Heft 29/2000 | besetzung der stasizentralen | Seite 68 - 69

 

Heiki Ahonen

Wer sind unsere Helden? Wer sind unsere Freunde? Wer sind unsere Feinde?

 

Über die Aufgaben und Ziele des Kistler-Ritso Estnischen Fonds

 

Allgemeines

Der Kistler-Risto Estnische Fonds (KRES) wurde im Jahre 1998 gegründet. Sein Zweck ist, in Estland das Museum der Okkupationen der Neuesten Geschichte (1940-1991) aufzubauen. Auf dieses Ziel hin hat man im Jahre 1999 mit dem Sammeln von Gegenständen und Dokumenten, die im Museum aufgestellt bzw. präsentiert werden und mit der Ausarbeitung des Programms für die wissenschaftliche Arbeit begonnen.Gleichzeitig nahm man Kontakte zu den privaten und staatlichen Institutionen auf, die sich mehr oder weniger mit demselben Themenkreis beschäftigen.

Die neueste Geschichte, die Zeitgeschichte, wird in diesem Kontext durch die Jahre 1940-1991 begrenzt. Es handelt sich um ein Projekt, im Rahmen dessen es möglich ist, neben den die Zeit symbolisierenden Gegenständen und Dokumenten auch die direkten Erinnerungen von Lebenden zu sammeln. Von Bedeutung ist auch die Tatsache, daß es nicht nur um die Untersuchung von Repressionen geht, sondern das Ziel ist, eine Erklärung für das Wirken der Okkupationsmächte in der estnischen Gesellschaft, die die Selbständigkeit wieder erlangen konnte, zu finden.

Natürlich handelt es sich in dieser Zeitspanne um Repressionen mit einer sehr großen Ausdehnung, aber diese sozusagen nur sichtbaren und faßbaren Repressionen (Verhaftungen, Morde, Deportationen) erklären nicht die in der Entwicklung der Gesellschaft, Werteinschätzungen und Mentalitäten stattgefundenen Veränderungen.

Leider ist zur Zeit die Situation, was die Erforschung der jüngeren Geschichte betrifft, relativ traurig. Die staatlichen Institutionen, die ihrer Funktion nach sich auch mit der neuesten Geschichte beschäftigen müßten (Historisches Institut, Historisches Museum u.a.), haben keine dafür ausreichende Mittel und sonstige Ressourcen. Aber es wäre erforderlich, das Sammeln schon heute aufzunehmen, da die Zeit in der Regel gegen das Bestehende arbeitet. Die wissenschaftliche Untersuchung der obengenannten Periode ist noch am Anfang, eigentlich kann man sagen, daß es noch keine Untersuchungsgrundlagen (Methodologie und Periodisierung) gibt oder wenn, dann nur sehr lückenhaft.



Arbeitspläne

In Arbeitsplänen des Kistler-Ritso Estnischen Fonds steht zuerst das Fixieren der momentanen Situation (um Wiederholungen zu vermeiden: in Zusammenarbeit mit den staatlichen Institutionen, die sich mit der Geschichte auseinandersetzen), danach müssen die Hauptrichtungen zur Betrachtung der zu untersuchenden Periode ausgearbeitet und die zeitgerechte und organisierte Tätigkeit zum Füllen der Lücken aufgenommen werden.

1999 und Anfang 2000 hat KRES mehrere Konferenzen und Seminare über methodologische Fragen der Zeitgeschichte organisiert; manche dazu erarbeitete Materialien wurden auch publiziert.

Seit 1999 gibt es auch eine Internet Homepage (in drei Sprachen): »www.okupatsioon.ee«, in der man viele Informationen finden kann.

In den letzten zehn Jahren hat man sich ziemlich ernsthaft mit der Dokumentation der Ereignisse während der sowjetischen und deutschen Okkupation beschäftigt. Leider werden die gesammelten Materialien bei unterschiedlichen Institutionen und Personen aufbewahrt und oft nur in Papierform, wodurch das Vergleichen und Analysieren von diesen erschwert wird. Deshalb hat der Kistler-Ritso Estnische Fonds begonnen, die publizierten Materialien in einer gemeinsamen elektronischen Datenbank zu sammeln, in der es zur Zeit unterschiedliche Ausgaben von SUARO, MEMENTO und anderer Organisationen gibt.

Wir haben auch mit dem Sammeln von Gegenständen und Materialien begonnen. Mit diesem Ziel haben wir Kontakte zu den Institutionen und Privatpersonen aufgenommen. Der Bestand ist zur Zeit klein, nimmt aber kräftig zu. Es gibt da sowohl triviale Gegenstände (Einrichtung vom Tallinner Gefängnis), als auch ziemlich rare Dinge (das aus dem Todeslager von Klooga im Jahre 1944 herausgeworfene Album). Unglaublich viel ist schon verloren.



Hauptrichtungen und Prioritäten der wissenschaftlichen Tätigkeit

Das Ziel der Tätigkeit vom Kistler-Ritso Estnischen Fonds ist das Suchen und Finden von Antworten auf die zentralen Fragen der Zeitgeschichte Estlands: wer sind unsere Helden?, wer sind unsere Freunde?, wer sind unsere Feinde? Unsere Aufgabe ist, bei der Festlegung der Identität, bei der Festlegung und Konsolidierung des nationalen Bewußtseins zu helfen, der kleinen Nation die Bedeutung der Eigenstaatlichkeit zu vermitteln.

Das Ziel der nach Außen gerichteten Tätigkeit (fremdsprachige Publikationen u.a.) ist, allgemein verständlich eine Vorstellung unserer nationalen Katastrophe und des menschenfeindlichen Charakters der sowjetischen National- und Wirtschaftspolitik zu vermitteln, die sich nicht mit den amerikanischen Verhältnissen des Schmelztiegels begrenzten.

Die wissenschaftliche Untersuchung beruht auf den veröffentlichten Geschichtsquellen, nicht veröffentlichten Archivmaterialien und der mündlichen Tradition. Die Ergebnisse werden in einer ernsten wissenschaftlichen Form veröffentlicht, aber dabei möglichst anschaulich und gut lesbar.



Ausstellungspläne des Museums

Es ist eine mühsame Arbeit die Ausstellung zu planen, da man nie weiß, ob die geplanten Gegenstände und Dokumente erreichbar sind oder nicht. Deshalb werden hier zwei Hauptrichtungen genannt, die vorbereitet werden. Erstens gibt es ein vorläufiges Periodisierungsschema der Zeitgeschichte, das die Jahre 1940-1991 in acht Unterperioden teilt, und zweitens hat man ein audiovisuelles Programm vorbereitet, das aus acht Dokumentarfilmen (über jede Unterperiode einer) besteht, die für den ständigen Gebrauch in der Ausstellung gedacht sind. Die Filme können über den Computerbildschirm angeschaut werden, und sie charakterisieren und analysieren im Allgemeinen die Entwicklung Estlands in der genannten Periode. Von geplanten acht Filmen sind zwei (Das Erste Rote Jahr und Der Krieg/ Deutsche Jahre) schon fertiggestellt.

Über denselben Computer können sämtliche anderen mit der Computertechnik möglichen Operationen vorgenommen werden: lesen von Listen und Übersichten, ansehen der Schemata und hören von Musik. Neben dieser virtuellen Ausstellung gibt es natürlich auch eine gewöhnliche Ausstellung, d.h. Gegenstände, Dokumente und Fotos.



Zusammenfassend:

Die Bedeutung der Untersuchung der Zeitgeschichte wird nicht bestritten aber in der Praxis mangelt es an Mitteln und Koordination. Unbedingt ist eine Zusammenarbeit zwischen den staatlichen und privaten Strukturen erforderlich, um den maximalen Erfolg in der Tätigkeit zu erreichen. Die elektronischen Datenbanken sind obligatorisch, um den Bedarf an der Information sowohl im Inland als auch im Ausland zu befriedigen.

 

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