Heft 35/2001 | blick auf berlin | Seite 8 - 13

Matthias Vernaldi

Der triumphale Einzug von vier Arnstädter Schulabgängern in die Hauptstadt der DDR

Ich bin so nach und nach nach Berlin gekommen. Mit 17 war es das erste Mal.
Da hatte ich den Eindruck, Berlin will mich nicht haben. Ich hatte ja gar nicht vor, dort zu bleiben. Lediglich ein paar Tage Abenteuer in der Grossstadt wollte ich erleben. Dabei war mir gar nicht klar, wie diese Abenteuer aussehen sollten; wohl irgendwas mit fetzige Leute kennenlernen, Rockmusik und so.
Ich konnte die Reise überhaupt nur machen, weil ich von der Wirkung von Belladonnysat gehört hatte und mir aus der Stationsapotheke ein Fläschen besorgen konnte. Belladonnysat beruhige die Darmperistaltik ungemein, lege sie regelrecht lahm. Das bedeute, dass man über Tage hin nicht scheissen müsse.
Genau das brauchte ich, um mit Affe, Knoth und Hugo nach Berlin zu fahren. Sie wollten fünf Tage bleiben. Das hiess für mich, ich musste es irgendwie hinkriegen, fünf Tage meinen Rollstuhl nicht zu verlassen. Im Sitzen pennen, das konnte ich, pissen auch. Nur zum Scheissen musste ich herausgehoben werden.
Knoth war mit seinen krummen Beinen soweit fit, dass er mich durch die Hauptstadt schieben konnte. Da kam ihm mein Rollstuhl sogar entgegen: Er bot ihm Gelegenheit, sich beim Gehen auf den Schiebegriffen abzustützen und liess ihn so bequemer vorankommen. Knoth hatte kräftige Oberarme. Damit konnte er Affe aus dem Elektrorollstuhl aufs Bett oder aufs Klo heben, wenn der nur nah genug heran fuhr. Affe war ein klapperdürres Gestell und auch deshalb von Knoth zu heben, weil er im Gegensatz zu mir normal schmerzempfindlich war. Ich dagegen verrenkte mir Fussgelenke oder überstreckte die Knie, wenn mein Bein auch nur einmal ein bisschen mehr als sonst unter Druck geriet oder irgendwie stärker gebeugt wurde. Ausserdem nannten mich alle Wulst. Das bezog sich auf einen Wulst aus Fett, der aus meiner Taille fast über die Seitenlehne meines Rollstuhls quoll, wenn ich in der für mich typischen Weise links oberhalb der Hüfte eingeknickt da sass. Ich wog fast zwei Zentner.
Kein Zweifel: Ich war für Knoth allein unhebbar. Und Hugo kam als Mitheber auch nicht in Frage. Als Spasti hatte er Mühe, sich selbst in der Senkrechten zu halten. Wenn ich also mit nach Berlin wollte, musste ich fünf Tage ununterbrochen im Rollstuhl bleiben. Ich wollte Berlin erleben und das ohne Pfleger und Erzieher, nur mit Knoth, Affe und Hugo. Das Scheissen würde ich mir dank Belladonnysat schon irgendwie verkneifen.
Hugo hatte uns erzählt, er wolle in Berlin Assi besuchen, einen Diakonschüler, der bei uns im Stift sein Praktikum gemacht hatte. Wir fragten, ob wir mitkommen könnten, und Hugo meinte, er würde Assi einfach schreiben, dass wir zu viert kämen. Wenn er etwas dagegen hätte, könne er ja immer noch absagen.
Es kam keine Absage. Eine Zusage allerdings auch nicht. Das sagte uns Hugo aber erst, als wir schon im D-Zug nach Berlin sassen. Auch daß er nun anstelle Assi Christina in Falkensee besuchen und er uns deshalb in Berlin verlassen würde, war uns neu.
Wir mussten in Lichtenberg aussteigen. Dazu brauchten wir vier Männer, die uns aus dem Zug hoben. Ich wog mit Rollstuhl und Gepäck gut zweieinhalb Zentner. Soviel brachte schon Affes E-Stuhl allein auf die Waage. Mit ihm und seinen Klamotten waren es dann an die vier. Knoth und der Schaffner stellten eine Hälfte der benötigten Heber. Die andere Hälfte rekrutierten wir aus einer Gruppe von Männern in hellen Anzügen mit Parteiabzeichen, die sich mit uns im Vorabteil drängten. Affe fuhr zuerst an den Ausstieg heran. Ein Ende des Kabels seines Ladegerätes hatte sich bei irgendwelchen Gepäckräumaktionen um einen Schiebegriff meines Rollstuhls geschlungen, ohne dass wir es bemerkt hatten. Das Kabel spannte sich nun zwischen uns und verfing sich mit einer Schlinge am Hals von Affes Pinkelpulle. Der ragte aus einem Beutel, der an seinem Rollstuhl hing. Da er immer noch weiter zum Ausstieg fuhr, zog das sich straffende Kabel die Pulle aus dem Beutel heraus. Gleichzeitig löste es sich von meinem Griff und die Pulle klatschte auf den Boden. Ihr Verschluss öffnete sich und über die Füsse der Passagiere, die sich hinter uns stauten, ergoss sich ein Schwall Flüssigkeit: Nein, keine Pisse, sondern nur das Wasser, mit dem Affe die Pulle füllte, damit sie nicht nach angetrockneter Pisse stank. Ganz neutral roch das Wasser aber auch nicht und die Leute konnten ja auch nicht wissen, was in der Pisspulle war. Sie verzogen jedenfalls ihre Mienen und nahmen ihre Koffer hoch. Hugo bückte sich nach der Pulle. Er konnte sie aber nicht mehr zurück in ihren Beutel stecken, weil Affe bereits auf dem Bahnsteig stand. So fuchtelte er mit dem tropfenden Uringefäss durchs Vorabteil und maulte: »Was soll ich denn damit? So eine Scheisse, ej!« Die Leute glotzten noch seltsamer und versuchten, Hugos ausholenden Bewegungen auszuweichen.
Knoth war das alles ziemlich peinlich. Deshalb peeste er, sobald meine Räder den Lichtenberger Bahnsteigbeton erreicht hatten, mit mir in die Richtung, in die der Pfeil auf dem Schild mit dem Wort »Ausgang« zeigte. Affes elektrischer Stuhl fuhr nur 6 km/h. Wir liessen ihn also immer weiter hinter uns. Die Schnur seines Ladegerätes hing noch immer aus einem der vielen Beutel, die an seinem Rückenteil befestigt waren und schleifte im Dreck. Er liess wiederum Hugo hinter sich, der mit der Pisspulle in der Hand über den Bahnsteig holperte und brüllte: »Ej, wartet doch mal, ihr Arschlöcher! Was soll das denn? Ich klatsch die verdammte Seechente gleich untern Zug. Da kannste dir `n Knoten in´n Schwanz machen. Scheisskrüppel, elendiger!«
Dieser triumphale Einzug von vier Arnstädter Schulabgängern in die Hauptstadt der DDR endete jäh an einer Treppe, die nach unten führte. Wir schlossen auf und Hugo konnte die Pisspulle endlich wieder loswerden. Das Ding mit den Treppen kannten wir von anderen Bahnhöfen: Irgendwo gab es immer einen Überweg über die Gleise oder einen Aufzug für die Gepäckkarren. Nicht in Berlin Lichtenberg im Juni 1976.
Die junge Frau in der Bahnsteigaufsicht musste erst ihren Kollegen holen. Sie verstand uns nicht. Dabei redeten wir hochdeutsch – zugegebenermaßen mit einer leichten thüringer Färbung. Aber wer uns nicht verstand, musste schon mächtig ignorant sein. Wir verstanden sie doch auch.
Ihr Kollege verstand uns zwar, konnte uns aber auch nicht weiterhelfen. Unser Disput mit ihm wurde immer heftiger. Als wir meinten, dass es die Reichsbahn doch wenigstens drauf haben müsste, dass man mit dem Rollstuhl in die Hauptstadt reisen kann, ging er wortlos in sein Aufsichthäuschen und knallte die Tür hinter sich zu.
Kurz darauf war seine Stimme über alle Lautsprecher zu hören: »Bitte zwei Genossen von der Transportpolizei sofort zur Aufsicht auf Bahnsteig A!« Hatten wir etwas falsch gemacht? Hatten wir in der Rage etwa »Idiotenreichsbahn«, »Scheisshauptstadt« oder gar »Schweine-DDR« gesagt?
Es dauerte ziemlich lange, bis zwei Trapos erschienen und in der Aufsicht verschwanden. Irgendwann öffnete sich die Tür wieder und der ältere von beiden steckte seinen Kopf durch den Spalt. »Woher kommen Sie?«, fragte er. »Aus Arnstadt«, antworteten wir. Er schloss die Tür. Kurze Zeit darauf erschien sein Kopf wieder im Türspalt. »Wo iss´n dit?« »Bei Erfurt.« Tür zu. Tür auf. »Wohin woll´n Se?« »In die Friedenstrasse.« Tür zu. Tür auf. »Wo iss´n dit?« »Friedrichshain.« Tür zu. Tür auf. »War´n Se schon mal in Berlin?« »Nee.« »Ach, du heiljer Strohsack!« Tür zu.
Dann geschah ungefähr eine Stunde nichts.
Schliesslich öffnete sich die Tür wieder und die Bullen traten zu uns heran. Es sei jetzt alles geregelt. Sie hätten das Rote Kreuz angerufen. Der Rettungsdienst würde kommen, wenn er etwas Luft hätte, spätestens in drei Stunden. Wir würden auf Bahren gelegt, die Treppen herunter und auf der anderen Seite wieder hoch getragen. Dann würden die Rollstühle nachgeholt.
Ich versuchte sie zu überzeugen, dass wir die Rollstühle nicht verlassen könnten und dass auch vier Transportpolizisten uns in den Rollstühlen tragen konnten. Doch sie meinten, die Sanitäter wären für soetwas ja ausgebildet, und liessen uns stehen.
Ich sah mich schon mit verrenkten Knochen auf einer Rettungsbahre liegen. Wir gingen zurück zur Treppe und ergriffen selbst die Initiative. Keiner der Reisenden, die an uns vorbeihasteten, wollte uns tragen. Die meisten blieben nicht einmal stehen, um sich unser Anliegen anzuhören. Unsere Rettung war eine Maurerbrigade, die im Bahnhof arbeitete. Sie hatten Zeit und sahen kein Problem, uns über die Treppen zu schleppen. Als Affe mitkriegte, dass beim Tragen seine Hinterräder über die Stufen holperten, sagte er: »Ausstemmen!«, damit sie den Rollstuhl etwas höher hielten. Sie nahmen es wörtlich und stemmten die vier Zentner auf Schulterhöhe. Am Ausgang zeigten sie uns noch, wo die Strassenbahn zum Leninplatz fuhr und erzählten uns, dass sie hier arbeiteten, um Rampen von der Schalterhalle in die Unterführung und auf die Bahnsteige zu bauen.
In die Strassenbahn erhielten wir ohne Mühe Hilfe von Mitpassagieren. Als die Bahn um die Ecke bog, sahen wir Hugo wild in unsere Richtung gestikulieren. Wir hatten ihn abgehängt und beim Einsteigen in die Tram vergessen. »Der will doch sowieso zu Christina. Was hat er sich denn so?«, fragte Knoth. Affe löste das Rätsel plausibel auf: »Sein ganzes Gepäck hängt bei mir mit dran. Sein Geld und sein Ausweis auch.«
Wir fuhren bis Leninplatz und suchten auf der Friedenstrasse Richtung Greifswalder nach Assis Hausnummer. Es war die falsche Richtung. Als wir zurückkamen, eierte uns tatsächlich Hugo entgegen. Stinkesauer löste er seine Klamotten von Affes Rollstuhl und entschwand mit der nächsten Strassenbahn.
Zu seinem Glück war er nun unerreichbar für uns. Er hatte uns Assis Adresse gegeben. Sie war ein Friedhof. Es war mittlerweile kurz nach 19.00 Uhr und der Friedhof war geschlossen. Doch selbst wenn er geöffnet gewesen wäre, hätten wir Assi im Friedhofsbüro oder in der Leichenhalle suchen sollen?
»Wahrscheinlich hat sich Hugo die Adresse ausgesponnen, um damit angeben zu können, dass er Assi besucht,« meinte Knoth. »Als wir dann mitfahren wollten, musste er irgendwie nach Berlin, um den Schein zu wahren. Da hat er sich bei Christina angemeldet und uns hat er hier auflaufen lassen.«
Wie dem auch war, es war Abend und wir standen allein in einer fremden Grossstadt vor einem verriegelten Totenfeld und hatten keine Übernachtung. Es war Juni und somit lange hell. Sonderlich kalt war es auch nicht. Ich musste sowieso im Rollstuhl schlafen. Eigentlich sah ich kein ernstzunehmendes Problem. Affe und Knoth wollten aber doch lieber irgendeine Übernachtung. So zogen wir einfach los Richtung Alex. Der Fernsehturm schien ziemlich nah.
Aber dann war es doch ein längerer Weg. Am Alex sah alles genauso aus wie im Geographiebuch, auf den Postkarten und im DDR-Fernsehen. Affe krächzte wie Frank Zander im »Ururenkel von Frankenstein«: »Meine Batterie ist alle.« Tatsächlich kroch sein E-Rolli nur noch über den Asphalt. Wir brauchten dringend eine Steckdose – möglichst für eine ganze Nacht, denn der Karren sollte ja wieder voll geladen sein, damit wir morgen durch Berlin ziehen konnten. Nach längerem und immer langsamer werdendem Suchen fanden wir endlich Platz in der Tutti Frutti Bar. Wir konnten den Kellner sogar überzeugen, dem Stecker von Affes Aufladegerät einen Platz in der Verteilerdose der Kühltruhe zu gewähren. Tutti Frutti Bar das hörte sich nicht schlecht an. Eine Bar hatte garantiert lange auf. Verbrachten wir die Nacht eben hier. Sicher liessen sich hier interessante Menschen kennenlernen. Wenn wir zwei/drei Whisky gekonnt über die Stunden verteilten, überforderte das unser Geld nicht und rausgeschmissen konnten wir auch nicht werden.
Nach einer Stunde meinte der Kellner, er müsste von uns Stromgeld verlangen, wenn wir so lange blieben. Selbstverständlich waren wir bereit, die zwölf Pfennige pro Stunde zu zahlen. Wenig später meinte er, wir müssten das Aufladen des Rollstuhls jetzt beenden, weil nun immer mehr Gäste kämen, die womöglich noch über das Kabel stolpern würden. Der Himmel war noch nicht einmal richtig dunkel und wir mussten uns nach einer neuen Bleibe umsehen.
Affes E-Rollstuhl hatte wieder Kraft. Er schoss uns davon. Knoth stöhnte: »Ich kann kaum noch krauchen.« Knoth war unser wichtigster Mann. Wir mussten ein Hotelzimmer nehmen. Quer überm Platz stand ein Wolkenkratzer. Hotel Stadt Berlin stand in Leuchtschrift dran. Wir hielten drauf zu. Am Eingang war ein roter Teppich ausgelegt und ein Spalier dunkel gekleideter Herren stand zu beiden Seiten aufgereiht. Ganz wie im Film. Gleich würde eine fette Karosse vorfahren und irgend ein fetter Bonze würde aussteigen.
Doch statt der Limuosine sahen Knoth und ich Affe auf den roten Teppich zufahren und den Weg Richtung Eingang nehmen. Das Spalier dunkel gekleideter Herren geriet in Bewegung. Einer wollte das Gefährt mit dem langhaarigen Wilden drin und den vielen Beuteln hinten dran einfach stoppen, indem er es an einem Schiebegriff packte und anzuhalten versuchte. Er machte eine sehr unwürdige Figur, weil er vom Rollstuhl einfach mitgezogen wurde. Zwei seiner Kollegen kamen ihm zu Hilfe. Affe war jetzt zum Stehen gebracht. Er gab allerdings weiterhin Vollgas. Seine starken Vorderräder drehten auf dem roten Teppich durch und riffelten ihn auf.
Das Spalier in Unordnung und der rote Teppich in Wellen verzogen unter dem Rollstuhl eines Langhaarigen, der mitten im Eingang stand! Der bulgarische Minister für Schwerindustrie musste an den Hintereingang umgeleitet werden. Am Haupteingang gab es ein handfestes Sicherheitsproblem. Die Typen vom Spalier verschwanden mit Affe im Hotel.
»Wir müssen ihm helfen«, sagte ich zu Knoth. »Ich geh da nicht rein«, antwortete er. Nach einer viertel Stunde kam Affe wieder heraus. »Zimmer kriegen wir hier nicht«, meinte er. »RGW-Tagung – alles belegt von hohen Tieren.« Es begann zu regnen.
Gegen elf trafen wir im Interhotel Berolina auf der Karl-Marx-Allee ein. »Tut mir leid«, sagte die Rezeptionsdame. »RGW-Tagung – alles belegt.« »Ich kann keinen Schritt mehr laufen«, sagte Knoth. Und Affe krächzte schon wieder: »Meine Batterie ist alle.« Ich sah mich im Hotelfoyer um: Es gab Tische und eine Bar. Eine Steckdose liess sich sicher auch finden.
Der Barkeeper sah nicht gerade erfreut aus, als wir uns einem Tisch näherten, an dem noch zwei Plätze frei waren. Als Knoth dann mit dem Kabel von Affes Aufladegerät unter den Tisch kroch, um eine Steckdose zu finden, schritt er ein. Wir schilderten ihm unsere missliche Lage. Er setzte ein genervt-verständnisvolles Gesicht auf und schloss uns drei Türen auf. Hier gab es auf einem zugigen Gang mit Betonfussboden eine Steckdose, an die sich Affe hängen konnte. Wir sollten die Nacht, nassgeregnet wie wir waren, in der Zugluft verbringen. Knoth sollte auf dem Beton liegen. Da holten wir uns ja den Tod.
Der Barkeeper und die Rezeption berieten sich. Schließlich wurden wir in die Garderobe umgeleitet. Affes Rollstuhl konnte Strom tanken. Affe und Knoth konnten sich auf einer Eckbank gegenüber der Kleiderausgabe ausstrecken und auch ich konnte entspannen. Es war warm und hell. Die Garderobiere, die keine drei Meter von uns entfernt hinter ihrem Tresen sass, warf immer einmal einen irritierten Blick auf uns. Auch die internationalen Gäste, die ab und an einen Mantel oder eine Tasche abholten, wussten uns nicht einzuordnen.
Irgendwann nach Mitternacht erschien die Rezeptionsdame bei uns. Sie bot uns ein Zimmer an. Knoth schnarchte schon. Wir mussten noch einmal umziehen – zu dritt in ein Doppelzimmer. Als wir anderntags unsere Übernachtung und unser Frühstück im Interhotel bezahlt hatten, war der wesentliche Teil unserer Barschaft dahin. Noch eine Nacht mit Bar, Hotel und Frühstück war nicht drin.
So verliessen wir Berlin und fuhren zu Christina nach Falkensee. Falkensee war ein verschlafenes Nest im Schatten der Mauer, gegen das Arnstadt eine pulsierende Metropole war. Doch es war Sommer; und es gab einen Badesee, einen Imbiss, eine Disco und Christina – und ich musste tatsächlich kein einziges Mal scheissen.
Zwei Jahre später gründeten wir in Hartroda, einem winzigen Dorf im ostthüringer Uranbergbaugebiet, eine Wohngemeinschaft. Es war eine Art soziale Symbiose. Wir Behinderten wollten nicht im sozialen Abseits verkommen – ob nun wohlbehütet bei den Eltern oder verwahrt im Heim. Und die Nichtbehinderten, die es nach Hartroda zog, suchten eine Nische jenseits der Tagesstrukturierung von acht Stunden Arbeit, acht Stunden Freizeit und acht Stunden Schlaf. Alternative, Spinner, Künstler und Punks waren bei uns einfach deutlicher vor Strafverfolgung wegen Asozialität und krimineller Gefährdung geschützt als unter den üblichen Gegebenheiten der DDR.
Hartroda – das war finsterste Provinz. Keine befestigte Strasse führte hin, keine Bahn- oder Buslinie. Es gab keine Kneipe, keinen Laden. Am Südhorizont baute sich der europagrösste Uranförderschacht Drosen-Schmirchau mit Türmen, Bahndämmen und riesigen Tafelberghalden auf. Und im Norden dehnte sich baumlos die Agrarsteppe der LPG. Trotzdem war unsere kleine Gruppe bald über die behindertenpolitischen Dinge hinaus interessant. Es kamen Leute aus Gera, Jena, Erfurt, Halle, Leipzig und Berlin zu uns. Es war eine Nische entstanden, in der anders gelebt werden konnte, als gefordert und vorgegeben. Es gab Sommerfeste, Umwelt- und Friedensseminare, Konzerte, Lesungen, Theater, Abhängen, freie Liebe und andere Exzesse. So jedenfalls die Legenden. So manche Berliner bildeten sich etwas darauf ein, auf einer unserer Feten (Partys wurde es damals noch nicht genannt) gewesen zu sein, selbst wenn es ein Juniwochenende mit Dauerregen, besoffenen Musikern und Wodka mit Faustan war.
Ich kam immer öfter nach Berlin, weil ich in Hartroda Berliner kennenlernte. Ich übernachtete bei ihnen. Meist wohnten sie in Hinterhöfen und nicht im Erdgeschoss. so musste ich mich darin üben, Leute anzusprechen und sie zu bitten, mich Treppen hochzutragen, bzw. meine Begleiter auf die Strasse zu schicken, um sie Leute ansprechen zu lassen. Ich bewegte mich also immer geschickter in Mitte, Friedrichshain und Prenzlauer Berg; genaugenommen liess ich mich natürlich bewegen.
Ich war kein Provinzler mehr. Ich wusste, dass man ins Wiener Café ging oder ins Café Mosaik. Wenn dort gegen Mitternacht Schluss war, konnte man sich mit etwas Glück irgendeiner Gruppe von Gästen anschliessen, die sich spontan dazu entschlossen, in irgendeiner Wohnung weiterzufeiern. Das waren die berühmten Prenzl Berg Nächte, wo Wildfremde und Bekannte miteinander bis in die Morgen hinein dabei waren, zu trinken, Lyrik zu lesen, zu musizieren und gegebenenfalls körpereigene Flüssigkeiten zu vermischen. So jedenfalls die Legenden. Oder man fuhr weiter ins Café Nord. Dort gabs Disco bis nach vier. Ein paar Kilometer stadteinwärts bekam man dann unter der Hochbahn bei Konopke schon einen Pott Kaffee und eine Currywurst. Wer immer noch nicht genug hatte, konnte in einer Kaschemme Ecke Kastanienallee/Oderberger Strasse ab acht mit Weinbrand und Mokka weitermachen. Es war ein schmaler Steg durch die Nacht, aber man konnte in Berlin durchmachen, so richtig mit Dancing und allem Pipapo. Und man konnte in Lokalen sitzen, in denen Nickelbebrillte und Bunthaarige über Theater und Literatur redeten oder Schwule sich inszenierten. Es hatte etwas weltläufiges.
Edi, ein Bekannter, der ein derartiges Lebensgefühl besonders nötig zu haben schien, war mit mir gelegentlich unterwegs. Wenn er mich dann in der Schlange vorm Franzclub darauf aufmerksam machte, dass drei Meter weiter Tamara Danz stehe, begann ich mit Vorliebe laut zu thüringeln und ihn nach Bockwurst, Bier und Fussballergebnissen zu fragen. Ich fand das lustig. Edi hielt es auf Dauer davon ab, mit mir auszugehen.
Letztlich blieb ich also doch ein Provinzler, vor allem, wenn ich mit meinesgleichen unterwegs war. Frank, der Mann meiner Cousine, hatte einen Ausreiseantrag und war deshalb ohne Arbeit. Er hatte Zeit und Lust, mit mir ins sommerliche Berlin zu fahren. Ich besuchte mit ihm eine Dichterin in der Grünbergstrasse. Wir hatten viel zu reden. Dann war es schon neun und sie musste ganz dringend zu einem Treff mit Uwe Kolbe. Wir hatten den ganzen Tag nur geredet und Tee getrunken und deshalb nun einen Mordshunger. Die Dichterin konnte uns nicht sagen, wo man in der Nähe ordentlich etwas zu essen bekam. »Ordentlich«, wiederholte sie nur mit leisem Vorwurf.
Ich hatte schon ein paar mal im Hotel Adria in der Chausseestrasse gegessen. Es kostete dort etwas mehr, so zwischen acht und zehn Mark, und schmeckte grossartig. Meine Berliner Freunde wären da nie hingegangen. Es war einfach nur gediegen. Wenn man überhaupt wegen Essen irgendwohin ging, dann musste es dort Nasi Goreng oder Krusta geben. Roulade und Steak standen ausser jeder Diskussion. Ausserdem ging man wegen der Leute, die man dort treffen konnte, in die einschlägigen Lokale, nicht wegen des Konsums. Im Adria stiegen Leute wie unsere Eltern ab. Die interessierten nicht. Aber darauf mussten Frank und ich glücklicherweise nicht achten, weil uns keiner der arroganten Szenehauptstädter am Arsch hing.
Wir nahmen die Strassenbahn bis Invalidenstrasse/Chausseestrasse. Es war zwanzig vor zehn. »Hoffentlich kriegen wir noch was. Die meisten haben doch um zehn Küchenschluss.« Frank rannte mit mir los. Ich war immer nur aus Richtung Friedrichstrasse zum Adria gekommen. Jetzt konnte ich mir den Weg nur zusammenreimen. Die Gegend war mir ziemlich fremd. Die Zeit drängte. Wir nahmen die Strasse, um beim Rennen nicht von den Bordsteinkanten aufgehalten zu werden. Es fuhr eh kaum ein Auto. Überhaupt wirkte die Ecke wie ausgestoben. Ich hatte das Hotel in belebterer Lage in Erinnerung. Ab und an stand ein Bulle im Licht einer Peitschenlampe und sah uns irritiert nach. Frank keuchte hinter mir. Meine Haare flogen im Wind.
»Ich weiss nicht, wo wir sind«, sagte ich zu Frank. »Ausserdem – warum hat der Bauzaun da vorn so ein riesiges DDR-Emblem?« »Scheisse!«, Frank bremste scharf. »Das ist ein Grenzübergang.« Wir waren also in Hochgeschwindigkeit auf den Grenzübergang Invalidenstrasse zugerast. Frank meinte: »Morgen hätte in der Bildzeitung getanden 'Ausreiseantragsteller versuchte mit Rollstuhlfahrer Grenzübergang zu durchbrechen – beide tot.'«
Wir machten uns in die Gegenrichtung davon. Das Adria hatte Küchenschluss. Gegen elf kamen wir am Interhotel Unter den Linden vorbei. Unser Hunger hatte mittlerweile Nachkriegsdimensionen angenommen. Wir gingen ins Interhotel. Uns war egal, was es kosten würde. Die kleine hauseigene Grillbar war leer. »Gerade haben wir Küchenschluss«, sagte der Kellner und zögerte. »Setzen sie sich mal. Wenn Sie schnell bestellen, kriegen Sie noch was.« Entweder hatte er ein gutes Herz und wollte uns nicht halbverhungert weiter durch die Nacht taumeln lassen oder er hatte zum Küchenschluss einen Trugschluss und dachte, wir wären Kreuzberger, die ihren Zwangsumtausch loswerden wollten und würden seine Gefälligkeit hoch honorieren, womöglich sogar in West. Wir bestellten zwei grosse Cola, zwei Ragout fine und zwei Rumpsteaks.
Kaum hatte uns der Kellner die Getränke hingestellt und war in die Küche entschwunden, hielten wir die weltmännische Geste nicht mehr durch und rechneten anhand der Karte zusammen, was es kosten würde. 54,20 Mark. Ganz schön happig. »Einmal kann man sich das schon leisten«, sagte ich. »Mist!«, sagte Frank. Dann lachte er. Wir hatten aus Angst, sie zu verlieren, unsere Reisekasse in unserer Übernachtung gelassen und nur 50 Mark eingesteckt. Der Kellner war offen enttäuscht und gekränkt, als wir ihn mit unserer finanziellen Realität konfrontierten. Das Ragout fine wieder abbestellen, ging nicht. Es war schon im Ofen. Wir machten den Vorschlag, ihm das fehlende Geld anderntags vorbeizubringen. Nun wurde er laut: »Wir sind doch hier nicht auf dem Dorf. Steckt euch die vier Mark zwanzig an den Hut!«
Frank fand in seinem Ragout noch einen Manschettenknopf. Möglicherweise war er aus purem Gold. Er liess ihn aber lieber auf dem Tellerrand liegen. Auf jeden Fall war er 4,20 Mark wert.
Ein Jahr später waren wir im Westen. Die Familie meiner Cousine konnte nach Schwaben ausreisen. Und mir wurden als Rentner, der ich als Schwerstbeschädigter ja war, 60 Tage pro Jahr gewährt, die ich jenseits der Mauer verbringen durfte. Von Westberlin aus gesehen, war der schmale Steg durch die Ostberliner Nacht lächerlich; der Preis von 54,20 Mark für ein opulentes Mahl für zwei Personen in einem gehobenen Hotel auch. Von Hartroda aus gesehen war es nicht viel anders. Wenn Besucher da waren, konnte man auch hier mit relativ fremden Leuten eine Nacht durchquatschen, saufen und kam am Ende noch mit einer Schönen zum Liegen. Und mit 54,20 Mark war man in der Lage, Rostbrätel und Kartoffelsalat für zwanzig Leute zuzubereiten und eine Kiste Bier zu holen.
Um so öfter ich nach Berlin kam, um so lieber liess ich den Typen vom Dorf raushängen. Um so öfter ich im Westen war, um so lieber wurde mir der Osten. Das hatte sicher etwas mit Trotz und Stolz zu tun, in der Hauptsache aber damit, dass ich genau der war, der ich war: Ein Typ aus dem Osten, einer vom Dorf. Und ich sah keinen Grund, ein anderer sein zu wollen.
Nur die Berliner meinten, wir Provinzler wollten uns unbedingt hauptstädtisch orientieren. Nur die Westler dachten, der Osten wolle geschlossen westlich werden. Wenn ich z.B. in den legendären Bluesmessen Pfarrer Eppelmann predigen hörte, dann merkte ich, wie er es darauf anlegte, die Zuhörer nach jedem dritten Satz johlen zu lassen. Wie sehr wünschte ich mir, er würde etwas von Walther Schilling aus Braunsdorf im Thüringer Wald lernen, nur ein bisschen poetische Hermeneutik, eine Spur der Liebe Gottes in der Gesellschaftskritik. Und bei all dem für unsereinen überwältigenden Angebot des Nachtlebens in Westberlin kamen nicht einmal private Partys in Kreuzberg an die Verrücktheit, Lockerheit und gleichzeitig Verbindlichkeit und Nähe der Prenzl Berg Nächte oder Hartrodaer Feten heran.
Am Ende hat mich Berlin aber doch gekriegt. 1994 bin ich umgezogen – nach Neukölln. Die soziale Symbiose, auf deren Grundlage unsere WG funktionierte, war nach der Wende nicht mehr anwendbar. In Berlin gab und gibt es etwas, was in dieser optimalen Form in der gesamten Bundesrepublik kaum noch einmal zu finden ist: Persönliche Assistenz für Behinderte. Meine Krankheit ist fortschreitend. Seit der Zeit, als ich das erste Mal in Berlin war, sind 25 Jahre vergangen. Nun brauche ich rund um die Uhr Hilfe und werde nachts beatmet. Trotzdem wohne ich in einer eigenen Wohnung und nicht in irgendeiner Pflegeeinrichtung. Trotzdem besuche ich meine Schwestern in Mecklenburg und fahre zu Tagungen in Bayern. Ich kann selbst bestimmen, wer bei mir arbeitet. Ich mache die Dienstpläne und sage, was gemacht wird und wie´s gemacht wird. Meine Assistenten verdienen ihren Lebensunterhalt mit der Arbeit, die sie bei mir leisten. Das erspart mir das Gefühl, auf ihren guten Willen und ihr Entgegenkommen angewiesen zu sein. Diesbezüglich – finde ich – kann die Provinz noch viel von der Hauptstadt lernen.

Matthias Vernaldi, geboren 1959, Autor und Rentner, lebt in Berlin. – Veröffentlichungen: seit 1980 Artikel in der Kirchenpresse; 1987 »Paradiese« Radioessay im RIAS unter dem Pseudonym Jango Ganew; 1988 in der Anthologie »Nicht für die Schublade geschrieben«, Evangelische Verlagsanstalt Berlin; 1989 Text zum Fotoband von Monika Schulz-Fieguth »Vögel wollen fliegen, Bilder einer Wohngemeinschaft«, St. Benno Verlag Leipzig; 1991 in »Aufbruch im Warteland; Ostdeutsche soziale Bewegungen im Wandel«, Hrsg. Michael Hofmann, Palette Verlag Bamberg; 1992 in Siegfried Wilzopolski »Theater des Augenblicks, die Theaterarbeit Frank Castorfs«, TheaterArbeit Zentrum für Theaterdokumentation und -information Berlin; 1995 »Dezemberfahrt«, Roman, Palette Verlag Bamberg, 1996 in »Literatur vor Ort«, Arcon Verlag Berlin; seit 1995 gelegentliche Veröffentlichungen in »Horch&Guck«, der »taz«, »berlin konkret«, »ADrenalinspigel« und im »Forum Sexualaufklärung und Familienplanung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung«.

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