Heft 31/2000 | rezensionen | Seite 59

Christoph Kuhn

Noch haben wir die Macht

Obwohl das Interesse an DDR-Geschichte eher ab- als zuzunehmen scheint, geht die Beschäftigung damit weiter. Einer, der sich dieser Aufgabe stellt – besonders die Behinderung der Demokratie und Öffentlichkeit durch die Staatssicherheit darzustellen – ist Wieland Berg.
Dokumentierte seine erste Publikation Das Phantom die Aktivitäten der Ökologischen Arbeitsgruppe (ÖAG) in Halle gegen die Asphaltierung von Heidewegen und die Reaktionen des MfS, so thematisiert die neue Broschüre laut Untertitel »Saaleaktionen 1989 zwischen Wahlfälschung und Montagsdemos in Halle – und wie die Stasi nur noch hinterherlief.«
Im Juni (noch vor aufregenden Fernsehbildern aus der Prager Botschaft und Flüchtlingsströmen über Ungarn) veranstaltete die unterm Dach der evangelischen Kirche agierende Umweltgruppe ein »Schauangeln« an der Saale. »Wir wollen nicht mehr im TRÜBEN fischen – Weltumwelttag 1989« verkündete ein Plakat am Ufer, das die Polizei bald beschlagnahmte; einige der couragierten Anglerinnen und Angler wurden »zugeführt« und ausführlich verhört. Was heute harmlos klingt, war damals spektakulär und wurde von der Stasi sehr ernstgenommen. Doch ist diese Angelei nur Teil einer konzertierten Aktion, gewissermaßen ein Ablenkungsmanöver gewesen. Gleichzeitig und sehr viel öffentlichkeitswirksamer befestigten mit Bauhelmen getarnte ÖAG-Mitglieder an der Hochstraße nach Halle-Neustadt ein 30 Meter langes Transparent: WIR HABEN DIESE ERDE NICHT GEERBT, SONDERN VON UNSEREN KINDERN GELIEHEN.  Erst als sie fertigwaren, griffen Polizisten ein, und die Stasi erfuhr es zuletzt; ihre Spitzel waren eben doch nicht allgegenwärtig – eine Erkenntnis, die mit dazu führte, daß die zu »Intimfeinden der Stasi avancierten« Mitglieder von Umweltgruppen ihre Angst verloren. Deren Spontanität und Phantasie war wirksamer als die Überwachung durch den Mielke-Apparat, der »bei aller Aufgeblähtheit das Aufbegehren nicht mehr in den Griff bekommen« konnte.
Dissidenz, ein »natürliches Widerstandsgefühl«, war auch abenteuerlich. Wie würde die Staatsmacht wohl reagieren, nahm man am traditionellen Laternenfest-Korso mit eigenem Kahn und der Losung »Umweltschutz tut not - wir sitzen alle in einem Boot« teil? Auch dieses Plakat wurde beschlagnahmt, und der Kahn sollte – trotz Startprämie – von Polizeibooten aufgebracht werden. »Noch haben wir die Macht!« drohte ein Wachtmeister orakelhaft an diesem Augusttag.
Die Staatsmacht war im Schwinden begriffen.
Im letzten und vielleicht aufregendsten Jahr der DDR wurde die Fälschung der Kommunalwahlen bewiesen, demonstrierten Basisgruppen gegen die Unterdrückung der Demokratie in Peking, gab es in Halle eine Ausstellung über den nur auf dem Papier stehenden Vertrag der Partnerschaft mit Karlsruhe, erschien nach der Untergrundschrift Blattwerk die Zeitung Das andere Blatt, (bevor die professionelle Presse soweit war, »die Wirklichkeit nicht mehr im Einheitsbrei anzubieten«), fanden die Montagsdemos, Bürgerversammlungen, die Mahnwache und Besetzung der Stasizentrale statt.
All das notiert Berg im Kontext der Saaleaktionen. Inzwischen beleben 30 Fischarten diesen Fluß: Bilder vom »Schauangeln« zeigen nur, wie die »Forderung nach Umweltschutz zur Forderung nach Umsturz« wurde.
Geschrieben ist das Buch (mit riskant aufgenommenen Fotos der Aktionen und Kopien aus Stasiakten) mitunter so, als richte es sich nur an den engsten Kreis hallischer Dissidenten, wenn sie beim Spitznamen genannt werden. Dabei ist es für alle zeitgeschichtlich Interessierten eine lohnende Lektüre, die trotz des lokalen Bezugs exemplarisch ist für die Oppositionsbewegung in der DDR und ihre geplante Zersetzung durch die SED-Führung. Und an die Gefühle dieses wichtigen Jahres wird erinnert. Stand doch sogar in einem Spitzelbericht: »Die Hoffnung, daß bei uns etwas passiert, war da.«

Wieland Berg: »Wasser auf die Mühlen«, hrsg. von der Ökologischen Arbeitsgruppe beim Ev. Kirchenkreis Halle, gefördert durch die Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Sachsen-Anhalt, druck-zuck GmbH, Halle 2000, 128 Seiten. ISBN 3-928466-26-7. Erhältlich in Buchhandlungen gegen eine Schutzgebühr von 5,00 DM.

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