Heft 32/2000 | oppostion und repression in brandenburg | Seite 33 - 34

Manfred Kruczek

Wie die »Fahrrad-Fraktion« die Stasi besetzte.

Ein Bericht vom Potsdamer Herbst '89

Seit der Potsdamer Großdemonstration vom 4. November 1989 endete jeder Protestmarsch gegen das SED-Regime in schöner Regelmäßigkeit vor der MfS-Bezirksverwaltung in der Hegelallee mit Sprechchören wie: »Stasi raus!« Spätestens am ersten Dezemberwochenende drohte die Situation zu eskalieren. Nur mit Mühe gelang es dem Neuen Forum, den Sturm auf die noch intakte Stasi-Bastion mit einer Menschenkette zu verhindern. Es wurde klar, dass schon die kleinste Provokation ausreichen würde, um der Stasi einen Vorwand zum Eingreifen zu liefern. Der Sprecherrat des Neuen Forums entschloß sich daher, am nächsten Tag – dem 5. Dezember 1989 – in einem Gespräch mit Oberbürgermeister Bille zu klären, was er zur Deeskalation der Lage zu tun gedenke. Die Funkstille aus der Richtung Stadthaus war alles andere als beruhigend, unser »Antrittsbesuch« längst fällig.
Gegen 10.00 Uhr betrat die Abordnung des Neuen Forum (Ute Samtleben, Heidi Liepe, Ute Platzeck, Rudolf Tschäpe u. a.) die Amtsstube eines apathisch wirkenden Stadtoberhauptes. Er gab sich fast erlöst, nach Wochen offenbar fehlender Parteiinstruktionen wieder die Marschrichtung vorgegeben zu bekommen. Er zeigte auch keine Abwehrreaktion, als wir seine Telefonanlage dazu nutzten, Öffentlichkeit für unsere Aktionen herzustellen und ihre Legalität zu sichern: Staatsanwaltschaft und Volkspolizei wurden über seine Dienstleitung aufgefordert, für die Besetzung der MfS-BV umgehend eine Sicherheitspartnerschaft mit dem Neuen Forum einzugehen.
Diese Entscheidung war gefallen, nachdem Bille nach einigen Schrecksekunden eingestehen mußte, noch keine Maßnahmen zur Lösung (richtiger Auflösung) des StasiProblems veranlaßt zu haben. Einzige Ausnahme: Die zentrale Sicherung des am Wochenende, nach der Flucht von Schalck-Golodkowski, aufgeflogenen KoKo-Bereiches. Auf Vorschläge, vor der Stasi-Besetzung erst einen »kleinen Parteitag« mit Bezirkschef Tzschoppe und Co. einzuberufen, gingen wir nicht ein. Schließlich wollten wir – als »Revolutionäre auf Fahrrädern« – pünktlich sein, und tatsächlich erwarteten uns in der Hegelallee bereits die anmarschierten Polizeiposten. Auch Bezirksstaatsanwalt Bernd war angerückt.
So begann ab zirka 11.30 Uhr die Kontrolle aller Ein- und Ausgänge des MfS-Komplexes. Und zwar direkt durch die Polizei, welche bei dieser speziellen Premiere wiederum durch das Neue Forum sowie die tröpfchenweise eintrudelnde Bürgerschaft kontrolliert wurde. Diese Kontrollen erstreckten sich auf alle das Objekt verlassenden Fahrzeuge und Mitarbeiter(innen). Letztere nutzten – inzwischen war es 12.00 Uhr – ihre Mittagspause, um mit schweren Taschen das Gebäude zu verlassen. Bei dezenten Kontrollen stießen wir aber nicht auf Aktenmaterial, sondern auf  Eingewecktes: Paprikaletscho in Gläsern, der noch schnell vor unserem Ansturm gesichert werden sollte. Zumindest dieses Rettungsmanöver gelang. Der Versuch der Stasi, nur ganze zehn (später dreißig) Bürgervertreter in ihr Heiligtum zu lassen, dagegen nicht: Inzwischen hatte eine Abordnung des Neuen Forums (Rudolf Tschäpe und Detlef Kaminski) im Inneren des Stasi-Komplexes mit Polizei-Oberstleutnant Griebsch und Stasi- (korrekt: Nasi-) Chef Schickart 30 Minuten lang über die Einlaßkonditionen verhandelt. Die draußen schon auf fast 100 Personen angewachsene Menschenmenge verbesserte unsere Verhandlungspositionen von Minute zu Minute, so daß gegen 12.30 Uhr schließlich alle versammelten Bürger den nach dem Mauerfall vier Wochen zuvor vielleicht denkwürdigsten Schritt auf Potsdamer Terrain vollzogen:
Ein gnadenlos agierender Apparat, der über vier Jahrzehnte ein ganzes Volk bespitzelt, terrorisiert und zu entwürdigen versucht hatte, wurde von den Bürgern gewaltlos lahmgelegt. Das Wunder der Friedlichen Revolution hatte seinen zweiten Höhepunkt erreicht. Dabei verhielt sich die – nachdem sich die Nachricht von dieser Aktion wie ein Lauffeuer verbreitet hatte – bis zum Abend auf Hunderte angewachsene Menschenmenge äußerst diszipliniert. Natürlich ließ man einige Schnipsel zuvor eilig vernichteter StasiAkten als Trophäe oder Erinnerungsstück mitgehen. Zu Plünderungen wie Wochen später in der Berliner Normannenstraße kam es jedoch nicht. Fotografien belegen die durchaus  unterschiedlichen Reaktionen sicher nicht unvorbereiteter Stasi-Mitarbeiter, die von »lässig arrogant« bis »aufgelöst in Endzeitstimmung« reichten. Die vorher homogen scheinende (unsichtbare) Front zeigte Risse.
Mein erster Weg führte – als ehemaliger Revisor wahrscheinlich instinktiv – in einen Kassenraum. Aufklärung über die Beschäftigungszahl der Bezirksbehörde erhielt unsere Besuchergruppe von den verstockt wirkenden Tschekisten ebenso wenig wie im Nachbarzimmer, das sich immerhin als Sitz der Kaderabteilung enttarnen ließ. Gesprächiger waren dagegen auf den Fluren lungernde, ihre Entlassung erwartende Berufsunteroffiziere. Einer von ihnen nahm mich ängstlich zur Seite, um mitzuteilen, daß bereits seit  Wochen die Aktenvernichtung sowie der Abtransport in die Kreisdienststelle Geschwister-Scholl-Straße als Nacht-und-Nebel-Aktion liefen. Die vielen leergeräumt vorgefundenen Tresore und Schränke bestätigten diese Information.
Schwieriger wurde es im nächsten Raum: Wir sechs Besucher standen sechs Stasi-Leuten gegenüber und übten uns im Beruferaten, um die Aufgabe dieser Diensteinheit herauszufinden. Robert Lembke hätte an uns seine Freude gehabt: Mit weniger als zehn Fragen wurde der Trupp als Teil der Inneren Abwehr / Bereich Telefonüberwachung identifiziert. Ich sah das ganze – nach inzwischen elf erfolglosen Telefonantragsjahren – eher leidenschaftlos. Im anschließenden Gruppengespräch gab sich das deprimiert wirkende Six-Pack als Ansammlung interessierter Techniker zu erkennen, deren Forscherdrang von der Stasi für kleine Schnüffeleien mißbraucht worden sei.
Zu dieser Stunde mußten wir, da nun arbeitsteilig vorgegangen wurde, das StasiGelände verlassen. Während die einen mit der systematischen Erfassung des doch noch üppig vorzufindenden Aktenmaterials begannen, Räume versiegelten und Technik sicherten, hatten andere die getroffene Verabredung mit den noch verbliebenen personellen Spitzen der örtlichen Partei- und Staatsmacht einzuhalten.
So trafen sich am 5. Dezember 1989 gegen 14.00 Uhr bei Oberbürgermeister Bille die Verhandlungsführer Rainer Speer (SDP), Detlef Kaminski und Manfred Kruczek (beide Neues Forum) mit Herrn Tzschoppe als Vorsitzendem des Rates des Bezirkes Potsdam, mit dem Stadtrat für Inneres, dem Kreisstaatsanwalt und anderen, um einen kontrollierbaren Modus der Stasi-Auflösung zu vereinbaren.
Zwar beeilten sich die Restbestände der Staatsmacht zu erklären, wie intensiv man sich um die im Backwarenkombinat sichergestellten KoKo-Antiquitäten, Oldtimer oder selbst nach Klein-Briesen ausgelagerte Jagdwaffen gekümmert habe, doch scheiterte ihr Versuch, uns davon überzeugen zu wollen, man habe die Situation im Griff. Beim Neuen Forum von der Bevölkerung angezeigte eilig verlassene konspirative Wohnungen, mysteriöse Transporte oder mögliche Waffenlager waren für uns ein Alarmsignal. Jetzt waren wir an der Reihe, die Spielregeln einer konsequenten Stasi-Auflösung zu bestimmen, und wir entschieden, welche Staats- und Kontrollorgane unter Regie der Bürgerbewegung wie zu funktionieren hatten.
Zur Koordinierung der Maßnahmen beschlossen wir an diesem Nachmittag, eine Art Kontrollrat einzurichten – das Bürgerkomitee »Rat der Volkskontrolle« (RVK). Dieses Gremium, das vor allem den Schutz von Dokumenten und Sachwerten des Stasi-lmperiums gewährleisten sollte, »um die Durchführung von kriminellen Machenschaften und eine Verdunkelung ebensolcher Absichten durch die Vernichtung von Schrift- und Archivgut zwecks der Verfolgung solcher Handlungen zu verhindern«, konstituierte sich am nächsten Tag, dem 6. Dezember 1989. Neben der SED-PDS, den Blockparteien und den alten Massenorganisationen  wirkten dabei durchgängig mit: die Aktion Katholischer Christen (Peter Scholtissek u. a.), ARGUS (Gisela Rüdiger, Hartmut Schiemann), die Evangelische Kirche (Pfarrer Beuchel, Herr Lehmphul), das Neues Forum (Dr. Reuter, Kaminski, Kruczek, Vietzke, Würfel), der Ökumenische Kreis Arche (Dr. Falk, Michael Eisensee), die SDP/SPD (Bernhard Dressler, Christian Grauer, Rainer Speer) und der Verband der Berufssoldaten (Jürgen Nitsche).
Die öffentliche Kontrolle der MfS-Auflösung war neben der Sicherung der normalen Lebensfunktionen Potsdams die vordringlichste Aufgabe. Dazu richtete der RVK beim Rat der Stadt ein ständig besetztes Kontaktbüro für die Entgegennahme von (insgesamt 566) Bürgerhinweisen auf vermutliche Stasi-Objekte, Amtsmißbrauch oder Korruption ein. Damit nichts unter den Tisch fallen konnte, war das Büro jeweils von einer etablierten Partei und einer bürgerbewegten Kraft besetzt. So mußte es sich die CDU etwa gefallen lassen, vom »Sicherheitspartner« Aktion Katholischer Christen kontrolliert zu werden.
Noch einmal kritisch wurde es am Tag nach der Konstituierung des RVK, am 7. Dezember 1989. Stasi-Kräfte aus Paßkontrolleinheiten hatten bereits am Morgen ein Flugblatt in Umlauf gebracht, worin sie eine sofortige Blockade des grenzüberschreitenden Verkehrs in Dreilinden und anderswo für den Fall androhten, daß sie die inzwischen vom Bürgerkomitee konfiszierte erkennungsdienstliche Technik  nicht zurückerhalten würden. Die Drohung sollte – so ihre Absicht – über den Radiosender Potsdam verbreitet werden. Die Gegenmaßnahmen des Bürgerkomitees waren wirkungsvoll genug, diesen Versuch offenbar verzweifelter Stasi-Kräfte im Keim zu ersticken.
Nur langsam voran kamen wir dagegen mit unserem dringenden Anliegen, die komplette Liste der Stasi-Objekte im Bezirk Potsdam zu erhalten, um sie vollständig aufzulösen. Der von Ministerpräsident Modrow als Leiter seiner Potsdamer Regierungskommission eingesetzte Stasi-Oberstleutnant Fremde erfand immer neue Ausreden. Ausgerechnet der uns damals zugeordnete Militärstaatsanwalt spielte mir diese Liste nach Wochen unter vier Augen zu. Er wollte, so gab er offenherzig zu, bei mir Pluspunkte für die neue Zeit sammeln. Anscheinend ging er davon aus, die Aktivisten der Wende würden die zukünftigen Führungskräfte sein –  eine Fehlkalkulation, die man schon damals amüsant finden konnte.
Weniger amüsant ist es jedoch, wenn zehn Jahre nach der Schaffung demokratisch gesicherter Verhältnisse  in Potsdam das Engagement für die damalige »provisorische« Stadtregierung von der heutigen nicht reflektiert wird, eine lange bekannte Veranstaltung zum »Jahr 1989 in Potsdam« kaum ihr Interesse fand. Ganz anders als etwa Brunhild Hanke, langjährige SED-Oberbürgermeisterin Potsdams und früheres Staatsratsmitglied: Der heutige Oberbürgermeister Platzeck empfing sie bereits im Dezember 1998 offiziell – nach gerade einmal 50 Tagen Amtszeit.

Manfred Kruczek, geb. 1950, Dipl.-Wirtschaftler, 1989/90 Vorsitzender des Potsdamer Bürgerkomitees zur Stasi-Auflösung, danach Stadtverordneter (erst Neues Forum, jetzt Bürgerbündnis).

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