HEFT 02/2001 | Editorial | SEITE 81

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

acht von zwanzig Vertretern der Bürgerbewegungen und der SPD, die der "Stern" in seinem Extraheft zur Volkskammerwahl vom März 1990 vorgestellt hatte, waren weiblich. Die DDR-FDP, DSU und "Demokratischer Aufbruch" dagegen präsentierten sich der "Stern"-Leserschaft frauenlos. Das war, denke ich, kein Zufall. Denn in den eingangs genannten Gruppierungen war zu jener Zeit noch viel vom Geist der DDR-Alternativbewegung lebendig, in der Frauen eine beträchtliche Rolle gespielt hatten. Nicht nur um Veränderungen in der "großen" Politik war es diesen Frauen gegangen – auch der Alltag sollte anders werden, nicht zuletzt das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Warum, wie und mit welchen Zielen sie damals aktiv wurden, zeigt ein Großteil der Beiträge zum Hauptthema dieses Heftes (wobei die Frage nach den damaligen Motivationen, siehe die Rezension Jutta Begenaus, heftig umstritten ist). Daß sich viel mehr Frauen als nur die aus der zahlenmäßig kleinen Alternativbewegung hierzulande einst bemüht haben, die Geschlechterrollen neu zu bestimmen, ist dagegen schon nicht mehr Thema dieses Heftes, ebensowenig wie etwa eine Analyse, ein Vergleich der damaligen und der heutigen Frauenpolitik.

Vor einigen Jahren fragte mich eine Bekannte, ob ich wüßte, wer sich hinter dem Pseudonym "Rudolf Luxemburg" verberge. Die Stasi hatte sie nämlich verdächtigt, jenen DDR-kritischen Beitrag verfaßt zu haben, der unter diesem Pseudonym 1981 im Infoblatt des "Sozialistischen Osteuropa-Komitees" ("SOK") erschienen war. Zufälligerweise kannte ich den Autor, er hatte mir damals seinen Beitrag gezeigt und mich um Ergänzungen gebeten. Als unlängst das Thema "’68 und die Folgen" durch die Debatten über die Vergangenheit der Minister Fischer und Trittin, aber auch Hubertus Knabes Buch über die Westlinken und MfS noch einmal aktuell wurde, schien es mir an der Zeit zu sein, mit dem "SOK" einmal an jene Linke im Westen zu erinnern, die sich gegen die Machthaber des realsozialistischen Systems engagiert hat und die man heute gern vergißt.

Zuletzt möchte ich die Leserinnen und Leser auf die vor kurzem fertiggstellte "Horch-und-Guck"-CD-ROM hin­weisen; Ausführlicheres dazu in der Anzeige auf S. 50.

Im Namen der Redaktionsgruppe
Erhard Weinholz

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