Heft 34/2001 | frauen im osten deutschlands | Seite 1 - 2

Ute Friedrich

Frauen in der Jenaer Friedensgemeinschaft.

Ein Erinnerungsversuch

Die Männer als die »Macher«, die Strategienfinder, die Frauen eher mit unpopulärer Fleißarbeit beschäftigt, auch das hat es in der Alternativbewegung zu DDR-Zeiten gegeben. Wie sah es damit in der »Jenaer Friedensgemeinschaft« aus? Zwar liegt dieser Lebensabschnitt für mich weit zurück, viele Erinnerungen daran sind längst verblaßt, manche auch bewußt verdrängt worden oder überlagert von den Abenteuern der Gegenwart. Das Wichtigste aber läßt sich wohl noch rekonstruieren, unter anderem aus den Akten: daß mit unseren politischen Aktivitäten auch eine besondere Art des Umgangs miteinander verbunden war.

Wohn – Gemeinschaften
Bereits mit 16 Jahren, das war 1978, bin ich bei meinen Eltern ausgezogen. Das familiäre Zusammenleben fand ich insgesamt vor allem destruktiv und anstrengend. Entsprechend offen war ich für alternative Formen des Zusammenlebens und fand hier bald Gleichgesinnte. Gemeinsam bezogen wir unsere erste Wohngemeinschaft: drei Jungs und ich, keiner war älter als achtzehn. Und mit der für die Jugend typischen Energie und Konsequenz strebten wir nach Veränderung. Neben unseren individuellen Problemen mit Eltern, Schule oder/und staatlichen Institutionen verband uns der feste Wille, ES anders zu machen, und das gemeinsam. Wir kochten zusammen, wir putzten zusammen (oder putzten zusammen nicht), wir diskutierten zusammen nächtelang über Marx oder das gerade erschienene Buch von Maxi Wander, quälten uns morgens zusammen aus dem Bett und einzeln zur Arbeit, terrorisierten zusammen die Nachbarn mit lauter Musik.
Als ich nach der Geburt meines ersten Sohnes 1979 wegen akutem Platzmangel mit Mann und Kind in eine eigene Wohnung umzog, suchte ich auch hier der Kleinfamilie zu entkommen. Ich erklärte offene Türen zum Prinzip und die Wohnung zum Treffpunkt. In der Akte liest sich das so: »...die F. stellte ihre Wohnung für Zusammenkünfte politisch negativer und feindlicher Personen zur Verfügung...«
Vor allem in meiner Situation als Mutter von (inzwischen zwei) Kleinkindern profitierte ich von den Bedingungen dieses »offenen Wohnens«. Regelmäßige Besuche, kontinuierliche Gruppentreffen, gemeinsame Unternehmungen – für mich bedeutete das gleichzeitig: Kontakt- und Austauschmöglichkeiten statt Isolation, Hilfe bei der Kinderbetreuung statt Doppelbelastung, Freiraum und Bewegung statt Verzicht und Eingrenzung. Auch dazu ein Zitat: »...die F., die trotz ihrer 2 Kleinkinder (Betreuung teilweise durch Person C. bzw. E.) äußerst beweglich ist und teils auch lange Nächte außer Haus verbringt...«
Nach meiner Scheidung waren es vor allem Frauen, die mir solidarisch zur Seite standen. Aber auch von Männern gab es Hilfe und Unterstüzung. (Diese Gelegenheit soll nicht ungenutzt bleiben: Ein lautes und herzliches Dankeschön an meinen Freund Blase !!!)

Friedens – Gemeinschaft
Die unabhängige »Jenaer Friedensgemeinschaft« entstand nicht von heute auf morgen. Sie war ein konsequenter nächster Schritt in der gemeinsamen Entwicklung ihrer Initiatoren. Sie existierte nicht als Debattier-Club oder Mittwochabend-Treff, sondern war Bestandteil unseres Zusammenlebens. Unser Alltag und unsere Lebensbedingungen waren geprägt vom Engagement in dieser Gruppe – und natürlich von seinen Folgen (Repression usw.).
Entsprechend intensiv waren die Beziehungen zwischen uns. Das Miteinander war bestimmt vom gemeinsamen Willen zur Veränderung und der Suche nach neuen selbstbestimmten Wegen. Auch deswegen war bei der Aufgabenverteilung nicht das Geschlecht, sondern die Befähigung maßgeblich. Denn ‘Macher’ waren wir alle!
Bereits 1981/82, als der Protest gegen die wachsende Militarisierung der DDR und die Atomraketenstationierung in Ost und West auch in Jena zunahm, unternahmen wir erste Versuche, unsere Forderungen in die Öffentlichkeit zu tragen. Innerhalb der »Jungen Gemeinde« gab es Diskussionsabende zu Themen wie »Kriegsdienstverweigerung«, »Militarisierung und Erziehung«, Friedens-Gottesdienste wurden organisiert. Doch allmählich wuchs unsere Enttäuschung über den Mangel an Unterstützung durch die Kirche. Gegen Ende des Jahres 1982 verlor dieser Schonraum für uns schließlich an Bedeutung. Zu oft waren unsere geplanten Beiträge (schriftliche Äußerungen, Unterschriftensammlungen, Veranstaltungen) durch Kirchenvertreter oder den Einsatz von Spitzeln verhindert worden. Auch die damaligen Gruppenstrukturen innerhalb der Jenaer JG waren für einige ein Grund, sich außerhalb dieser Zusammenhänge neu zu organisieren. Nicht nur Frauen reagierten zunehmend genervt auf Rollenverteilung, sexistische Witze (bestes Beispiel dafür: ‘Kultperson’ Kiste) und vor allem die Duldung von Männern, die ihre Verachtung Frauen gegenüber nahezu unverblümt äußerten (IM »Dackel«). Mit der Gründung der »Friedensgemeinschaft« erklärten wir uns erstmals zu einer unabhängigen und bewußt außerkirchlich organisierten Gruppe und traten als solche demonstrativ an die Öffentlichkeit. Unabhängigkeit war für uns Weg und Ziel gleichzeitig und daher von grundlegender Bedeutung. Für mich bedeutete die Mitarbeit hier endlich die völlige Identifizierung mit meinem/unserem Handeln. Hier lernte ich, hier wurde ich gefordert, und hier fand ich Anerkennung. Auf diese Weise befriedigte ich mein Bedürfnis nach persönlicher Entfaltung. Daß ich auf anderen Ebenen, zum Beispiel in der beruflicher Weiterbildung, keinerlei Perspektive hatte, nahm ich zu jener Zeit noch als gegeben hin. Die Gemeinschaft war bestimmend für uns alle: Sie war notwendig für die Wirksamkeit unseres politischen Handelns, und sie bot uns zugleich die Möglichkeit individueller Entfaltung. Egoismus, auch im positiven Sinne, bezogen auf die individuelle Entwicklung, war uns fremd oder zumindest unwichtig.
Gerade in diesen Bedingungen sehe ich unter anderem die Gründe für das konstruktive und gleichberechtigte Miteinander von Frauen und Männern. In Jena (und ebenso auch in Weimar) waren Frauen wesentlich an der Entstehung und am Erfolg der Gruppe beteiligt. Sie waren wichtig für die Kommunikationsstrukturen, haben viele schriftliche Erklärungen inhaltlich angeregt und auch die Idee zur Schweigeminute auf öffentlichen Plätzen entwickelt. Diese Rolle der Frauen wurde anerkannt und verschaffte uns Respekt, auch den der anderen Seite. Zum Beispiel wurden in den Akten einige Frauen als Schlüsselfiguren der Gruppenzusammenhänge benannt: »...gehört dem personellen Zusammenschluß um die H. und die R. an...« oder »...die Führungspersonen der ersten Gruppe sind: Hinkeldey, Ute....«. Wir haben uns nicht in separaten Frauengruppen organisiert (noch nicht, müßte ich besser sagen in Anbetracht der weiteren Entwicklung auch in Jena). Trotzdem war unser Handeln durchaus ‚frauenbewegt‘. Gemeinsam mit anderen Frauen der Gruppe organisierten wir – bewußt an unseren Interessen orientierte, also frauenfreundliche – Strukturen als wesentliche Ausgangsbasis für mehr Freiräume und selbstbestimmbare Lebensbedingungen. Die meisten Frauen hatten wie ich kleine Kinder und einen Vollzeitjob, waren politisch in verschiedenen Zusammenhängen engagiert und beanspruchten Freiräume für sonstige private Interessen. Realisieren ließ sich dies nur dank gegenseitiger Hilfe und Solidarität und durch lebensnahe Organisationsformen, die diese Gegebenheiten berücksichtigten. So waren zum Beispiel bei der Planung von gemeinsamen Aktivitäten die Kinder wesentlicher Bestandteil, bei Bedarf wurde für deren Betreuung gesorgt, regelmäßige Treffen fanden in den Wohnungen der Mütter/Väter statt.

So die Erinnerung an meine damalige Situation, meine eigenen Erfahrungen, ohne Anspruch auf Objektivität. Zwei Frauen, mit denen ich über das Thema sprach, hatten jene Zeit ähnlich erlebt. Als ich dann aber im Matthias-Domaschk-Archiv nach Bildern suchte, noch einmal ältere Materialien durchging, kamen mir Zweifel an dieser Erinnerung. Auf den Fotos von Demonstrationen der Jenaer Friedensgemeinschaft stehen fast immer Männer im Vordergrund, obwohl doch alle Frauen der Gruppe und sogar Kinder ebenso daran beteiligt waren. Und in einem sehr ausführlichen Aufsatz über diese Gemeinschaft werden erheblich mehr Männer als Frauen namentlich erwähnt. Zuvor war mir das nie aufgefallen.
 
Ute Friedrich, geb. Hinkeldey, geboren 1961 in Jena, lebt seit 1983 in Berlin.
 

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