Heft 34/2001 | rezensionen | Seite 68 - 69

Marinka Körzendörfer

Anne Hampele Ulrich: Der unabhängige Frauenverband

Ein frauenpolitisches Experiment im deutschen Vereinigungsprozeß

Ausgerechnet eine Frau aus dem Westen wollte ihre Doktorarbeit über den Unabhängigen Frauenverband schreiben, über unseren UFV. Selber solch eine Frauenorganisation nicht zustande bringen – die mit ihren 20 Jahren Frauenbewegungs-Erfahrung –, aber unser Bemühen beurteilen, vielleicht gar verreissen wollen. Dies waren einige der Gedanken, die mich Anfang der 90er Jahre beschlichen, als ich von diesem Vorhaben hörte. Aber auch: Ich möchte die Untersuchung nicht machen, ich hätte gar keinen Abstand zu dem Verein. Und ich bin froh, dass diese Arbeit keine von uns, von den Ostfrauen, den Gründerinnen gemacht hat, sondern Anne, die Westfrau mit dem soziologisch geschulten Blick. Die irgendwann einfach dazu gehörte, zu uns, den UFV-Frauen.
Anne Hampele Ulrichs Arbeit erschien voriges Jahr in der Reihe »Berliner Debatte« des Wissenschaftsverlages. Der Buchveröffentlichung liegen sowohl ihre Studie über den UFV, die bis 1994 reichte, als auch aktualisierende Informationen über den UFV bis zur Auflösung seines Bundesverbandes 1998 zugrunde.
Ich gebe zu, beim ersten Blättern war ich schon irritiert: Eine Arbeit von knapp 300 Seiten über den UFV, und seine Gründung wird erst auf Seite 69 thematisiert. Aber eine gründliche Studie muß sich dem Objekt seiner Untersuchung eben vom Grund her nähern.
Nach kurzer Erläuterung von Gegenstand und Methodik ihrer Untersuchung widmet Anne Hampele Ulrich sich unter dem Stichwort: »Fragen und Hypothesen zur Strukturierung des UFV« grundsätzlichen Überlegungen, ob eine reine Frauenorganisation mit dem Anspruch, die Interessen der Frauen zu vertreten, überhaupt funktionieren könne. So stellt sie fest: »Meinungsforscher konstatierten für die BRD, daß ‘die Mehrheit’ (das sind: die Frauen) sich nicht organisieren lasse, weil sie zwar hinsichtlich Erwerbsbeteiligung, Lohnstruktur, gewerkschaftlicher und politischer Repräsentanz etc. empirisch eindeutig diskriminiert sei, sich diese Benachteiligung aber ‘kaum auf die politischen Einstellungen und Verhaltensweisen von Frauen durch(schlage)’«.
Also, so die logische Schlußfolgerung der Autorin: Wie kann etwas sein (der UFV), was nicht sein darf? Anne Hampele Ulrich blickt zurück auf den sozialen Hintergrund der Entstehung des UFV; »Frauenpolitik und neues Frauenbewußtsein in der DDR« heißt folgerichtig ein weiteres Kapitel.
Frauenpolitik in der DDR hieß zum einen Gleichberechtigung und Förderung der Frauen unter Voraussetzung ihrer Berufstätigkeit und damit ökonomischen Unabhängigkeit. Zum anderen wurde diese Gleichberechtigung gewährt, was hieß: Vater Staat, bzw. Mutter Partei wissen, was für unsere Frauen gut ist. Daß dieser Herrschaftsanspruch nicht in Frage gestellt werden durfte, spürten nicht nur die heute medienbekannten Verfolgten. Auch die von Anne Hampele Ulrich konzentriert beschriebenen Frauengruppen, welche sich Anfang der 80er Jahre gegen alle staatlichen Wünsche und Erwartungen gebildet hatten, hatte es eigentlich nicht geben dürfen.
Das Ende der bisherigen Staatsstrukturen und des Herrschaftsmonopols der SED boten folglich die Chance für etwas Neues, für mehr als Gruppenbildung.
»Eine Gründung eines unabhängigen Frauenverbandes war die Möglichkeit, über den Suppenschüsselrand Kirche hinauszukommen, aus der Gruppenisolation herauszukommen, dem DFD etwas entgegenzusetzen«, zitiert Anne Hampele Ulrich hierzu eine der UFV-Gründerinnen, die aus einer kirchlichen Frauengruppe kam. Detailliert beschreibt sie die vielerorts (sowohl örtlich als auch milieubezogen) entstehenden Fraueninitiativen, welche sich schließlich bei der Gründung des UFV wiederfanden.
Die Autorin dazu: »Die Gründung des UFV selber war ein Produkt dieses Strukturbruchs, in dem die Heterogenität der zusammentreffenden Diskurse und Milieus eine wichtige Ursache für die handlungstragende Euphorie der Akteurinnen war. Zugleich entstanden mit dem Durchbrechen der alten Diskursgrenzen, das den UFV gegenüber anderen Bürgerbewegungs-Gründungen hervorhebt, auch typische Folgeprobleme: Nach Abflauen der anfänglichen Emphase und vorteilhaften Chancenstruktur (Runder Tisch!) brachen hier die mitgebrachten Differenzierungen schneller auf als bei kulturell stärker homogenen Gruppen. Dies war ein wichtiger Grund für den raschen Rückgang der auf den UFV bezogenen Mobilisierung unter den Frauen.«
Mir schien beim Lesen einiger dieser Abschnitte, als kämen die Gefühle von damals, das Treibende dieser Zeit wieder hoch.
Doch schon im folgenden Kapitel über den Wandel der Kontexte in der ostdeutschen Transformation wird die damalige Ernüchterung deutlich. In ihm analysiert Anne Hampele Ulrich die schnell folgende Differenzierung in der ostdeutschen Frauenbewegung, das vorsichtige, anfangs abgrenzende Verhalten gegenüber den westdeutschen Schwestern, die späteren, nur halbherzigen Bemühungen um eine Westausdehnung des UFV und das Verhalten der westdeutschen Frauen gegenüber dem UFV.
Im anschließenden Kapitel über die Handlungsfelder des UFV widmet sich Anne Hampele Ulrich den »Mühen der Ebene«, der Kleinarbeit in den neuen politischen Strukturen. Zu Recht ist dieses Kapitel mit gut 70 Seiten das umfänglichste, geht Anne Hampele doch hier den vielen (zum Teil auch wahrgenommen) Möglichkeiten des Handelns von Frauen nach, ebenso aber den verpaßten Chancen (etwa der Wahl vom März 1990, bei der aufgrund der Listenplazierung alle Mandate des grün-lila Bündnisses an die Grünen gingen, oder dem Frauenstreiktag 1994, an  dessen Vorbereitung der UFV einen beträchtlichen Anteil hatte, ohne daß ihm das zugute kam). Bemerkenswerter Weise unterliegt sie hier nicht der so frauentypischen Veranlagung, die eigenen Erfolge und Leistungen kleinzureden und dafür jeden Fehler laut und lang anhaltend zu beklagen.
Das folgende Kapitel, in dem der UFV als Verein in der bundesdeutschen Realität ankommt, läßt die zunehmende Schwäche des UFV und seine Unfähigkeit, mit den »normalisierten« politischen Verhältnissen im Land sowie dem weitgehenden Desinteresse der großen Mehrheit der Frauen umzugehen, deutlich werden.
Im letzten Kapitel, überschrieben mit »Abbruch eines Experiments«, zieht Anne Hampele Ulrich eine vorläufige Bilanz des kurzem Lebens des UFV: »...als kleiner, überwiegend ostdeutscher Frauenverein, der v.a. unter nichtparteigebundenen und autonomen Frauen überregional Vernetzung und thematische Diskurse mit einer wenn auch begrenzten politischen Öffentlichkeit herstellte, war (er) bis zuletzt ein Unikum. Als solches hat er relativ lang bestanden...«.
Angereichert hat die Autorin ihr Buch mit Fakten und Zahlen zum UFV: etwa einer Übersicht über die Qualifikationsstruktur sowie die Berufs- und Tätigkeitsfeldern der Frauen, die am offiziellen Gründungskongreß des UFV in Februar 1990 teilnahmen, der Auflistung aller Vertreterinnen des UFV am Zentralen Runden Tisch der DDR, aller Bundessprecherinnen des UFV und der Kongressen des UFV 1990-1994.
Die vorliegende Arbeit ist sehr detailliert, gründlich und benennt viele Einzelheiten, die wir als Akteurinnen im UFV nicht wahrgenommen, übersehen oder auch schon wieder vergessen haben.
Jedenfalls sollten sich Frauen, welche das »abgebrochene Experiment« wiederaufnehmen wollen, diese Arbeit vorher duchlesen. Einige Fehler könnten sie so durchaus vermeiden. Aber jede Zeit hat ja ihre eigenen historischen Bedingungen.

Anne Hampele Ulrich: »Der Unabhängige Frauenverband. Ein frauenpolitisches Experiment im deutschen Vereinigungsprozeß«, Berliner Debatte Wissenschaftsverlag, Berlin 2000. 327 S., ISBN-Nr. 3-9317 03-48-7, 29,80 DM.
 

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