Heft 32/2000 | oppostion und repression in brandenburg | Seite 12 -14
Rudolf Tschäpe / Hans-Erich Schulz
Das Quadrat war ein Kreis
Der Potsdamer Friedenskreis
1984 wurde auf Anregung des Bauingenieurs Hans-Erich Schulz (OV »Rondell«) der Potsdamer Friedenskreis des Kirchenkreises Potsdam (FK) gegründet. Die Gruppe war bis 1990 tätig. Hier wird auf diese Tätigkeit – ja, durchaus subjektiv – zurückgeblickt.
Die Mitglieder des Kreises wechselten. Neben dem Initiator zählten die Physiker Helmut Domke (OV »Redakteur2«), Synodaler und später Staatssekretär im Außenministerium der Regierung de Maizière, Rudolf Tschäpe (OV »Grün«), Gründungsmitglied des NEUEN FORUM in Grünheide, die Bauingenieurin Renate Kaula, die Pastoren Martin Kwaschik (OV »Pate«) und Gottfried Alpermann zum Kern des Kreises.
Der Friedenskreis war, wie der Name sagt, eine kirchliche Arbeitsgruppe, die selbstständig und selbstverantwortlich unter dem Dach der Kirche zu politischen Themen arbeitete. Nur Gemeindemitglieder, die von den Kirchengemeinden delegiert worden waren, gelangten in den Kreis. Die Delegierung sollte das Eindringen unliebsamer Interessenten verhindern. Nicht alle Gemeinden hatten Mitglieder delegiert, manche Gemeinden waren mehrfach vertreten. IM »Saskia« kam dann doch dazu, weil das Prinzip einer Delegierung durch die Gemeinde in diesem Falle nicht ganz ernst genommen worden war und sie unbedingt mitmachen wollte. Sie störte die Arbeit nicht, fiel aber durch eine besondere Art von Neugierde auf.
Unter dem Dach der Kirche gab es Freiraum für eine unabhängige Friedensarbeit, die Abgeschlossenheit brachte aber auch die Gefahr der Isolation mit sich. Den kirchlichen Rahmen der Arbeit markierte der Tagesordnungspunkt Eins: die Auslegung eines biblischen Textes. Diese Festlegung diente durchaus nicht als Tarnung der Arbeit des Kreises, sondern fixierte den gemeinsamen Nenner der Anwesenden. Über die Treffen wurde Protokoll geführt, Anwesenheit und Beratungsergebnisse wurden notiert. Das Protokollbuch war stets das Objekt der Begierde der IM »Saskia«, wodurch sie sich damals schon verdächtig machte. In Gesprächen nach 1989 hat IM »Saskia« ihre Tätigkeit stets abgestritten.
Die Arbeit umfasste jene wichtigen Themen, die damals viele Menschen interessierten und bewegten. Diskutiert wurden zum Beispiel der Helsinki-Prozeß, das SED-SPD-Papier oder kirchliche Verlautbarungen, etwa zur Hochrüstung der Supermächte (»Kernwaffen sind Sünde«) und zur Wehrerziehung an Schulen der DDR. Zwei bekannte Tabus wurden jedoch auch im FK nicht angerührt: die sowjetische Besatzungsmacht (Sollen wir ewig ein besetztes Land bleiben?) und die Staatssicherheit in der DDR.
Der FK organisierte Andachten anläßlich der Bombardierung Potsdams im April 1945, bestand ab 1986 auf ein öffentliches Erinnern an die Progrom-Nacht von 1938. Für diese Gedenken fehlte in der lokalen Öffentlichkeit die Sensibilität. Oder waren der SED bereits die Themen verdächtig? Der Bombardierung Potsdams durch englische Flugzeuge folgten bald die Besetzung und weitere Zerstörung der Stadt durch die Rote Armee. Und die Verfolgung und Ermordung der Juden konnte die Leiden der Kommunisten in der Nazizeit relativieren.
Insbesondere suchten wir nach Möglichkeiten, als Bürger im Ost-West-Konflikt für Abrüstung wirksam zu werden. Der FK beteiligte sich am Olof-Palme-Friedensmarsch und an den Seminaren »Konkret für den Frieden«. Zu intensiveren Kontakten oder einer Vernetzung mit anderen Friedensgruppen der DDR führte das allerdings nicht. Der FK knüpfte aber »außenpolitische« Beziehungen an: zu einem Westberliner Friedenskreis, der zu einer Kirchengemeinde in Berlin-Zehlendorf gehörte, und später zu amerikanischen Quäkern. Die Diskussionen bei diesen Begegnungen standen noch unter dem Eindruck des Nato-Doppelbeschlusses der Bundesrepublik vom Jahre 1984. War unser Wunsch nach Wirkungsmöglichkeiten vermessen? Hatte das Überleben der Menschheit Vorrang vor der Freiheit? Gab es ein »besonderes« Sicherheitsinteresse der Sowjetunion, oder wurde das nur behauptet, um Großmachtinteressen durchzusetzen? Das waren Fragen, die wir untereinander, aber auch mit dem Zehlendorfer Friedenskreis besprochen haben.
Durch die Beziehungen zu ihm ergab sich 1988 ein deutsch-deutscher Besuch bei amerikanischen Quäkern, der, vom Bund der Kirchen unterstützt, auch zwei Mitgliedern des FK erstmals eine Reise in das westliche Ausland ermöglichte. Die Quäker hatten Begegnungen mit kirchlichen Gruppen und Gemeinden sowie mit Vertretern der Politik organisiert, und wir lernten das Leben in amerikanischen Großstädten von sehr unterschiedlichen Seiten kennen. Beispiele sozialer Spannungen erlebten wir an der kirchlichen Basis kaum. Dagegen waren ethnische Abgrenzungen auch innerhalb einer Kirche sowie Einwanderungsprobleme eine völlig neue Erfahrung für uns. In der DDR versuchten Menschen, die Grenzanlagen zu überwinden, um das Land verlassen zu können. Dort wollten sie in das Land hinein.
Für Kontakte zur offiziellen Politik war ebenfalls gesorgt. In Atlanta wurden alle Mitglieder der Reisegruppe zu Ehrenbürgern der Stadt ernannt. Ein MfS-Dossier von der Reise berichtete über unser Gespräch im State Department in Washington. Auf die Frage, warum man Erich Honecker nicht in die USA einlade, wurde die amerikanische Antwort wortgetreu wiedergegeben: »Mauer und Stacheldraht erinnern an KZ«.1 In Washington kam es nach einem Vortrag von Jochen Vogel, dem damaligen SPD-Kanzlerkandidaten der Bundesrepublik, zu einem kurzen internen Gespräch über eine mögliche Wiedervereinigung beider deutscher Staaten. Vogel: »Das kann nicht kommen, das kann nur später im europäischen Rahmen gelöst werden.«
Andere Versuche des FK, Kontakte zu westlichen Politikern herzustellen, schlugen fehl. 1986 war Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt in Potsdam, um dem Oberlinhaus eine Spende der »Zeit«-Stiftung zu übergeben. In der überfüllten Nikolaikirche hielt er einen öffentlichen Vortrag. Unsere Bitte, mit ihm ein politisches Gespräch führen zu können, wurde von einem kirchlichen Würdeträger mit dem Argument abgelehnt: »Es ist wohl wichtiger, wenn Herr Schmidt sich mit Herrn Jahn (dem damaligen 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung) unterhält als mit ihnen.« In den Augen der Kirchenoberen waren wir wohl spielende Kinder, die auf der Königsebene der Politik höchstens stören konnten.
Auf gleicher Ebene lag der zweite Versuch, eine größere politische Öffentlichkeit zu erreichen. Lea Rosh hatte auf unseren Vorschlag hin zugesagt, in Potsdam mit Politikern aus der Bundesrepublik und der DDR über »Das europäische Haus mit Ost und West« zu diskutieren. Ein vorbereitendes Gespräch mit ihr und den im Kirchenkreis Potsdam Verantwortlichen ergab aber, daß man das Projekt im April ‘89 nicht unterstützen könne: »Wenn ich Herrn Jahn in Sachen Ausreise (gemeint war natürlich die legale Ausreise aus der DDR in die Bundesrepublik) eine Bitte vortrage, dann hätte ich schlechte Karten, wenn wir gegen seinen Willen diese Veranstaltung in der Kirche durchziehen würden.« Der Versuch, das Projekt in eigene Hände zu nehmen, private Einladungen an die gewünschten Personen auszusprechen und Einreisegenehmigungen zu erhalten, schien auf dieser Basis aussichtslos zu sein. Mag sein, daß auch ein gewisser Maß an Selbstzensur wirkte. Das Projekt sollte um ein Jahr verschoben werden, wurde dann Anfang 1990 von der ARD im Rahmen einer Talk-Show im Cecilienhof realisiert.
Die Friedensdekaden der Evangelischen Kirche gaben dem Kreis Gelegenheiten, in der Öffentlichkeit zu wirken. Eine Aktion des FK mit den Leipziger Malern Grimmling, Wegewitz und Heinze sowie dem Berliner Graphiker Butzmann im Herbst 1985 in der Potsdamer Nikolaikirche erlangte überregionale Beachtung.2 Die Sachkosten dafür hatte der Kunstdienst der Evangelischen Kirche übernommen. Die Veranstaltung kam aber nur unter Mühen zustande. Christlich-klerikale Haltungen – »Sind die Künstler denn getauft?« –, Sicherheitsbedenken sowie eine ablehnende Grundhaltung zu moderner bildender Kunst ließen das Projekt mit den bereits angereisten Künstlern beinahe scheitern. Das Gemeindemitglied Andreas Hüneke, bekannter Kunstwissenschaftler, leistete mit Wort und Schrift mühsame Überzeugungsarbeit.3 Schliesslich lag ein positiver Beschluss des Gemeindekirchenrates vor.
In der überfüllten Kirche begann dann das Fest, ein besinnliches Friedensfest. Manfred Butzmann zeigte seine antimilitaristischen und seine neuen Öko-Plakate, nach denen große Nachfrage bestand. Schüler des Kirchlichen Oberseminars Hermannswerder führten die »Troerinnen« auf. Es gab Schmalzbrote und Tee. Im Zentrum des Interesses standen jedoch die Bildwerke der Leipziger Maler. Sie hatten drei 17 Meter hohe Seidenpapierkaschuren zum Thema Krieg, Tod und Verständigung bemalt. Von Grimmling war ein 15 Meter großer Krieger zu sehen, der sich im Stacheldraht verfangen hatte. Heinze erzählte von Formen des Zusammenlebens verschiedener Lebenskulturen, und Wegewitz meditierte in abstrakten Formen über Spannungen und Gegensätze, die sich harmonisch lösten. Die Papierbahnen mit den kontemplativen, zum Teil abstrakten Darstellungen bewegten sich wie leichte Windsegel in der Kuppel der Nikolaikirche und ergänzten den Kirchenraum.
Für die Verantwortlichen aber waren sie störende Objekte in ihrem »Tempel«. Die Bildwerke mußten während eines Kirchenkonzertes eingerollt bleiben und dann nach nur drei Tage wieder abgenommen werden. Eine Intervention des Evangelischen Kunstdienstes half nichts gegen diese Intoleranz.
Auch wenn es unter dem Dach der Kirche langsam eng wurde, an einer direkten Konfrontation mit den »Organen der DDR« war uns nicht gelegen, denn wir waren unter diesem Dach geformt worden. In dem Zusammenhang drängt sich ein Vergleich zwischen der katholischen Kirche in Polen mit ihrem Einfluß auf die Solidarnosc-Bewegung und der Evangelischen Kirche in der DDR mit ihrem schützenden Dach für Oppositionelle auf. In der DDR erzwang die Enge, anders als in Polen, das Verlassen des kirchlichen Hauses. Sein Dach, das uns über Jahre hinweg geschützt hatte, schützte allmählich nicht mehr, sondern hielt das »Licht der Freiheit« ab. Die Evangelische Kirche der DDR hat die Reformunfähigkeit der SED lange, sogar bis in die Krenz-Zeit hinein, nicht erkannt.
Während der Arbeit im FK wurde uns immer klarer, daß die Freiheit der öffentlichen Rede das Entscheidende war. In der MfS-Information über die Tendenzen im Bereich der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg unter besonderer Berücksichtigung der Entwicklung im Sprengel Potsdam4 rangierte der FK unter den »feindlich-negativen Kräften« im Kirchenkreis Potsdam an erster Stelle. War die Freiheit des Denkens und der Rede, die hier praktiziert wurde, der Stein des Anstoßes? Alle Aktivitäten wurden in der OV-Akte »Quadrat«5 dokumentiert. Das MfS dachte eben nicht rund und konnte den Kreis deshalb nicht erkennen.
1 Zitiert nach BStU-Unterlagen, OV »Grün«.
2 Kunstkombinat der DDR, Herausg. G.Feist, E.Gillen, Nishen Verlag, Bln. 1990, S. 168 .
3 H. G. Grimmling, Die Wucht der Bilder, Verlag Gert Hatje, 1996, S. 128.
4 »Mit tschekistischem Gruß. Dokumente der Staatssicherheit im Bezirk Potsdam«, hrsg. von Reinhard Meinel und Thomas Wernicke, Potsdam 1990.
5 Die Quadrat-Akte spielte als angebliches Entlastungsmaterial für Manfred Stolpe eine Rolle, siehe »taz« vom 15.6.92.
Hans-Erich Schulz, geb. 1939, Stukkateur-Meister, Hochbau-Ingenieur.
Rudolf Tschäpe, geb. 1943, Physiker, Dr. rer. nat., Vorsitzender der Fördergemeinschaft »Lindenstraße 54«.
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