Heft 34/2001 | frauen im osten deutschlands | Seite 3 - 6

Christa Sengespeick-Roos

Das ganz Normale tun.

Widerstandsräume in der DDR-Kirche: Die »Frauen für den Frieden«

Anfassen, spüren, Gefühle sichtbar machen, Angst zum Ausdruck bringen... das sind Formen des Zusammenseins, die mit der traditionellen Institution Kirche schwer vereinbar scheinen. Und doch folgen sie alle einem Bedürfnis, das allem christlichen Glauben zugrunde liegt: dem Bedürfnis nach Frieden.
Christa Bürger


Zur Geschichte der »Frauen für den Frieden«

Unsere erste Veranstaltung fand im September 1983 in der Auferstehungskirche im Ostberliner Stadtbezirk Friedrichshain statt. In diesem Jahr hatte man damit begonnen, Frauen für den Wehrdienst zu mustern. Damit hatten offenbar die DDR-Oberen eine Grenze überschritten, die den Widerstand der Betroffenen herausforderte. Einige Frauen, die sich dann zur Gruppe »Frauen für den Frieden« zusammenschlossen, hatten an den Staatsratsvorsitzenden Eingaben gegen den Wehrdienst von Frauen gerichtet, weil das die einzige legale Möglichkeit war, Einspruch gegen staatliche Maßnahmen einzulegen. Solche Eingaben mußten innerhalb einer bestimmten Frist beantwortet werden.
Die Frauen wurden nach ihren Eingaben einzeln zu Vernehmungen der Staatssicherheit vorgeladen. Sie wurden bedroht und eingeschüchtert, nach kürzester Zeit waren sie in der Öffentlichkeit bereits kriminalisiert. Das war der Anlaß, weswegen einige zu mir kamen; wir berieten, wie wir die Einberufung der Frauen zum Wehrdienst verhindern, wie wir Öffentlichkeit herstellen könnten. Das war innerhalb der DDR nur in der Kirche möglich, da die Kirche die einzige Institution neben dem Staat war.
Die Suche nach einer geeigneten Form brachte uns auf die Idee, einen »Gemeindetag« der Frauen für den Frieden zu veranstalten. Denn nach den Gesetzen der DDR waren nur Gottesdienste (als religiöse Handlungen) befreit von der Anmeldepflicht, die für alle öffentlichen Veranstaltungen galt. »Gemeindetag« war nun ein Veranstaltungsname, der »unverdächtig« klang, einen Gottesdienst beinhaltete, aber auch andere Gesprächs- und Begegnungsformen möglich machte. Auf diesem Gemeindetag machten wir nun diese Eingaben öffentlich. Er stand unter der Überschrift »Im Schatten der Atombombe hat sich mehr und mehr gezeigt, daß alle Menschen Schwestern und Brüder sind« (nach Einstein). Damals fand auch die erste Podiumdiskussion von Frauen zu diesem Thema statt.
Über den Verlauf der Aktionen gibt es von uns selbst kaum schriftliche Unterlagen. Einmal, weil Geschriebenes gegen uns hätte verwendet werden können, aber wohl auch, weil wir uns nicht so wichtig nahmen. Und vielleicht war es für die Wirksamkeit dessen, was wir taten, auch gut, daß wir uns über die politische und gesellschaftliche Bedeutung unseres Tuns erst nach und nach klar geworden sind. Wir bewegten uns mit einer geradezu halsbrecherischen Sicherheit in einer Atmosphäre der Spontaneität. (...)

Thesen der vierten Arbeitsgruppe des Gemeindetages

Du sollst Dir kein Bildnis  machen (2. Mose 20)
1. Feindbilder sind Vorurteile politischer und sozialer Art, die sich auf Tatsachen objektiver Gegnerschaft berufen können.
2. Mit Hilfe des Feindbildes werden dem Gegner Eigenschaften meist globaler Art zugeschrieben, die ihn aus einer Person, mit der man sich auseinandersetzen muß, zu einem Ding entwerten, dem man das Menschsein absprechen kann. Der Gegner wird zum Feind.
3. Angesichts des Krieges, den wir zu befürchten haben, werden Feindbilder bedeutungslos; denn in diesem Krieg werden nicht Menschen gegeneinander kämpfen, sondern automatische Systeme.
Den Menschen, zu Feinden verdinglicht oder nicht, bleibt das Sterben überlassen.
4. Feindbilder erzeugen Phantombeziehungen zum Gegner, die rückwirkend wiederum einen Zustand permanenter Aggressivität und Angst erzeugen und somit zum Machtinstrument nach innen werden.
5. Es kommt darauf an, das wechselseitige Mißtrauen zwischen Gegnern soweit abzubauen, daß sich jeder seiner Abschreckungsmittel entledigen kann. Der erste Schritt dazu ist die »Ent-Feindung« – denn: »Sicherheit ist nirgends als im Herzen deines Gegners.« (Pinchas Lapide)
(...) Nach diesem »Gemeindetag der Frauen für den Frieden« stieg die Zahl der Frauen, die eigene Eingaben gegen die Einberufung von Frauen zum Wehrdienst gemacht hatten, erheblich an. Als aber während des Gemeindetages am Mikrophon gefragt wurde, ob man dieser Gruppe »beitreten« könnte, hatten wir das verneint. Es wäre eine zu leichte Möglichkeit gewesen, inoffizielle Mitarbeiterinnen der Staatssicherheit einzuschleusen. Jede aber, die eine solche Eingabe geschrieben hatte, gehörte zu dieser Frauengruppe; jede, die sich interessierte, bekam unter vier Augen von uns Auskunft und war willkommen. Dieses Gespür für Situationen, die staatlich gelenkte Provokationen waren, hatten wir gelernt. So kann ich heute, wenn ich in den Stasiakten lese, wir hätten keine neuen »Gruppenmitglieder« mehr hineingenommen, da wir schon so viele wären, nur sagen, unsere Vorsicht war berechtigt, und wir haben ein Stück weit die Stasi getäuscht. (Allerdings liegt hier ein gewisser Widerspruch zur prinzipiellen Offenheit der kirchlichen Friedenskreise.)
In dieser Zeit versammelten sich die Frauen in privaten Wohnungen. Oft wurde es eng. Einzelne hatten schon mit dem Verlust des Arbeitsplatzes zu rechnen oder befürchteten andere Repressalien. Ich dachte also nach, wie wir die immer größer werdende Gruppe so in Gemeinden integrieren könnten, daß sie vor Verhaftungen, die auch angedroht wurden, geschützt waren.(...)

Gespräche über die Eingaben der Frauen gegen den Wehrdienst von Frauen
Zur Friedensdekade im November 1983, die auch einen gewissen Schutz bei der Herstellung von Öffentlichkeit bot, luden wir spontan in die Auferstehungskirche ein. Es war kalt. Die Kirche war nicht heizbar. Wärmen konnten wir uns durch schwarzen Tee, den eine alte Dame, Fräulein Prüfer, aus der Gemeinde unentwegt für alle kochte. (Es werden hunderte von Litern Tee gewesen sein, die sie bei dieser und ähnlichen Veranstaltungen ausschenkte.) Trotzdem versammelten sich mindestens 400 Menschen für Stunden in der Kirche. Nur durch mündliches Einladen, ohne Plakate, ohne Zeitungsnotiz kamen innerhalb von drei Tagen so viele Menschen zusammen. Wir hatten aus den Eingaben der Frauen an Stellwänden eine Ausstellung gemacht. Viele dieser Briefe zeugten von Kreativität und Gestaltungswillen derVerfasserinnen. Diese ausgestellten Eingaben ließen so etwas wie eine gemeinsame Form erkennen. Ich bedaure sehr, daß wir sie später aus Vorsicht nicht gesammelt und aufbewahrt haben.
Nach dem zu Beginn von mir verlesenen Bibeltext oder Gebet hatte jede Frau Gelegenheit, von der Kanzel ihre Eingabe vorzulesen.
Die Eröffnung dieser Veranstaltungen mit einer Kurzandacht war durchaus nötig und hatte Schutzfunktion, da wir sie dann als nicht anmeldepflichtige religiöse Veranstaltung dem Staat gegenüber vertreten konnten.
Bei diesen, wie ich sie mitunter nannte, »Feigenblattandachten«, die aus einer Not geboren waren, haben wir im Laufe derJahre auch zu neuen Formen von Andachten und Gebeten gefunden, die unsere kirchlichen Traditionen durchaus belebt haben.

Mit der Angst leben
Kurze Zeit später wurden zwei Frauen aus dieser Gruppe verhaftet (Bärbel Bohley und Ulrike Poppe). Zwei weitere Frauen mußten sich täglich zu Verhören bei der Staatssicherheit melden. (...)
Alle Frauen aus der Frauengruppe hatten Angst, ebenfalls verhaftet zu werden. Diese Angst war auch begründet. Katja Havemann war durch einen Freund vor weiteren Verhaftungen gewarnt worden. Wir befürchteten auch, daß man Bärbel Bohley und Ulrike Poppe in den Westen abschieben würde. Wir wagten in der Frauengruppe kaum noch, uns in privaten Wohnungen zu treffen. Das Gesetz gegen »illegale Gruppenbildung« hätte unsere Verhaftung sofort möglich gemacht. Einmal, so erinnere ich, trafen wir uns zum Abendessen in dem christlichen Hospiz am Bahnhof Friedrichstraße. Eine Frau kannte dort eine Kellnerin und hatte für uns einen großen Tisch bestellt. Dort saßen wir dicht gedrängt beieinander und flüsterten uns die Nachrichten und Beurteilungen der Situation, in der wir waren, zu. Die Nähe, die Freude, einander einfach nur anzuschauen, erfüllte uns. Wir waren noch da, es gab uns noch! Das machte unsere Grundstimmung aus. Die Worte, die wir uns sagten, waren erst in zweiter Linie wichtig. Wir fühlten uns an diesem Abend sicher; an anderen Tischen saßen bekannte Repräsentanten der Kirche, die ebenfalls zu Abend aßen. Wir glaubten allein durch die Gegenwart dieser öffentlichen Personen einen gewissen Schutz zu genießen: Würde man uns jetzt hier verhaften wollen, müßte man es unter ihren Augen tun, und sie müßten sich dazu verhalten. (...)
Während der Gefangenschaft von Bärbel Bohley und Ulrike Poppe entstand in mir die Phantasie: Wenn die beiden Frauen aus dem Gefängnis wieder nach Ost-Berlin zu uns zurückkehren, werden wir ein Politisches Nachtgebet halten. An dieser Phantasie habe ich mich festgehalten. Wir würden erst einmal klagen müssen, um all die erfahrene Resignation und Traurigkeit zu überwinden. (...)
Nach der Haftentlassung von Bärbel Bohley und Ulrike Poppe im Januar 1984 spürten wir wieder unsere Kraft und machten uns daran, das erste Politische Nachtgebet vorzubereiten. Da die Freilassung der beiden Frauen inzwischen durch die Medien bekannt geworden war, standen die Frauen für den Frieden in hohem Ansehen bei manchen Teilen der Bevölkerung. Auf uns richteten sich Hoffnungen auf Veränderung im Land. So bekam ich für unser Vorbereitungstreffen in einem Rüstzeitenheim der Kirche auch unverhofft schnell einen Termin.
In der kleinen Holzkirche in Hirschluch saßen wir auf dem Boden, fanden einen Rhythmus (nach der Filmmusik aus »Blutige Erdbeeren«) für unseren Klageruf:
»Kommt laßt uns klagen, es ist an der Zeit,
wir müssen schreien, sonst hört man uns nicht.«
Wir trommelten und klopften. Jede von uns versuchte, ihre eigene Klage zu finden. Wir lasen sie uns gegenseitig vor und gaben einander Hilfestellung beim Formulieren. (...)
Nach diesem Wochenende begannen wieder die Vorladungen, Verwarnungen und Einschüchterungsversuche. Wir besprachen unser Nachtgebet mit dem Generalsuperintendenten Günther Krusche, damit er auf Anfragen sagen konnte, er wisse davon; und er billigte es. Selbstverständlich haben wir konkrete Inhalte wie die Klagen oder meine Ansprache nicht mit ihm besprochen. Ich bin auch froh darüber, daß ich es in diesen Jahren durchgehalten habe, mich bei diesen wegen der drohenden Repressalien nötigen Vorbesprechungen mit Vertretern der Kirchenleitung nicht inhaltlich kontrollieren zu lassen. Noch heute ist es mir nicht möglich, eine Ansprache (oder einen anderen Text) jemandem zu zeigen, bevor ich sie gehalten habe.
Wir beschlossen, uns vor dem Nachtgebet, das um 20 Uhr beginnen sollte, bereits um 13.00 Uhr in der Auferstehungskirche zu treffen. »An den Hörnern des Altars sind wir sicher« war ein geflügeltes Wort in dieser Zeit. Wir hofften, aus dem Schutzraum Kirche heraus würde man nicht wagen, uns festzunehmen. Wenn es denn sein mußte, dann hinterher; erst aber wollten wir unser Nachtgebet halten.
An das Kirchenportal hängten wir Bettücher, die wir mit der Veranstaltungsankündigung beschrifteten. Eine der Frauen meinte: »Das sieht aus, als hätte Auferstehung große Wäsche«, so flatterten die Tücher im Winde. Busfahrer hupten, Passanten blieben neugierig stehen und freuten sich über diese Veranstaltungsankündigung.
Öffentliche Werbemöglichkeiten hatten wir ja nicht. Ich erinnere mich, wie ein paar Frauen zu der neben der Kirche liegenden Friedhofsgärtnerei gingen, sich als »Frauen für den Frieden« vorstellten und um Blumen für das Nachtgebet baten. Sie bekamen Arme voller Blumen geschenkt.
Wir schmierten Schmalzbrote, die wir zu einer Rakete auf dem Taufbecken aufbauten, um sie dann beim Liebesmahl zu verzehren. Das war übrigens das einzige dem Generalsuperintendenten bekannte Detail aus dem Nachtgebet, das er kritisierte. War er doch an Ökumene interessiert und fürchtete um die Abendmahlsgemeinschaft mit anderen Kirchen, obwohl wir nicht ein Abendmahl, sondern ein Liebesmahl feiern wollten... Die Kirche wurde geschmückt von den bildenden Künstlerinnen unter uns. In der Nebenkapelle wurden für diesen Anlaß gedruckte Kunstplakate »gegen Spende abgegeben«. Verkaufen durften wir nach den Gesetzen der DDR nichts.
Die Kirche füllte sich. Es kamen Frauen und Männer. Als ich dann das Nachtgebet eröffnete mit den Worten:
»Im Namen des Gemeindekirchenrates der Auferstehungsgemeinde begrüße ich Euch zu unserem 1. Nachtgebet der Frauen für den Frieden«, standen mir fast die Tränen in den Augen. Bis zu diesem Moment hatten wir eher vom »Nachtgebet« gesprochen. Daß die Frauen für den Frieden dieses Nachtgebet veranstalteten, konnte erst im Schutze dieses Gottesdienstes öffentlich so gesagt werden. Und nur ein Gemeindekirchenrat konnte eine solche Veranstaltung rechtlich absichern. Und er hatte es getan! Jetzt, in diesem Gottesdienst, waren wir die Handelnden, jetzt konnten wir deutlich benennen, wer wir waren und was wir zu sagen hatten. Darum löste schon mein Begrüßungssatz bei der anwesenden Gemeinde Zwischenapplaus aus. Wir hatten es geschafft. Das Nachtgebet der Frauen für den Frieden fand wirklich statt!

Erstes Nachtgebet der »Frauen für den Frieden«
»Im Namen des Gemeindekirchenrates heiße ich Euch zu unserem 1. Nachtgebet der 'Frauen für den Frieden' herzlich willkommen!
In einer Welt, die von Zerstörung gekennzeichnet ist, finden wir uns nicht mehr zurecht.
Darum haben wir Frauen, die wir uns nach Frieden und Leben sehnen, an die Möglichkeit des Klagens erinnert.
Wehrlose Frauen, Klageweiber – schon vor 3000 Jahren – gaben das Letzte, was sie hatten.
Als Frauen und Mütter sind wir schon von Natur her ganz eng mit der Sorge um das Leben verbunden, auch um das zukünftige Leben. Und wir finden uns in einer todesschwangeren Situation wieder. Dies herauszuschreien ist es, was wir Frauen tun können.
'Schickt nach denen, die klagen können', heißt es bei Jeremia. Fang schon an zu trauern, der Tod passiert schon. Klagt, legt den Finger auf den wunden Punkt.
Im Klagen bringen wir Frauen eine Dimension des Menschseins zur Sprache, nämlich Schmerz auszudrücken.
Wir haben gesucht nach einer Form des Klagens und wir haben eine Art des Klagens für uns gefunden. Dabei geht es uns nicht um Provokation, sondern: Klagend geben wir Frauen zu erkennen, wo wir verletzlich sind. Klagen heißt die Not bekanntzumachen. Es ist keine Forderung, sondern es geht darum, das, worunter wir leiden, als Not anzuerkennen, festzumachen und herauszuschreien.
Wir wünschen uns, daß Ihr Euch in diesem Sinne uns anschließen könnt! Benennt den Schmerz, Eure Betroffenheit!«
Es folgten die Klagen der Frauen für den Frieden.
Jede und jeder der Anwesenden konnte sich mit einer Klage anschließen. Hier war ein Raum hergestellt, in dem öffentliches Reden möglich wurde. (...)

Zweites Nachtgebet der »Frauen für den Frieden«
Ich weiß nicht mehr, warum wir uns haben verleiten lassen, nach dem lange und sorgfältig vorbereiteten ersten Nachtgebet bereits vier Wochen später ein zweites zu veranstalten. Am ehesten war es das Gefühl, einer großen Erwartung, die wir geweckt hatten, entsprechen zu müssen. Auf jeden Fall haben wir uns mit dieser selbstauferlegten Verpflichtung überfordert. Um so mehr, als wir auch inhaltlich diesmal einen Sprung gemacht haben, wie man ihn wohl nur in verzweifelten Situationen wagt: den Sprung vom Klagen zum Träumen. Wir wollten uns aufs Hoffen festlegen.
Das zweite Nachtgebet stand aber auch insofern von vornherein unter einem ungünstigen Stern, als die Kirchenleitung uns, d. h. vor allem mich, massiv unter Druck setzte. Genau: den Druck, den die staatlichen Behörden auf sie ausübten, an mich weitergab. Leider kam es nach dem Nachtgebet auch zu Konflikten zwischen den Frauen für den Frieden und mir. (...)
.
Aus dem zweiten Nachtgebet: Markus 4, 3-20.
Das Gleichnis vom Säen. Meditation zweier Frauen (Christa Sengespeick und Irmela Kirchner).
(...)
Ich bin Saat
und wache auf unter Dornen,
Hoffnungslosigkeit droht mich zu ersticken:
Die Dornen des Vor-Kriegs,
die Angst um Morgen,
all die Täuschungen, denen ich erliege.
Da könnte ich zu einer werden - wie Penthesilea -,
die, den Tod vor Augen,
nur noch kämpfend sterben will.
Wenn ich die Dornen nicht aushalte,
werde ich selbst zu Dornen,
die anderen die Hoffnung nehmen.

Unter den Dornen durchzuhalten -
das ist eine Erfahrung.
Es gibt auch im Sturm so etwas wie Frieden.
Die Widerstände verleihen mir Haltung.
Die Spannung, den Unfrieden auszuhalten, kann
                                                                    bewirken,
Frieden zu erleben,
auch, wenn ich es erst im nachhinein merke. (...)

Ich bin eine Frau, die sät.
Ich säe, weil ich Hoffnung habe.
Und während ich hoffe, verändere ich den Boden:
Das Gras legt über die Felsen Teppiche.
Das Grün wächst über die Wege
Ob die Dornen im nächsten Jahr noch dort stehen
                                                                       werden,
wo sie heute sind?
Denn Saat vermehrt sich selbst.
Manchmal möchte ich nach Utopia fliehen,
an den Nicht-Ort.
Dort ist der Boden gut.
Dort wäre ich nicht ich selbst.
Dort wäre ich nur ein Idealbild von mir -
ohne Versagen, ohne eigenen Unfrieden. (...)

(...) Der Hinweis auf Christa Wolfs »Kassandra« konnte damals von allen aufgenommen werden: Als eine Art Todesverliebtheit; indem ich von Penthesilea sprach. Ich mußte mich gegen die Unbedingtheit, die Bereitschaft, sich zum Opfer zu machen, die ich bei manchen beobachtete, wehren. Ich mußte mich wehren gegen eine mir fatal scheinende Neigung zu gelebter Hoffnungslosigkeit. Und ich hatte Mühe, mir einzugestehen, daß es auch in der Friedensbewegung, auch unter den Frauen, Verhärtungen und Anerkennungskämpfe gab.
»Kann ich Früchte anerkennen, die schon wachsen?« Mit dieser Reflexion haben wir Rivalitäten anzusprechen versucht. Rivalitäten, die sicher auch vieles verhindert haben. Wir Frauen waren verschieden, und ich denke, solange es uns möglich war, vom Reichtum dieser Verschiedenheit zu leben, waren wir auch stark. Solange wir die Ungleichheit der Frauen aushielten: Da waren die Atheistinnen, da waren die Künstlerinnen, waren die Frauen, die in erster Linie Mütter waren, da waren die Frauen, die eine Zeitlang ihr Selbstverständnis durch ihre Männer erfuhren, da waren Kirchenfrauen, alleinlebend oder mit Familien. Was könnte ich für Unterscheidungskategorien finden? Wir waren eben verschieden! Trotzdem war es uns möglich, gemeinsam zu denken, eine an der anderen anzuknüpfen.
Dies war in jener Zeit gefährdet: »Die Früchte, die schon wachsen, anzuerkennen.« Dabei war es doch gerade unsere Unterschiedenheit und unser gegenseitiges Einander-gelten-lassen, die uns handlungsfähig machten. Auch unsere Rivalitäten haben uns geschwächt.
»Manchmal möchte ich nach Utopia fliehen . . .« Fliehen, wenigstens in Gedanken fliehen wollten wir, an den unbekannten Ort. Lag er hinter der Mauer? Natürlich. Indem ich ihn Utopia nannte, machte ich deutlich, daß die Sehnsüchte, die sich mit dem Westen verbanden, unerfüllbar waren.
Darum sagte ich bei derWiederholung: »Nicht-Ort«: Zu leicht hatten wir uns in Träume verloren, uns einfach nur weggewünscht. Die Passage über die Flucht war sicher für alle, die hören wollten verständlich als Ermutigung, im Land zu bleiben.
Diesmal gab es, aufgrund verstärkter Drohungen staatlicherseits, auch inhaltliche Beurteilungen unserer Nachtgebete durch die Kirchenleitung. Es wurde gefragt, ob es sich dabei noch um Gottesdienste handelte, für die die Kirchenleitung gegenüber den staatlichen Behörden eintreten konnte (und mußte). Eine theologische Kritik in diesem Zusammenhang hatte unter diesen Umständen für uns eine andere Relevanz als theologische Meinungsverschiedenheiten es heute hätten. Von der Kirchenleitung »theologisch fallengelassen zu werden« hätte ein Verbot dieser Gottesdienste zur Folge haben können. Da ich in dieser Zeit dringend auf die Solidarität von Theologinnen angewiesen war, die beim Evangelischen Konsistorium einen besseren Stand hatten als ich, habe ich, außer Ruth Misselwitz und Irmela Kirchner (mit ihr zusammen habe ich die Meditation vorbereitet und gehalten), Ruth Passauer gebeten, in die Vorbereitungsgruppe zu kommen.
Während der Phase des öffentlichen Redens, die für uns zur Form der Nachtgebete gehörte, und die diesmal konkret im Aussprechen von Wünschen, Träumen und Hoffnungen bestand, haben wir Samen in eine große Blumenschale gesät. (...)

Veranstaltungen der »Frauen für den Frieden« in der Auferstehungskirche
17. September 1983, »Gemeindetag der Frauen für den Frieden«.
11. November 1983, Gespräche zu den Eingaben gegen die Einberufung von Frauen zum Wehrdienst von den »Frauen für den Frieden«.
23. Mai 1984, »Erstes Nachtgebet der Frauen für den Frieden«.
27. Juni 1984, »Zweites Nachtgebet der Frauen für den Frieden«.
22. Mai 1985, »Drittes Nachtgebet der Frauen für den Frieden«.
Juni 1987 »Liturgische Nacht der Frauen für den Frieden«, Kirchentag in Berlin.

Christa Sengespeick-Roos, geb. 1952, 1982 bis 1989 Pfarrerin an der Auferstehungskirche (Berlin-Friedrichshain), seit 1989 Pfarrerin an der Paulus-Gemeinde (Frankfurt/M).
Der Text ist ein Auszug aus ihrem Buch »Das ganz Normale tun. Widerstandsräume in der DDR-Kirche«, das auch Beiträge der Literaturwissenschaftlerin Christa Bürger enthält und 1997 bei der Edition Hentrich in Berlin erschienen ist. 


 

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