Heft 35/2001 | rezensionen | Seite 78 - 88

Sebastian Gerhardt

Solidarität als Geschichte

5 polnische Bücher mit Analysen und Quellenpublikationen über die NSZZ Solidarnosc

Als wir in der »Solidarnosc« waren, galt dort der Grundsatz der Verteidigung der Schwächsten. Heute geben die Erben unserer Gewerkschaft diesen Grundsatz zugunsten der Verteidigung der Besitzenden auf.
(Jacek Kuron und Karol Modzelewski, Gazeta Wyborcza, 27/28. Januar 2001)

Am 13. Dezember 2001 jährt sich zum 20. Mal die Einführung des Kriegsrechtes in Polen. Es wird Ausstellungen geben, Bücher, Artikel, Radio- und Fernsehsendungen. Kurz zuvor, am 23. September, sind Parlamentswahlen, welche die »postkommunistische« Sozialdemokratie mit Sicherheit gewinnen wird. Seit Monaten liegt sie in den Umfragen stabil über 45 Prozent. Die Hoffnungen der bürgerlichen Mitte ruhen auf einem Kandidaten, der vor 12 Jahren am Runden Tisch noch auf Seiten der »kommunistischen« Regierung gesessen hatte. Der politische Arm der heutigen Solidarnosc, die stramm rechte »AWS-Prawicy«, steht ebenso kurz vor dem parlamentarischen Aus wie ihr Widerpart im Solidarnosc-Lager, die liberale UW. Nur in der Erinnerung hat die Solidarnosc noch eine alle Polen umfassende Macht.
Was aber wird da erinnert, wie und vor allem – von wem? Als vor einem Jahr am 31.08.2000 der 20. Jahrestag des Gdansker Abkommens, der »Gründungsurkunde« der unabhängigen, selbstverwalteten Gewerkschaft Solidarnosc (NSZZ) gefeiert wurde, blieb die Begeisterung begrenzt. 2.000 Menschen kamen zu einer feierlichen Messe, die von 25 Bischöfen am historischen Denkmal in Gdansk zelebriert wurde. Vielleicht ebenso viele Warschauer versammelten sich auf dem Schlossplatz der Hauptstadt, wohin Historiker der Opposition mit einem »unpolitischen Schreiben« zu einem »Tag der Solidarnosc«, zu einem »Treffen ohne Teilungen« eingeladen hatten.1  Hier wie dort wurden Ausstellungen eröffnet und Reden gehalten. Doch auch die massenmediale Aufbereitung und offizielle Würdigung konnte die Gräben, welche die in der Politik verbliebenen Aktivisten voneinander und vor allem von ihren ehemaligen Kollegen und der großen Mehrheit der Bevölkerung trennen, nicht überbrücken.
Die 15 Monate der Solidarnosc charakterisierte eine breite öffentliche, soziale und politische Aktivität der arbeitenden Bevölkerung. Das Ende der legalen Solidarnosc im Dezember 1981 markierte die Wiederherstellung einer Ordnung, in der die Arbeitenden arbeiten, die Leiter leiten und die Politiker Macht ausüben. 1989, am Ende des »Kommunismus« in Polen, wurden die vielen Aktiven von 1980 nur noch von wenigen repräsentiert. Die Wirkung der Solidarnosc wandelte sich mehr und mehr ins Symbolische. Paradoxe Konsequenzen waren unausbleiblich: Ausgerechnet unter den Regierungen und dem Schutzschirm einer Gewerkschaft, die wie wenige andere Anfang der 80er Jahre für Solidarität, Gleichheit und Gerechtigkeit eingetreten war, wurde Anfang der 90er Jahre in kurzer Zeit eine brutale Verarmung insbesondere der polnischen Arbeiterklasse durchgesetzt. In Gdansk saß in der ersten Reihe der Ehrengäste die bekannte Gewerkschaftsfreundin Margaret Thatcher als frischgebackene Ehrenbürgerin der Hafenstadt.

Samoopisujaca sie rewolucja – eine sich selbst beschreibende Revolution2
Zu den Anfängen der Solidarnosc in Gdansk gehört die Erinnerung an die Dezemberstreiks von 1970, an die erschossenen Werftarbeiter und die Forderung nach einem Denkmal für sie. Die Verteidigung der »wirklichen« gegenüber der offiziellen Geschichte, der »Wahrheit« gegen die »Lüge« begleitete jeden Schritt der Gewerkschaft. Es ging nicht nur um die historische Bestätigung der eigenen Rechte und Ideale, sondern um die Herstellung eines öffentlichen Raumes. Es ging um das Recht auf eine eigene Sicht auf die Gesellschaft – und um seine Realisierung. Der Zugang des Streikkomitees zur Druckerei und zum Werksrundfunk der Leninwerft markiert den Schritt zu einer ebenso öffentlichen wie selbständigen Willensbildung außerhalb des Korsetts der offiziellen Institutionen. Das Mikrophon und das Tonband, die Verbreitung und Dokumentation mündlicher Auseinandersetzungen nahmen in dieser neuen, »proletarischen Öffentlichkeit« eine zentrale Rolle ein.3  Die Öffentlichkeit wurde als Schutz verstanden: durch das Wissen der anderen konnte der Einzelne ihrer Solidarität teilhaftig werden. Mit erstaunlicher Offenheit und Präzision machten die Beteiligten ihre Erlebnisse und Erfahrungen außenstehenden Berichterstattern zugänglich, seien es nun ausländische Journalisten oder polnische Soziologen. So brachte die »sich-selbst-beschreibende Revolution« eine ebenso dichte Überlieferung auf Seiten der Beteiligten wie auf Seiten der Beobachter hervor, wobei einige Beobachter – als Berater der Gewerkschaft zum Beispiel – sich durchaus auch beteiligt haben.
Die Durchsetzung des »Kriegsrechtes« nach dem 12.12.1981 beendete die Phase solcher demonstrativen Öffentlichkeit. Die illegalen Gewerkschaftsorganisationen hatten kein Interesse an der Dokumentation ihres Innenlebens.4  Regionale Solidarnosc–Archive wurden vernichtet.5  Es ging nunmehr darum, die Spuren einer einmaligen Erfahrung zu sichern und, wenn möglich, zu verarbeiten, den langen Sommer der Solidarität gegen die tägliche Ohnmachtserfahrung und die Verleumdungen der Staatsmacht zu verteidigen. Im Untergrund und im Ausland erschienen die ersten und als solche bis heute nicht überholten Gesamtdarstellungen von Jerzy Holzer und Timothy Garton Ash.6  Eine Reihe von soziologischen Forschungsarbeiten entstand, die teils in offiziellen – d.h. zensurierten – Organen, teils im unzensierten Manuskriptdruck, teils in der Untergrundpresse publiziert wurden. Im letzteren Fall erschienen die Arbeiten oft unter Pseudonym, oder eine Anmerkung der Redaktion war vorangestellt:  »Wir drucken die Arbeit ohne Wissen und Einverständnis des Autors.«
Noch während des Kriegsrechtes gründeten Journalisten und Historiker 1983 in Warschau im Untergrund eine Institution, die sich die Sammlung, Erschließung und Publikation von Quellenmaterial über die Solidarnoœæ zum Ziel setzte, das »Archiwum Solidarnosci«.7 Ohne formale Verbindung zu den Untergrundstrukturen der Solidarnosc gelang es den Aktivisten unter der Leitung von Andrzej Paczkowski8 , eine Vielzahl von Dokumenten und Berichten zu sammeln und einige auch zu veröffentlichen, sei es in den Zeitschriften des Untergrunds9  oder in einer eigenen Reihe des »Archiwum Solidarnoœci« in verschiedenen Untergrundverlagen.10  Dabei beschränkten sie sich nicht auf die Zeit bis zum Kriegsrecht, sondern schlossen die aktuelle Geschichte der Untergrundgewerkschaft mit ein. Bis 1990 erschienen in dieser Buchreihe 24 Bände, darunter bereits 5 Bücher mit den Tonbandprotokollen der Sitzungen der Krajowa Komisja Porozumiewawcza (KKP), des Leitungsgremiums der Solidarnosc.11  Andere Bände behandelten die Regionalgeschichte der Solidarnoœæ oder zentrale Konflikte zwischen Gewerkschaft und Staatsmacht. Dabei lag aber immer wieder die »innere Seite« der Staatsmacht außerhalb des darstellbaren Bereiches, da hierfür die Quellen fehlten. Nur Risse im Machtblock ließen zuweilen Informationen nach außen dringen.

Herrschaftswissen: Perspektiven der Macht in Ost und West
1986 konnte Grazyna Pomian in Paris Dokumente des Parteiapparates veröffentlichen.12 1987 erschien in der Pariser »Kultura« ein 53-seitiges Interview mit dem langjährigen Informator des CIA und polnischen Obersten Ryszard Kuklinski.13  Jedoch erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks begannen die Quellen reicher zu fließen, sei es in Gestalt der Erinnerungen von führenden Funktionären,14  sei es in Gestalt von Dokumentenfunden und Editionen. So legte der Exilverlag Aneks 1992 eine umfangreiche Dokumentation von Protokollen des Politbüros der PZPR aus den Jahren 1980/81 vor.15  Damit wurde nun eine nähere Aufklärung der Motive und Diskussionen der Parteiführung möglich, z.B. anhand der ökonomische Zwänge, in denen sie sich im Sommer 1980 sah. Diese Zwänge führten u.a. zu einem Beschluß über Massenentlassungen im vergesellschafteten Sektor.16  Allerdings setzt die Dokumentation erst mit dem Juni 1980 ein und ist vielfach unvollständig.
Dennoch werden die Veröffentlichungen von Aneks allgemein verwendet und sind das bis heute beste zugängliche Material. Sie stützen sich auf »Kopien der Dokumente, die sich in privaten Sammlungen befinden«. Dies ist leicht erklärlich. Nirgendwo gibt es einen vergleichbar offenen Zugang zur Hinterlassenschaft der Politbürokraten und ihrer Dienste wie in Deutschland. Anders als in der DDR, wo die Machtfrage schließlich durch den Import einer fertigen Staatsmacht geklärt wurde, waren die Erbauer einer neuen, marktwirtschaftlichen Ordnung in Osteuropa auf die Umfunktionierung der vorhandenen, sozialistischen Staatsmacht angewiesen, da ein anderer Gewaltapparat nicht zur Verfügung stand. Nicht nur zur Verhinderung möglichen gewaltsamen Widerstands der alten Machteliten waren gute Verbindungen zu den vorhandenen Staatsorganen und ihren Organisatoren unabdingbar. Der Machtapparat wurde gebraucht, um den unausbleiblichen gesellschaftlichen Widerstand gegen die horrenden Unkosten des »Schocks ohne Therapie«, der Preisfreigabe und Privatisierung zu neutralisieren. Schließlich erwiesen sich Kontakte zur Macht auch als hilfreich bei der eigenen Durchsetzung in der Konkurrenz der neuen Eliten. Solche Abhängigkeit wurde selbstverständlich auch von den alten Funktionären genutzt. Statt zu einer pauschalen Abrechnung mit dem alten Regime kam es daher zum politischen Streit um die Opportunität dieser oder jener Art des Umgangs mit ihnen. In Polen gewann dieser Streit seine besondere, auch persönliche Schärfe aus der Tatsache, daß die Opposition nun mit den Protagonisten des Kriegszustandes zusammenarbeiten musste. Die Auseinandersetzung begann bereits 1989 mit der Kritik am Runden Tisch, sie setzte sich fort mit Adam Michniks Artikel »Euer Präsident – unser Premier« vom 3. Juli ´89 und dem »Krieg an der Spitze« des Jahres 1990, sie prägte Triumph und Zerfall des Solidarnosc-Lagers in den frühen 90er Jahren.
Sie prägte auch die Geschichtsschreibung. Dabei gehörte die Säuberung der Archive zu den beiläufig erledigten Hausaufgaben der Funktionäre in der Übergangsperiode vom Sozialismus zum Kapitalismus. So wurden Ende 1989 die stenographischen Protokolle der Sitzungen des Politbüros der PZPR aus den 80ern vernichtet.17  Ein prinzipielle Öffnung der Archive erfolgte weder nach den Präsidentschaftswahlen Ende 1990 noch nach den Parlamentswahlen vom Oktober 1991. Wie alle gewöhnlichen Akten staatlicher Institutionen unterliegen z.B. auch die Überlieferungen des Verteidigungsministeriums einer dreißigjährigen Sperrfrist und sind im wesentlichen nicht zugänglich.18  Ende 1991 bildete der Sejm eine Komisja Odpowiedzialnoœci Konstytucyjnej, welche die Fragen der Verfassungsmäßigkeit der Einführung der Kriegszustandes und der Verantwortlichkeit der beteiligten Personen prüfen sollte. Dahinter stand die Absicht der polnischen Rechten, die 40 Jahre Volkspolens als Ära einer verbrecherischen sowjetischen Fremdherrschaft aus der nationalen Tradition auszugrenzen. Die Kommission arbeitete bis 1996, wobei sicher auch die  neuen Mehrheitsverhältnissen – die »postkommunistische« SLD hatte am 19. September 1993 die Wahlen gewonnen  – nicht ohne Einfluß auf den Verlauf ihrer Arbeit und das Ergebnis blieben.
Zu einer Vielzahl von Fragen standen der Kommission hinreichende Aktenbestände nicht zur Verfügung. Insbesondere gilt dies, wie gesagt, für die Überlieferung des Militärs, so für die Entscheidungsfindung der entscheidenden Komisja Obrony Kraju (Nationaler Verteidigungsrat), für die Diskussion der Parteiführung sowie für die Beziehungen der polnischen Staats- und Parteiführung zur Sowjetunion.19 Ausgehend von der vollständigeren Überlieferung des Innenministeriums, den umfangreichen Befragungen von Beteiligten und schriftlichen Erinnerungen wichtiger Funktionäre war jedoch eine Rekonstruktion der Planungen und Handlungen des Sicherheitsapparates und entscheidender Schritte der Staatsführung möglich.20  Zur Frage des äußeren Einflusses stützte sich die Kommission vor allem auf verschiedene Aktenbestände postsowjetischer und DDR-deutscher Herkunft.21 Letztere, vom Forschungsverbund SED-Staat anhand der offenen Archive erarbeitet, gestatten einen weitgehenden Überblick über die Haltung, den Informationsstand und die Vorhaben der SED-Führung bezüglich der polnischen Krise und ermöglichen darüber hinaus einen Einblick in die Meinungsbildung im Warschauer Vertrag.22 Dagegen handelt es sich bei den postsowjetischen Aktenbeständen um ausgewählte Bestände, die keinen Rückschluß auf die Gesamtheit der vorhandenen Akten zulassen, sondern deutliche Lücken aufweisen. In diesem Zusammenhang wurde 1994 auch die Authentizität einer »Bitte der polnischen Führung um militärische Unterstützung«, die schon im Dezember 1981 im Politbüro der KPdSU bezweifelt wurde, in Frage gestellt.23
Die fachliche wie politische Kontroverse der Historiker vor der Kommission konzentrierte sich nicht zuletzt auf die Frage der Reformwilligkeit und -fähigkeit der »Macht« einerseits und der Solidarnosc andererseits.24 Für die politische Entscheidung über die rechtliche Beurteilung der Verantwortlichen blieb dies ohne Relevanz. Der Sejm beschloß Ende 1996, entsprechend dem Vorschlag der Kommission, die Verantwortlichen nicht vor dem Staatsgerichtshof anzuklagen. Damit hatte sich die Verteidigungsstrategie Wojciech Jaruzelskis durchgesetzt, der mit dem Hinweis auf eine seinerzeitige Gefahr eines Bürgerkrieges und einer äußeren Intervention durch den Warschauer Vertrag die Ausrufung des Kriegsrechtes als »kleineres Übel« in einer Situation »höherer Notwendigkeit« gerechtfertigt hatte. Eine Argumentation, die nach Meinungsumfragen von der Mehrheit der polnischen Bevölkerung geteilt wird.25  Auch die Rückkehr des verbliebenen Solidarnosc – Lagers in die Regierung im Jahre 1997 und die damit verbundenen geschichtspolitischen Entscheidungen (Gründung des Instytut Pamiêci Narodowej26) konnten daran nichts ändern.
Den internationalen Verwicklungen des polnischen Konfliktes und seiner Akteure entsprechend bedarf auch die historiographische Aufarbeitung der internationalen Kooperation. Federführend ist hierbei das National Security Archive (NSA) – keine staatliche Einrichtung!27- das 1992 ein langfristiges Vorhaben startete, das  »Openness in Russia and Eastern Europe Project«, welches die Sicherung, Analyse und Veröffentlichung historischer Quellen zur Nachkriegsgeschichte Osteuropas betreibt. Daneben besteht seit Ende 1991 das Cold War International History Project, das ein ausführliches Programm zur Erforschung des Kalten Krieges, u.a. anhand nunmehr zugänglicher Akten aus Osteuropa und deklassifizierter Akten der US-Administration betreibt.28  Das CWIHP arbeitet mit historischen Institutionen in den betreffenden Ländern zusammen. Polnischer Partner des Projektes ist das Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften.29  Beide Projekte – CWIHP und NSA – behandeln Europa als nur einen unter vielen Schauplätzen des Kalten Krieges. Deutlicher Ausdruck der sehr produktiven Kooperation dieser beiden Forschungsprojekte ist eine Reihe von Konferenzen, in denen Forscher und Zeitzeugen der gegensätzlichen Seiten zu erhellenden Auseinandersetzungen zusammengeführt werden konnten.
So fand im Rahmen dieses Programms im November 1997 bei Warschau eine Konferenz unter dem Titel »Poland 1980-1982: Internal Crisis, International Dimensions« statt, an der neben polnischen Beteiligten, Oppositionellen wie Zbigniew Bujak, Karol Modzelewski und Janusz Onyszkiewicz, sowie Staats- und Parteifunktionären wie Wojciech Jaruzelski, Stanislaw Kania und Mieczyslaw Rakowski auch internationale Mitspieler auftraten: u. a. der Marschall der Sowjetunion und damalige Chef der Vereinigten Streitkräfte des Warschauer Vertrages Viktor Kulikow und der Sowjetunionexperte US-Präsident Reagans, Richard Pipes. Ausgangspunkt war ein Dokumentenband des NSA, der sich u.a. auf ein polnisches Forschungsprojekt stützte.30 Das CWIHP hat über die Tagung berichtet (Bull.10) Inzwischen ist auch der Konferenzband erschienen.31  Im Zentrum der Konferenz stand die Frage nach dem Realitätsgehalt und den Konsequenzen der Drohung mit einer Intervention der Truppen des Warschauer Vertrages. Angesichts des Beispiels des Prager Frühlings spielte diese Gefahr von Anfang an eine entscheidende Rolle in der innerpolnischen Auseinandersetzung: sowohl für die Solidarnosc (was im Konzept der »sich-selbst-begrenzenden Revolution« seinen Ausdruck fand), als auch für die Leute der »Macht«, der Partei- und Staatsführung, die ja nicht zuletzt mit der Gefahr einer sowjetischen Intervention die Ausrufung des Kriegrechtes als patriotische Pflicht legitimieren. Gerade über diesen Punkt kam es zu deutlichen Kontroversen, da insbesondere ehemalige sowjetische Militärs jede Drohung mit einem Einmarsch verneinten.32
Ebenso wie der Beginn fand auch das Ende des »Jahrzehntes der Solidarnosc« (Hartmut Kühn) als weiterer »Brennpunkt des Kalten Krieges« großes Interesse. Im institutionellen Rahmen des Programms des NSA folgte u. a. im Oktober 1999 eine Konferenz «Poland, 1986-1989: The End of the System«.33 In anderem Zusammenhang organisierte die University of Michigan in Ann Arbor eine Konferenz mit ebenfalls prominenter Beteiligung zum Runden Tisch in Polen.34 
Weniger erforscht ist nach wie vor der politische Alltag des polnischen Konfliktes in den 80er Jahren. Einen eigentümlichen Beitrag zu diesem Thema leistete Peter Schweizer 1994 mit seinem Buch über »die geheime Strategie, die den Kollaps der Sowjetunion beschleunigte«.35 Darin geht er auch auf die Unterstützung der Solidarnosc ein. Seinerzeit lief bekanntlich die realsozialistische Propaganda auf Hochtouren, um der staunenden Bevölkerung die imperialistische Steuerung der Solidarnosc glaubhaft zu machen.36 Wie aber war es tatsächlich um die Beziehungen der Solidarnosc zum Westen bestellt? Auf die Öffnung der einschlägigen Aktenbestände wird man wohl noch lange warten müssen. Angesichts des Mangels an anderen Unterlagen ist es vielleicht sinnvoll, anhand eines heimlichen Klassikers zum Thema den derzeit möglichen Kenntnisstand kurz zu rekapitulieren, zumal eine sachliche Auseinandersetzung mit diesem Thema noch nicht recht begonnen hat. Dies scheint um so mehr geboten, da unter Bezugnahme auf dieses Buch neue alte Legenden verbreitet werden.37
Peter Schweizer ist ein glühender Verehrer des erfolgreichen Antikommunisten Ronald Reagan. Er stützt sich vor allem auf mündliche Mitteilungen seiner Helden, zuständiger Politiker der Reaganadministration. Sein zentraler Bezugspunkt ist die Meinungsbildung in der Umgebung des US-Präsidenten.38  Der Hauptheld, CIA-Chef William Casey, konnte von ihm allerdings nur noch posthum gewürdigt werden. Er starb 1988. Das Buch behandelt chronologisch den Zeitraum von Anfang 1981, der Bildung der ersten Reaganregierung, bis Ende 1986, den letzten glücklichen Tagen vor Beginn der Iran–Contra–Affäre. Neben Fragen des internationalen Wirtschaftskrieges (Ölpreis, Technologieexporte in den Ostblock), der Rüstungspolitik (SDI) und Afghanistan bilden die Entwicklungen in Polen eines der durchgängigen Themen.
Für die Aktivitäten der Vorgängerregierung Carter (bis Januar 81) zur Unterstützung der Solidarnosc hat Schweizer nur Verachtung übrig. Im Gegensatz zum Einsatz des AfL-CIO, der aus seinen Mitteln allein 1980 ca. 150.000 Dollar als materielle und finanzielle Unterstützung bereitgestellt hatte,39 war die Beihilfe durch die US-Regierung zu vernachlässigen.40 Noch vor Verhängung des Kriegsrechtes gab es Planungen für direkte Kontakte zur Solidarnosc, u.a. zum Zwecke der gegenseitigen Information. Schweizer  bezieht sich hierbei auf die Spionageergebnisse zu Polen, auch auf die Geschichte des Obersten Kuklinski.41 Solche direkten Kontakte sollten mit Hilfe des Mossad hergestellt werden, was jedoch erst im Jahre 1982 gelang.42 
Den Beginn der Planungen für finanzielle Unterstützung der Solidarnosc datiert Schweizer auf die Zeit nach Verhängung des Kriegsrechts, den Beginn der verdeckten Zahlungen auf März 1982.43  Daneben wurde auch technische Unterstützung geleistet.44  Zunächst wurden vor allem die Medien der Untergrundgewerkschaft gefördert, so der Untergrundverlag nowa und das Radio der Solidarnosc.45 Bis Ende 1982 gelang die gedeckte Einführung eines C3I – Systems46  für die Solidarnosc.47 Codierte Nachrichten wurden in das Programm der »Voice of America« eingefügt.48 Schweizer bezeichnet Zbigniew Bujak als den Verantwortlichen für die Verteilung insbesondere der ausländischen Unterstützung.49 Spätestens seit 1983 flossen jährlich einige Millionen Dollar in den polnischen Untergrund, der Höhepunkt wurde 1985 mit etwa 8 Millionen Dollar erreicht.50  Zur Finanzierung der Solidarnosc bediente sich die CIA weder des Vatikans51 noch der amerikanischen Gewerkschaften.52  Die in beiden Fällen durchaus vorhandene Zusammenarbeit bestand vielmehr vor allem im Austausch von Informationen. Zum direkten Nachschub diente ab 1983 der Weg von Schweden über die Ostsee zu den polnischen Häfen.53  Selektiv versorgte der CIA den polnischen Untergrund auch mit Informationen.54 Erfolge der polnischen Staatssicherheit, selbst die Verhaftung Bujaks am 5. Juni 1986 – nach 4 ½ Jahren im Untergrund –  konnten diese Verbindungen nicht mehr vollständig unterbrechen.55 Die kurz darauf erfolgende Amnestie (22.7.86) führt der Autor auf den erfolgreichen Wirtschaftskrieg gegen Polen zurück. Eher beiläufig, wenngleich nicht uninteressiert verweist Schweizer auf die Kooperation osteuropäischer, vor allem polnischer und tschechischer Oppositioneller,56 z. B. auf den gemeinsamen Brief zum 30. Jahrestag des Ungarischen Aufstands im Oktober 1986, der ebenfalls gesponsort wurde.57
Schweizer betont die entscheidende Bedeutung der ökonomischen Auseinandersetzung: durch den Wirtschaftskrieg und die qualitative Rüstung58  sollte die prinzipielle Überlegenheit der marktwirtschaftlichen Ordnung zum Tragen kommen, sollten die Kosten der Aufrechterhaltung des sozialistischen Lagers unerträglich werden. Die ökonomischen und sozialen Verhältnisse, an denen dieser Hebel angesetzt werden sollte, interessieren ihn nur als mehr oder weniger passender Ausgangspunkt für die Beeinflussung des Gegners. Damit bleibt jedoch die Entstehung und Gestaltung der betrachteten politischen Eliten in Ost und West unberücksichtigt.

Die Arbeiter und die Politik – Dokumente
Zudem waren diese Eliten nicht die einzigen politischen Akteure. In den 15 Monaten der Solidarnosc zum Beispiel wurde ihnen ihr Monopol auf politische Entscheidungen bestritten. Ohne eine Analyse der Bewegung, der Personen, die den herrschenden Politbürokraten in »ihr« Geschäft pfuschten, ihrer Motive und Handlungen, ist die Dynamik der Auseinandersetzung nicht zu verstehen. Diese Dynamik ergibt sich nicht aus den Machinationen von Geheimdiensten, Diplomaten und Militärs – auch wenn die Mehrheit der damaligen Akteure sich im Gegensatz zu diesen nicht wieder zu Wort gemeldet hat. Die Sicherung und Publikation der Dokumente ihres Aufbruches bilden auch unter den neuen marktwirtschaftlichen Bedingungen einen besonders schwierigen, aber unentbehrlichen ersten Schritt zur Analyse der Solidarnosc. 
Das Archiwum Solidarnosci legte in der ersten Hälfte der 90er Jahre nur wenige neue Bücher auf – zu den Streiks von 1988, zum Studentenstreik in Lodz ‘81 und zum Prozess gegen die Mörder des Priesters Jerzy Popieluszko. Nach dreijähriger Unterbrechung gelang ab 1995 die Publikation der noch fehlenden Protokolle der Sitzungen der KKP.59  Mit dem Wiedererwachen des öffentlichen Interesses an der Geschichte der Solidarnosc in der zweiten Hälfte der 90er Jahre ergab sich auch eine erneute Nachfrage nach Dokumentationen und Analysen zum Thema. Ein Ausgangspunkt waren dabei die Produktionen der »grauen Literatur« der 80er Jahre, von denen einige nun tatsächlich veröffentlicht werden konnten oder als Basis für neue Arbeiten dienten.60 
Zu den klassischen Arbeiten der 80er Jahre über die unabhängige Arbeiterbewegung in Polen zählen die Dokumentation von Andrzej Drzycimski und Tadeusz Skutnik »Zapis Wydarzen. Gdansk – Sierpien ‘80«61  aus dem Jahr 1986  und die von Beata Chmiel und Elzbieta Kaczynska herausgegebene Arbeit »Postulaty. Materialy do dziejów wystapien pracowniczych w latach 1970/71 i 1980 (Gdansk/Szczecin)«62  aus dem Jahre 1988. Die letztere Arbeit erschien 1988 als Manuskript in einer Auflage von 99 Exemplaren (d.h. poza cenzura – außerhalb der Zensur). Über die Dokumentation hinaus enthielt dieser Band in einem ersten Teil eine Reihe von Aufsätzen zum Thema (etwa 250 Seiten). Im Rahmen eines umfassenderen Forschungsprojektes63 der Polnischen Akademie der Wissenschaften konnte der zweite, dokumentarische Teil 1998 als Band 32 des Archiwum Solidarnosci publiziert werden – für die Veröffentlichung des analytischen Teils reichten die finanziellen Mittel nicht aus.64  Das Buch präsentiert im Hauptteil 56 Dokumente, drei weitere in Anhängen. Den Dokumenten sind ausführliche Anmerkungen beigegeben, in denen ortsübliche Abkürzungen und Wendungen erläutert werden.
Der Schwerpunkt der »Postulaty« liegt auf dem Zeitraum Dezember 1970 bis Februar 1971. Die Streikwelle des Dezembers 1970 war nach der Verkündung einer Preiserhöhung am 14. Dezember ausgebrochen. Die hier mitgeteilten Texte aus Szczecin setzen am 18.12. ein, mehrere Tage nach Beginn der Okkupationsstreiks in den großen Werften und einen Tag nach der Beendigung von Straßenunruhen durch Einsätze von Militär und Polizei, die allein hier zu mindestens 16 Todesopfern führten. An erster Stelle der dokumentierten Forderungen stehen daher das Ende des Einsatzes von Feuerwaffen und der Rückzug von Polizei und Militär.65  Die Freilassung der verhafteten Kollegen und die Bestrafung der Verantwortlichen werden ebenso verlangt wie die Beendigung der einseitigen Berichterstattung in der Presse und ein ungehinderter Zugang zu den Werften, d.h. zu den Streikenden. Weiterhin  betonen viele Schreiben den organisierten Charakter des eigenen Auftretens und grenzen sich von gewalttätigen Ausschreitungen ab.  Viele betonen die sozialen, nicht-politischen Ziele der Streiks  – was selbst eine, teilweise zweifellos auch bewußte, politische Strategie darstellt. Sie kritisieren die Unfähigkeit der Gewerkschaften zur Verteidigung ihrer Interessen und stellen die Solidarität mit den anderen streikenden Belegschaften und ihren »berechtigten Forderungen« heraus. In einem zentralen Falle, den gemeinsamen Forderungen der Streikkomitees der Warski-Werft und der Gryf-Reparaturwerft vom 18.12.70 findet sich bereits die Aussage: »Wir fordern unabhängige Gewerkschaften, die der Arbeiterklasse unterstehen.« (Dok. 6, S.30).
Bereits beim ersten Lesen fällt die große Spannweite der Formen, Autoren und Adressaten der Texte auf. Es handelt sich um Erklärungen im Namen der Belegschaft,  in denen deren Forderungen fixiert sind, um Mitteilungen und Beschlüsse von Streikkomitees oder um Protokolle von Versammlungen, auf denen solche Forderungen artikuliert wurden. Daneben gibt es Briefe an streikende Belegschaften oder Briefe von Belegschaften an die Direktion oder lokale Machtorgane. In vielen Fällen wurden die Dokumente namentlich unterzeichnet. In einem Fall hat sich die Direktion eines Betriebes selbst darangemacht, ihren übergeordneten Stellen die Forderungen der Belegschaft in einem offiziellen Schreiben zuzuleiten.
Der PZPR gelang es zunächst, durch die Ablösung W. Gomulkas und die Verkündung zusätzlicher Sozialmaßnahmen für arme Familien die Konfrontation zu entschärfen. Aber die Auseinandersetzungen um die Gewaltanwendung und die Preiserhöhungen führten rasch zu neuen Streiks. Am 16. Januar trat die Leninwerft in Gdansk wieder in den Streik, mit Forderungen aus diesem Streik beginnt die Dokumentation von Positionen aus dem Raum der »Dreistadt« Gdansk-Gdynia-Sopot (Texte von dort aus dem Dezember 1970 fehlen hingegen).
Am 22.01. trat auch die Warski-Werft in Szczecin wieder in Streik. Lokale Partei- und Verwaltungsorgane versuchten den Ausstand zu isolieren: in der Stadt wurden Flugblätter verteilt, welche den Streikenden eine Sabotage am Kurs der neuen Parteiführung vorwarfen. Auf diese Vorbereitung zur Niederschlagung des Streiks antwortet das einzige in der Sammlung enthaltene Flugblatt vom 23.01.71. Auf der Werft kommt es am 24.01. zur großen Debatte mit der Partei- und Regierungsdelegation unter Gierek.66 Im zweiten der drei Anhänge findet sich übrigens ein 5-seitiges Protokoll des Treffens der Partei- und Regierungsspitze unter Gierek mit Vertretern der Belegschaften in Gdansk am folgenden Tag. Den Abschluß der Dokumentation der Ereignisse der Jahreswende 70/71 bildet eine mehr als 50 Seiten lange Liste von 872 Forderungen der verschiedenen Abteilungen der Leninwerft aus dem Februar 1971 sowie das Protokoll einer Parteiversammlung einer Grundorganisation der Leninwerft aus dem gleichen Zeitraum.
Die Preiserhöhungen wurden erst im März 1971 angesichts unkontrollierbarer Streiks der Textilarbeiterinnen in Lodz zurückgenommen. Eine vergleichbare Dokumentation dieser Geschichte steht noch aus.
Auch im August 1980 gab es neben den relativ kurzen Forderungslisten einzelner Belegschaften und Abteilungen umfangreiche Zusammenfassungen der Forderungen der Abteilungen eines Betriebes sowie überarbeitete, teilweise vereinheitlichte Forderungskataloge, mit denen die Belegschaften Direktion und Staatsmacht gegenübertraten. Die im Band dokumentierten Forderungen zum Verhalten der Staatsmacht gegenüber den Streikenden sind kürzer und, angesichts der bitteren Erfahrungen von 1970 wie des geringeren Repressionsniveaus 1980, anders gefasst. Offensichtlich ist auch der Einfluß der organisierten Opposition, einerseits im Bezug auf die »bürgerlichen« Freiheiten und in der Forderung nach Freilassung der politischen Gefangenen (einer de facto Legalisierung der Opposition), andererseits in der Formulierung der zentralen Forderungen nach freien Gewerkschaften (Bezug auf die 1956 durch Polen ratifizierte Konvention 87 der ILO)67  und nach einem Teuerungsausgleich.68 Schließlich macht die Vielzahl von übereinstimmenden oder ähnlichen Forderungen deutlich, wie wenig sich in den Betrieben geändert hatte.

Die Dynamik der Entwicklung, die im August 1980 die Aktivisten von der Freien Gewerkschaft des Küstengebietes in das Zentrum der Entstehung einer unabhängigen und selbstverwalteten Gewerkschaft brachte, lässt sich an der Dokumentation von Drzycimski/Skutnik studieren. Sie bildete die Grundlage für einen weiteren Dokumentationsband (36) des Archiwum Solidarnosci.69  Der Band enthält in chronologischer Ordnung den Text von 338 Dokumenten aus dem August 1980, vom Streikaufruf der »Gründungskomitees der Freien Gewerkschaften« an die Arbeiter der Gdansker Werft vom 14. August 1980 bis zum Kalendarium des Streiks, das am 31.08.1980 im Bulletin der Streikenden erschien. Aufgenommen wurden ausschließlich Dokumente, die noch während des Auguststreiks von den Beteiligten wahrgenommen wurden und insofern direkt auf den Gang der Ereignisse »einwirken« konnten. Auch die Seite der »Macht«, Partei und Regierung, wird nicht anhand interner Schreiben, sondern auf der Grundlage ihrer Verlautbarungen in Presse, Funk und Fernsehen vorgestellt. Der Band enthält ein kurzes Vorwort der Redaktion, ein Abkürzungsverzeichnis, eine Liste der Dokumente und eine englischsprachige Zusammenfassung.
Der Band zeigt im Nebeneinander der Dokumente das Ineinandergreifen unterschiedlichster Bewegungen in der Streikwelle sowie ihre Ausbreitung und Veränderung als den zentralen  Prozess. So macht er mit der Wiedergabe der Forderungen verschiedener Belegschaften das Spektrum der Zielvorstellungen, gegenseitige Bezüge und Solidarisierungen deutlich. Besonderes Interesse verdient zweifellos die Dokumentation von Krisensituationen der Streikbewegung. Dazu zählen, um nur einige zu nennen, die Weiterführung des Streiks auf der Leninwerft nach dem 16.8.1980 trotz der beschlossenen Beendigung des Streiks durch das Streikkomitee unter Walesa und die Bildung des Überbetrieblichen Streikkomitees (MKS), die Durchsetzung des MKS als des alleinigen Verhandlungspartners der Regierung sowie die Verhandlungen selbst. So musste in Gdansk der Verzicht auf die ursprüngliche und gut verankerte Forderung nach einem Teuerungsausgleich (Dok. 2, S. 5) gegen die Forderung nach unabhängigen Gewerkschaften abgewogen werden. Kommentare und Berichte beider Seiten zum Fortgang der Verhandlungen bilden einen weiteren wichtigen Teil der Dokumentation. Die Regierung versuchte während dessen, die Gdansker Streiks vom Rest des Landes zu isolieren. An den ebenfalls wiedergegebenen Solidaritätserklärungen, Briefen, Geldsendungen und Nachrichten über Streikaktionen anderswo ist das Scheitern dieser Strategie zu erkennen. Immer wieder wird durch die Wiedergabe von Flugblättern beider Seiten, von Artikeln und offiziellen Positionen die politische, öffentliche Dimension der Auseinandersetzung deutlich. Es entsteht dabei nicht das Bild einer  Konfrontation zweier bestehender Lager, vielmehr wird die Bildung und Veränderung der Grenzlinien zwischen »Ihnen« und »uns«, zwischen der »Macht« und der »Gesellschaft« erkennbar.
Dokumentiert werden auch verschiedene Stellungnahmen zur Streikbewegung, Versuche, Unterstützung zu geben und Einfluß zu gewinnen: durch die Tätigkeit von Priestern und kirchlichen Institutionen, durch Stellungnahmen von Oppositionsgruppen, mit der Formierung der Beratergruppe, deren Ratschläge dokumentiert sind (Dok. 139, S. 184ff) usw. Eine Vielzahl von Spekulationen über den Einfluß der Kirche und der Opposition könnte qualifiziert werden, nähme man die hier mitgeteilten Gebete, Presseerklärungen, Predigten und Ratschläge zur Kenntnis.
Die Streiks in Szczecin und Gdansk 1980 endeten mit der Anerkennung der MKS durch die Regierung. Diese akzeptierte einen Vertragspartner, der sich nicht auflösen, sondern in Gestalt der unabhängigen Gewerkschaften die Realisierung der Übereinkünfte kontrollieren und sicherstellen wollte. Verhandlungen und Unterredungen zwischen Vertretern der Regierung und der Solidarnosc haben die folgenden  Monate ebenso geprägt wie Straßendemonstrationen und Streiks. Einen Beitrag zur Erforschung dieser Verhandlungen als »einem der Mechanismen des politischen Kampfes« leistet ein 1998 erschienener Quellenband.  Die von Boguslaw Kopka, Andrzej Paczkowski und Tomasz Tabako zum Druck vorbereitete Arbeit dokumentiert die Gespräche zwischen einer Delegation der Solidarnosc und Regierungsvertretern vom 15. bis 18. Oktober 1981. Die Gespräche fanden in der kurzen Zeit zwischen dem Ende des ersten Kongresses der Solidarnosc am 7. Oktober und der Einführung des Kriegsrechts am 13. Dezember statt. Die Dokumentation stützt sich größtenteils auf Tonbandmitschnitte, die transkribiert wurden.70  Über den Gang der Verhandlungen hinaus enthält sie eine Reihe von Texten zur Vorgeschichte und zu den Begleitumständen des Treffens. Das Vorwort skizziert kurz die unterschiedlichen organisatorischen Ressourcen beider Seiten und versucht, die Verhandlungen im Rahmen der Strategie der Machthaber zu verorten.
Zwischen der 1. und 2. Tagung des Solidarnosc–Kongresses hatte die Militärführung die organisatorischen Vorbereitungen zur Einführung des Ausnahmezustandes abgeschlossen, ohne sich jedoch bereits für diese Option entschieden zu haben.71 Die günstigste Möglichkeit – die einer Einbeziehung der Solidarnosc in eine Neuauflage der »Nationalen Einheitsfront« unter Führung der Partei  – oder die Spaltung der Solidarnosc in einen »gesunden« und einen »radikalen« Teil wurden noch nicht ausgeschlossen. Die Regierungsseite wollte die Gewerkschaft in ein System der Krisenbekämpfung einbinden, das vielen gesellschaftlichen Gruppen wie der Mehrheit der Bevölkerung insgesamt eine weitere Absenkung des Lebensniveaus um einer ungewissen zukünftigen Stabilisierung willen zumuten sollte. Eine zentrale Rolle spielten dabei Preiserhöhungen und die Ausweitung von Exportproduktionen.72
Seit dem August ‘80 hatte sich die Versorgungslage der Bevölkerung kontinuierlich verschlechtert. Proteste und lokale Streiks richteten sich insbesondere gegen den Skandal, daß Lebensmittelkarten auf Fleisch unzureichend gedeckt waren, zugleich jedoch Fleisch exportiert wurde. Weder die Regierung noch die Gewerkschaft konnten sich durchsetzen, das Land aber konnte nicht »nach zwei Fahrplänen funktionieren« (Jacek Kuron). Die Solidarnosc forderte auf ihrem Kongreß nicht nur die konsequente Realisierung der Abkommen vom August 1980, sondern in Anbetracht der Gesellschaftskrise den Abschluß neuer »gesellschaftlicher Übereinkommen«, in denen der Ausgang aus der Krise, die Wirtschaftsreform und der Übergang zur Zielvorstellung der Gewerkschaft, einer »selbstverwalteten Republik«, mit den Herrschenden ausgehandelt werden sollten. Mit dem Kongreß vom 7.10.1981 hatte die Solidarnosc verdeutlicht, daß sie schon lange den Rahmen einer reinen Gewerkschaftsbewegung verlassen hatte.
Die Verhandlungen vom 15. bis 18. Oktober waren der erste Versuch, die Ziele des Kongresses auch umzusetzen. Ihr Ergebnis wurde in der Solidarnosc mehrheitlich als Mißerfolg angesehen.73  Die Solidarnosc-Vertreter zielten über die öffentliche Diskussion um die Frage der Lebensmittelversorgung und eines Teuerungsausgleichs explizit auf die Erlangung eines Zugangs zu den Kommandohöhen  der Wirtschaft, um die Interessen ihrer Mitglieder auch unter den Bedingungen der Wirtschaftskrise vertreten und so der zunehmenden Resignation und Verzweiflung entgegnen zu können. Das vom Verhandlungsführer der Solidarnosc, Gregorz Palka, präsentierte Modell eines »Gesellschaftlichen Volkswirtschaftsrates« war eindeutig auf die Solidarnoœæ konzentriert und auch in der Gewerkschaft weder unumstritten noch ausdiskutiert.74 Das Eigenleben dieses Themas prägte den weiteren Verlauf der Verhandlungen,75 zumal nach einer breit publizierten, äußerst scharfen Presseerklärung Rakowskis vom 16.10. (»Anschlag auf die verfassungsmäßige Ordnung«, die Solidarnosc strebe nach »Zurückweisung der demokratischen Wandlungen« und nach »Errichtung einer totalitären Diktatur«)76 auch das Verlangen der Solidarnosc nach öffentlicher Richtigstellung und Verteidigung ihrer Positionen zum Verhandlungsthema wurde.77  
Der Versuch der gegenseitigen Erpressung im Namen der nationalen Verantwortung blockierte die Verhandlungen. Die Gewerkschafter beriefen sich auf das fehlende Vertrauen zur Regierung, um im Austausch gegen die Teilhabe an den wirtschaftspolitischen Entscheidungen ihre Autorität in der Massenbewegung zur Absicherung der Wirtschaftsreform anzubieten.78 Die Regierungsseite versuchte demgegenüber, die einzigen Mittel der Gewerkschafter, die Streiks und Proteste, anhand ihrer negativen ökonomischen Folgen zu blamieren und daraus die Vorzüge eines konstruktiven, »partnerschaftlichen« Verhältnisses abzuleiten. Die schließlich veröffentlichten »Feststellungen« über das Treffen enthielten nicht viel mehr als ein Moratorium. Ein Erfolg für die Gewerkschaft war das sicher nicht. Weitere Gespräche zogen sich noch, ergebnislos, bis zur Einführung des Kriegsrechtes hin.79 Die Lage wandelte sich: Während Ende 1980 die Ergebnisse einer soziologischen Befragung darauf hinwiesen, daß die Polen die Verantwortung für die Wirtschaftskrise nahezu ausschließlich auf Seiten der Regierung sahen, hatte sich dies Bild ein Jahr später gewandelt. Der Anteil derer, die die Regierung allein schuldig sprachen, war von 61,5 % auf 39,7 % gesunken, der Anteil derer, die Solidarnosc und Regierung gleichermaßen verantwortlich machten, von 27,5 % auf 40% gestiegen.80

 

Alle Artikel können auch als PDF runtergeladen werden. Es handelt sich um Auszüge aus dem jeweiligen Heft. Die Fotos werden aus urheberrechtlichen Gründen nicht abgebildet.

Diesen Artikel als PDF runterladen          Acrobat Reader 8.1 runterladen

    

Solidarnosc – Analysen  einer  sozialen Bewegung
Seit mehreren Jahren organisiert der Historiker Marcin Kula, Spezialist für lateinamerikanische (Revolutions)-geschichte an der Warschauer Universität Forschungsarbeiten zur Geschichte und Soziologie der Solidarnosc der Jahre 1980/81. Zusammen mit seinen Studenten hat er nun in einem Buch eine erste Analyse der Solidarnosc vorgelegt, die in der Druckfassung durch zwei von ihm betreute Magisterarbeiten begleitet wird.81 
Ihre Analyse der »Faktoren, welche die Dynamik der Solidarnosc-Bewegung in den Jahren 1980-1981 bestimmten«, haben Professor Kula und seine Studenten in den Jahren 1997– 99 erarbeitet und als kollektives Produkt veröffentlicht – es sind 21 Autoren aufgeführt. Ausgangspunkt der Untersuchung waren die im Archiwum Solidarnosci publizierten Protokolle der KKP der Solidarnosc. Die Studie ist systematisch, oder eher problematisch, um gewisse Fragestellungen herum organisiert. Deren Darstellung erfolgt in mehr oder minder kurzen, teilweise essayistisch pointierten Texten, die zum jeweiligen Kapitel zusammenmontiert sind. Nicht unbeteiligt und durchaus bei der Sache, fehlt den Autoren doch das Pathos jener Märtyrologen, die mit jeder Zeile die heroischen Opfer im Kampfe um die Unabhängigkeit des Vaterlandes heiligen wollen. Sie erörtern die Motive des Aufruhrs: die Spannung zwischen den Vorstellungen vom Gemeinwohl als dem Zweck der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Tätigkeit und dem tatsächlichen Gang der Dinge. Sie lassen sich ein auf eine ausführliche Erörterung der Gedankenwelt der Arbeiter, ihrer dualistischen Sicht der Gesellschaft und ihren Erwartungen an eine gerechte Ordnung – eine Gedankenwelt, die sich im Anschluß an E.P. Thompson als die moralische Ökonomie der polnischen Arbeiterklasse bezeichnen ließe.82 
Die Analyse hebt an mit der Frage nach dem Charakter und den Grenzen der Solidarnosc als einer spontan und gleichzeitig an vielen Orten entstehenden Bewegung. Die Autoren sehen hierin die Grundlage für die schwache Institutionalisierung der Gewerkschaft, den starken Hang zu Formen direkter Demokratie, die große Bedeutung lokaler Fragen und die geringe Autorität der eigenen Vertreterstrukturen. Zugleich begünstigte aber die Entstehung der Solidarnosc aus den Betriebsbelegschaften, das Bestehen gemeinsamer Lebensbedingungen und Erfahrungen die Herausbildung einer stabilen und handlungsfähigen Organisation. Wiederholt weisen die Autoren auf die organisierende Wirkung der Kirche und der nationalen Symbolik sowie auf die charismatische Rolle Walesa hin, ohne diesen Faktoren wundersame Wirkungen nachzusagen. Sie prüfen die politischen Konsequenzen des Manichäismus: wir, die Gesellschaft, die Solidarnosc, gegen sie, die Macht, die Partei. Vorsichtig bejahend beantworten sie die Frage, ob und wie die Zielvorstellungen der Gewerkschaft von der realsozialistischen Gesellschaft beeinflusst waren, in der sie entstand. 
Neben diesen sozusagen subjektiven Faktoren thematisiert die Studie am historischen Detail die fördernden und hemmenden Faktoren in der Entwicklung der Gewerkschaft, den langen Weg vom Durchbruch zu einer landesweiten und nationalen Bewegung bis zur Flucht nach vorn, zum Verbalradikalismus der letzten Wochen vor dem Kriegsrecht. Die Autoren zeigen, daß sich die Dynamik der Solidarnosc im Herbst ‘81 zunehmend erschöpft hatte. Insbesondere mit diesem Ergebnis gibt die Studie Anlaß zu nicht nur wissenschaftlichen Kontroversen.
Ausgehend von einer beeindruckend sicheren Beherrschung des Stoffs geben Marcin Kula und seine Studenten die Skizze einer Problemgeschichte der Solidarnosc. Mit einem wachen Blick für die Eigenheiten und Widersprüche dieser großen Bewegung öffnen sie einen sachlichen Zugang zur Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Gewerkschaftsbewegung und der späteren Systemtransformation, ohne die Unterschiede in den Zielvorstellungen und Methoden zu beschweigen.
So reflektiert und sicher im Urteil wie die Kollektivstudie über die Solidarnosc ist Dionizy Smolens Magisterarbeit nicht.83 Er versucht, anhand eines Vergleichs des Auguststreiks in Gdansk mit mehreren historisch dokumentierten städtischen Unruhen der Jahre 1789 (Paris), 1794 und 1831 (Warschau) den Unterschied zwischen einer »organisierten Gesellschaft« und gewalttätigen, spontanen und unkontrollierbaren Menschenmassen zu bestimmen. Dabei entgeht ihm nicht nur der sehr unterschiedliche soziale Hintergrund der von ihm untersuchten Ereignisse. Fixiert auf die Begrifflichkeit von Gustav Le Bons »Psychologie der Massen« übersieht er völlig, daß seine Darstellung der unkontrollierbaren städtischen Massen aus den Mitteilungen unbeteiligter bis feindlicher Beobachter gewonnen ist – an keiner Stelle kommt ein Teilnehmer »zu Wort« – während seine Darstellung des Auguststreiks dagegen wesentlich auf den Dokumenten der Streikenden selbst beruht. Gänzlich ausgeblendet wird die Bedeutung des Verhaltens der Gegenseite, insbesondere der Umstand, daß die Staatsmacht eben nicht zur gewaltsamen Isolierung und Niederschlagung der Streiks schritt.
Während Smolen das offiziöse Selbstbild der Solidarnosc zur Grundlage seiner Überlegungen macht, konzentriert sich die Arbeit von Marcin Meller auf die Entstehung genau dieses Selbstbildes. Er thematisiert die Rolle des Denkens über die Geschichte in der Solidarnosc- Bewegung und versucht, den historischen Kanon der Bewegung zu rekonstruieren, d. h. das geordnete System der historischen Ereignisse, auf welches sich die Bewegung in der Bestimmung ihrer eigenen Identität bezog.84  An erster Stelle standen in diesem System die Arbeiterunruhen von 1956, 1970 und 1976, daneben die Auseinandersetzung mit der Legitimation der Macht (Katyn) und die nationalen Traditionen, die gegen die Symbole der »sozialistischen« Herrschaft gewendet wurden. Die Zuordnung einer historischen Erscheinung zur eigenen Tradition war nicht immer unproblematisch. So wurde der Streit, ob neben dem nationalen 3. Mai, dem Tag der Verfassung von 1791, auch der 1. Mai, der traditionelle Tag der Arbeiterklasse zu feiern sei, nicht zuletzt aufgrund pragmatischer Erwägungen entschieden: Man konnte der Macht den längst üblich gewordenen Feiertag schließlich nicht einfach überlassen.
Anhand solcher Debatten kann Meller auch die »wichtigste Frage« beantworten: Wer ist – in der Sicht der Solidarnosc – das Subjekt der Geschichte? Er untersucht die drei in Frage kommenden Kandidaten: die »Gesellschaft«, das »Volk« und die »Arbeiterklasse«. Die »Gesellschaft« war insbesondere unter den Beratern aus der Tradition des KOR85  populär, blieb aber auch hier Teil eines nationalen Diskurses. Heller kommentiert das Vorhaben einer »Zusammenarbeit mit anderen Völkern« aus der Gründungserklärung der Klubs »Freiheit – Gleichheit – Unabhängigkeit«, einer im Herbst ‘81 aus dem KOR entstandenen Strömung wie folgt: »Und so wohnen – im Denken der 'Gesellschafter' – im Ausland Völker, aber an der Weichsel eine Gesellschaft.«86 Der Begriff der »Arbeiterklasse« war von Anfang an durch die sozialistischen Assoziationen belastet, die er mit sich führte. In den Texten der Gewerkschaft und selbst in der Erinnerung an die proletarischen Unruhen und Opfer wird er zunehmend von der Berufung auf das polnische Volk verdrängt. »Naród«, das – ethnisch verstandene – Volk87 war für die Solidarnosc das eigentliche Subjekt der Geschichte.88 Zu den wenigen kritischen Stimmen gegen einen übersteigerten Nationalismus im Solidarnosc-Lager zählte schon 1981 der Historiker und Mitbegründer des KOR Jan Józef Lipski. Im nach ihm benannten Wettbewerb historischer Arbeiten wurden die Texte von Smolen und Meller prämiert.
Marcin Kula beteiligte sich auch an einer Konferenz, in der das oben genannte Projekt des Archiwum Solidarnosci »Die unabhängige Aktivität der Gesellschaft als Voraussetzung  der Systemtransformation des Jahres 1989 (unter besonderer Berücksichtigung des Zeitraums 1980-1981)« seine Arbeit resümierte. Die Konferenzbeiträge wurden im Internet publiziert.89 Der Band steht nicht zufällig unter dem Titel »Zu einer Synthese der Geschichte der sozialen Bewegung 1980 –81«. Die gemeinsame politische Nähe der Autoren zur »linken« Strömung in der polnischen Opposition um das KOR wird unter anderem in der wenig rücksichtsvollen Schärfe ihrer Analysen deutlich.
In ihrem Vorwort geht Elzbieta Kaczynska kurz auf die Diskussion auf der Konferenz ein. Im Mittelpunkt standen die Frage nach der Berechtigung unterschiedlich gesetzter Zäsuren und die Frage nach der Definition der gesellschaftlichen Bewegung. Die Besonderheit der Solidarnosc sahen die Diskutanten in der Vereinigung unterschiedlicher Strömungen der Unzufriedenheit (ökonomisch, politisch, national). Die Frage nach der Bestimmung  von Bewegung und Widerstand wurde mehrheitlich so beantwortet, daß die Seite der Macht durch ihre Kriterien den Umfang des »Widerstands« bestimme. Schließlich wurde die Frage erörtert, inwieweit die Solidarnosc ein illegitimes Kind des herrschenden politischen System war, inwieweit die Herrschenden unbeabsichtigt zur Gestaltung der Opposition beitrugen.
Im ersten Artikel gibt Piotr Marciniak einen Überblick über die polnischsprachige Literatur zur Solidarnosc, ihre unterschiedlichen Strömungen und Konjunkturen.90 Danach fragt Marcin Kula nach jener revolutionshistorischen Synthese, in der die vorliegenden Teilstudien und die Gesamtdarstellungen von Holzer und Ash aufgehoben werden könnten. Und er fragt im direkten Sinne des Wortes: nach einleitenden Erwägungen über die Art und Weise, die Geschichte von Revolutionen zu behandeln, breitet er auf 10 Seiten ein weites, thematisch und rhetorisch strukturiertes Spektrum von Problemstellungen und vielen, vielen Fragen  aus, welche er in einer Geschichte der Solidarnosc behandeln würde. Sein Interesse liegt auf einer möglichst präzisen Rekonstruktion der sozialen und politischen Dynamik, d.h. zuallererst einer Übersicht über die sozialen und politischen Akteure, ihre Handlungsmöglichkeiten und Zielstellungen, ihre gegenseitige Wahrnehmung und ihre Veränderung in und mit der Geschichte, deren Akteure sie waren. Die provozierenden Implikationen eines solch nüchtern Ansatzes verdeutlicht eine Eingangs formulierte Frage: Müssen in einer Geschichte der Solidarnosc auch die Entwicklungen in der PZPR berücksichtigt werden und inwiefern? Oder darf die Partei, der Seite des Gegners zugehörig, nur als äußerer Faktor auftreten?
Als Warnung vor einem allzu naiven Vertrauen in die historischen Quellen und die Objektivität ihrer Auskünfte versteht Elzbieta Kaczynska ihr Referat über die Arbeiterunruhen Ende des 19. Jahrhunderts und die Revolution von 1905 im russischen Teilungsgebiet. Sie unterscheidet grundsätzlich zwischen einem organisatorischen, unmittelbaren Einfluß politischer Gruppierungen, und einer vermittelten, nur propagandistischen Wirkung und erörtert am historischen Beispiel Widersprüche und Gefahren der populistischen Instrumentalisierung einer Massenbewegung. 
Den historischen Hintergrund der Entstehung der Solidarnosc zeichnet Andrzej Friszke mit einer Forschungsskizze zum Thema des gesellschaftlichen Widerstands in Volkspolen 1956 – 1980. Er geht aus von einem allgemein üblichen Verständnis von – bewusster – Opposition und eher diffusem gesellschaftlichem Widerstand und findet diese Begriffe auch den heftigen Auseinandersetzungen der unmittelbaren Nachkriegszeit weitgehend adäquat. Mit der Niederlage des antikommunistischen Untergrunds, vor allem aber mit der 1956 (Rückkehr Gomulkas, Polonisierung der Politik und Propaganda der PZPR) gewonnenen nationalen Legitimation der Staatsmacht seien die klaren Grenzen zwischen Partei und Gesellschaft geschwunden. Dementsprechend sei auch an die Stelle klarer Differenzen zwischen Opposition und Kollaboration, wie sie in Analogie zur Kriegszeit immer wieder gesucht werden, ein weites Feld von vermischten Formen widerständigen wie akzeptierenden und unterstützenden Verhaltens zur Macht  getreten. Seinen Ansatz entfaltet Friszke anhand verschiedener Beispiele: am Verhältnis von Gläubigen, Kirche und Staat, der Emigration aus Polen, der begrenzten Bewegungsfreiheit in zugelassenen »niszy« (Nischen) – wie den Klubs der Katholischen Intelligenz oder den Pfadfindern, der Resistenz beruflicher Milieus (Hochschulen, Rechtsanwälte) und Unruhen unter den Jugendlichen. Er geht auf das Wahlverhalten und manifesten Protest (Flugblätter, Inschriften) im Umfeld von Wahlen und Parteitagen ein, hebt die besondere politische Bedeutung der Studenten hervor, auch der vom Sicherheitsapparat als unpolitisch (Drogen) charakterisierten Hippies. Als Resümee verweist er nicht nur auf das Fehlen von radikalen, auf die prinzipielle Veränderung des Systems zielenden Losungen und  die Vielzahl sozialer, kultureller und ökonomischer Motive im  gesellschaftlichen Widerstand nach 1956, sondern vor allem auf die unterschiedliche Qualität abweichenden Verhaltens je nach den Anforderungen und Zumutungen der Macht.
Piotr Marciniak untersucht in seinem Referat den Zusammenhang zwischen der Solidarnoœæ der Jahre 80/81 und der Systemtransformation der Jahre ab 1989. Obwohl das nominelle Ziel der Opposition in der zweiten Hälfte der 80er Jahre gerade in der Wiederherstellung der Situation vor dem Kriegsrecht bestanden habe (Legalisierung der Solidarnosc), hatten sich die gesellschaftlichen Bedingungen so sehr geändert, daß die Rückkehr zum status quo ante unmöglich war. Das Kriegsrecht – dessen soziale und politische Analyse immer noch aussteht – war nicht einfach eine Winterszeit, nach deren Ende die eingefrorene Massenbewegung wieder erwacht wäre. Im Gegenteil, die Grundlagen für die massenhafte Aktivität und soziale Kreativität des langen Sommers der Solidarität waren nicht mehr gegeben. Marciniak verdeutlicht die Differenzen zunächst in einem Vergleich der Streikbewegung von 1980 und 1988.91 1988 dauerten die Streiks nicht lange, blieben auf einzelne, wenn auch wichtige Betriebe beschränkt, die Solidarisierung anderer Belegschaften und der städtischen Bevölkerung blieb aus. Die 88er Streiks waren von Anfang an hoch politisiert und trafen auf den entschiedenen, auch gewaltsamen Widerstand von Partei und Staatsmacht. Die Streikbewegung entwickelte keine eigene Dynamik, keine eigene Organisationen, sondern bildete ein untergeordnetes Moment der politischen Auseinandersetzung.
Die Gründe für diese Differenzen sieht der Autor in der Entzauberung des Streiks als eines politischen Kampfmittels. Schon im Verlauf des Jahres 1981 habe der Streik nicht mehr als effektives Mittel zur Verteidigung der Interessen der Beschäftigten gewirkt. Hatten die Streiks 1980 mit der Veränderung der ungerechten Verteilung zugleich die gesellschaftliche Krise lösen wollen, so war nach den Erfahrungen von 1981 und den Wirtschaftsreformen der 80er Jahre dieser Optimismus geschwunden. Damit waren aber auch keine gesellschaftlichen Grundlagen für eine Rückkehr zum alten, immer noch gültigen Programm der »selbstverwalteten Republik« gegeben. Mit der Massenbewegung, die es hervorgebracht hatte, gehörte es der Vergangenheit an und fungierte nurmehr als Fundus einer integrierenden Symbolik der Opposition im Kampf um die Macht. Statt dessen gewannen die Reformvorstellungen der Kirche und der oppositionellen Intelligenz, die 1980 als Berater aufgetreten waren, eigenständige politische Bedeutung. So erst wurden die Bedingungen geschaffen, um aus dem Erbe einer egalitären Bewegung das Schutzschild einer radikalliberalen Privatisierungspolitik zu schmieden. Während die »erste« Solidarnosc eine Massenbewegung in der realsozialistischen Gesellschaft war, die nicht auf eine Transformation des System zielte, wurde 1989 die Transformation ohne Massenmobilisierung erreicht. Daß letzteres aber überhaupt möglich war, hatte zweifellos eine seiner Grundlagen in den personellen, ideologischen und organisatorischen Folgen der Jahre 1980/81.
Dem heutigen Verhältnis der Polen zur Solidarnosc widmete sich der Soziologe Sergiusz Kowalski, Ende der 80er Jahre Autor einer zu recht gerühmten Studie über die Ideologie der Solidarnosc.92 Mit dem milden Pessimismus eines Aufklärers reflektiert er pragmatische wie fundamentalistische Verirrungen auf dem Wege aus dem »Kommunismus«. Er kritisiert scharfsinnig Antimodernismus und Antiliberalismus der christlich-nationalen Rechten, ihre Ablehnung der »unmoralischen« neuzeitlichen Kultur, die sich aus ihrer Sicht vor allem durch Rockmusik, Drogen und religiösen Relativismus auszeichnet. An jenen, die noch heute in jedem Mangel die fortdauernde »Kommune« erkennen wollen, entdeckt er die erstaunliche Möglichkeit, den gesellschaftlichen Umbruch der letzten Jahre einfach zu übersehen. Woher kommt solche Blindheit? Sergiusz Kowalski sieht sie in einem Mangel greifbarer Symbole für den Wandel von 1989 begründet. Dieser Mangel ist jedoch selbst nur ein Symbol für das Fehlen einer allgemeinen Mobilisierung der Bevölkerung zugunsten von Privatisierung, Marktwirtschaft und Kapitalismus. Kowalski akzeptiert, trotz der gesellschaftlichen Kosten von Balcerowicz`s Schocktherapie, die Systemtransformation nach 1989 als den »historischen Triumph der Solidarnosc«.  Die Beurteilung dieses Triumphes wird aber wohl unterschiedlich ausfallen müssen – je nach dem, ob man unter der Solidarnosc eine unabhängige Gewerkschaft im Realsozialismus oder den Nährboden einer erfolgreichen Gegenelite sieht. Und wenn auch zukünftig, nach der erwarteten Aufnahme in die EU, die alten Klassenfragen sich in einer modernen Bürgergesellschaft als aktuell erweisen werden, dann spätestens wird man über Erfolg und Niederlage neu nachdenken müssen. Aber das ist dann eine andere Geschichte.

1  Gazeta Wyborcza, 1.09.2000; Rzeczpospolita, 1.09.2000.
2  Idee und Terminus entlehne ich von Piotr Marciniak, Stan badan nad historia ruchu spolecznego »Solidarnosc« 1980 – 1981, in: Ku syntezie historii ruchu spolecznego (1980-1981), Referaty z konferencji, Stowarzyszenia Archiwum Solidarnosci i Instytutu Stosowanych Nauk Spolecznych Uniwersytetu Warszawskiego, Pod red. Elzbiety Kaczynskiej, Warschau 2000. URL: http://strony.wp.pl/wp/archsol/Archives.htm.
3  Das hatte durchaus Tradition. Vgl. das Tonbandprotokoll von der Versammlung der streikenden Szczeciner Werftarbeiter mit Gierek u.a. am 24.02.1971 in: Rewolta szczecinska i jej znaczenie, Paris, Instytut Literacki 1971 (dt.: Rote Fahnen über Polen. Trikont München 1972)
4  Zur Untergrundgewerkschaft vgl. Hartmut Kühn, Das Jahrzehnt der Solidarnosc. Berlin 1999. S. 269ff.
5  Kaczynska in Postulaty 1970-71 i 1980. Materialy zródlowe do dziejów wystapien pracowniczych w latach 1970-1971 i 1980 (Gdansk i Szczecin). Gesammelt und herausgegeben von Beata Chmiel und Elzbieta Kaczynska, Niezalezna Oficyna Wydawnicza NOWA, Warszawa 1998, S. 9.
6  Jerzy Holzer, Solidarnosc, 1983. Timothy Garton Ash, Solidarity. A polish revolution. London 1983. Allerdings ist diesen Pionierarbeiten inzwischen, zumindest für den deutschen Sprachraum, die genannte Darstellung von Hartmut Kühn zur Seite zu stellen.
7  http://strony.wp.pl/wp/archsol/Archives.htm.
8  Institut für politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften. (http://www.isppan.waw.pl/)
9  Powstanie KKP, Krytyka, Nr. 18, S. 71ff.
10  Der erste Band war die Reportage von Malgorzata Szejnert und Tomasz Zalewski: Szczecin. Grudzien – Sierpien – Grudzien. Warszawa, nowa 1984. Andere Bücher erschienen bei Oficyna Literacka, PoMost, Wolne Slowo.
11  4/11.-12.12.81; 5/23.-24.3.81; 8/22.-23.10.81; 11/31.3.-1.4.81; 16/2.-3.11.81; Das Projekt konnte erst 1995 fortgesetzt  und 1999 mit der Publikation des letzten Bandes abgeschlossen werden.
12  Protokoly tzw. Komisji Grabskiego. Tajne dokumenty PZPR, pod red. G.Pomian, Paryz 1986
13  »Wojna z narodem widziana od srodka,« Kultura (Paris), 4/475 (April 1987)
14  Einige liegen auch auf deutsch vor, so die beiden Bücher von Wojciech Jaruzelski, Mein Leben für Polen, München 1993, Hinter den Türen der Macht, Leipzig 1996, sowie von  Mieczylaw Rakowski, Es begann in Polen, Hamburg 1995.
15  Tajne dokumenty Biura Politycznego. PZPR a »Solidarnosc« 1980-1981. Bearb. Zbigniew Wlodek. Londyn 1992. In gleicher Aufmachung erschienen weiterhin eine Dokumentation zum Dezember 1970: Tajne dokumenty Biura Politycznego. Grudzien 1970. Bearb. Pawel Domanski. Londyn 1991 sowie Tajne dokumenty Biura Politycznego i Sekretriatu KC. Ostatni rok wladzy 1988–1989. Bearb. Stanislaw Perzkowski. London 1994.
16  Tajne dokumenty 80-81, In der Vorlage der Plankommission wird der Umfang der nötigen Entlassungen mit 240.000 Personen beziffert (S. 14), im Protokoll der Sitzung heißt es dazu: »Es wurde unterstrichen, daß die Einschränkung der Beschäftigung nicht den Charakter einer einmaligen Aktion haben solle. Man muß vor allem die Disziplin stärken, nicht von neuem jene beschäftigen, die willkürlich die Arbeit unterbrechen, ihre Verpflichtungen schlecht erfüllen.« (S. 6) Wie angesichts dieser klaren Worte ein Experte der Tageszeitung »junge welt« unter Berufung auf diese Quelle darauf verfallen kann, man habe zur Verhinderung von Entlassungen sogar die Arbeitsproduktivität senken wollen, ist mir ein Rätsel – allerdings gibt die Serie von Marian Stankiewicz noch mehr solcher Rätsel auf (Der Flächenbrand, 26.08.2000, www.jungewelt.de).
17  Rozkaz: zniszczyæ protokoly. Jerzy Morawski, Rzeczpospolita, 11-01-2001.
18  Jüngst wurden wieder einige ausgewählte Aktenstücke zum August 1980 freigegeben. Rzeczpospolita, 29-08-2001.
19  Zur Quellenbasis vgl. Andrzej Paczkowski, Odpowiedzialnosc za stan wojenny (Die Verantwortung für den Kriegszustand), Rzeczpospolita, 29.07.1995. Das Gutachten für die Sejm-Kommission, auf das sich der Artikel stützt, soll ebenso wie das Gutachten Andrzej Werblans demnächst im Rahmen der Working paper des CWIHP auch online veröffentlicht werden. Siehe unten.
20  Paczkowski, ebenda.
21  Andrzej Werblan, Czy w 1981 roku grozila interwencja? (Drohte 1981 eine Invasion?), Dziœ, Nr. 6 (45), 1994, S. 38ff.
22  SED-Politbüro und polnische Krise 1980-82. Berlin 1994
23  Werblan, op. cit. p. 44.
24  Vgl. Andrzej Werblan, Trudny wybór,(Eine schwierige Wahl) Dzis Nr. 7 (58), 1995, S. 112ff und Andrzej Paczkowski, Odpowiedzialnosc za stan wojenny, Rzeczpospolita, 29.07.1995.
25  Für die 80er Jahre vgl. die Untersuchungen der Soziologen um W. Adamski: Polacy ‘84: Dynamika spolecznego konfliktu i konsensu und Polacy ‘88: Dynamika konfliktu a szanse reform. Einen englischsprachigen Überblick über diese Untersuchungen gibt der Band Societal Conflict and Systemic Change. The Case of Poland 1980-1992 (Hg. W. Adamski, Warschau 1993). Für die 90er Jahre vgl. Renata Wróbel, Zdarzyl sie stan wojenny, (Es geschah der Kriegszustand) Rzeczpospolita 13.12.1996 und dieselbe, Wiekszosc uwaza, ze Jaruzelski postapil slusznie, (Die Mehrheit meint, dass Jaruzelski richtig vorging) Rzeczpospolita 13.12.1997.
26  Das IPN (www.ipn.gov.pl) nahm seine Tätigkeit nach erbitterten Kontroversen, u.a. um die Besetzung des Präsidentenpostens, im Jahre 2000 auf. Das Institut vereinigt Strafverfolgungsbehörde, Archiv und eine Bildungseinrichtung (Biuro Edukacji Publicznej). Letztere hat vor allem mit ihrer Verherrlichung des antikommunistischen bewaffneten Untergrundes erhebliche Kritik auf sich gezogen.
27  Das Projekt entstand 1985 als Sammelpunkt für deklassifizierte Akten, die aufgrund des Freedom of Information Act zugänglich wurden. Das Archiv enthält »the largest collection of contemporary declassified national security information outside the United States Government«. Es konzentriert die eigene Arbeit auf die politische Praxis der US-Außenpolitik. Die Arbeit wird v.a. durch private Stiftungen finanziert, ohne Regierungsmittel. Das Archiv befindet sich in der Gelman Library der George Washington University in Washington, DC. Eine Vielzahl von Publikationen und die sehr nützliche Website (http://gwis.circ.gwu.edu/%7Ensarchiv/) machen Arbeitsergebnisse rasch erreichbar.
28  Das Projekt ist angesiedelt am Woodrow Wilson International Center für Scholars in Washington. Die sehr gut gemachte Website: http://cwihp.si.edu/Default.htm. Einerseits finden sich hier Analysen und  Dokumente im html-Format, mit der Möglichkeit zur Volltextrecherche, andererseits auch in »Papierform« – die bisher publizierten Bulletins und die Mehrzahl der Arbeitspapiere im pdf-format. Daneben Nachrichten zur Forschung. Links etc.
29  Die entsprechende Abteilung leitet Andrzej Paczkowski.
30  Malcolm Byrne, Pawel Machcewicz, Christian Ostermann, eds., Poland 1980-1982 Internal Crisis, International Dimensions. A Compendium of Declassified Documents and Chronology of Events ( Washington, DC: National Security Archive, 1997). Das polnische Projekt stand unter dem Titel »Kryzys polityczny 1980-1982: strategia i taktyka PZPR« und wurde von A. Paczkowski, P.  Machcewicz, Krzysztof Persak und Andrzej Friszke bearbeitet.
31  Andrzej Paczkowski und Nina Smolar. Wejda Nie Wejda: Polska 1980-1982: Konferencja w Jachrance. (Sie kommen; sie kommen nicht! Polen 1980-1982: Konferenz in Warschau – Jachranka, 8.-10. November 1997) London and Warsaw, ANEKS, 1999.
32  Im ersten Teil des 11-ten CWIHP-Bulletins (Winter 1998) finden sich neben einigen auf der Konferenz vorgestellten Analysen auch die Position von Mark Kramer und die gut argumentierte Gegenposition von W. Jaruzelski zum Gehalt des später präsentierten »Anoshkin-notebooks«. Mark Kramer ist Direktor des Harvard Project on Cold War Studies am Davis Center for Russian Studies, Harvard University.
33  Miedzeszyn-Warsaw, October 21-23, 1999.  Co-organized with the Institute for Political Studies of the Polish Academy of Sciences (Warsaw).
34  Communism‘s negoitiated Collapse. The polish round table talks of 1989, ten years later. 07.-10.04.1999. Materialien zur Konferenz und die Transkripte der Diskussionen unter: http://www.unmich.edu/~iinet/PolishRoundTable/
35  Peter Schweizer. Victory. The Reagan Adminstration‘s Secret Strategy. That Hastened the Collapse of the Soviet Union. New York 1994.
36  Vgl. z.B. J. Kornilow, M. Kusnezow, J. Nikolajew: Wie eine Verschwörung entsteht. Progress Moskau 1985.
37  junge welt, 31.08.2000. Marian Stankiewicz kann das von ihm angeführte Buch schwerlich gelesen haben, er kennt es bestenfalls aus zweiter Hand: die Differenzen zwischen seinen Behauptungen und der Darstellung Schweizers sind zu offensichtlich. Nach Schweizer hat der CIA weder die legale Solidarnosc der Jahre 80/81 finanziert, noch später die amerikanischen Gewerkschaften dazu benutzt. Auch der »formelle Pakt« zwischen dem Vatikan und dem amerikanischen Präsidenten entspringt allein den ressentimentgeleiteten Phantasien des Autors.
38  Vgl. insbesondere die Ausführungen zur National Security Planing Group und zur Beschlusslage (national security decision directive – NSDD): NSDD-32: S. 76ff , NSDD-66: S. 125ff, NSDD-75: S. 131ff, NSDD-166: S. 213f. Ein großer Teil der NSDD der Reagan-Administration ist 1999 deklassifiziert worden und im Netz als gif-Datei zugänglich: http://www.fas.org/irp/offdocs/nsdd/index.html. Von 325 NSDD ist bei 6 nicht einmal das Thema freigegeben. Etwa 17% sind außer dem Titel gesperrt, darunter die oben genannte NSDD-166 (US Policy, Programs and Strategie in Afghanistan) vom 27. März 1985. Dagegen wurden NSDD-32 (US National Security Strategie, 20. Mai 1982) teilweise, sowie NSDD-66 (East-West Relations and Poland Related Sanctions, 29. 11.1982) und NSDD-75 (US  Relations with the USSR, 17.01.1983) vollständig freigegeben. Weiterhin teilweise freigegeben ist NSDD-54, die bei Schweizer nicht erwähnt wird, dennoch zum Thema gehört (US Policy Towards Eastern Europe, 02.09.1982).
39  Schweizer, S. 60f.
40  Schweizer schreibt über die Carter–Regierung »But it was all pretty minor stuff and extremely limited in scope. ... All the activity was taking place outside of Poland. It was considered too risky to do anything in the country. Solidarity was 100 percent made in Poland.«(32)
41  Schweizer, S. 55ff. Zu Kuklinski vgl. oben FN 12, sowie den Artikel von Mark Kramer im CWIHP Bulletin Nr. 11 und den instruktiven Artikel von Benjamin B. Fischer von der CIA in den »Studies in Intelligence«: http://www.cia.gov/csi/studies/summer00/index.html
42  Die sogenannte »ratline« des Mossad gab die Möglichkeit, Personen nach Osteuropa zu schmuggeln. Schweizer S. 34, vgl. S. 56, 70, 86.
43  Schweizer, S. 69f. S. 75f,
44  »It would be similar to the Afghan supply operation, the only difference being that the cargo for Poland would not be lethal.« (S. 146)
45  Schweizer, S. 89ff.
46  C3I – command, control, communicate and intelligence – militärische Bezeichung für integrierte Kommunikations- und Aufklärungstechnik, d.h. Funktechnik und andere passende Elektronik.
47  Schweizer, S. 86f und 123. Information Robert Mc Farlane.
48  Schweizer, S. 75, S. 89, 121. S. 224 (+RFE)
49  Schweizer, S. 144f. Namentlich genannt werden von Organisatoren des Widerstands auch Wiktor Kulerski, Ewa Kulik und Konrad Bielinski. Ebenda.
50  Schweizer, S. 76, 146 und 225.
51  Schweizer, S.35ff, »The fact was, they where already helping with important intellegence.« (38) 70. Zitat Pointdexter. S. 107 inf., S. 160f., S. 181ff.
52  Schweizer, S. 60f, S. 75, S. 146.
53  Schweizer, S. 146, S. 164f, S. 184, S. 257ff.
54  Schweizer, S. 75f.
55  Schweizer, S. 222ff, 257ff, 264ff.
56  Schweizer, S. 184, 227f, 256.
57  Schweizer, S. 267.
58 Qualitative Rüstung zielt auf eine technologische Überlegenheit über den Gegner, die auch eine größere Anzahl von Waffensystemen neutralisieren konnte. Zur Beunruhigung in der DDR vgl. H.-J. Gießmann, Qualitative Rüstung – neue Herausforderung für die Abrüstung, IPW-Forschungsheft 1/90, Berlin 1990.
59  In den Bänden 28, 29 und 30 legte das Archiv 1995/96 die Protokolle der Sitzungen vom 23.04., 04.06. und 09./10.04.1981 vor. Erst 1999 folgte der letzte Band mit dem Protokoll zum 3./4. 11.1981.
60  Vgl. z.B. Polacy ’81. Postrzeganie kryzysu i konfliktu, pod red. W.Adamskiego. Warszawa 1996. I.Krzeminski, Solidarnosc. Projekt polskiej demokracji, Warszawa 1997.
61  Aufzeichnung der Ereignisse. Gdansk – August 1980.
62  Die Forderungen. Materialien zur Geschichte der Arbeiterunruhen in den Jahren 1970/71 und 1980 (Gdansk/Szczecin).
63  Die unabhängige Aktivität der Gesellschaft als Voraussetzung  der Systemtransformation des Jahres 1989 (unter besonderer Berücksichtigung des Zeitraums 1980-1981).
64  Postulaty 1970-71 i 1980. Materialy Zródlowe do dziejów wystapien pracowniczych w latach 1970-1971 i 1980 (Gdansk i Szczecin). Gesammelt und herausgegeben von Beata Chmiel und Elzbieta Kaczynska, Niezalezna Oficyna Wydawnicza NOWA 1998
65  NB: Einige Texte unterstellen unzutreffender Weise, daß sich die Miliz lediglich in Uniformen der allseits geachteten Armee verkleidet habe.
66  Zum Protokoll siehe die Literatur in FN 2.
67  Der Bezug auf die Konvention der ILO wird verdeckt, wenn (wie z.B. bei H. Kühn, S. 29), in der Übersetzung der damals in Polen tatsächlich unübliche Terminus Arbeitgeber (pracodawcy) mit »Betriebsleitungen« wiedergegeben wird.
68  Vgl. die Karta Praw Robotniczych (Charta der Arbeiterrechte) vom Juli 1979, in: Zygmunt Hemmerling, Marek Nadolski (Hg.) Opozycja Demokratyczna w Polsce 1976-1980, Warszawa 1994, S. 602ff, zu deren Unterzeichnern u.a die Aktivisten von der Freien Gewerkschaft des Küstengebietes gehörten.
69  Zapis wydarzen. Gdansk – Sierpien 1980. Dokumenty. Gesammelt und herausgegeben von Andrzej Drzycimski und Tadeusz Skutnik. Niezalezna Oficyna Wydawnicza NOWA. Warszawa 1999, 536 S.
70  Rozmowy z rzadem PRL. Negocjacje pomiedzy NSZZ »Solidarnosc« a rzadem w dniach 15-18 pazdziernika 1981. Zum Druck vorbereitet durch Boguslaw Kopka, Andrzej Paczkowski, Tomasz Tabako. Niezalezna Oficyna Wydawnicza NOWA, Warszawa 1998
71  Andrzej Paczkowski, Odpowiedzialnosc za stan wojenny, Rzeczpospolita, 29.07.1995
72  Zur Diskussion vgl. Rozmowy, pp. 179-244. Die im Mai ‘81 in die Welt gesetzten populistischen Thesen des Parteifunktionärs Marian Rajski aus Gdansk, wonach der ungünstige Handel mit der Sowjetunion und die Unterstützung teuren Revolutionsexportes für die ökonomische Misere entscheidend gewesen wären, lehnten die Solidarnosc–Experten explizit (S. 195) oder implizit (S. 201) ab. Für die deutsche Diskussion vgl. Renate Damus, Die polnische Wirtschafts- und Gesellschaftskrise: Folge des Ost-West-Handels, sowjetischen Raubhandels oder verfehlter wirtschaftlicher Entwicklungsstrategie. In: Prokla Nr. 48 (3/1982), S. 19ff.
73  J. Holzer, Solidarität, S. 323.
74  pp. 42-48.
75  pp. 49-61, pp. 104ff,
76  im Anhang, S. 308ff, vgl. 149.
77  pp. 173ff, pp. 196ff, pp. 286ff.
78  Ebenda, pp. 112f, vgl. pp. 162ff, pp. 274ff.
79  Wojciech Jaruzelski, Stan wojenny dlaczego, S. 324ff.
80  Polacy ‘81, S. 85ff.
81  Solidarnosc w ruchu 1980-1981. Studia pod redakjcja Marcina Kuli. Niezalezna Oficyna Wydawnicza NOWA. Warszawa 2000.
82   E.P. Thompson, The Making of the English Working Class, 1963, dt. (suhrkamp) 1987.
83  Dionizy Smolen, Tlum czy spolecznosc zorganizowana? Strajkujacy w Stoczni Gdanskiej w sierpniu 1980. In: M. Kula (red.): Solidarnosc w ruchu 1980-1981. Studia pod redakjcja Marcina Kuli. Niezale¿na Oficyna Wydawnicza NOWA. Warszawa 2000, S. 151-217.
84  Marcin Meller, Rola myslenia o historii w ruchu »Solidarnosc« w latach 1980-1981. In: ebenda, S. 219-266.
85 Komitet Obrony Roboczych (Komitee zur Verteidigung der Arbeiter) – nach den Streiks von 1976 von linken und liberalen, katholischen und laizistischen Intellektuellen gegründete politische Organisation.
86  Ebenda, S. 259.
87  Es gibt im polnischen auch ein zweites Wort für »Volk«, »lud« – in einem sozialen Sinne: »Unterschichten« (oft auch pejorativ). Die entsprechenden Adjektivbildung »ludowy« gehört traditionell zum Namen der Bauernpartei und diente in den realsozialistischen Zeiten als Attribut, welches den volkstümlichen Charakter des Staates und aller seiner Organe hervorheben sollte. (Volksrepublik Polen = Polska Rzeczpospolita Ludowa).
88  Ebenda, S. 256.
89  Ku syntezie historii ruchu spolecznego (1980-1981), Referaty z konferencji, Stowarzyszenia Archiwum Solidarnoœci i Instytutu Stosowanych Nauk Spolecznych Uniwersytetu Warszawskiego, Pod red. El¿biety Kaczynskiej, Warschau 2000. URL: http://strony.wp.pl/wp/archsol/Archives.htm.
90  Infolge der Konzentration auf die Zeit der Solidarnosc wird ein äußerst interessantes Buch nicht erwähnt: Antonin Dudek, Tomasz Marszalkowski, Walki uliczne w PRL (Straßenunruhen in der Volksrepublik Polen), Kraków 1992 (2. Ausgabe 1999).
91  Er stützt sich dabei auf seine präzise Analyse der Auguststreiks in dem Artikel  »Horyzont programowy strajków 1980 r.« In: Studia nad ruchami spolecznymi, t.2, Hg.: P.Marciniaka/ W.Modzelewskiego, Warszawa 1989.
92  S. Kowalski, Krytyka solidarnosciowego rozumu, Warszawa 1990. Der polnische Titel entspricht der Übersetzung von Kants »Kritik der reinen Vernunft« (Krytyka czystego rozumu) und ist daher etwa als: Kritik der Vernunft, des Selbst- und Weltverständnisses der Solidarität zu verstehen.

Sebastian Gerhardt, geboren 1968, Student der Philosophie und Mathematik an der Humboldt-Universität Berlin; seit 1989 als Mitglied der Initiative für eine Vereinigte Linke aktiv.