Heft 29/2000 | besetzung der stasizentralen | Seite 85 - 86

 

Christoph Kuhn

Gefährdete Existenz.

 

Ein neues Sachbuch zur DDR-Politik gegenüber der „Dritten Welt“

Hans-Joachim Döring: »‘Es geht um unsere Existenz’ Die Politik der DDR gegenüber der Dritten Welt am Beispiel von Mosambik und Äthiopien« (Forschungen zur DDR-Gesellschaft), Christoph Links Verlag, Berlin 1999, 352 Seiten, ISBN 3-86153-185-2, 38,- DM

 

Gerade erließ die Bundesrepublik Deutschland dem von einer verheerenden Flut heimgesuchten Mosambik Schulden in Höhe von 62 Millionen Mark. Vor dieser Katastrophe hörte man nicht viel von diesem Land. Hans-Joachim Dörings Studie allerdings stellt es, neben Äthiopien, in den Vordergrund einer Analyse der DDR-»Entwicklungs«-Politik gegenüber der sogenannten Dritten Welt.

Warum engagierte sich die DDR in »Entwicklungsländern«? War Wirtschaftshilfe »Herzenssache« für Staat und Volk und »internationale Solidarität« wirklich ein Grundsatz?

Obwohl die DDR nie, wie behauptet, zu den ersten Industriestaaten der Welt gehörte, hatte sie doch innerhalb des Ostblocks den höchsten Lebensstandard und wurde in den siebziger Jahren, als die »Hallstein-Doktrin« passé war, weltweit diplomatisch anerkannt und in die UN aufgenommen.

Im Streben nach internationaler Anerkennung gab es Parallelen zur afrikanischen Befreiungsbewegung, zu »jungen Nationalstaaten«, die die DDR proklamatorisch unterstützte im Anspruch neuer gerechter Wirtschaftspolitik.

Einigen dieser Länder galt die DDR, zumal nach der von ihr 1975 mitunterzeichneten KSZE-Akte, als zuverlässig und solidarisch.

SED-Ökonomen erhofften sich kostengünstige Rohstoffbezüge und Devisen. War doch ihr Westhandel prekär defizitär und im Handel mit Ländern des »nichtsozialstischen Währungsgebiets« konnten Guthaben entstehen.

Doch Hoffnungen, eigene Interessen mit denen mancher Entwicklungsländer zum gegenseitigen Vorteil zu verbinden, scheiterten im wesentlichen: Nicht nur, weil die DDR kaum souverän ohne Zustimmung der Sowjetunion agieren durfte, sondern vor allem, weil das Politbüro die Lage der Partnerländer falsch einschätzte und mißwirtschaftlich-hektisch versuchte, den Lebensstandard zu verbessern, wenigsten zu halten. Drei Beispiele:

Um genügend Fleisch in die Bundesrepublik liefern zu können, planten DDR-Exporteure ihr Vieh mit Futter aus Mosambik und Äthiopien zu mästen - Ländern mit Hungersnot! Dass dazu Landwirtschaftsgerät nach Afrika verschifft wurde und dort zum größten Teil verrostete, rundet den Irrsinn ab. Ganz zu schweigen von ostdeutschen Grossprojekten, die in südlichen Ländern vom Urwald verschlungen oder sonstwie vom Zahn der Zeit zu »Entwicklungsruinen« wurden.

Dringend benötigte und in Mosambik aufwendig geförderte Kohle erwies sich als Heizstoff vorwiegend wertlos für die DDR.

Kaffee reichte nicht und das Volk empörte sich über »Kaffee-Mix«, ein »Erichs Krönung« genanntes Gemisch aus Getreide und echten Bohnen, die man auch aus Äthiopien bezog. Das Militärregime bekam dafür Waffen, die gegen eine linke Opposition gerichtet und im Bürgerkrieg und in Kriegen mit Nachbarstaaten benutzt wurden. (Selbst in Hungerszeit bombardierten äthiopische Flugzeuge eritreische Städte. Und die DDR lieferte noch 1988/89 Panzer, als Gorbatschow Militärhilfe für Afrika einstellte.)

Das System war wirtschaftlich so ruiniert, dass es in schizoide Widersprüche zwischen verlautbarter Politik und praktizierter Ökonomie geriet: Einerseits Solidarität mit unabhängigen afrikanischen Staaten »auf sozialistischem Weg«. Andererseits die Annahme des Milliardenkredits von Franz-Josef Strauß, einem erklärten Freund des südafrikanischen Apartheidregimes.

1977 erkennt die SED-Führung erstmals die Existenzgefährdung des Staates. Schulden wachsen, Zahlungsunfähigkeit droht. Die Gefahr abwenden sollen neue Akteure einer »Exportoffensive Entwicklungsländer«: Alexander Schalck-Golodkowski leitet den Bereich »Kommerzielle Koordinierung«. Und der intelligente, auf internationalem Parkett wendige »Ausnahmegenosse« Werner Lamberz bringt Schwung in die Afrikapolitik, doch sein (noch nicht ganz aufgeklärter) Hubschrauberabsturz in der libyschen Wüste 1978 beendet die Phase intensivierter Außenpolitik.

1981 verschärft sich die Krise als die Sowjetunion auch gegenüber dem »Bruderland« DDR den Erdölpreis erhöht. Honecker begehrt dagegen in Briefen an Breschnew auf. Dessen Sekretär Russakow lässt ausrichten, infolge »schrecklicher Ernte« müsse man Getreide und Zucker im Ausland gegen Devisen kaufen, könne deshalb den Ölpreis nicht senken. Breschnew befürchte, die SU verliere ihre Stellung in der Welt und er habe geweint als er die Antwort unterschrieb, erfährt Honecker, der schlecht schläft und gleichfalls um den Bestand seines Staates bangt.

Eine Situation, die ohne transparente Öffentlichkeit damals nicht einmal erahnbar gewesen ist.

Wegen der für Diktaturen typischen Geheimhaltung sollte die Kirche eigenständiger »Entwicklungshilfe« entsagen. Ständig bemühte sie sich, meist vergeblich, Helfer nach Mosambik zu schicken. Eine Alternative war die Hilfe in der DDR selber: In Kirchgemeinden entstanden in den 80er Jahre Treffpunkte für Ausländer, sogenannte Cabanas (Hütten) und durch sie spätere Kontakte zu Gemeinden in Mosambik.

Zu Mosambik bestanden die engsten politischen Kontakte der DDR. Doch in den 80er Jahren wurden zu allen afrikanischen Ländern die Beziehungen drastisch reduziert. Selbst 1982 geäußerte Bitten Mosambiks um kostenlose Waffenlieferung lehnte Schalck-Golodkowski ab: »Es geht primär um die Existenz der DDR.«

Am 1. Juli 1990, dem Tag der Währungsumstellung, betrugen Mosambiks Schulden aus ihrem Handel mit der DDR 440 Mio. DM. Schulden in Rubel oder DDR-Mark sind nach dem Zusammenbruch des COMECON in Devisen zurück zu zahlen. Die Bundesrepublik übernahm nicht nur die Schulden der DDR, sondern trat auch an Gläubigerstelle gegenüber Ländern der Zwei-Drittel-Welt

Dörings Buch enthält ausführliche (in der DDR vorwiegend geheimgehaltene) Zahlen zur Verschuldung oder zu Handelsvolumina, akribisch ausgewertete Staatsakten und Gespräche des Autors mit DDR-Politikern, die – neben Faksimiles von Stasi-Akten – zum Spannendsten der Studie gehören. Sie ist außerdem nicht ohne hintergründigen Humor geschrieben, wo es um Eitelkeiten, Animositäten und bürokratische Extravaganzen des Politbüros und der Staatssicherheit geht.

Fragen bleiben, wie Spenden der Bevölkerung, »gesellschaftlicher Kräfte«, in staatliche Bilanzen einflossen oder wie die afrikanischen Länder selber mittlerweile die ihnen zugewandte Politik der DDR einschätzen. Noch nicht aufgearbeitet ist das solidarische Handeln einzelner DDR-Bürgerinnen und Bürger, die in afrikanische Länder entsandt waren. Das Buch will auch darüber zum Dialog anregen.

Hans-Joachim Döring ist Religionspädagoge, 1987-94 Geschäftsführer des INKOTA-Netzes (INformation, KOordination, TAgungen zu Problemen der Zwei-Drittel-Welt), bis 1997 Geschäftsführer der Stiftung Nord-Süd-Brücken, zwischendurch von Mai bis Oktober 1990 entwicklungspolitscher Berater des letzten DDR-Außenministeriums und seit 1997 Leiter der Fachstelle Umwelt und Entwicklung im Kirchlichen Forschungsheim Wittenberg.

Der Autor weiß um den sich verschärfenden Nord-Süd-Konflikt und mahnt eindringlich und detailliert begründet die Schuldenreduzierung besonders armer, bzw. die Entschuldung der ärmsten Länder an.

Möglicherweise ist damit gegenüber Mosambik begonnen worden.

 



 

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