Heft 29/2000 | besetzung der stasizentralen | Seite 72 - 73

 

Holger Kulick

Die Rückkehr in die Nischengesellschaft

 

Depression statt Enthusiasmus nach der Nationalpreisverleihung in Berlin: Fünf Denkanstösse aus der Gethsemanekirche über Politikfrust & ein Machtwort von Helmut Schmidt

 

Man sollte annehmen, dass eine Preisverleihung Freudestrahlen auslöst. Insbesondere nach dem anhaltenden stehenden Applaus für die »Helden von gestern«, jenen 30 Erstunterzeichnern des Appells Aufbruch 89 zur Gründung des Neuen Forums, denen Ende Mai 2000 in der Gethsemanekirche der Nationalpreis ausgehändigt wurde. Doch wer nach dem feierlichen Event genauer hinhörte, vernahm auch sehr viel Zähneknirschen der Preisgekrönten, mit Recht. Zum einen: unwidersprochen blieb die Meldung, eigentlich sei Helmut Kohl zunächst als Preisträger auserkoren worden – bis zum CDU-Spenden- und Korruptionsskandal, die Prämierten also doch nur zweite Wahl? Zum anderen: keinesfalls herrscht Begeisterung über das, was vom Engagement und demokratischem Aufbruchgeist vor 10 Jahren übrig blieb. Mit Kamera und Mikrofon befragt antworteten im Anschluss an die Preisvergabe die Ex-Bürgerrechtler Jens Reich, Bärbel Bohley, Reinhard Schult und Sebastian Pflugbeil selbstkritisch auf diese Frage, außerdem kommentierten der Preisträger von 1998 Wolf Biermann und der Nationalpreis-Begründer, Altkanzler Helmut Schmidt.



Dabei wurden die Antworten auch zu einem Zeichen von politischer Kultur: gesendet werden durfte ein Konzentrat der ganz und gar nicht in die politische Landschaft passenden Reflektionen nicht, das passe in keine Rubrik hieß es in der dafür verantwortlichen öffentlich-rechtlichen Fernsehredaktion.

Jens Reich: »Engagement? Das ist auch eine Frage an mich selbst...«

Holger Kulick: Wie viel vom Aufbruchgeist des Neuen Forums ist denn in Ihren Augen noch vorhanden oder aber der Gesellschaft inzwischen verloren gegangen?

Jens Reich: Tja, das ist auch eine Frage an mich selbst, da ist nicht mehr viel von da und es ist wieder so eine Stimmung wie in der späten DDR. Alle sitzen wieder in ihren privaten Höhlen drin und sagen, wir können doch nichts machen. Es gibt aber eine ganze Reihe Sachen, zu denen man nicht schweigen sollte.



Wie lässt sich das aufbrechen?

Da habe ich kein Rezept, so was kann man nicht aktiv aufbrechen, das muss passieren, da muss eine Stimmung sein, die aufkommt, aber eine träge Masse lässt sich auch nicht nach Rezept so einfach mobilisieren.



Ist die Gesellschaft zu bequem geworden?

Es sind alle mit ihrem Alltag beschäftigt, es hat jeder dringend zu tun, ich habe auch dringend zu tun und da kommt es leicht, dass man sagt: die großen Dinge soll doch die Politik machen. Dann delegiert man und das ist dann der Anfang vom Ende, wenn man delegiert und das Mandat nicht mehr überprüft. Das Mandat eines Politikers muss aber ständig überprüft werden, da muss ständig hinterfragt und nachgehakt werden.



Bärbel Bohley: »Der Gesellschaft drohen Tendenzen, wie in Kroatien«

Bärbel Bohley: Der Aufbruch von 89 ist natürlich nicht mehr da, auch nicht die Hoffnung auf schnelle Veränderung, die ja im Herbst 89 da war, es ist auch nicht die Dialogbereitschaft da, eigentlich mehr so eine Abgrenzung. Und das war doch eigentlich das Schöne im Jahr 89, dass man geglaubt hat, wir müssen bloß alle zusammenhalten und jetzt verzweifelt man schon daran, wenn man sich vorstellt, es müssten mal alle zusammen, das würde schon nicht mehr gehen.



Fehlt der Gesellschaft von heute damit ein gewisses Maß an Bürgerengagement?

Es gibt schon noch eine ganze Menge Leute, die sich engagieren und ihre Interessen versuchen durchzusetzen, sei es in Vereinen oder Bürgerinitiativen. Das was wir aus der Opposition heraus in der DDR wollten, war ja auf dieser Basis der Aufbau einer zivilen Gesellschaft, die Chancen dazu sind auch nach wie vor da. Aber es gibt dafür wenig öffentliches Interesse und es gibt gleichzeitig parallel dazu einen Art Niedergang der Politik.

Ich sehe eigentlich ähnliches zur Zeit in Kroatien, wo sich in den letzten 10 Jahren Politik total unglaubwürdig gemacht hat, seit Tudzmann das Sagen hat. Die Leute ziehen sich total zurück, es gibt kaum oder keine politisch engagierten Leute mehr, sondern was es ab und zu noch geben wird, ist eine Protestwahl. Da wählt man aber nicht ein politisches Programm, sondern will nur seiner Unzufriedenheit Ausdruck geben. Und so was ähnliches könnte ich mir für uns hier auch zunehmend vorstellen, dass wir im Grunde genommen keine politischen Programme mehr wählen oder uns selber politisch engagieren, sondern zu Protestwählern mutieren.



Reinhard Schult: »Die westliche Gesellschaft hat den Impuls nicht aufgenommen...«

Na ich bin ja weiterhin aktiv, sicherlich als einer der wenigen im Neuen Forum. Natürlich ist da nicht mehr die Zeit der großen Demonstrationen und Versammlungen, aber ich denke schon, dass es nach wie vor notwendig bleibt, sich einzumischen in die eigenen Angelegenheiten und dass man Politik nicht delegieren kann.



Ist für Sie auch die Gesellschaft zu träge geworden?

Ich denke, vor allem die westliche Gesellschaft hat diesen Impuls nicht aufgenommen, sie ist sich nicht bewusst geworden, dass das auch mit ihr zu tun hat und dass in den erstarrten Strukturen des Westens natürlich auch ein Aufbruch dringend notwendig wäre.



Weil die Spaß-Gesellschaft immer unpolitischer wird?

Sie wird unpolitischer, die Politiker immer untätiger oder in eingefahrenen Gleisen. Und Parteipolitik lockt kaum noch jemand hinter dem Ofen vor...



...und Bürgerrechtler werden nur noch als historische Gestalten geehrt?.

Ich denke aber, dass es unter uns noch eine ganze Menge Leute gibt, die sich wie zu DDR-Zeiten im Kleinen engagieren, ohne dass das gleich zu einer Massenbewegung führt. Man muss einfach weiterarbeiten und ich denke, die Zeit wird zeigen, dass sich Leute auch wieder mehr einmischen – hoffe ich.



Sebastian Pflugbeil: »Der Aufruf zum Neuen Forum passt auch heute«

Im Grunde könnte man den alten Text des Aufrufs zur Gründung vom Neuen Forum fast in jeder Zeile auch auf die gegenwärtige Zeit beziehen, so das Anliegen, sich auch als Bürger um die Angelegenheiten des Staates zu kümmern und nicht alles Profipolitikern zu überlassen.

Der erste Satz war: »die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft ist offensichtlich gestört«. Besser lässt sich die gegenwärtige Situation auch nicht beschreiben. Von daher ist das gar nicht so weit auseinander, ein ganzer Teil von uns ist ja auch an den alten Themen, die wir schon vor 89 für richtig hielten, dran geblieben, von daher ist auch noch ein roter Faden vorhanden.



Woher kommt aber diese Entpolitisierung und die Trägheit in der Gesellschaft?

Also im Osten ist die Enttäuschung über das Verhalten der Politiker ziemlich erheblich. Mir geht das genauso. Auch ich hatte bestimmte Dinge einfach nicht für möglich gehalten. Wir sind zwar nicht mit dem Ziel losmarschiert, jetzt schnell Wiedervereinigung zu machen, aber wir hatten doch irgendwie so ein Gefühl, auch wenn die westliche Gesellschaft nicht unsere Traumgesellschaft war, dass da so eine gewisse Verhaltensnorm da ist, auf die man sich irgendwie verlassen kann. Und da ist im Grunde genommen in den letzten Monaten ziemlich viel weggebrochen, was so das persönliche Gefühl zu Parteien und zu Obrigkeit angeht und zum Rechtsstaat und zu dem ganzen Gerippe, das so einen Staat zusammen hält.

Und das sehe ich als eine verwandte Frustration an, die wir 89 hatten. Da hatten wir auch das Vertrauen in das System verloren, hatten gemerkt, so geht es nicht weiter, es gibt unübersehbare Probleme, die Politiker haben keine Vorstellungen, wie Lösungen zustande kommen sollen, es ist eine große Ratlosigkeit gepaart mit fachlicher Inkompetenz, das muss im Prinzip dazu führen, dass Bürger sich engagieren. Und dass das im Moment noch nicht passiert, tja, da ist wohl noch viel zu tun. Es gibt zu viele reiche Leute, zu viel Geld in Umlauf, dass es noch nicht wehtut. Aber das ist abzusehen, denke ich.



Wolf Biermann: »Dieses Verhalten ist leider so alt, wie die Menschheit«

Man würde ja niemand mit einem Preis für Engagement und Courage auszeichnen, wenn es normal wäre, dass sich Leute so couragiert verhalten. Das ist aber immer die Ausnahme, also ist solch ein Preis auch so wichtig, um andere zu ermuntern und zu ermutigen mutig zu sein, denn das Leute feige und bequem sind, ist so alt wie die Menschheit. Aber dass manche manchmal frech werden und sich einmischen in ihre eigenen Angelegenheiten, kommt auch immer wieder, das ist wie eine Wellenbewegung im Geschichtsprozess.



Teilen Sie die Sorge, dass die Gesellschaft derzeit zu bequem und unterhaltungsorientiert wird?

Nein, auch diese Angst ist so alt, wie die Menschheit. Wir kommen doch aber schon von weiter her, aber es sind immer wieder die alten Klagelieder, dass die Zeiten so beschissen sind. Natürlich - aber gerade, weil die Zeiten so schwer und unpolitisch sind und Leute sich sogar um ihre eigenen Angelegenheiten nicht mehr kümmern, provoziert ja auch den schmerzhaften Wunsch bei bestimmten Menschen, sich dann doch einzumischen. Das heißt, dieser Mangel ist auch nötig, damit sich Leute daran erinnern, was sie mit sich und der Welt einmal vorhatten. Dann zeigen sie auch, dass sie nicht nur den Ehrgeiz haben, nur elegant von der Wiege bis zur Bahre zu kommen, sondern dass sie sich noch beweisen wollen, nicht nur als Individuum locker-flockig durch die Welt zu kommen, sondern der Zeit auch ihren Stempel aufzudrücken und sich als Mensch einzumischen in die Art, wie Menschen zusammenleben.



Helmut Schmidt: »Fernsehen erzieht zu Oberflächlichkeit«

Was kann nun ein solcher Preis bewirken? Die heranwachsende Generation wirkt ja nicht unbedingt so engagiert, wie die gerade eben ausgezeichnete...

Also, zunächst einmal, sollte sie es wissen und kennen, denn es ist schon eine ganze Menge, wenn eine nachfolgende Generation Kenntnis nimmt, von dem, was vorher geschehen ist, was Menschen vorher getan haben, was Menschen gelitten haben. Ob sie daraus für ihr eigenes Tun und Lassen später einmal Schlussfolgerungen ziehen, das bleibt abzuwarten.



Teilen Sie denn den Eindruck, dass in der politischen Kultur der Bundesrepublik gegenwärtig eine eher unpolitischere Generation heranwächst?

Nein, das würde ich nicht sagen. Wir haben es insgesamt mit einer Veränderung der demokratischen Gesellschaft zu tun, durch das Fernsehen. Die Zeitungsdemokratie von vor dreißig, vierzig Jahren war eine andere, als heute die Fernsehdemokratie. Fernsehen erzieht sowohl die Politiker zu Oberflächlichkeit als auch das Publikum, auch zur politischen Oberflächlichkeit. Das muss man erkennen und damit muss man fertig werden.

Ich hoffe, dass es nicht dabei bleibt, aber gegenwärtig geben sich ja viele Politiker damit zufrieden, wenn sie in einer Quasselbude, genannt Talkshow zweimal am Abend mit zweieinhalb Minuten zu Worte kommen, dann sind sie schon sehr befriedigt.

In Wirklichkeit ist das noch keine Leistung.

 

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