Heft 35/2001 | blick auf berlin | Seite 1 - 5

Annette Kaminsky

»Alles für Berlin«

»Ende August entdeckte ich im Einrichtungshaus unserer Stadt eine wunderschöne Wohnzimmerschrankwand Modell ‘Anklam’ (4.936,– M). Viel Geld auf den ersten Blick, aber sie sollte unsere Familie für den Rest des Lebens erfreuen, denn so bald kauft man keine neue Anbauwand.
Und wir hatten Glück, für den Monat September konnte das Geschäft für zehn Schrankwände eine Vornotierung durchführen und wir wurden Nr. 10. Nun begann die tägliche Nachfrage zwecks Lieferung, denn der genaue Termin konnte nicht festgelegt werden. Heute nun kam der Hammer. ich erhielt die Mitteilung, dass die Schrankwand nicht mehr geliefert werden kann. Sie würde nur noch für den Export und Genex gefertigt bzw. nach Berlin geliefert. Bei allem Respekt für die zu erbringenden o.g. Lieferungen, aber auch wir in der Provinz möchten gern schön wohnen.«
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Zeit ihrer Existenz bestimmten Versorgungsprobleme den Alltag in der DDR. In den Archiven findet sich kaum ein Bericht, in dem nicht über Probleme bei der Versorgung mit den tausend kleinen und zehn großen Dingen des täglichen Lebens berichtet wird und Wut und Ärger der Bürger über die alltägliche Mühsal beim Einkauf vermittelt werden.
Für den Konsumfrust vieler DDR-Bürger war nicht nur die desolate Versorgungssituation ausschlaggebend, sondern zunehmend sorgten die offensichtlichen Ungerechtigkeiten bei der Verteilung der Waren für Unmut und Unverständnis.
In den ersten Jahren nach Kriegsende und den Anfangsjahren nach der Gründung der DDR hatte die Überwindung der Nachkriegsnot Priorität. Kleine Verbesserungen in der Lebenslage und der Versorgung ließen viele Menschen hoffen, dass auch in der DDR bald der Vorkriegsstandard erreicht sein würde. Die Verheißung auf bald überall in der DDR bestehende Konsumtempel nährten in den fünfziger Jahren zudem großflächig publizierte und propagierte Konsumutopien, die sich am »Weltstand« orientierten und den Bürgern ein mit Waren prall gefülltes Leben offerierte. Hatte man bis 1958 über die Rationierungen noch eine gewisse Verteilungsgerechtigkeit aufrechterhalten können, spitzte sich die Lage in den folgenden Jahren und Jahrzehnten trotz vieler wohlgemeinten Programme und Pläne zu. Dabei stand nicht nur das immer wieder beschworene »Wohl des werktätigen Volkes« im Mittelpunkt der Überlegungen. Nach den Ereignissen des 17. Juni 1953 fürchtete die SED-Führung die »systemsprengende Kraft« ungelöster Versorgungsprobleme und unbefriedigter Konsumwünsche.
Aber nicht nur die berüchtigten und überall fehlenden Mangelwaren wurden zum Reizthema; Intershop, Delikat und Exquisit heizten die Stimmung ebenso an wie die bevorzugte und kaum verhohlene Versorgung Berlins. Als Hauptstadt der DDR sollte die Stadt zu einem attraktiven Schaufenster des Sozialismus gestaltet werden, das den via Westberlin einreisenden Tagestouristen ein ansprechendes Bild vom Leben in der DDR vorführen sollte.
Erste Festlegungen zur Bevorzugung Berlins finden sich in den fünfziger Jahren. Als Hauptstadt der sozialistischen DDR und »Frontstadt« zum Imperialismus sollte Berlin nach dem Willen des Siebenjahrplans des »Friedens, des Wohlstands und des Glücks« von 1959 vorrangig und »vorbildlich entwickelt« werden. »Die politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung Berlins als Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik muß auf die zukunftsfrohe Perspektive des Sozialismus gerichtet sein und die allseitige Überlegenheit der sozialistischen Ordnung über das kapitalistische System unter den komplizierten Bedingungen der gespaltenen Stadt für alle Menschen deutlich sichtbar machen«, hieß es da.2 Das hieß, Berlin war vor anderen Gebieten der DDR auf- und auszubauen. Und nicht nur äußerlich sollte sich das Leben in Berlin von dem in anderen Gebieten der DDR unterscheiden. Auch der Lebensstandard sollte in der Hauptstadt auf einem höheren Niveau liegen als im Rest der Republik. Dies bezog sich nicht nur auf die Versorgung mit Waren und Dienstleistungen, sondern auch auf die Entwicklung der ansässigen Industriezweige, der Infrastruktur, den Wohnungsbau, die Gesundheits-, Sozial-, Bildungs- und Kultureinrichtungen der Stadt. Berlin sollte auf allen Gebieten besser ausgestattet und entwickelt werden. So hatten hauptstädtische Bauvorhaben Vorrang vor Bauprojekten in den Bezirken. Und waren Material oder Bauarbeiter für die Berliner Baustellen knapp, wurden die nötigen Mittel kurzerhand von anderen Vorhaben abgezogen. Die Überlegungen des 1959 beschlossenen »Siebenjahrplan« gingen jedoch davon aus, dass bis 1965 überall in Stadt und Land moderne Versorgungszentren für eine überall gleich gute Versorgung auf Weltniveau sorgen würden.
Zum politisch begründeten Ziel, Berlin – zu Lasten anderer Orte – zu einer im Systemwettstreit konkurrenzfähigen Metropole auszubauen, gesellten sich vielfältige ökonomische Zwänge: Die vorhandenen Mittel, Ressourcen und Waren reichten bereits seit Jahren nicht für eine gleichmäßige und kontinuierliche Versorgung aller Gebiete der DDR aus. So definierte die SED-Führung zu Beginn der fünfziger Jahre »Schwerpunktversorgungseinrichtungen«, die bevorzugt versorgt werden sollten. Zu ihnen zählten neben Berlin, jeweils festgelegte Industriebetriebe, die Wismut oder dringende Bauvorhaben. Die stets knappen Waren wurden nach einem beim Ministerium für Handel und Versorgung festgelegten Verteilerschlüssel vorrangig auf diese Gebiete und Einrichtungen verteilt, wobei Berlin immer den ersten Platz einnahm. Nur das, was in Berlin nicht benötigt wurde, war für die Verteilung auf die Bezirke freigegeben. In einem bspw. 1971 vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR erarbeiteten »Maßnahmeplan zur Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern« hieß es bspw. in Bezug auf die Verteilung zusätzlich eingeführter Waren: »Der Einsatz und das Angebot der zusätzlich importierten Konsumgüter muß mit großer politischer Wirksamkeit erfolgen.«3
Für die Verteilung der Waren hatte das Ministerium für Handel und Versorgung im Vorfeld einen Verteilerschlüssel festgelegt: »Hiervon ausgehend ist nach folgenden Prinzipien zu verfahren: Mit den zusätzlich bereitstehenden Konsumgütern sind in erster Linie entscheidende Verbesserungen der Versorgung in der Hauptstadt der DDR Berlin zu gewährleisten. Dazu ist eine vorrangige Bereitstellung nach Menge, Sortiment und Termin zu sichern.« Erst nach Berlin sollten auch »Zentren der Arbeiterklasse« vorrangig beliefert werden. In den »anderen Bezirken«, so hieß es weiter im Text, sei eine Belieferung nach den bezirklichen Versorgungsplänen vorzunehmen. Das hieß in der Realität, dass die Bezirke in der Regel leer ausgingen und sich die zusätzlich importierten Waren dort nur selten in den Geschäften wiederfinden würden.4 Bei den 1971 importierten Waren handelte es sich u.a. um 17 Kilotonnen Südfrüchte. Mit dieser Lieferung sollte die »durchgängige« Versorgung der Bevölkerung in Berlin ab Mitte Oktober bis zum Jahreswechsel 1971 gesichert werden. Ein weiterer »konzentrierter Einsatz« sollte für ausgewählte Bezirksstädte wie Leipzig, Erfurt, Karl-Marx-Stadt, Halle und Magdeburg – jedoch in geringeren Mengen und erst ab Ende Oktober 1971 zur Verfügung stehen. Im Falle der zusätzlich eingeführten Lederwaren sollte der Verkauf ebenfalls »vorrangig in Berlin konzentriert« werden und mit zweiwöchigem Vorsprung vor einigen anderen ausgewählten Städten beginnen.5 
Berlins Vorzugsstellung zeigte sich jedoch nicht nur bei begehrten Importwaren. Selbst bei der Versorgung mit Grundnahrungsmittel, insbesondere Milcherzeugnissen, Obst und Gemüse, hatten die Bezirke das Nachsehen:
»Da ich seit langem vergeblich auf eine Verbesserung in der Versorgung mit frischem Obst und Gemüse in meiner Heimatstadt Eisenach warte, habe ich mich nun zu einer Eingabe an Sie entschlossen. Am Freitag, den 5.6.1987 stellte ich mich dort um 14.30 Uhr (Öffnung der Kaufhalle) nach Gurken und ersten Tomaten an. bereits um 14.50 Uhr war alles verkauft und ich ging leer aus. Es konnte ganze 20 Minuten, bei einer Zuteilung von zwei Gurken und einer Tüte Tomaten pro Person versorgt werden. Als Alternative konnten mir Kohlrabi und Rhabarber für eine dreitägige Pfingstversorgung angeboten werden. Und so läuft es meistens ab. Mit diesem Versorgungsniveau bin ich nicht länger einverstanden. Ich habe mir sagen lassen, daß die Versorgung in Berlin mit frischem Obst und Gemüse wesentlich besser ist und möchte die Ursachen für diesen Niveauunterschied wissen. Oder besteht ein Unterschied zwischen dem Bedarf eines Berliner und dem eines Provinzler?«6
Beispiele dieser Art lassen sich in den Dokumenten zur Versorgungssituation immer wieder finden. Als die Kaffeepreise 1976 dramatisch stiegen, musste die DDR statt der bis dahin 150 Millionen Valutamark nunmehr fast 700 Millionen Mark für Kaffeeimporte ausgeben. Um die Auslandsverschuldung nicht weiter steigen zu lassen, beschloß die SED-Führung die Importe von Nahrungs- und Genußmitteln zu drosseln und die dringend benötigten Devisen für die Einfuhr von Rohstoffen zu sparen. Die bis dahin in der DDR angebotenen Kaffeesorten wurden auf die Sorte »Rondo« und »Mocca-Fix« reduziert. Um die knappen Kaffeevorräte zu schonen, kam ein Mischkaffee, sinnigerweise KaffeeMix und vom Volksmund »Erichs Krönung« bezeichnet, auf den Markt. Von weiteren Maßnahmen – wie etwa der Zuteilung von Kaffee – sah die SED ab: »Auf eine Kontingentierung beim Verkauf von Röstkaffee im Einzelhandel ist zu verzichten, da eingeschätzt werden kann, daß durch die Erhöhung des Kaffeepreises um ca. 100 % ein Rückgang des Kaffeeverbrauchs um ca. 25-30 % zu erwarten ist. Weiterhin ist damit zu rechnen, daß durch diese Maßnahmen eine Zunahme der Versorgung der DDR-Bevölkerung durch andere Quellen, wie z.B. durch grenzüberschreitenden Päckchen- und Paketverkehr und beim Abkauf im Intershop [...] erfolgen wird. [...] In Betrieben, Verwaltungen, Institutionen usw. sowie für Repräsentationszwecke ist der Verbrauch von Kaffee generell zu untersagen.«7 Jedoch wurde festgelegt, dass die Kaffeesorte »Mocca-Fix«, deren Anteil am Angebot auf 5 % gesenkt wurde, nur noch in Berlin und Halle (dem Produktionsort) verkauft werden durfte. In allen anderen Städten durfte nur noch die neue, minderwertige Sorte »Kaffe-Mix« angeboten werden.8
Die Bevölkerung nahm diesen Angriff auf ihren Lebensstandard nicht stillschweigend hin. Es hagelte Eingaben und Drohungen. Denn immerhin gehörte Kaffee zu den stärksten Positionen im Haushaltsbudget der DDR-Haushalte. 3,3 Milliarden Mark gaben die DDR-Bürger pro Jahr für den Kaffeekonsum aus, fast ebensoviel wie für Möbel und etwa das Doppelte, was sie für Schuhe investierten. 1978 konnte die SED erleichtert melden, dass sich die Lage auf dem Kaffeesektor – allerdings ohne ihr Zutun – wegen der gesunkenen Kaffeepreise auf dem Weltmarkt wieder normalisiert hatte.
Nicht nur bei Lebensmitteln konnte Berlin auf eine Vorzugsversorgung verweisen. Dies traf ebenso für technische Geräte wie Auto, Telefon oder Farbfernseher, die teilweise gar nicht erst in die Bezirke geliefert wurden, um die Berliner Versorgung zu sichern.
So lag die Ausstattung mit Telefonanschlüssen in Berlin doppelt so hoch wie in den Bezirken. Bei der Belieferung mit einem der begehrtesten Objekte der DDR-Bürger, dem Auto, waren die Berliner Zuteilungen bspw. doppelt so hoch wie die der Bezirke. Die durchschnittlichen Wartezeiten lagen in der Hauptstadt in den achtziger Jahren mit 132 Monaten wesentlich niedriger (aber dennoch immer noch unvergleichlich hoch) als in den Bezirken, wo 156 Monate auf ein Auto gewartet werden mußte. Und selbst die Wartezeiten für Autoreparaturen betrugen 1986 in Berlin nur 21 Tage, im Unterschied zu 50 Tagen, die ein Bürger in den Bezirken auf die Reparatur seines Autos warten durfte.9
Die Berliner Versorgungslage verbesserte einerseits die Statistiken und suggerierte ein höheres Versorgungsniveau. Andererseits zog die bessere Ausstattung der Hauptstadt Hunderttausende aus den Bezirken nach Berlin, um sich hier zu versorgen. Ein Witz über die Versorgungssituation brachte das auf den Nenner: »Das Versorgungsproblem haben wir wie folgt gelöst: Wir bringen die Waren nach Berlin und die Leute holen sie sich dort ab.«
Diese Verteilungspolitik hatte eine weitere Kehrseite. Die Bevölkerung in den Bezirken stellte in Frage, ob die das Berliner Versorgungsniveau gewöhnte »Partei- und Staatsführung überhaupt die reale Lage in der Volkswirtschaft und auf dem Gebiet der Versorgung kenne.«10
Nur wenige Jahre später meldete das MfS, dass in den Bezirken diskutiert werde, die viel beschworene und in der Presse dargestellte »Stabilität bei der Versorgung treffe nur für die Hauptstadt der DDR zu, in den Bezirken dagegen sei ein starkes Gefälle des Versorgungsniveaus zu verzeichnen.«11
Inzwischen hatten sich die Versorgungsprobleme immer mehr in Richtung Hauptstadt verlagert: In den Berichten des MfS hieß es, in der Vergangenheit sei es immerhin noch möglich gewesen, bestimmte Waren, die in den Kreisstädten und Gemeinden nicht käuflich gewesen seien, in der Bezirkshauptstadt zu kaufen. Inzwischen sei dort das Angebot genauso unzulänglich. Hier helfe nur noch eine Einkaufsfahrt nach Berlin. Dieser Einkaufstourismus lief in den achtziger Jahren nicht mehr nur privat ab. Auch Betriebe stellten ihre Werksfahrzeuge für Einkaufsfahrten direkt beim Produzenten zur Verfügung und schickten Lastwagen nach Berlin und andere Orte, um nach Bestellisten einzukaufen. Produzierende Betriebe nahmen für solche Tauschgeschäfte sogar Produktionsreservierungen vor.
Der Versuch, mit Hilfe von Intershop, Exquisit- und Delikatläden – die selbstverständlich »kein ständiger Begleiter des Sozialismus in der DDR sein würden«, wie sich Erich Honecker 1978 beeilte zu versichern – die ärgsten Versorgungsprobleme in den Griff zu bekommen und vor allem die überschüssige Kaufkraft abzuschöpfen, konnte angesichts der desolaten Wirtschaftslage nicht mehr helfen. Viel mehr offenbarte sich auch hier wieder die Vorzugsstellung Berlins. Die Hauptstädter konnten beim Einkauf bevorzugt auf diese Einrichtungen, die wiederum bevorzugt beliefert wurden, zurückgreifen. War ursprünglich vorgesehen, neben den »Intershop«Läden jeweils auch attraktive Kaufangebote für jene Bevölkerungsteile in Exquisit und Delikat zu schaffen, die nicht über die nötigen Westkontakte und das begehrte Westgeld verfügten. So zeigte sich bald, dass die Ressourcen nur begrenzt waren und zuest nach Berlin flossen. In zahlreichen Städten wurde nur der Intershop – nicht aber wie vorgesehen für die devisenlose Bevölkerung auch ein Delikat- oder Exquisitgeschäft eingerichtet.
In den Landgemeinden war in den achtziger Jahren nicht einmal mehr die als heilig geltende Versorgung mit den Grundnahrungsmitteln wie Brot, Milch, Fleisch- und Wurstwaren gewährleistet. Die Bevölkerung nahm inzwischen kein Blatt mehr vor den Mund und das MfS konstatierte alarmiert, die Versorgungssituation »löse mit großer Schärfe geführte Diskussionen aus, in denen Unverständnis und tiefe Enttäuschung darüber zum Ausdruck kam, daß eine derartig angespannte Versorgungssituation zugelassen worden sei.« Und in einem Nachsatz hieß es weiter: »Nach streng internen Hinweisen bilden derartige Probleme auch einen Schwerpunkt in den Gesprächen von DDR-Bürgern mit Besuchern aus der BRD bzw. aus Westberlin. Dabei wird z.T. die Handelspolitik der DDR herabgewürdigt und verbunden mit sarkastischen Bemerkungen über die ‘Berliner Verschwendungssucht’«.12
Die Bevölkerung war zu diesem Zeitpunkt offensichtlich bereits nicht mehr bereit, die Versorgungsprobleme und die Ungerechtigkeiten bei der Verteilung stillschweigend hinzunehmen oder sich lediglich in »Eingaben« Luft zu verschaffen. Auch hier musste das MfS beunruhigende Berichte übermitteln: »Über bekannte Argumente hinausgehend werden als Ursachen der Versorgungslage wiederholt genannt: Eine durch Schönfärberei oder Planreduzierung manipulierte Berichterstattung über die Planerfüllung, eine unzureichende Wahrnehmung der Verantwortung durch Funktionäre des Bereiches Handel und Versorgung auf territorialer, aber auch auf zentraler Ebene, eine zu einseitig exportorientierte Warenproduktion und – dieses Argument wird immer häufiger und mit zunehmender Aggressivität gebraucht – die Sicherung des hohen Versorgungsniveaus der Hauptstadt zu Lasten der Bezirke der DDR. Das unterschiedliche Versorgungsniveau zwischen der Hauptstadt und den Bezirken ist auch zunehmend Gegenstand von Zuschriften an zentrale Presseorgane und Redaktionen des Rundfunks der DDR. Journalisten der "BERLINER ZEITUNG" beispielsweise schätzen intern ein, daß diesbezügliche Leserzuschriften im Ton zunehmend schärfer würden und bei den Empfängern eine gewisse Beunruhigung auslösten.«13
Aber auch die vermeintlich so viel besser gestellten Berliner hatten an der Versorgung so einiges auszusetzen und hielten diese für unzureichend. Denn obwohl die Versorgungslage in Berlin durchgängig besser war als in den Bezirken der DDR, war sie auch hier nicht gut. So gaben 48 % der Berliner in einer Untersuchung des Instituts für Marktforschung an, dass sie zur Erledigung ihrer Einkäufe oftmals weiter entferntere Einkaufsmöglichkeiten innerhalb Berlins aufsuchen würden, da das Angebot dort besser oder reichhaltiger sei und sie in den in ihren Wohngebieten befindlichen Einkaufsmöglichkeiten nicht alle Waren erhalten würden.14
Während aus den Bezirken an das Ministerium für Handel und Versorgung bereits seit Jahren über Mangelwaren und Engpässe berichtet wurde, erreichte das volle Ausmaß der Versorgungsprobleme Berlin erst in den achtziger Jahren. Nunmehr mussten die Verantwortlichen für die bevorzugte Versorgung Berlins selbst hier den Offenbarungseid leisten und die ungesicherte Versorgung in vielen Bereichen melden: »[...] Bei folgenden Sortimenten reicht der zur Verfügung stehende Warenfonds nicht aus, um täglich stabil zu versorgen.
– Die ständig steigende Nachfrage nach Joghurt, H-Milch, Berliner Pils läßt mit den verfügbaren Kapazitäten bei diesen Sortimenten kein durchgängiges Angebot zu.
[...] Bei Dauerbackwaren kann trotz einer Steigerung des Warenfonds auf 108,4% mit solchen Positionen wie Lebkuchen, gefüllte Waffeln, Keks, Salzbrezeln, Eiswaffeln nicht ausreichend versorgt werden.
– Kakaoerzeugnisse und Zuckerwaren sind insgesamt ausreichend vorhanden. besonders gefragte Artikel wie Pralinen, Nougat- und Marzipanerzeugnisse und Süßtafeln können nicht immer angeboten werden.
[...] Die nicht ausreichende Versorgung mit kochfertigen Suppen, Soßen, Brühwürfeln und gekörnter Brühe wird sich auch im 2. Halbjahr 1988 fortsetzen.
– bei Wein und Sekt hält der hohe Abkauf durch die Bevölkerung weiter an. Der bereitstehende Warenfonds bei Sekt läßt nicht in allen Verkaufsstellen ein ständiges Angebot zu. Auch bei Wein wird zeitweise ein eingeschränktes Angebot zur Verfügung stehen.
– Im Sortiment der haushaltchemischen und kosmetischen Erzeugnisse kann insgesamt ein ausreichendes Angebot gewährleistet werden. Bei dekorativer Kosmetik werden trotz Warenfondssteigerungen gegenüber 1987 solche Artikel wie Lippenstifte und Nagellack in besonders gefragten modischen Farben, Haarfarben und -tönungen sowie ausgewählt Cremes nicht immer für die Bevölkerung im vollen Sortiment vorhanden sein.«15
Als die Versorgungsmängel schließlich Berlin erreicht hatten, galt dies als Zeichen, dass die DDR wirtschaftlich keinen Spielraum mehr hatte.

1 Im II. Quartal 1987 an das Ministerium für Handel und Versorgung gerichtete und dort gesammelte Eingaben, weitergeleitet am 20. Juli 1987 an das Büro Jarowinsky beim ZK der SED. BArch SAPMO DY 30/37988.
2 Gesetz über den Siebenjahrplan zur Entwicklung der Volkswirtschaft in den Jahren 1959 bis 1965. Gbl. der DDR Nr. 56, vom 17. Oktober 1959, S. 732f.
3 Archiv der BSTU, MfS-BdL/Dok. Nr. 004549, S. 000001.
4 Archiv der BSTU, MfS-BdL/Dok. Nr. 004549, S. 000002.
5 Archiv der BSTU, MfS-BdL/Dok. Nr. 004549, S. 000004f.
6 Ministerium für Handel und Versorgung (MHV). Bericht über die Schwerpunkte und die Arbeit mit den im II. Quartal 1987 an das MHV gerichteten Eingaben vom 20. Juli 987 weitergeleitet an Werner Jarowinsky, Anlage 2, unpag. Auszüge aus Bürgereingaben, die dem MHV im II. Quartal 1987 zugingen. SAPMO BArch DY 30/37988.
7 Stefan Wolle: Die heile Welt der Diktatur. Bonn 1998, S. 200.
8 Zur Durchführung des Beschlusses des Politbüros vom 28.6.1977 zur Produktion und der Versorgung mit Kaffee- und Kakaoerzeugnissen (Beschluss des Politbüros vom 26. Juli 1977) Anlage Nr. 2 zum Protokoll Nr. 30/77 vom 26.7.1977. ZK 02 429/77, Bl. 108.
9 Information über die Verwirklichung des Beschlusses des Politbüros des ZK der SED vom 25.9.1984 »Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung mit Service- und Instandhaltungsleistungen an PKW und Krafträdern«. MfS ZAIG 20554, Abt. Parteiorgane des ZK. Vertrauliche Verschlußsache vom 24.9.1986. ZK 20/65/86.
10 Archiv BSTU Mfs-BdL/Dok. Nr. 001572, S. 00053.
11 Archiv BSTU MfS ZAIG 1-3493/78, S. 00013.
12 Archiv BSTU NfS HA XVIII, Nr. 6442, S. 000045.
13 Ebd. S. 00048.
14 Ursula Krauße: Gewohnheiten der Berliner Bevölkerung beim Kauf von Industriewaren nach Einführung der durchgängigen Fünftagearbeitswoche. In: Mitteilungen des Instituts für Marktforschung Nr. 1/1970, S. 19-25.
15 Information zur Versorgung der Bevölkerung der Hauptstadt mit Waren des täglichen Bedarfs und ausgewählten Industriewaren im 2. Halbjahr 1988. SAPMO BArch DY 30/41850.

Annette Kaminsky, Dr. phil., geboren in Gera, wissenschaftliche Referentin bei der »Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur«, lebt in Berlin. Publizierte u.a. »Heimkehr 1948. Geschichte und Schicksale deutscher kriegsgefangener« (Beck, 1998), »Kaufrausch. Die Geschichte der ostdeutschen Versandhäuser« (Links, 1998), »Wohlstand, Schönheit, Glück. Kleine Konsumgeschichte der DDR« (Beck, 2001).

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