Heft 35/2001 | schauplätze | Seite 60 - 61

Hans-Joachim Föller

Der Verdrängungsakrobat

Die Launen des Gedächtnisses spielten Klaus-Dieter Kimmel in seinem Leben schon so manchen Streich. An guten Tagen kann es geschehen, daß der frühere Chef der DDR-Zeitung »Deutsches Sportecho« ganze »Ergebnis-Tabellen von lange zurückliegenden Fußballspielen runterbetet«, berichten Kollegen ehrfürchtig, an schlechten Tagen, bei denen es sich oft um seine langjährige inoffizielle Stasi-Tätigkeit dreht, ist der für die neuen Länder verantwortliche stellvertretende Chef-Redakteur der »Bild«-Zeitung alias IM »Fuchs« alias IM »Martin Meinel« jedoch auf die Hilfe von Zeitzeugen angewiesen.
So war es auch Ende April. Kimmel wurde wieder mal von einen dieser Schübe temporärer Amnesie heimgesucht. Offenbar hatte er davon erfahren, daß einige Journalisten bei Recherchen zu seiner Vergangenheit Kontakt zu einem seiner ehemaligen Opfer aufgenommen hatten.
Glücklicherweise fiel Kimmel genau in diesen Tagen der Name des Mannes ein, über den er Mitte der 70er Jahre dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) berichtet hatte. Dabei handelt es sich um den ehemaligen Ost-Berliner Korrespondenten der Rheinischen Post, Klaus Heinemann. Kimmel suchte ihn in Düsseldorf auf und legte ein volles Geständnis seiner Erinnerungsprobleme ab. »Meine Frage, warum er auch zehn Jahre nach der Wende geschwiegen hat, konnte er mir nicht beantworten«, sagt Heinemann. Das sei alles weg gewesen, habe Kimmel gesagt. Der Süddeutschen Zeitung hatte der stellvertretende Bild-Chef mitgeteilt, daß er seine »Verdrängungspraxis erschreckend« findet. Heinemann glaubt davon kein Wort: »Wie kann das sein? Sie sind doch gezielt auf mich angesetzt und trainiert worden«, fragte er seinen einstigen Duz-Freund, der als »Fuchs« 1974 präzise über den Pfeife rauchenden, Whisky trinkenden West-Journalisten und dessen politische Einstellung berichtet hatte. Von seinem Führungsoffizier erhielt »Fuchs« den Auftrag, besonders darauf achten, was Heinemann über »aktuelle politische Probleme und Ereignisse äußert, welche Beziehungen er zu anderen DDR-Bürgern unterhält«, insbesondere zur ostdeutschen Verwandtschaft des West-Korrespondenten. Auch für den Fall, daß Heinemann ihn der Zusammenarbeit mit dem MfS verdächtigen sollte, erhielt IM »Fuchs« genaue Anweisungen, die er laut Aktenlage »dankbar« annahm. Heinemann vermutete damals jedenfalls nicht, daß es sich bei Kimmel um einen IM handeln könnte, zumal dieser »keinen Hehl daraus machte, daß ihm vieles in der DDR stinkt«, sagt der Redakteur der Rheinischen Post heute. Einmal habe Heinemann ihn sogar gefragt, ob er während seiner Tiraden keine Angst habe durch Wanzen abhört zu werden. Kimmel habe geantwortet, er könne ganz beruhigt sein, er habe die Wohnung selbst renoviert, es seien keine Wanzen da. Das MfS informierte »Fuchs« unter anderem über Heinemanns Cousine und ihre zwei Söhne und daß man als »Journalist natürlich« über die Familie an »gewisse vertrauliche Materialien herankommt«. Das hatte Folgen. Heinemann: »Die Verwandten wurden im Beruf kaltgestellt.« Der Schlußfolgerung, daß zwischen der Berichterstattung von »Fuchs« und den beruflichen Schwierigkeiten sehr wahrscheinlich ein Zusammenhang besteht, habe auch Kimmel in dem Gespräch zugestimmt. Mit Tränen in den Augen habe der stellvertretende »Bild«-Chef ihn gefragt, wie er das wieder gutmachen könne – und damit indirekt eingeräumt, was er gegenüber seinem Arbeitgeber bestritten hat. Dem Springer-Verlag hatte Kimmel in einer Ehrenerklärung versichert, »daß er während seiner früheren Stasi-Tätigkeit nie Informationen über Personen gegeben habe, die diesen Schaden zugefügt haben«, wie der Springer-Verlag mitteilt.
Ein weiterer Fall, bei dem Kimmel einem seiner Opfer geschadet oder negative Folgen zumindest billigend in Kauf genommen hat, ereignete sich Mitte der 70er Jahre. Damals informierte »Fuchs« die Stasi über einen DDR-Redakteur, der für die »Bild«-Zeitung einen Artikel über die DDR-Fußball-Nationalmannschaft geschrieben und dafür 300 oder 400 Westmark erhalten habe. Später bearbeitet die Erfurter MfS-Bezirksverwaltung diesen Fall, der dem sporadischen »Bild«-Journalisten normalerweise seinen Job gekostet oder eine Anklage mit langjähriger Haftstrafe eingebracht haben dürfte.
Zwar vermeidet es Kimmel nach einer Stasi-Beurteilung »Personen aus seinem Kollegen-, Sportler und Umgangskreis zu belasten«, doch gilt dies für andere Menschen nicht. Das MfS hält fest: »´Fuchs´ ist uneingeschränkt bereit, Personen zu bearbeiten, die eine feindliche Haltung zur DDR haben und aus dem kapitalistischen Ausland sind, einschließlich Westberlin und BRD, das hat er in der Praxis unter Beweis gestellt.« So verrät der IM, der über den Realsozialismus selbst oft schimpft, mehrere DDR-Bürger, die sich gegenüber westdeutschen Medien negativ zur Lage im Land geäußert haben. Folge: Das MfS leitet Maßnahmen zur Identifizierung der Personen ein, die sich nach dem DDR-Strafgesetzbuch der staatsfeindlichen Nachrichtenübermittlung schuldig gemacht haben. Dafür konnten mehrjährige Haftstrafen verhängt werden.
Daneben lieferte Kimmel wertvolle Informationen zur Einschätzung der ausländischen Journalisten-Szene in Ost-Berlin, unter anderem über den »Bild«-Kolumnisten Lothar Loewe, damals ARD-Korrespondent in der DDR, und über Hintergrundgespräche, die der ständige Vertreter der Bundesrepublik Günter Gaus mit westdeutschen Korrespondeten geführt hat.
Die Zusammenarbeit des SED-Genossen Kimmel mit der Stasi endet vorübergehend laut Schlußbericht des MfS, weil dieser seine Dienste »als lästig betrachtet und seine beruflichen Aufgaben in den Vordergrund stellt«. Das MfS , das bei seinem Mitarbeiter mangelnde politische Zuverlässigkeit feststellt, leitet den Abbruch der IM-Tätigkeit ein. Kimmel wird 1977 entpflichet.
Elf Jahre später, 1988, heuert Kimmel erneut als Kämpfer an der unsichtbaren Front an. Nach den Akten der Gauck-Behörde führte ihn die für Medien und Kultur zuständige MfS-Abteilung XX bis zur Wende. Aus dieser Zeit sind allerdings nur die handschriftliche Verpflichtungserklärung und die Karteikarten erhalten, jedoch keine Berichte. Bei zahlreichen IM, die bis zum Untergang der DDR aktiv waren, sind die Akten teilweise oder vollständig von der Stasi vernichtet worden.
Seinem heutigen Arbeitgeber hat Kimmel versichert, »daß er diese Verpflichtung bereits nach wenigen Wochen wieder rückgängig gemacht habe«, wie es in einer Pressemitteilung des Springer-Verlages heißt. Laut Expertenurteil aus der Gauck-Behörde ist das falsch: »Die entsprechenden Eintragungen in der Akte fehlen, weder gibt es dort wie im MfS vorgeschrieben einen schriftlich festgehaltenen Beschluß zur Archivierung noch über den Abbruch der Mitarbeit.« Ein Hinweis, daß die Verpflichtung schon nach wenigen Wochen wieder zurückgezogen wurde, »findet sich nicht«.
Die Tatsache, daß die Tendenz der »Bild«-Ausgaben der neuen Länder durch einen ehemaligen Stasi-Spitzel und SED-Propagandisten bestimmt wird, beschäftigt auch Opfer der SED-Diktatur. In einem gemeinsamen Brief, der unter anderem vom Bund Stalinistisch Verfolgter, der Vereinigung HELP und dem Bürgerkomitee Leipzig unterschrieben worden ist, protestierten die Unterzeichner beim Springer-Verlag unter anderem mit dem Hinweis, daß Kimmel Informationen von strafrechlicher Relevanz geliefert habe. Unternehmenssprecherin Edda Fels antwortete auf die Kritik, man habe sich die »Entscheidung«, Kimmel als stellvertretenden »Bild«-Chef einzustellen, »nicht leicht gemacht«.

Hans-Joachim Föller, geboren 1958, aufgewachsen in Hessen, Journalist und Sozialwissenschaftler, lebt in Meiningen

 

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