Heft 32/2000 | oppostion und repression in brandenburg | Seite 51 - 53

Christopher Kieck, Stephan Neitzel, Kaspar Reimer / Jürgen Theil

»WARTE NICHT AUF BESSERE ZEITEN«

WOLF BIERMANN UND SEIN KONZERT IN PRENZLAU

Im Rahmen des »Schülerwettbewerbs deutsche Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten«, der 1998/99 zur Thematik »Aufbegehren, Handeln, Verändern. Protest in der Geschichte« ausgeschrieben wurde, beschäftigten sich drei Schüler der 13. Klasse des Prenzlauer Gymnasiums mit der Geschichte des bekannten Liedermachers Wolf Biermann, dessen letzter Auftritt in der DDR 1976 in der Prenzlauer Nikolaikirche stattfand. Was war damals geschehen? Wie war es Biermann, der seit 11 Jahren Berufsverbot hatte, gelungen, wieder in der Öffentlichkeit aufzutreten? Und warum tat er dies ausgerechnet in einer verschlafenen Provinzstadt? Welche Folgen hatte dieser Auftritt für Biermann, die Organisatoren und die Besucher dieser Veranstaltung? Diesen und anderen Fragen sind die jungen Autoren – Christopher Kieck, Kaspar Reimer und Stephan Neitzel – in ihrer zahlreiche Dokumente einbeziehenden Projektarbeit nachgegangen.
Die Schüler befragten Zeitzeugen, die diese Veranstaltung organisiert oder an ihr teilgenommen hatten, u. a. Mitglieder des Gemeindekirchenrats und der »Jungen Gemeinde« sowie den damaligen Kantor Volker von der Heydt (später Intendant des ORB). Sie setzten sich mit Wolf Biermann in Verbindung und kontaktierten Presseagenturen, Archive sowie die Gauck-Behörde. Dabei stießen sie auf Telefonmitschnitte, Verhörprotokolle und Observierungsanweisungen der Stasi, die ein beredtes Zeugnis der widerwärtigen Bespitzelung und der auf Einschüchterung ausgerichteten Politik der Partei- und Staatsfunktionäre liefern.
Aus dieser Arbeit werden hier Auszüge vorgestellt.

Vom unbequemen Dichter zum »Staatsfeind«
Der gebürtige Hamburger Wolf Biermann stammt aus einer kommunistisch orientierten Familie. Sein Vater wurde 1943 als Widerstandskämpfer im KZ Auschwitz von den Nazis ermordet. Geprägt von der Kriegs- und Nachkriegszeit und der illusionären Hoffnung auf einen demokratischen Neubeginn, zog es Biermann ausgerechnet im Jahr des Arbeiteraufstandes von 1953 in die noch junge DDR. Hier absolvierte er ein zweijähriges Studium der politischen Ökonomie, war er als Regieassistent am Berliner Ensemble tätig. Von 1959 bis 1963 studierte er Philosophie und Mathematik an der Humboldt-Universität. Zu dieser Zeit entstanden schon erste Texte und Kompositionen. Das von ihm und seinen Freunden1961/62 aufgebaute »Berliner Arbeiter- und Studententheater« wurde schon nach der Generalprobe seines ersten gesellschaftskritischen Stückes »Berliner Beratung« wieder geschlossen. Es folgten Biermanns Ausschluss aus der SED und erste Auftrittsverbote. Nachdem Biermann auf verschiedenen Veranstaltungen in West-Berlin und der BRD aufgetreten war, wurde ihm in der DDR ein uneingeschränktes Auftrittsverbot erteilt. Erst nach elf Jahren Berufsverbot konnte Biermann wieder öffentlich auftreten. Kurz darauf wies man den unbequemen Dichter außer Landes.
Wie aus einem ersten Auftritt nach elfjährigem Berufsverbot in der DDR
der letzte werden sollte
Volker von der Heydt, 1976 Kantor an der Nikolaikirche, berichtete uns, wie der Kontakt zu Wolf Biermann hergestellt wurde. Gemeinsam mit seinen Freunden suchte er Biermann mehrmals in seiner Berliner Wohnung auf, die erwartungsgemäß von Männern in langen Ledermänteln bewacht wurde. Die Gespräche mit Biermann hinterließen bei von der Heydt einen nachhaltigen Eindruck. Auf Biermanns Wohnzimmertisch lagen, erinnerte er sich, nebeneinander eine Bibel und ein Buch von Karl Marx. Erst nach ihrem dritten Besuch erklärte sich Biermann bereit, unter dem Motto »Bewusst leben in der DDR, nicht alles mitmachen, sich aber auch nicht völlig ausklinken« in der Nikolaikirche aufzutreten. Man wollte mit diesem Konzert weniger den Staat angreifen als vielmehr Denkanstöße für ein besseres Leben in der DDR geben. Heydt berichtete auch, dass Biermann die während des Konzerts anwesenden und offenbar leicht zu erkennenden Mitarbeiter der Staatssicherheit gebeten haben soll, sich doch weiter nach vorn zu setzen und die »Ohren zu spitzen«, um nichts zu verpassen.  

Biermann über seinen Auftritt in der Prenzlauer Nikolaikirche
In einem Brief an seine in Hamburg lebende Mutter berichtet Biermann von dieser Veranstaltung. Dieser Brief, der am 20.09.1976 in der Zeitschrift »Der Spiegel« veröffentlicht wurde, soll hier auszugsweise vorgestellt werden.
Emma liebe Mutter, liebste Genossin (...) Ich habe vor paar Tagen in Prenzlau in einer Kirche gesungen. Nach elf Jahren der erste Auftritt. Ich war eingeschüchtert, die Kirchenleute waren entzückt: Herr Biermann, so voll war unsere Kirche seit langem nicht, und das verdanken wir Ihnen. Eine riesige schöne alte Kirche ohne Kirchturm in der Heine-Straße, und gerammelt voll mit jungen Leuten. (...) Das Ganze lief als Gottesdienst, auf diese Weise ersparten sich die Kirchenleute die polizeiliche Anmeldepflicht und brauchten für meinen Auftritt nicht um eine Genehmigung nachsuchen. Als der Jugendpfarrer von Prenzlau mich eingeladen hatte, war die Rede von 100 Zuhörern. Ich hatte mich also auf ein christliches Kaffeekränzchen eingerichtet, aber in so einem gewaltigen Gottesfaß mit so vielen Leuten drin, da hören die Albernheiten auf. Eine Prenzlauer Beat-Band mit einer DDR-Vermona-Verstärkeranlage war auch da, die Jungs  hatten nur zwei Titel drauf, und die Anlage hatte einen teuflischen Piepton wegen der unvermeidlichen Rückkopplung. (...) Ich ließ also die Anlage abstellen und bat die Leute näher zu kommen. Und so kletterten die jugendlichen Helden auf die Bühne und zwängten sich in die vorderen Sitzreihen, sassen übereinander und auf den Lehnen und Gebetbuchtischen, ein Menschenknäuel um mich rum. Um mich herum starrten die Mikrophone der verschiedensten Mitschneider: der offiziellen Pfaffentonmeisterei, diverser Pastoren, langhaarige Jugendliche und auch die Herren von der Sicherheit waren da mit einem Cassetten-Recorder. Ich redete und sang und unterbrach die Lieder und redete. Ich sprach und sang über das ABHAUN. Es wurde ein Traktat gegen das Abhaun, eine Predigt gegen die Republikflucht. Was soll aus der DDR werden, wenn immer diejenigen davonlaufen, die endlich in Widerspruch zu den Verhältnissen geraten sind? Natürlich ist es um allerhand reaktionäre Stinker nicht schad, nicht alle, die uns verlassen haben, waren die Fettaugen auf der deutschen demokratischen Wassersuppe, aber zumindest waren es doch die Aufrichtigen, Empfindsamen und Verletzlichen, die uns verloren gingen. (...) Ich sagte dann, dass es ja eigentlich drei Arten des Abhauns gebe: Zweitens nämlich das Abhaun nach innen, die Republikflucht in die Republik, die Flucht in die private Idylle oder in die offizielle Karriere. (...)
Und dann gibt es noch ein dritte Art von Abhaun: die Flucht in den Tod – dieser Satz wirkte wie ein Schock. Alle dachten an den Pastor Brüsewitz. Ich sagte: Als ich hierher fuhr, dachte ich: was kann ein Kommunist diesen DDR-Christen schon erzählen. Soll ich von unseren Gemeinsamkeiten reden? Warum hab ich in all den elf Jahren meines Berufsverbots die vielen Angebote, in der Kirche aufzutreten, abgelehnt? Warum habe ich es jetzt und zum erstenmal gemacht? Werde ich unterm Rock der Kirche genügend Luft kriegen zu singen? Ist das ein Ersatz für mich? Hat es für mich, für sie hier einen Sinn? (...) Ich fand, dass im großen und ganzen die DDR-Christen für mich kein Ersatzpublikum sind, sondern gute und aufrichtige Leute, denn wer in unserem Land Karriere machen will, wer wirklich hochkommen will, der tritt  ja in die Staatskirche unserer Landesfürsten ein. Die normalen DDR-Christen aber werden (ausgenommen ein paar CDU-Bonzen) diskriminiert, in Ausbildung und Beruf oft benachteiligt.
(...) Mir jedenfalls war diese Prenzlauer Predigt eine weltliche Wohltat, jetzt weiß ich es wieder besser: »Es gibt ein Leben vor dem Tod.«

Nachdem »Der Spiegel« den kompletten Brief abgedruckt und Biermann nur wenige Wochen später am 13. November in der Kölner Sporthalle erneut aufgetreten war, wurde ihm das »Recht auf weiteren Aufenthalt in der DDR« entzogen. Die Tageszeitung »Neues Deutschland« berichtete am 17. November ausführlich über die Aberkennung der DDR-Staatsbürgerschaft und sprach von einer »angemessenen Antwort auf (das) feindselige Auftreten gegen (die) DDR«.  Diese Entscheidung wurde aufgrund des »Gesetzes über die Staatsbürgerschaft des Deutschen Demokratischen Republik -Staatsbürgerschaftsgesetz- vom 20. Februar 1967, Paragraph 13, nach dem Bürgern wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten die Staatsbürgerschaft der DDR aberkannt werden kann«, gefasst. Noch am selben Tag unterzeichneten zahlreiche Künstler und Kulturschaffende als Protest gegen die Ausbürgerung Biermanns einen offenen Brief:
Wolf Biermann war und ist ein unbequemer Dichter – das hat er mit vielen Dichtern der Vergangenheit gemein. Unser sozialistischer Staat, eingedenk des Wortes aus Marxens »18. Brumaire«, demzufolge die proletarische Revolution sich unablässig selber kritisiert, müßte im Gegensatz zu anachronistischen Gesellschaftsformen eine solche Unbequemlichkeit gelassen nachdenkend ertragen können. Wir identifizieren uns nicht mit jedem Wort und jeder Handlung Biermanns und distanzieren uns von Versuchen, die Vorgänge um Biermann gegen die DDR zu missbrauchen. Biermann selbst hat nie, auch nicht in Köln, Zweifel daran gelassen, für welchen der beiden deutschen Staaten er bei aller Kritik eintritt. Wir protestieren gegen seine Ausbürgerung und bitten darum, die beschlossene Maßnahme zu überdenken.   

Stasi-Aktivitäten in Prenzlau nach dem Biermann-Konzert
Am 21.9. verfasste der Chef der Neubrandenburger Stasi-Bezirksverwaltung eine Weisung an seine Mitarbeiter, die den Decknamen »Flugzeug« trug. Zitat:
Übermittlung einer Weisung des Genossen Minister
Einzelne reaktionäre Kräfte aus Kirchenkreisen versuchen negativfeindliche Elemente außerhalb der Kirche in ihre Hetzkampagne gegen unseren Staat massenwirksam einzubeziehen.
Trotz Verbot der zuständigen Staatsorgane (Abteilung Inneres/Kirchenfragen) organisierte ein Jugendpfarrer der evangelischen Kirche unter der Tarnung eines Gottesdienstes den Auftritt des Wolf Biermann, wohnhaft in Berlin, in einer Kirche.
Biermann äußerte sich in Rede und Gesang vor einer größeren Zahl jugendlicher Zuhörer negativ und feindlich gegen unsere gesellschaftlichen Verhältnisse.
Es ist sofort zu veranlassen:
1. Verstärkte operative Aufklärung aller Versuche des Unterlaufens gesetzlicher Bestimmungen, auch in kircheneigenen Einrichtungen (Missbrauch religiöser Kulthandlungen zu Provokationen gegen unseren Staat und seine Bürger).
2. Operative Hinweise, auch nicht bestätigte, sind sofort an die Abteilung XX zur Weiterleitung an die HA XX/4 zu melden. Maßnahmen zur Präzisierung und Dokumentierung getroffener Feststellungen sind unverzüglich einzuleiten und mit der HA XX/4 abzustimmen.
3. Besondere Aufmerksamkeit den Aktivitäten der Jugendpfarrer und kirchlicher Jugendgruppen beizumessen.
4. Die operative Überwachung feindlicher Elemente wie Biermann u.a. ist zu verstärken.
5. Ausgehend von dem oben genannten Vorkommnis bzw. anderer negativ-feindlicher Aktivitäten ist mit den zuständigen Staatsorganen (Abteilung Inneres/Kirchenfragen) ständiger Kontakt auf der Ebene des Bezirkes und des Kreises zu halten und Unterstützung bei der Einleitung von vorbeugenden offiziellen Maßnahmen zu geben.
Anmerkung:
Ich möchte darauf verweisen, dass der in diesem FS genannte Sachverhalt sich bezieht auf den Auftritt des Biermann am 11. 9. 1976 in Prenzlau. Es ist durchaus damit zu rechnen, dass ein weiteres Auftreten des B. in unserem Bezirk vorgesehen ist. Aus diesem Grunde haben Sie alle geeigneten offiziellen und inoffiziellen Möglichkeiten konsequent zu nutzen, um geplante feindliche Aktivitäten sofort zu erkennen und geeignete politisch-operative Überwachungsmaßnahmen einzuleiten.
Neustrelitz, 21.9.1976 

Diese ministerielle Weisung wurde von den entsprechenden Organen sofort umgesetzt. Unmittelbar nach dem Biermann-Konzert wurden zahlreiche Besucher und Organisatoren dieser Veranstaltung von der Stasi vernommen. Unter ihnen auch Werner Keup, der als Mitglied der Jungen Gemeinde an der Programmgestaltung des Kirchentages beteiligt war. Keup, der in seinem Tagebuch auch seine Empfindungen beim Biermann-Konzert festgehalten hat, wohnte damals im Internat der Lehrwerkstatt des Kreisbetriebes für Landtechnik (KfL) in Warnitz. Als er am 25.10., wie jeden Monat, seinen Lohnstreifen (108,- Mark) in sein Tagebuch legen wollte, mußte er zu seinem Erstaunen feststellen, dass es nicht mehr an seinem Platz lag. Vom Internatsleiter erfuhr er, dass eine Kommission vom Rat des Kreises, Abteilung »Jugendhilfe und Heimerziehung« sein Zimmer durchsucht habe, eine Sonderaktion, die an mehreren Internaten stattgefunden habe. Werner Keup wurde zu einem Gespräch mit dem Direktor des KfL und dem Parteisekretär ins Internatsgebäude gebeten. Der Direktor unterrichtete ihn, dass er von übergeordneter Stelle die Aufgabe erhalten habe, ihn zu unterrichten, dass das Tagebuch aufgrund des Inhaltes einzugspflichtig sei und den betreffenden Organen zugeleitet wurde. Keup wandte sich nach diesem unverhohlenen Eingriff in seine Privatsphäre schriftlich an den Staatsrat, von dem er auch eine Antwort erhielt. Unmittelbar darauf erhielt Keup eine Vorladung vom Staatsanwalt des Kreisgerichts Prenzlau. Staatsanwalt Schmidt unterrichtete ihn, dass der Einzug des Tagebuches gesetzlich erlaubt sei und man ihn aufgrund verschiedener Inhalte, die seine »staatsfeindliche Gesinnung« ausdrückten, gesetzlich belangen könne. Der Staatsanwalt beließ es jedoch bei der Unterredung und dem Hinweis, dass Werner Keup sich bessern müsse. Werner Keup arbeitet heute als Korbflechter in der Uckermark. Sein Tagebuch wurde ihm nicht wieder ausgehändigt. 

Nach der Wende erklärte sich Wolf Biermann  erneut bereit, im Rahmen einer Benefizveranstaltung in der Prenzlauer Nikolaikirche aufzutreten. Über diesen zweiten Auftritt in Prenzlau am 24.05.1991, an dem über 400 Besucher teilnahmen, findet sich ein ausführlicher Bericht in den Uckermärkischen Heften, Bd. 2, die von der AG für uckermärkische Geschichte im Geschichts- und Museumsverein Buchholz in der Nordheide und dem Uckermärkischen Geschichtsverein zu Prenzlau 1995 im Selbstverlag herausgegeben wurden. Auch über diesen Auftritt verfasste Biermann einen Brief an seine Mutter Emma. Er erinnert dort an seinen ersten Auftritt 1976:
Der Brief war ein Bericht über ein Underground-Konzert in dieser Nikolaikirche in dieser Stadt Prenzlau. Damals war´s mein erster und zugleich letzter Auftritt in der DDR nach elf Jahren. Und das provozierte dann eine Debatte im Politbüro über den lästigen Fall B. Ich sollte nun endlich ein- oder ausgesperrt werden. Wusstest Du diese Details? Ich habe sie auch erst viel später erfahren und halb schon wieder vergessen. Mit zwei Stimmen Mehrheit (Erich und Erich) war damals beschlossen worden, dass ich nicht mit Gefängnis bestraft werde, sondern mit der großen Freiheit in Hamburg. (...)

Jürgen Theil
Betreuer der Projektarbeit, Geschichtslehrer am Städtischen Gymnasium Prenzlau


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