische und graduelle Unterschiede konstatieren. Ein Unterschied, der nicht unerheblich ist, besteht in den unterschiedlichen Anlässen und Gründen, die zu Gewaltakten führen. Denn nur bei den wenigsten Herrschaftsformen ist die Anwendung konkreter Gewalt gegenüber bestimmten sozialen oder ethnischen Gruppen von vornherein und ohne Umschweife als ein Mittel der Machtausübung postuliert worden. Nicht einmal die grausamsten Verbrecher der modernen Weltgeschichte, die Nationalsozialisten, haben die Verfolgung und Ausrottung der Juden, Sinti, Roma oder Homosexuellen offensiv vor 1933 als eines ihrer Ziele in den Vordergrund gestellt. Das ließ sich vor 1933 nur mit einem außergewöhnlichen Blickwinkel erahnen, ein Blickwinkel, der den meisten Wählern und internationalen Beobachtern fehlte. Obwohl die Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung bestimmter Interessen immanenter Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie war, ging die kommunistische Ideologie in ihrer Gewaltankündigung weitaus konkreter vor. Erst wurde das Absterben bestimmter Klassen und Schichten vorhergesagt, was später dadurch ersetzt wurde, daß der Begriff Absterben durch Ausmerzen, Ausrotten etc. ausgetauscht wurde. Hinzu trat die Vorstellung einer monolithischen Partei, die auf einem homogenisierten Volk basierte, was die Konsequenz in sich barg, jede organisierte Gegenstimme aus dem eigenen Lager ebenso zu verfolgen wie die ehedem zum Ausrotten freigegebenen Gruppen.
Nun stellt sich die Frage, auf der Grundlage welcher Einstellungen und Überzeugungen solche Politik betrieben werden könne. Ganz unterschiedliche Geschichtsverläufe zeigen, daß die apostrophierten Programme zuerst pragmatischen Politiküberlegungen entsprangen. Gerade dieser Pragmatismus, der oft genug in der neueren Geschichte als Populismus die Wählerschaft zu täuschen in der Lage war, führte zu Auseinandersetzungen, deren Ende oft nicht vorhersehbar war. Auch beim Kommunismus konnte dessen konkrete Ergebnisse kaum jemand vorhersehen. Aber dem Kommunismus ermangelte es im Gegensatz zu anderen totalitären Bewegungen seit jeher an Pragmatismus. Diesen hatte er nicht nötig, weil er seine Prämissen aus einem ganzen anderen Zusammenhang bezog. Denn sowohl die geistesgeschichtliche Idee als auch das konkrete System wurden als das Ergebnis wissenschaftlicher Erkenntnisse ausgegeben. Und genau in diesem Punkt unterschied sich das kommunistische System von jedem anderen, vom nationalsozialistischen deswegen, weil dieses es nicht fertigbrachte, über Postulate hinauszugelangen; denn der Anspruch, über ein wissenschaftliches Weltbild zu verfügen, war ebenso gegeben.
Die wissenschaftliche Geschichts- und Gesellschaftserkenntnis der Kommunisten basierte auf einem Modell, wonach es in der gesellschaftlichen Entwicklung Gesetze gebe ähnlich derer der Natur. Die wichtigste Theorie dabei war die sogenannte Formationstheorie, nach der es einen gesetzmäßigen Verlauf in der gesellschaftlichen Entwicklung gebe, die zum Schlußpunkt den Kommunismus habe.
Das Theoriengebäude der Kommunisten, ob nun Marxismus-Leninismus oder dialektischer und historischer Materialismus genannt, war in einem hohen Maße Ideologie. Es hatte den Zweck, zuerst die Machterringung, dann den Machtausbau und schließlich die ewige Sicherung der Herrschaft theoretisch zu begründen und zu legitimieren. Dabei kam der Geschichtswissenschaft ein exklusiver Platz zu, weil es ihre hauptsächlichste Aufgabe war, zu begründen und zu beweisen, daß erstens der im Marxismus-Leninismus vorgegebene Geschichtsverlauf absolut den historischen Tatsachen entspreche und daß zweitens die augenblickliche Situation der Gesellschaft genau mit den Prognosen und Theorien des Marxismus-Leninismus übereinstimme.
Nun ist schließlich noch zu fragen, inwiefern dieses legitimatorische Unterfangen überhaupt Erfolg haben konnte. Aus dem Blickwinkel der Gegenwart könnte einfach festgestellt werden, es hatte gar keinen Erfolg. Dem steht gegenüber, daß das gesamte 20. Jahrhundert nicht zuletzt ein Jahrhundert des Kommunismus war. Thesenartig ließe sich formulieren, daß gerade die einfachen Antworten, die der Marxismus-Leninismus auf noch so komplizierte Fragen bot, der Anziehungskraft nicht nur nicht entbehrten, sondern ihn geradezu zur Faszination werden ließen. Das hatte viele Gründe, fünf seien erwähnt. Erstens übte die soziale Utopie, die der Marxismus-Leninismus zu vertreten vorgab, eine universelle Anziehungskraft aus. Paradoxerweise blieb sie sogar bestehen, als sich längst herausgestellt hatte, daß die soziale Entwicklung im Ostblock mit der im absterbenden Kapitalismus nicht nur nicht Schritt halten konnte, sondern zudem hinter eigene Entwicklungen zurückfiel. Zweitens bot sich der Marxismus-Leninismus – und mit ihm die Partei neuen Typus – als Ersatzreligion bzw. Ersatzkirche an. Das hing einerseits mit einer voranschreitenden Entchristlichung und Säkularisierung der Gesellschaften zusammen (sehr verschieden in den einzelnen Ländern!), andererseits aber damit, daß der Marxismus-Leninismus letztlich auch nicht mehr als eine Heilslehre anbot, weshalb der Austausch beider Lehren bzw. die Hinzunahme einer von beiden gerade in orthodox geprägten Gegenden weniger Probleme bereitete. Das traf vor allem auf jene zu, die sich enttäuscht von ihrer Kirche abgewendet hatten und nach neuen globalen und möglichst einfachen Erklärungsmustern suchten. Drittens wäre ein nächster Grund, daß der Marxismus-Leninismus eine Revolutionierung der gesamten Gesellschaft versprach, von der jeder profitieren könnte. Als vierte exemplarische Ursache seien die konkreten zeithistorischen Umstände erwähnt, die zum Aufstieg der kommunistischen Ideen wie auch der nationalsozialistischen entscheidend beitrugen. »Beide Weltbilder waren im Kern apokalyptisch, d.h. von endzeitlichen Unheils- und Heilserwartungen bestimmt, wobei im Zentrum die Ängste und Erwartungen standen, die die immer mehr sich beschleunigenden, überstürzenden Entwicklungen der kapitalistischen Weltwirtschaft, der modernen Wissenschaften und der begleitenden sozialen und kulturellen Umbrüche provozierten.«14 Das Aufkommen und die Verbreitung dieser Ideen war also eng mit der Ende des 19. Jahrhunderts einsetzenden Globalisierung, Pluralisierung und Individualisierung des gesellschaftlichen Lebens verbunden. Die Inkubationsphase war abgeschlossen als der Erste Weltkrieg ausbrach. Dieser schließlich bewirkte nicht nur eine Radikalisierung der Protagonisten, sondern schuf als eine Konsequenz zugleich die notwendige Massenbasis, um diesen Ideen zur traurigen materiellen Gewalt zu verhelfen. Schließlich sei fünftens auf eine weiteres Phänomen hingewiesen, daß durchaus die Anziehungskraft des Marxismus-Leninismus verstärkte. Milovan Djilas schrieb in seinem einflußreichen Buch Die neue Klasse: »Der dialektische Materialismus ist möglicherweise exklusiver als irgendeine andere Weltanschauung der Gegenwart. Er bringt seine Anhänger in eine Lage, die es ihnen unmöglich macht, einen anderen Standpunkt einzunehmen.«15
Warum sich aber schließlich so viele für die Diktatur einspannen ließen, steht nochmals auf einem anderen Blatt. Hier kommen mindestens zwei Dinge zusammen. Zum einen ist dabei der konkrete historische Ort zu berücksichtigen, der oft genug überhaupt keine Wahl ließ bzw. keine Alternativen anbot. Zum anderen darf nicht übersehen werden, daß sich viele Menschen soziale und politische Aufstiegsmöglichkeiten versprachen, die sie oftmals auch nutzen konnten, sei es um den Preis der Selbstverleugnung, sei um den Preis, anderen damit geschadet zu haben, sei es um den Preis, gerade die auch vom Marxismus apostrophierte Emanzipation und Freiheit freiwillig verraten zu haben. Schließlich darf nicht übersehen werden, daß der Kommunismus zwar eine aktive Anhängerschaft hatte, die Millionen von Menschen in der gesamten Welt umfaßte. Aber in den Ländern, in denen die kommunistischen Partei herrschten, konnten sich die Machthaber stets nur auf eine Minderheit der Bevölkerung stützen. Wenn die Mehrheit auch keine aktiven Gegner des Systems waren, so war sie auch niemals eine Stütze des Systems. Die kommunistischen Führer wußten, daß das von ihnen stets als Handlungssubjekt ausgegebene Volk in Wahrheit eine von ihnen mystifizierte Größe war. Vor dieser hatten sie Angst. Nicht zuletzt deshalb konnten sie ihre Macht niemals mittels Wahlen zur Disposition stellen und sich auf diesem Weg legitimieren lassen. Es war eine »Macht ohne Mandat«.16 Die einzige Legitimation die sie hatten, waren sogenannte Geschichtserkenntnisse. Das war freilich auch nur eine Scheinlegitimation, weil diese ja keiner objektiven Erkenntnis entsprungen waren, sondern dem eigens zur Machterringung und Machterhaltung geschaffenen ideologischen Gebäude. Insofern beanspruchte Geschichtsforschung im Kommunismus – neben anderen gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen – eine besonders herausgehobene Funktion. Sie war ex cathedra auf ein politisches Dienstverhältnis zur Macht degradiert worden.

Das Scheitern der DDR-Geschichtswissenschaft
Der sowjetische Dissident Andrej Amalrik schrieb in seinen eindrucksvollen autobiographischen Aufzeichnungen, daß »das sowjetische System im Grunde unsinnig ist. Wie bei einem Paranoiker funktionierte es zwar in sich logisch, geht aber von einer unsinnigen Prämisse aus, und das Resultat ist ebenso unsinnig.«17 Das galt nicht nur für das gesellschaftliche System als solches, sondern ebenso für eine Vielzahl seiner Teilbereiche. Die Historiographie war ein solcher.
Die DDR-Geschichtswissenschaft war ein Produkt der SED-Herrschaft. Sie repräsentierte einen neuartigen Wissenschaftstypus, der eigens von der SED zum Zwecke der Legitimierung ihrer Herrschaft geschaffen worden war. Prinzipiell war die DDR-Geschichtswissenschaft dadurch charakterisiert, daß sie politische Ansprüche zu erfüllen und ergebnisorientierte externe Vorgaben umzusetzen hatte. Ihr fehlte es weitgehend an wissenschaftsinterner Autonomie. Wissenschaftliche Rationalitätskriterien sind ebenso außer Kraft gesetzt worden, wie es ihr an methodischem, interpretatorischem und theoretischem Pluralismus mangelte. Die Deutungskompetenz lag bei außer- und vorwissenschaftlichen Instanzen und Institutionen.
Die DDR-Geschichtswissenschaft hatte sich bis spätestens Ende der fünfziger Jahre als funktionstüchtige Disziplin herausgebildet und die »bürgerliche Historiographie« verdrängt. Die Mehrzahl der bürgerlichen Historiker war bis zum Ende der fünfziger Jahre verstorben, emigriert oder emeritiert. Allerdings existierten Relikte »bürgerlicher Geschichtswissenschaft« teilweise bis zum Untergang der DDR.
Zwei leninistische Historikergenerationen prägten die Geschichtsforschung.18 Die dritte wäre Anfang der neunziger Jahre in die entscheidenen Positionen nachgerückt. Auffälliges Merkmal aller Historikergenerationen war ihr parteiergebenes Verhalten, welches sich allein schon in einem sehr hohen Organisierungsgrad in der SED widerspiegelte. Obwohl sich die historischen Konzeptionen der SED-Führung mehrmals veränderten, war es stets die Aufgabe der Historiker, die DDR als gesetzmäßigen »Schluß- und Höhepunkt« der deutschen Geschichte darzustellen.19 In den siebziger und vor allem achtziger Jahren blieb im Gegensatz zu den Jahren davor allerdings offen, inwieweit und vor allem wann die »kapitalistische BRD« ebenfalls den einzigen »progressiven« gesellschaftlichen Weg einschlagen würde. Unbestritten blieb jedoch, daß der Sozialismus/ Kommunismus entsprechend der Theorie von der Abfolge der Gesellschaftsformationen weltweit »siegen« würde. Diesem einfältigen Schema lag ein naiver Glaube zugrunde, der mit simplen Kategorien wie »Fortschritt« und »Reaktion« operierte, ohne daß dabei die Krisensymptome der Moderne allgemein hätten diskutiert werden können. Negative Folgen der Moderne stellten für die Marxisten-Leninisten lediglich Entwicklungen dar, die dem Kapitalismus zuzuschreiben seien und vom Sozialismus/Kommunismus restlos überwunden werden würden.
Trotz der leninistischen Basis der DDR-Geschichtswissenschaft wäre es verfehlt, jede historische Arbeit eines DDR-Historikers abzuqualifizieren. Vereinfachend könnte man sagen, je weiter sich die Arbeiten thematisch von der Gegenwart entfernten, desto mehr genügten sie wissenschaftlichen Kriterien. Die SED-Führung beanspruchte vor allem Deutungshoheit auf den Gebieten Geschichte der Arbeiterbewegung, Deutsche Geschichte der Neuzeit (speziell 19. und 20. Jahrhundert), »Geschichte des sozialistischen Weltsystems«, Revolutionsgeschichte, Geschichte westlicher Staaten sowie Geschichte der Urgesellschaft, Kolonialgeschichte, Geschichte außereuropäischer Staaten im 20. Jahrhundert und Geschichte der Befreiungsbewegungen. Hinzu kam, daß sie Periodisierungsdiskussionen, Debatten über Begrifflichkeiten und Theoreme sowie den gesamten Komplex von Theorie, Methode und Geschichte der Geschichtswissenschaft besonders kontrollierte. Dennoch existierten Forschungsgebiete, die einer Reihe von Wissenschaftlern als Nischen dienten. Schließlich darf nicht unerwähnt bleiben, daß trotz der Ansprüche der SED in den meisten genannten Gebieten Studien produziert worden sind, die auf hohem wissenschaftlichen Niveau Erkenntnisgewinne lieferten. Allerdings befinden sich darunter kaum marxistisch orientierte Studien, weil der Marxismus als Methode praktisch kaum zur Anwendung gelangte, sondern zumeist nur in seiner leninistisch bzw. stalinistisch verbrämten Form.20
Es gab in der DDR nicht nur Historiker an Universitäten und Akademien, sondern ebenso an Parteihochschulen, an Hochschulen der Massenorganisationen und im SED-Apparat, die allesamt historische Werke produzierten. Dieser Fakt wird allzu häufig übersehen. In der Planwissenschaft gewannen besonders Zeitabschnitte der Neuesten Geschichte immer mehr an Gewicht, so daß zwischen 1980 und 1989 nahezu jede zweite geschichtswissenschaftliche Doktorarbeit (A u. B) allein der Zeit nach 1945 gewidmet war.
Der DDR-Geschichtswissenschaft zu unterstellen, wie es in den letzten Jahren häufig geschah, sie hätte seit den siebziger Jahren eine Professionalisierung erfahren, scheint zumindest angesichts dieser Zahlen fragwürdig. Unbestritten ist, daß Werke erschienen sind, die sich vor dem Hintergrund des üblichen Produktionsniveaus deutlich abhoben. Aber ob damit gleich der gesamten DDR-Geschichtswissenschaft Entwicklungstendenzen zugeschrieben werden können, die als »Professionalisierung« oder als Übergang von einer selektiven zu einer intergralen Betrachtungsweise ausgegeben werden können,21 ist angesichts der unveränderten politischen Rahmenbedingungen zweifelhaft.
Die grundlegenden Prämissen der DDR-Geschichtswissenschaft, die letztlich zur Herausbildung einer Historiographie sui generis führten, sind in den Jahren nach 1989 zunehmend aus den Blick geraten. Nicht anders ließe sich erklären, warum die westdeutschen Evaluatoren den DDR-Historikern offensichtlich ein westliches Wissenschaftsverständnis unterstellten und erst dadurch so evaluieren konnten, als hielten sie sich in Heidelberg, Barcelona oder Vancouver auf. Die DDR-Geschichtswissenschaft entzog sich jedoch der Evaluierungspraxis. Die Evaluatoren übersahen, daß viele DDR-Historiker nicht einfach nur ausführende Figuren auf dem Schachbrett der SED-Führung waren, sondern selbst aktiv ins strategische, taktische und propagandistische Spiel eingriffen. Sie agierten eben nicht nur als der verlängerte Arm der Politik, sondern zugleich als Schulter und Kopf, die den Arm führten.
 
Der Hauptauftrag der marxistisch-leninistischen Geschichtswissenschaft, die Legitimierung des kommunistischen Systems, konnte sowohl final betrachtet als auch zeitgeschichtlich konkret verortet niemals erfüllt werden. Auch wenn es in der Geschichte der DDR Phasen größerer Stabilität gegeben hat, regierte die SED stets gegen die Mehrheit der Bevölkerung. Das hatte ganz verschiedene Gründe auf unterschiedlichen Ebenen. Ihre politischen, ideologischen und wissenschaftlichen Bemühungen, das System als Ergebnis historischer Gesetze darzustellen, schlugen fehl, weil zumindest beim Rezipienten kaum mehr als Propaganda ankam. Der polnische Philosoph Leszek Kolakowski schrieb treffend 1956: »Die Fetischisierung des Marxismus, seine Degradierung zur Rolle einer konventionellen apologetischen Verzierung, die nur an der Fassade der Gesellschaft einen Platz hat, bewirkt, daß er sich aus dem Blut des intellektuellen Lebens in dessen Gift verwandelt.«22 Allerdings war dies nicht unmittelbar für jedermann erfahrbar. Denn es gelang den Machthabern immer wieder, vor allem die eigene Bevölkerung über die »wirkliche geistige Beschaffenheit« des Systems zu täuschen, indem es »einen dichten ideologischen Schleier« errichtete. Dieser ideologische Schleier war getarnt mit einer »Fassade der Wissenschaftlichkeit«. Zugleich spekulierten die Machthaber »auf die Anziehungskraft, die wissenschaftliches Denken auf alle ausübt, die der Ratio folgen«.23

Die DDR-Geschichte ist ein Gegenstand der Geschichtsschreibung wie viele andere auch geworden. So lange es Historiographie geben wird, und die wird es voraussichtlich ebenso lange wie die Menschheit geben, so lange werden sich einzelne Wissenschaftler mit den gesellschaftlichen Systemen sowjetischen Typs beschäftigen. Das wäre an sich nicht der Erwähnung wert, wenn nicht immer wieder der Eindruck erweckt werden würde, als würde nach einer Zeit der inflationären Beschäftigung mit den kommunistischen Systemen schon bald eine solche versiegen. Außerdem ist zu erwarten, daß die zeitgeschichtlichen Forschungen schon bald ein hochgradig differenziertes und zugleich komplexes Bild entwerfen werden, mit dem sich die Zeitgenossen nicht mehr identifizieren können. Das aber wiederum ist auch nur eine untergeordnete Aufgabe der wissenschaftlichen Zeitgeschichte.24 Das hängt ganz wesentlich damit zusammen, daß jede Forschung bemüht sein muß, bestimmte Prozesse begrifflich zu erfassen, daß sie Vorgänge und Entwicklungen in Zusammenhänge einordnen muß, die dem Zeitgenossen zumeist verborgen geblieben sind, daß sie letztlich stets generalisierend und verallgemeinernd vorgehen muß, so, daß sich der Einzelne nicht mehr wiederfinden kann bzw. nur teilweise oder als Ausnahme.
Die Forschungen befinden sich größtenteils erst am Anfang. Man wird nicht ohne weiteres die bislang erprobten Forschungsmethoden und -ansätze auf die Beschäftigung mit den kommunistischen Systemen übertragen können. Während zum Beispiel bislang in der Sozialgeschichte der Ansatz überwog, nach der sozialen Determinierung politischer Prozesse zu fragen, wird bezüglich der sowjetischen Systemen umgekehrt nach der politischen Determination sozialer Prozesse gefragt werden müssen.25 Obwohl sich die Forschungen zur DDR-Geschichte größtenteils noch in den Kinderschuhen befinden, deutet sich aber schon jetzt an, »daß das Bild des ostdeutschen Staates sehr viel düsterer werden wird als es in der älteren westdeutschen Forschung zur DDR erschien - von den beschönigenden, zur Legitimation des Regimes dienenden Arbeiten in der DDR selbst gar nicht zu sprechen.«26
Aber es werden nicht nur neue Bilder entworfen werden, sondern es ist zu befürchten, daß ebenso die apologetischen und rechtfertigenden Entwürfe zunehmen werden. Schon heute existiert im Umkreis der PDS ein kaum noch überschaubares Netz von »Geschichtsaufarbeitungsinitiativen«, die ganz bewußt das Bild einer »anderen DDR« zeichnen.27 Diese Bemühungen sind vor dem lebensgeschichtlichen Hintergrund der beteiligten Personen durchaus nachvollziehbar. Dennoch laufen sie auf eine Unterhöhlung des demokratischen Verfassungsstaates hinaus, weil sie diesem in ihrer Gesamtheit eine totalitär verfaßte Gesellschaft als Alternative, und wenn zuweilen auch nur in Teilbereichen, entgenzustellen bemüht sind. Hier besteht durchaus die Gefahr, daß sich wenigstens einzelne Versatzstücke dieser apologetischen Geschichtsbilder über die Generationen hinweg fortpflanzen und so erhalten bleiben.
Von einer solchen Verzerrung ist auch die speziellere Geschichte der DDR-Geschichtswissenschaft bedroht. Das hängt mit zwei Dingen zusammen. Zum einen sind die ehemaligen Protagonisten der DDR-Geschichtswissenschaft zunehmend bemüht, ihre Wissenschaftsdiziplin aus den allgemeinen gesellschaftlichen Zusammenhängen herauszulösen und stattdessen entgegen ihren jahrzehntelangen Beteuerungen nun ihre Geschichtswissenschaft als einen Normalfall innerhalb der scientific community darzustellen. Das wird ihnen zum anderen um so einfacher gemacht, als auch im westlichen Teil Deutschlands eine Reihe von Historikern um ein solches Bild bemüht sind. Das steht wiederum mit mindestens drei Punkten im Zusammenhang. Erstens hatte sich ein nicht unerheblicher Teil der westdeutschen Historiker mit dem Status quo Deutschlands bis 1989 abgefunden und ihn zudem als unabänderlich verteidigt.28 Zweitens kommt eine allgemeine Ignoranz gegenüber der DDR-Geschichte, den Problemen der Wiedervereinigung für die neuen Bundesländer und der neueren DDR-Forschung hinzu. Drittens, und das scheint mir der gewichtigste Grund zu sein, haben einige westdeutsche Historiker Interessensidentitäten mit ostdeutschen Kollegen. Und zwar genau an der Stelle, an der es um die Abwehr neuer Forschungsergebnisse geht, die die eigenen, von vor 1989 stammenden obsolet machen. Hinzu kommen »Reisebekanntschaften« mit den dazugehörigen Arbeitszusammenhängen, die sich jahre- und jahrzehntelang prächtig bewährten und nun nicht deswegen »gekappt« werden können, weil die Mauer fiel, die DDR-Geschichtswissenschaft in einem anderen Licht erscheint und eine Reihe von DDR-Historikern über das übliche Maß hinaus als schwerwiegend belastet gelten müssen, was sich im übrigen nur selten an der Kategorisierung als IM zu messen bräuchte.
Allerdings wird es jenen, die an einem apologetischen und verharmlosenden DDR-Bild zeichnen, auch in Zukunft schwer gemacht werden, wenn man allgemeine Prinzipien des kommunistischen Systems erinnernd wachhält. Denn durchaus in gegensätzlicher Akzentuierung zu herrschenden Auffassungen glaube ich, daß Zeitgeschichte, Politik und Moral in einem engen Wechselverhältnis stehen.29 Das ließe sich auch bei solchen Autoren leicht nachweisen, die lautstark das Gegenteil behaupten.
Die DDR war eine Diktatur vom ersten bis zum letzten Tag. Sie war zugleich, um mit Kolakowski zu sprechen, eine »Diktatur der Wahrheit«. »Wahrheit« erschien als Gewalt. Die »Diktatur der Wahrheit« aber ist »ein quadratischer Kreis«, und die »Gewaltherrschaft einer bestimmten Meinung (ist) immer die Diktatur der Lüge..., selbst wenn sie vorher für sich in Anspruch nehmen konnte, eine partielle Wahrheit (eine andere gibt es nicht) über die Gesellschaft ausgedrückt zu haben.«30 Die Geschichtswissenschaft war dieser »Diktatur der Wahrheit« im besonderen verbunden, mußte sie doch die »Wahrheit« historisch begründen und so zugleich die reale Gegenwart historisch-gesetzmäßig einordnen. Das Prinzip, das dabei Anwendung fand, hat Christoph Hein kurz vor der Revolution von 1989 einprägsam und treffend mit der Formel von der »fünften Grundrechenart« beschrieben: »Die fünfte Grundrechenart besteht darin, daß zuerst der Schlußstrich gezogen und das erforderliche und gewünschte Ergebnis darunter geschrieben wird. Das gibt dann einen festen Halt für die waghalsigen Operationen, die anschließend und über dem Schlußstrich erfolgen. Dort nämlich wird dann addiert und summiert, dividiert und abstrahiert, multipliziert und negiert, subtrahiert und geschönt, groß- und kleingeschrieben nach Bedarf, wird die Wurzel gezogen und gelegentlich auch schlicht gelogen.«31 Das System mußte demzufolge – obwohl in sich logisch, wie Amalrik ausdrückt –- unsinnige Resultate hervorbringen, weil die gesetzten Prämissen schon unsinnig waren. Insofern werden auch kaum Ergebnisse Bestand haben.

Ilko-Sascha Kowalczuk, geboren 1967, Historiker, Veröffentlichungen zur DDR-Geschichte und zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit; lebt in Berlin.

1  Vgl. Courtois, Stéphane u.a.: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror. München, Zürich 1998.
2  Vgl. Kowalczuk, Ilko-Sascha: Legitimation eines neuen Staates. Parteiarbeiter an der historischen Front: Geschichtswissenschaft in der SBZ/DDR 1945 bis 1961. (= Forschungen zur DDR-Gesellschaft). Berlin 1997 (2. Aufl. 1999). Die folgenden Ausführungen finden sich ähnlich in: ebenda, S. 24 - 30, 342 - 348.
3  Zit. in Lenk, Kurt: Probleme der Demokratie, in: Lieber, Hans-Joachim (Hrsg): Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart. Bonn 1991, S. 936 - 937.
4  Ebenda, S. 937.
5      Vgl. ebenda, S. 938 - 944.
6  Vgl. Ruffmann, Karl-Heinz: Autokratie, Absolutismus, Totalitarismus. Bemerkungen zu drei historischen Schlüsselbegriffen, in: Jesse, Eckhard (Hrsg.): Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung. Bonn 1996, S. 43 - 52.
7  Vgl. Weber, Max: Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft, in: Ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. 7. Aufl., Tübingen 1988, S. 475 - 488.
8  Vgl. auch Meuschel, Sigrid: Legitimation und Parteiherrschaft. Zum Paradox von Stabilität und Revolution in der DDR 1945 - 1989. Frankfurt/M. 1992, S. 22.
9  Im Gegensatz zu Meuschel, die eine »Mischung aus charismatischen und rationalen Legitimitätsansprüchen« ausmacht, ebenda, S. 25.
10  Weber: Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft, S. 483.
11  Vgl. syntheseartig u.a. Furet, Francois: Das Ende der Illusion. Der Kommunismus im 20. Jahrhundert. München, Zürich 1996; Malia, Martin: Vollstreckter Wahn. Rußland 1917 - 1991. Stuttgart 1994.
12  Furet: Das Ende der Illusion, S. 138.
13  Ebenda, S. 139.
14 Koenen, Gerd: Bolschewismus und Nationalsozialismus. Geschichtsbild und Gesellschaftsentwurf, in: Vetter, Matthias (Hrsg.): Terroristische Diktaturen im 20. Jahrhundert. Strukturelemente der nationalsozialistischen und stalinistischen Herrschaft. Opladen 1996, S. 174.
15  Djilas, Milovan: Die neue Klasse. Eine Analyse des kommunistischen Systems. München 1963, S. 139.
16  Richert, Ernst: Macht ohne Mandat. Der Staatsapparat in der SBZ. 2., erw. u. überarb. Aufl., Köln, Opladen 1963.
17  Amalrik, Andrej: Aufzeichnungen eines Revolutionärs. Berlin, Frankfurt/M., Wien 1983, S. 112.
18  Vgl. dazu: Kowalczuk: Legitimation eines neuen Staates, S. 178 - 193.
19  Vgl. u.a. auch: Kowalczuk, Ilko-Sascha: Die DDR-Historiker und die deutsche Nation, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 39/1996, S. 22 - 30.
20  Vgl. dazu Weber, Hermann: Die DDR 1945 - 1990. 2., überarb. u. erw. Aufl., München 1993, S. 125 - 130; Ders.: Die Instrumentalisierung des Marxismus-Leninismus, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 1(1993), S. 160 - 170.
21  Vgl. z. B. Heydemann, Günther: Geschichtswissenschaft und Geschichtsverständnis in der DDR seit 1945, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 13/1987, S. 15; Ders.: »Die andere deutsche Klio«: Geschichtswissenschaft in der DDR und deutsche Geschichte, in: Streitfall Deutsche Geschichte. Geschichts- und Gegenwartsbewußtsein in den 80er Jahren. Essen 1988, S. 209.
22  Kolakowski, Leszek: Die Intellektuellen und die kommunistische Bewegung, in: Ders.: Der Mensch ohne Alternative. Von der Möglichkeit und Unmöglichkeit, Marxist zu sein. 6.-10. Tsd., München 1961, S. 56.
23  Gurland, A. R. L.: Einleitung, in: Lange, Max Gustav: Totalitäre Erziehung. Das Erziehungssystems der Sowjetzone Deutschlands. Stuttgart, Düsseldorf 1954, S. XXI.
24  Zu den Aufgaben der Zeitgeschichte vgl. u.a. die instruktiven Beiträge von Erker, Paul: Zeitgeschichte als Sozialgeschichte. Forschungsstand und Forschungsdefizite, in: Geschichte und Gesellschaft 19(1993), S. 202 - 238; Hockerts, Hans Günter: Zeitgeschichte in Deutschland. Begriff, Methoden, Themenfelder, in: Kowalczuk, Ilko-Sascha (Hrsg.): Paradigmen deutscher Geschichtswissenschaft. Ringvorlesung an der Humboldt-Universität zu Berlin. Berlin 1994, S. 136 - 163.
25  Vgl. z.B. Kocka, Jürgen: Ein deutscher Sonderweg. Überlegungen zur Sozialgeschichte der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 40/1994, S. 37.
26  Ritter, Gerhard A.: Der Umbruch von 1989/91 und die Geschichtswissenschaft. München 1995 (= Bayerische AdW, Philosophisch-Historische Klasse; Sitzungsberichte 1995, Heft 5), S. 40.
27  Vgl. dazu u.a. folgenden ausgewogenen Band, der die postkommunistischen Geschichtsbilder detalliert nachzuzeichnen und zu analysieren bemüht ist, Eckert, Rainer; Bernd Faulenbach (Hrsg.): Halbherziger Revisionismus: Zum postkommunistischen Geschichtsbild. München, Landsberg am Lech 1996.
28  Vgl. instruktiv Schwarz, Hans-Peter: Mit gestopften Trompeten. Die Wiedervereinigung Deutschlands aus der Sicht westdeutscher Historiker, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 44(1993), S. 683 - 704; sowie zu einseitig Hacker, Jens: Deutsche Irrtümer. Schönfärber und Helfershelfer der SED-Diktatur im Westen. Berlin, Frankfurt/M. 1992; allg. zum Problem Hamacher, Heinz Peter: DDR-Forschung und Politikberatung 1949 - 1990. Ein Wissenschaftszweig zwischen Selbstbehauptung und Anpassungszwang. Köln 1991.
29  Vgl. dazu ausführlicher: Geschichtswissenschaft im Dissens. Gespräch zwischen Wolfgang Küttler und Ilko-Sascha Kowalczuk über methodische Differenzen bei der Erforschung von DDR und DDR-Historiographie, in: Berliner Debatte Initial 1994/4, S. 99 - 104; dazu die Äußerungen von Kocka, Jürgen: Wissenschaft und Politik. Anmerkungen zur Geschichtswissenschaft im Dissens, in: ebenda 1994/5, S. 85; sowie Eckert, Rainer: Politisches Engagement und institutionelle Absicherung. Die Geschichtsschreibung über die DDR, in: ebenda 1995/1, S. 99 - 100.
30  Kolakowski, Leszek: Diktatur der Wahrheit: ein quadratischer Kreis, in: Ders.: Der revolutionäre Geist. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1972, S. 93.
31  Hein, Christoph: Die fünfte Grundrechenart (September 1989), in: Ders.: Als Kind habe ich Stalin gesehen. Essais und Reden. Berlin, Weimar 1990, S. 145 - 146.
Christoph Hein ließ sich bei seiner Formel von der »fünften Grundrechenart« offensichtlich von einem Artikel aus dem Sonntag vom 28. Oktober 1956 inspirieren. Gustav Just schildert in seiner Autobiographie, die Hein für ihn Ende der achtziger Jahre verwahrt hatte, daß der Schriftsteller Wolfgang Joho eine aus polnischen Schriftstellerkreisen stammende Anekdote Wolfgang Harich erzählte, die dieser niederschrieb und die schließlich ohne Verfassernamen publiziert wurde: »Aktuelles Einmaleins: In der Schule von Schilda wurde den Kindern viele Jahre lang beigebracht: 2 x 2 = 9. Eines Tages kam das heraus, und der Lehrkörper trat zu einer außerordentlichen Konferenz zusammen, auf der hin und her beraten wurde, wie dem peinlichen Mißstand abzuhelfen sei. Was vor allem vermieden werden mußte, war eine Gefährdung der Autorität des erprobten und unentbehrlichen Rechenlehrers. Auch sollte dem jugendlichen Fassungsvermögen nicht zu viel auf einmal zugemutet werden. Dies bedenkend, faßten die Kollegen auf Grund ihrer reichen pädagogischen Erfahrungen den Beschluß, die Schüler mit der ungewohnten Wahrheit nicht auf einen Schlag, sondern vorsichtig, nach und nach vertraut zu machen. Der Rechenlehrer erhielt also den Auftrag, zunächst einmal richtigzustellen, daß 2 x 2 nicht, wie bisher, 9 sei, sondern 8. An den folgenden Tagen sollte er dann jeweils um eine weitere Zahl heruntergehen, bis schließlich das wirkliche Produkt der in Frage stehenden Multiplikation erreicht sein würde. Indessen, der klug durchdachte Plan kam nicht zustande. Er scheiterte an der Voreiligkeit der ungezogenen Kinder. Denn als diesen am zweiten Tag weisgemacht werden sollte, 2 x 2 sei auch nicht 8, sondern 7, da hatten sie bereits heimlich in der Pause die Toilettenwände vollgekritzelt mit der Gleichung: 2 x 2 = 4. Das Gerücht, daß im Lehrerkollegium daraufhin Stimmen des Bedauerns über die Abschaffung der Prügelstrafe laut geworden wären, stellt eine Verleumdung dar, die jeder Grundlage entbehrt.« (Just, Gustav: Zeuge in eigener Sache. Die fünfziger Jahre. Mit einem Geleitwort von Christoph Hein. Berlin 1990, S. 92 - 93.) 

 

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