Heft 26/1999 | Jürgen fuchs | Seite 80 - 81
Karl Wilhelm Fricke
Wolfs »Romeos« oder: Die Verführung zur Spionage
Rezension zu Gabriele Gast: »Kundschafterin des Friedens« und Elisabeth Pfister: »Unternehmen Romeo. Die Liebeskommandos der Stasi«.
Das erste Buch von Gabriele Gast erschien 1973: Eine Dissertation über »Die politische Rolle der Frau in der DDR«, eine »sachlich-historisch gegliederte Detailanalyse«, die damals durch ihre reiche Materialfülle auffiel. Danach war von der hoffnungsvollen DDR-Forscherin offiziell nichts mehr zu hören. Warum das so war, ist aus ihrem zweiten, 26 Jahre später erschienenen Buch zu erfahren. Es hat auch DDR-Thematik zum Gegenstand, allerdings eine sehr spezifische, wie schon der verklärend-anmaßende Titel »Kundschafterin des Friedens« signalisiert. Es handelt sich um eine Autobiografie, in der Gabriele Gast die Zwischenbilanz eines weithin ruinierten Lebens zieht.
Die heute 56jährige Autorin hat ihr fatales Schicksal selber heraufbeschworen, denn sie war im Bundesnachrichtendienst, zuletzt als Regierungsdirektorin in der Auswertung, tätig und stand zugleich im Dienst der Stasi-Spionage, siebzehn Jahre lang. Darüber berichtet sie, auch wenn sie nicht so gern wahrhaben will, was offensichtlich ist: Daß sie zum Frohlocken von Markus Wolf, seinerzeit Chef der HV A – der Hauptverwaltung Aufklärung im Ministerium für Staatssicherheit – einem sogenannten Romeo auf die Leimrute kroch, einem Offizier in der Abteilung XV der Stasi-Bezirksverwaltung Karl-Marx-Stadt, der ihr unter falschem Namen Zuneigung und Liebe vorgegaukelt und sie so für die HV A geworben hat. In ihrem Buch hat sie ihre Version eines schweren Falles von Landesverrat dargestellt, dessentwegen die Autorin 1991 vom Bayerischen Obersten Landesgericht rechtskräftig zu sechsdreiviertel Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Die Hälfte davon hat sie im bayerischen Strafvollzug verbüßt, zum Teil als Freigängerin, so daß sie eine Informatik-Ausbildung absolvieren konnte. Das erleichterte ihr die Resozialisierung.
Um ihrer sinnlosen Agentenlaufbahn post festum einen Sinn zuzuschreiben, stilisiert sich Gabriele Gast in ihrem Buch nun als Überzeugungstäterin. Sie will, schreibt sie, in der DDR zunehmend ihre politische Heimat gefunden haben.
Wen kann das überzeugen? Eher muten ihre Ein- und Ausreden wie nachträglich zurechtgedrechselt an, als zuweilen bis zur Peinlichkeit mißratene Versuche zur ideologisch verbrämten Selbstrechtfertigung. Zu selbstkritischer Einsicht ist die Autorin kaum fähig. Immer waren es andere, die Schuld an ihrem Schicksal hatten – nicht zuletzt der ehemalige Oberst der Stasi-Aufklärung, dessen Aussage nach dem Umbruch in der DDR zu ihrer Festnahme führte. Die verratene Verräterin schmäht ihn in ihrem Buch als Verräter und behauptet – was er nachdrücklich bestreitet –, er habe dafür viel Geld bekommen, »Kopfgeld«, »Judaslohn«, empört sich die Ex-Agentin und fordert schließlich, kaum zu glauben, aber wahr, in ihrem Buch für sich und ihresgleichen Wiedergutmachung und Rehabilitierung.
Wesentlich Neues zum Fall Gast erfährt die Leserschaft aus dem intelligent verfaßten Buch kaum, allenfalls ein paar Details aus dem Spionage-Metier, Konkretes aus der konspirativen Arbeit, über Agentenfunk mit Zahlencodes, Dokumentenfotografie und Handtaschen mit Geheimfach, Atmosphärisches aus dem Umgang der Staatssicherheit mit ihren »Inoffiziellen Mitarbeitern im Operationsgebiet«, Markus Wolfs Stil und Habitus bei geheimen Treffs mit seiner Spitzenquelle. Einmal heftet er ihr in der Kellerbar eines Stasi-Gästehauses einen »Vaterländischen Verdienstorden« der DDR in Gold an das Kleid. Gabriele Gast ließ es mit durchmischten Gefühlen geschehen.
Wie alle ehemaligen IM’s der HV A sucht die Autorin vergessen zu machen, daß »Aufklärung« und »Abwehr« der Staatssicherheit einst Hand in Hand gearbeitet haben. Erst so wurde das MfS, was es sein sollte: »Schild und Schwert« der Partei.
Die Brüche und Widersprüche in ihrer Biographie grenzen an Schizophrenie. Einerseits macht sie mit verbissenem Ehrgeiz Karriere im BND, andererseits engagiert sie sich mit beachtlicher Energie für die HV A. Jahrzehntelang lebte sie mit dem ständigen Vertrauensbruch gegenüber Menschen, die sie, die junge promovierte Wissenschaftlerin, gefördert, die ihr uneingeschränkt vertraut haben. Das Leben mit der Lüge wird für Gabriele Gast zur schäbigen Gewohnheit, ständig überlagert allerdings von der latenten Angst, eines Tages enttarnt und strafrechtlich zur Verantwortung gezogen zu werden. Trotzdem bereut sie nichts, wie sie in ihrem Buch ausdrücklich bekennt. Eine erstaunliche, nur psychologisch deutbare Haltung.
Für die zeithistorische Forschung bietet das Buch wenig. Um ihr begrenztes Insider-Wissen aus dem BND anzureichern, greift die Autorin fortgesetzt zu den umstrittenen Enthüllungsbüchern von Erich Schmidt-Eenboom. Erwähnenswert sind ihre Retuschen an dem Bild von Markus Wolf. Zum Beispiel zerstört sie seine Legende vom freiwilligen Ausscheiden aus dem Dienst. »Mit dem Austragen seiner Eheprobleme in aller Öffentlichkeit – so ihr Verdikt – war der HV A-Chef schlagartig zu einem Sicherheitsrisiko geworden«. Auch Wolfs Selbsternennung zum Regimekritiker hinterfragt Gabriele Gast mit distanzierter Ironie: »Markus Wolf ein politischer Oppositioneller? Ein Kritiker, ein Gegner zumindest der späteren Politik der SED...? Das zu behaupten, war kühn.« Allerdings.
Ein Zeitdokument eigener Art ist das Buch insoweit, als mit ihm das psychologisch vielsagende Selbstporträt einer politisch zutiefst enttäuschten und verbitterten Frau entstand, durchtränkt von Selbstmitleid und Larmoyanz, Häme und Haß. Das Schuldgefühl, ihre Dienste für die Stasi selbst dann fortgesetzt zu haben, als ihr neue Pflichten als alleinerziehende Mutter eines behinderten Adoptivkindes zuwuchsen, hat sie bis heute nicht verwunden. Ebenso wenig verwinden kann sie den Mangel an Solidarität nach ihrer Verurteilung und Strafverbüßung. Wer nach seiner Lektüre das Buch aus der Hand legt, empfindet fast Mitleid für die Autorin, denn letztlich waren es Wolf und Genossen, die sie in ihr Desaster manöviert haben.
Wie wenig sich ihr Schicksal von dem anderer Frauen unterscheidet, die gleichfalls von »Romeos« der HV A umgarnt und zur Spionage »verführt« wurden, macht der schmale Band anschaulich, den die 47jährige Fernsehjournalistin Elisabeth Pfister zeitgleich vorgelegt hat. Ihr Report »Unternehmen Romeo« entstand im Zusammenhang mit einer unter dem selben Titel ausgestrahlten tv-Dokumentation. Im Mittelpunkt stehen die journalistisch aufbereiteten, spannend zu lesenden Biographien dreier Sekretärinnen, deren Namen die Autorin leider teils verkürzt, teils gänzlich verfremdet, obwohl sie anhand einschlägiger Fachliteratur unschwer zu entschlüsseln sind. Datenschutz wird zuweilen eben mißverstanden.
Elisabeth Pfister zeichnet akribisch nach, wie die »Romeos« der HV A nach immer gleicher Masche geworben werden: Wo die vorgetäuschte Liebe oder die sexuelle Hingabe nicht ausreichend wirkte, um die betreffende Frau dauerhaft an sich zu binden, schreckte der »Romeo« , der seine wahre Identität nie zu erkennen gab, selbst vor einer in Ostberlin in aller Form inszenierten Schein-Eheschließung nicht zurück.
Der Vorzug des Buches liegt in dem Nachweis, daß der Einsatz von »Romeos« im Spionagedienst auf eine speziell von Markus Wolf favorisierten Strategie der Werbung zurückzuführen war. Ein bestimmter Typus von Sekretärinnen, ledig oder geschieden, als Bürokraft in den Entscheidungszentren der Macht wie dem Kanzleramt oder dem Verteidigungsministerium oder im Auswärtigen Dienst tätig, wurde durch Anbandelung von Liebesverhältnissen zielstrebig für die »Aufklärung« gewonnen. »Es konnte in der operativen Praxis wiederholt festgestellt werden, daß sich weibliche IM zuerst für die von ihnen geachtete oder geliebte Person engagieren und erst in zweiter Linie für die Sache, die diese Person vertritt«, heißt es in einem Schulungsmaterial der »Aufklärung«, das die Autorin zitiert. Für den Werber komme es »in der Bearbeitung deshalb vorrangig darauf an, daß er behutsam, einfühlsam und auch mit relativ großem Zeitaufwand an die Interessen und Proleme einer Frau anknüpft.« Zwar mutet es etwas reißerisch an, wenn Elisabeth Pfister von »Liebeskommandos der Stasi« spricht, und gewiß ist es auch überzogen, wenn sie »die patriarchalischen Verhältnisse der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft« als »geradezu ideale Voraussetzungen« für Wolfs »Romeo«-Operationen benennt, obwohl die meisten »Spioninnen aus Liebe« erst in den sechziger und siebziger Jahren auszumachen waren, aber im Kern ist die Analyse zutreffend.
Die Autorin hat 36 Fälle untersucht, in denen Sekretärinnen zur Spionage mißbraucht wurden. Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher liegen. Natürlich, das ist nicht verwunderlich, liegen darüber in den Archiven des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen so gut wie keine Akten vor – und ehemalige »Romeos«, soweit sie namentlich bekannt geworden sind, schweigen sich bis heute aus. Mit einer einzigen Ausnahme haben sie sich zu keinen Interviews über ihre Liebesdienste an der unsichtbaren Front bereitgefunden. Auch Markus Wolf, sonst jeder laufenden Kamera, jedem offenen Mikrophon hemmungslos zugetan, hat sich verweigert. Er schweigt, weil er weiß, wie schäbig die Sekretärinnen-Masche der HV A war, denn viele der auf diese Weise zur Spionage verführten Frauen sind zerbrochen, wenn sie desillusioniert die Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen hatten, wenn sie für ihr Tun ins Gefängnis gehen mußten; mehrere begingen Selbstmord.
Nur Heribert Hellenbroich, der ehemalige Chef des Bundesverfassungsschutzes und, für ein paar Wochen, des Bundesnachrichtendienstes findet die »Romeo«-Methode im Interview mit Elisabeth Pfister »ganz prima« und spendet Wolf und Genossen sein Okay, »weil sie Erfolg damit hatten, weil sie an Informationen kamen, die sie sonst nie hätten bekommen können.«
Gabriele Gast: »Kundschafterin des Friedens. 17 Jahre Topspionin der DDR beim BND«, Eichborn Verlag, Frankfurt/Main 1999, 352 S., ISBN 3-8218-0522-6, 44,- DM.
Elisabeth Pfister: »Unternehmen Romeo. Die Liebeskommandos der Stasi«, Aufbau Verlag, Berlin 1999, 207 S., ISBN 3-351-02491-6, 36,- DM.
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