Heft 31/2000 | leserbrief | Seite 60 - 61

Klaus Schmidt

Psychologen contra politischen Widerstand

Zuschrift zum Thema Mißbrauch der Psychiatrie durch SED und MfS in Heft 27/99 von Horch und Guck

»Wer jetzt noch immer nicht von den Zielen, Erfolgen und der Politik von SED und Regierung der DDR überzeugt ist, diejenige Person muß auf ihren geistigen Zustand in der Psychiatrie untersucht werden,« so der erste Sekretär der SED-Kreisleitung auf einer Weiterbildungsveranstaltung für Lehrer des Kreises Eisenhüttenstadt. Meine Frau war damals anwesend und sie hat sich diese Worte sehr genau gemerkt.
Wenn es um den politisch motivierten Mißbrauch der Psychiatrie durch SED und MfS geht, füge ich immer VP mit hinzu, denn es gab die Weisung von Mielke und dem MfS, daß die Leute der K1, die sogenannten U-Mitarbeiter in VP-Uniform und die uniformierten Dienstgrade der VP sowie ABV, (Abschnittsbevollmächtigte) politische Häftlinge bzw. politische Straftäter zu kriminalisieren hatten. Was alle auch getan haben, damit der Staat »DDR« nach außen hin immer sagen konnte, daß es so gut wie keine politischen Straftäter oder politische Häftlinge gab. Statt dessen waren es eben angeblich Kriminelle. Was machten sich solche Strolche aus einer Lüge mehr oder weniger?
Persönlich habe ich auf dem Gebiet des politisch motivierten Mißbrauchs der Psychiatrie durch SED, MfS und VP auch meine Erfahrungen sammeln können und müssen. Es war alles kein Zuckerschlecken, es war schon schrecklich genug. Allein, wenn ich daran denke, daß ich in der Nervenklinik Rostock praktisch gezwungen wurde, mich freiwillig punktieren zu lassen. Wenn ich mich damals dieser entsetzlichen Prozedur verweigert hätte, wäre ich mit Gewalt dazu gezwungen worden. Das hatte man mir angedroht, daran erinnere ich mich sehr genau.
Es kommt hinzu, daß ich bei meiner Verhaftung auf dem S-Bahnhof Friedrichstraße einen ordnungsgemäßen Bundesbürger-Ausweis bei mir trug, der bis zum Mai 1965 Gültigkeit besaß. Wer weiß, wen das MfS später mit meinem Ausweis in den Westen geschickt hat, vernichtet haben sie den auf keinen Fall. Ich war kein Bürger des Staates »DDR« und sie hätten mich nach international geltendem Menschenrecht, zu dessen Einhaltung sie sich z.B. in Helsinki per Unterschrift verpflichtet hatten, nach Beendigung meiner Haft wieder in die BRD entlassen müssen. Das haben sie aber nicht getan. Im strengen Sinne war das Freiheitsberaubung, aber was galten Gesetze für diese Verbrecher?
Niemand aus den Opferkreisen, die den politisch motivierten Mißbrauch der Psychiatrie über sich ergehen lassen mußten, sind vom MfS gefragt worden, ob sie Lust hatten, nach vorgetäuschter Vergeßlichkeit gegenüber Vorwürfen und Anschuldigungen in den Verhören, sich dann per Zwangseinweisung in die Psychiatrie schicken zu lassen, um dort auf den geistigen Zustand untersucht und begutachtet zu werden. Schon eine solche Begutachtung – nennen wir das einmal so – geschah nicht freiwillig, sondern beruhte auf Zwang und Gewalt. Genau an diesem Punkt beginnt der politisch motivierte Mißbrauch der Psychiatrie.
Etwas völlig anderes ist es, ob und wieviele Ärzte und medizinisches Personal dem Ansinnen und den Absichten von SED , MfS und VP überhaupt gefolgt sind und politischen Gefangenen Schizophrenie bzw. den Paragraphen 51 bescheinigt haben. Allerdings haben sehr viele Gutachter der Stasi über »Schwachstellen« in den ärztlichen Gutachten bei politischen Gefangenen berichtet. In meinem Fall haben Ärzte dem MfS testiert, daß ich nicht in der Lage bin, schwere körperliche Arbeiten zu verrichten. Exakt aber wurde ich in der Folgezeit ständig zu schwerer körperlicher Arbeit gezwungen. Als ich mich weigern wollte, drohte man mir mit Zwangsarbeitslager bzw. mit sogenannter Arbeitserziehung im Anschluß an meine Haftzeit.
All diese Mittel und Methoden gehörten zu den »Zersetzungsmaßnahmen politischen Widerstandes«, wie sie z.B. von Generalleutnant Gerhard Neiber 1965 in seinen Befehlen deklariert wurden. Eine solche Zersetzung politischen Widerstandes durfte, sollte, mußte jedoch nicht unbedingt mit der »Liquidierung politischen Widerstandes« enden. Wobei hier Liquidierung mit Tötung bzw. Hinrichtung gleichzusetzen ist. Die Hinrichtung von Leuten des politischen Widerstandes (z.B. von angeblichen Spionen, Agenten, Saboteuren usw.) fand bis etwa Mitte der achtziger Jahre durch den gezielten Schuß in den Hinterkopf statt.
Aus der durch meinen Bundesbürger-Ausweis entstandenen Rechtssituation versuchte ich in der Stasihaft auf meinem Recht zu bestehen. Zunächst verbot mir aber das MfS jegliche Kontakte zu meiner Mutter im Westen, die ja meine nächste Angehörige gewesen ist. Statt dessen habe ich nur Gelegenheit erhalten, mit meiner Tante aus dem unmittelbaren Grenzeinzugsbereich zu Westberlin, aus Rangsdorf, zu sprechen. Meine Tante benachrichtigte mich dann in der Stasihaft in Rostock auch darüber, daß Mutter mir kostenlos einen Rechtsanwalt aus der BRD stellen wollte. Die Vernehmer, Hauptmann Amthor, (der war zuletzt erster Stellvertreter Operativ, Stellvertreter des Chefs der BV Rostock und vom Dienstgrad her Oberst im MfS) sowie Leutnant Bleskin, lehnten einen Strafverteidiger aus der Bundesrepublik Deutschland ab. Sie verstießen auch damit eindeutig gegen geltendes DDR-Recht. Dafür erhielt ich dann den SED-Genossen Strich als Pflichtverteidiger. Den aber konnte ich aus begreiflichen Gründen nicht akzeptieren. So blieb die Verteidigung während der Verhöre usw. buchstäblich an meiner Person hängen. Zeit genug hatte ich ja auf der Einzelzelle, mir ein Konzept für meine Verteidigung zu entwerfen. Dabei kam ich auf das uralte Motiv der bewußt gespielten Vergeßlichkeit, das ich im Camp King, dem Spezialausbildungslager des CIA in Oberursel bei Frankfurt/ Main gelehrt bekommen hatte. Also wendete ich es an, lieferte allerdings dem MfS auch den Grund dafür, mich irgendwann halt auf meinen geistigen Zustand hin, weil ich so vergeßlich war, in der Psychiatrie untersuchen und begutachten zu lassen.
Dem MfS war schon klar, daß dies meine einzige und beste Möglichkeit der Verteidigung war. Nach der sogenannten Wende fielen ja plötzlich ganze Heerscharen in den Zustand der Amnesie. Diese Leute schickte niemand zwecks Überprüfung ihres geistigen Zustandes in die Psychiatrie. Ganz im Gegenteil, in einem derartigen Zustand der Vergeßlichkeit sind solche Strolche weiterhin für Patienten tätig. Es ist eigentlich immer wieder ein Wunder, daß sie ihren eigenen Namen noch kennen.
Vor allem machten SED, MfS und VP von einer Zwangseinweisung in die Psychiatrie dann Gebrauch, wenn ihnen das zu erwartende Strafmaß für die nachgewiesenen Delikte zu gering erschien. Sie hofften dann immer, daß ein Arzt politischen Gefangenen entweder Schizophrenie oder den berühmt-berüchtigten Paragraphen 51 bescheinigen würde. Hätten sie dieses Ziel erreicht, hieße das, daß solche Betroffene für einen völlig unbestimmten Zeitraum, auch ohne besonderes Urteil , hinter Gittern verschwinden konnten. Damit hätte der Machtapparat seine Staatsfeinde dann entweder liquidiert im Sinne von beseitigt oder als ungefährlich und bedeutungslos ausgeschaltet. Somit war ein Ziel in einem solchen »Zersetzungsprozeß« erreicht worden. Schon ein solcher Versuch ist strafbar, so jedenfalls steht es im Strafgesetzbuch (StGB). Also liegt für meine Begriffe im Vorgehen von SED, MfS, VP, politische Gefangene auf diese Art »unschädlich« zu machen, bereits der Psychiatriemißbrauch begründet. Alle anderen Behauptungen dienen nur im nachhinein dem Schutz von SED, MfS und VP.
In den Kommissionen, die sich später mit dem Psychiatriemißbrauch zu beschäftigen hatten, wurden niemals die letzten medizinischen Leiter, wie die Offiziere im Dienstgrad eines Oberstleutnant bzw. Oberst wie R. Zickler aus Potsdam oder Dr. Fiedler aus Rostock gehört. Aber gerade diese Leute haben doch eine Unmenge von politischen Gefangenen in die psychiatrischen Einrichtungen zwangseinweisen lassen und haben solche Befehle eigenhändig unterschrieben, sich demnach offiziell dazu bekannt. Solche Leute könnten mit Sicherheit über Zahlen von Zwangseinweisungen aus eindeutig politischen Gründen Auskunft erteilen. Die Anhörung und Vernehmung des letzten medizinischen Leiters der drei Nordbezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg, Ex-Oberstleutnant Dr. Fiedler aus Rostock, habe ich im Auftrag der ZERV Berlin selber eingefädelt und mit durchgeführt. Jetzt ist Herr Dr. Fiedler leider schon tot, doch er begann uns damals zu erzählen, daß er Zwangseinweisungen seiner eigenen Offiziere , wenn diese durch eventuelle Gewissensbisse und dadurch verursachten Alkoholmißbrauch zum Sicherheitsrisiko für die Truppe wurden, sowie auch von politischen Gefangenen angeordnet und befohlen hatte. Dr. Fiedler nannte uns auch Leutnant Bleskin, wußte allerdings nicht, daß Bleskin einer meiner Vernehmer in der BV Rostock gewesen ist.
Dieser MfS-Offizier, der als Psychiater im MfS-eigenen Krankenhaus Berlin-Hohenschönhausen tätig war, ist nach meinem Kenntnisstand niemals Leiter des medizinischen Dienstes irgendeiner BV gewesen, also unterstand er dem medizinischen Leiter. Ob Ex-Oberstleutnant Dr. Böttger demnach damals selbständig Zwangseinweisungen in die Psychiatrie vornehmen konnte, ist mir nicht bekannt, zumindestens aber glaube ich, daß er solche Zwangseinweisungen nur mit der Zustimmung seiner Vorgesetzten vornehmen durfte.
Überhaupt haben die meisten Ärzte im militärischen Bereich, wozu auch das MfS, die VP bzw. das MdI usw. gehörten, ihre militär-medizinische Ausbildung an der Militär-Medizinischen-Sektion der Ernst-Moritz-Arndt- Universität Greifswald erhalten. So jedenfalls ist es mir geläufig.
Politische Gefangene durften sich sowohl im Stasigefängnis Domstraße in der KD Greifswald als auch in der UHA der VP bis in die späten sechziger Jahre hinein keinen eigenen Verteidiger wählen.
Wenn sich trotzdem bei einer x-beliebigen Person einmal ein Verteidiger meldete, wurde diese Person so lange unter Druck gesetzt und sogar mißhandelt, bis diese den Anwalt dann von sich aus ablehnte.
Mir selber erging es im Stasikeller in der Domstraße auch so , daher kann ich ein Lied von derartigen Schweinereien singen.
Dieses Thema des politisch motivierten Mißbrauchs der Psychiatrie durch SED, MfS und VP sowie eine damit verbundene Zwangseinweisung aus eindeutig politischen Gründen scheint mir nach der sogenannten Wende als äußerst interessantes Sonderkapitel ziemlich ausgeklammert worden zu sein, wobei sowohl der Mißbrauch als auch die Zwangseinweisung nur zu einigen der vielfältigen Mitteln und Methoden im Rahmen eines gesamten Zersetzungsprozesses gegen eine Einzelperson bzw. gegen Personengruppen zählten. Ergo sollte das alles langsam wieder in den Zusammenhang gebracht werden, in dem es sich ursprünglich einmal befand.
Jedenfalls scheint mir, daß diese ganze dreckige Geschichte einer über vierzigjährigen kommunistischen Diktatur noch lange nicht aufgearbeitet ist, zumal, wenn ich bedenke, daß allein die Aufarbeitung einer etwa dreizehnjährigen Nazidiktatur noch immer andauert.
Selbstverständlich hat es in der sogenannten DDR einen politischen Widerstand gegeben, ebenbürtig dem im Nationalsozialismus und auch dieser politische Widerstand wurde in psychiatrischen Einrichtungen zu brechen versucht oder wurde gebrochen.
31.1.2000

 

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