Heft 26/1999 | Jürgen fuchs | Seite 86

Helmut Müller-Enbergs

Der BND und seine Verbindungen zur Presse

Rezension zu: Erich Schmidt-Eenboom, »Undercover. Der BND und die deutschen Journalisten«.

Schon mehrfach beschäftigte sich Dr. Erich Schmidt-Eenboom, Direktor des Forschungsinstituts für Friedenspolitik in Weilheim (Oberbayern), mit dem Bundesnachrichtendienst (BND). So in seinen Büchern »Schnüffler ohne Nase – Der BND« (1993), »Die schmutzigen Geschäfte der Wirtschaftsspione« (1994) und »Der Schattenkrieger - Klaus Kinkel und der BND« (1995). Bei der Auseinandersetzung mit diesem Auslandsnachrichtendienst darf ihm keinesfalls eine sympathisierende Tendenz unterstellt werden, eher gehört er zu seinen Kritikern. Dies unterstreicht er in seiner jüngsten Publikation »Undercover«, die sich mit »Verbindungen« des BND zu deutschen Journalisten auseinandersetzt.
Ausgangspunkt sind für Schmidt-Eenboom zwei Listen des Nachrichtendienstes über seine »Pressesonderverbindungen« aus den Jahren 1970 und 1974, die nach Anforderung von Horst Ehmke erstellt worden waren, der seinerzeit im Bundeskanzleramt für die Aufsicht auch des BND zuständig war. »Ich widerstand der Versuchung«, erinnert sich Ehmke später, »diese Pandorabüchse zu öffnen, ordnete die Vernichtung auch dieser Unterlagen an und untersagte derartige Praktiken«. Nun aber liegen sie, teils im Faksimile, gedruckt vor: Es handelt sich um insgesamt 230 »Pressesonderverbindungen« mit Angaben zu Zeitungen, Klar- und Decknamen, berufliche Positionen und dem jeweiligen »Presseverbindungsführer« des BND. Schmidt-Eenboom recherchierte zu den darin genannten Journalisten, wertete deren Artikel aus und nahm teilweise persönlichen Kontakt auf. Der Autor ließ sich dabei von zwei Fragen leiten: Hat der BND mit Hilfe von Journalisten nicht nur Informationen gewinnen wollen, sondern auch Einfluß auf deren Berichterstattung auszuüben versucht? Überschreitet die Zusammenarbeit mit ihm die journalistische Unabhängigkeit? In seinem Urteil bejaht der Autor beides, wenn auch nicht expressis verbis.
Seine Argumentationstechnik leidet mitunter an einer eher kolportagehaften, leicht abschweifenden Darstellung, die zuweilen mehr suggeriert als belegt. So etwa bei dem renommierten Journalisten Dr. Karl Wilhelm Fricke, der auf den »Presseverbindungslisten« offenbar nicht aufgeführt ist, und dem einige Passagen gewidmet sind: Nach Schmidt-Eenbomm sei Fricke zum »exklusiven Kreis der Tischgäste« des ehemaligen BND-Chefs Gerhard Wessel zu zählen, auch habe dieser im Auftrag des Bundesministeriums für Gesamtdeutsche Fragen im Jahre 1962 eine Publikation zur Staatssicherheit verfaßt. Das MfS seinerseits habe nun den ehemaligen Arbeitgeber Frickes, den Deutschlandfunk, zu den Zentren der »ideologischen Diversion« gezählt und in einer speziellen EDV-Liste vier »BND-Kontakte« zum Sender verzeichnet, darunter Fricke. Belegt das Einflußnahme des BND? Ist damit die journalistische Unabhängigkeit überschritten? Ist Fricke nun eine »Pressesonderverbindung« des BND gewesen? Ebenso spekulativ verhält es sich bei dem Gründer des »Stern«, Henri Nannen, der immerhin als Verbindung mit dem Decknamen »Nebel« angeführt wird.
Solche Argumentationsmuster belasten die zahlreichen, zuweilen durchaus überzeugenden Fakten, die Kooperationen zwischen Journalisten und Nachrichtendienst belegen. Von solchen Kontakten scheint kaum eine der bedeutenderen Zeitungen, Magazine, Rundfunk- und Fernsehsender ausgenommen zu sein. Schmidt-Eenbooms Buch bietet somit einen beachtlichen, zuweilen denunziatorisch wirkenden Einblick (was Unterlassungsklagen geradezu erzwingen mußte) auf ein bisher wenig beachtetes Kapitel der Geschichte des BND.

 

Erich Schmidt-Eenboom: »Undercover. Der BND und die deutschen Journalisten«, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1998, 447S., ISBN 3-462-02715-8, 48,- DM.

 

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