Heft 35/2001 | rezensionen | Seite 89 - 92

Thomas Moser

Geteiltes Land - vereinte Geschäfte

Eine Auseinandersetzung mit deutsch-deutscher Vergangenheit anhand der Bücher von Schalck-Golodkowski und Jürgen Nitz

Teilung des Landes, Trennung der Bevölkerung, Mauer und Passierscheine waren nur die sichtbare Seite der deutsch-deutschen Verhältnisse. Auf der Kehrseite geschahen andere Dinge: Kontakte und Kooperationen, Geschäfte und Gemeinsamkeiten von Funktionären aus Politik und Wirtschaft beider Staaten. Umfang und Ausmaß dieser Einheit der Eliten sind auch zehn Jahre nach der staatlichen Einheit immer noch nicht vollständig bekannt. Es gibt Fragen, die nicht einmal gestellt werden. Zum Beispiel, wie es kam und was es eigentlich bedeutet, daß der Ministerpräsident von Schleswig Holstein, Uwe Barschel, Mitte der 80er Jahre das geheime Waffenlager der DDR-Staatssicherheit in Kavelstorf besuchte?
Zeugnisse von Funktionsträgern oder Repräsentanten, von Personen, die Partei waren oder sind, gilt es doppelt und dreifach zu hinterfragen. Das gilt für Bücher der CDU-Politiker Schäuble oder Geißler über die Ära ihres Parteivorsitzenden und Kanzlers Kohl nicht weniger wie für solche der SED-Spitzen Krenz oder Modrow über die DDR. Und das gilt genauso für die an den deutsch-deutschen Kontakten Beteiligten. Die Kunst besteht darin, durch vielfachen Quellenvergleich herauszufiltern, was verifizierbar ist oder wo weiter verschwiegen wird. Alexander Schalck-Golodkowski und Jürgen Nitz waren zwei dieser DDR-Unterhändler in den deutsch-deutschen Beziehungen, die es wissen müßten. Inzwischen Buchautoren, sprechen sie von der Vergangenheit als einer »deutsch-deutschen Connection«, einer »deutsch-deutschen Symbiose« gar. (Schalcks Buch, im Frühjahr 2000 von Rowohlt verlegt, wurde in Horch&Guck, Heft 29, von Udo Scheer vor allem unter dem Aspekt, wie Schalck seine Mitverantwortung für den SED-Staat fortgesetzt zu vernebeln sucht, bereits besprochen. Jetzt soll es speziell um seine Mitwirkung an den deutsch-deutschen Beziehungen gehen.)
Schalck nennt sein Buch »Deutsch-deutsche Erinnerungen«. Für ihn war die DDR-Geschichte, die seines Staates, also immer auch eine deutsch-deutsche. Das ist so etwas wie eine Schlüsselerkenntnis. Wie bei vielen anderen Aufsteigern, z.B. auch dem späteren Staatschef Honecker, waren die wichtigsten Bewährungsproben Schalcks auf dem Weg zum Nomenklaturkader am 17. Juni 1953, als er auf der Seite des SED-Staates gegen die aufständischen Arbeiter kämpfte und im August 1961, als er eine Kampfgruppe zur Absicherung des Mauerbaus leitete. Schalck wurde Mitglied des ZK der SED, außerdem Offizier im MfS. Die Kommerzielle Koordinierung (KoKo), die Schalck von Anfang an bis zu seiner Flucht Ende 1989 leitete, wurde 1966 gegründet. Sie entwickelte sich zu einer Ansammlung von Firmen, die auf den internationalen Märkten tätig wurden und harte Devisen erwirtschafteten. Schalck selber schreibt über KoKo, Zitat: »KoKo war kein mafiaähnlicher Konzern, in dem Geld auf ominösen Wegen beschafft und zur Seite geschafft wurde. KoKo war eine staatliche Behörde und ein Unternehmen zugleich, das mit marktwirtschaftlichen Methoden in der Planwirtschaft arbeitete.« ‘Nicht Mafia, sondern staatliches Unternehmen.‘ Das ist falsch und richtig zugleich – denn einerseits hielt die SED KoKo geheim, andererseits waren die KoKo-Firmen auf den internationalen Märkten aber durchaus anerkannte Geschäftspartner.
Die geheimen Geschäfts- und Gesprächskontakte Schalck-Golodkowskis in seiner Funktion als KoKo-Chef begannen 1967 mit dem westberliner Wirtschaftssenator König, den er manchmal mehrmals am Tag aufsuchte. Bis 1989 führte Schalck dann eine Unmenge von Verhandlungen auch mit westdeutschen Politikern und Geschäftsleuten. »Die westlichen Unternehmer waren stets am Handel mit der DDR und anderen sozialistischen Staaten interessiert. Ungeachtet der Auseinandersetzung der politischen Systeme, des Kalten Krieges, drängten westliche Unternehmer auf den östlichen Markt, von dem sie sich große Gewinne erhofften. Und zwar zu Recht« – schreibt Schalck und befindet: »Ich kenne keinen westlichen Unternehmer, der im Ost-West-Handel ärmer geworden wäre.«
Ein Beispiel, wie eng sich die wirtschaftlichen Beziehungen gestalteten, war die sogenannte Gestattungsproduktion. Die SED gestattete westlichen Unternehmen, in der DDR ihre Waren zu produzieren. Die Unternehmer stellten die Rohmaterialien und die Führungskräfte, die DDR die volkseigenen Betriebe und die Arbeitskräfte. Die Initiative für diese Art von kapitalistisch-staatssozialistischer Kooperation ging Ende der 70er Jahre vom Salamander-Konzern aus, der bei der Eroberung des Ostmarktes immer sehr rührig war und z.B. in der Sowjetunion Gorbatschows in den 80er Jahren auch das erste bundesdeutsch-sowjetische Gemeinschaftsunternehmen, international Joint Venture genannt, gründete. Die Gestattungsproduktion in der DDR wurde bei den Westunternehmen derart beliebt, daß so schließlich weit über 100 Markenartikel hergestellt wurden: von namhaften Firmen wie Adidas, Blaupunkt, Bosch, Nivea, Schwarzkopf, Schiesser, Triumph und Trumpf, Underberg, Varta und und und. Und so sah diese Produktionsform aus, Zitat Schalck: »In unseren Produktionsbetrieben hatten auf einmal die Salamander-Leute viel zu sagen. Also der Klassenfeind. Die gaben vor, wie und was und in welcher Qualität zu produzieren war. Die bewerteten, wer gut und wer schlecht arbeitete. Der Stempel mit dem Lurchi kam nur auf den Schuh, wenn unsere Werktätigen alle Anforderungen von Salamander erfüllten.«
Das, womit Schalck hier kokettiert, kann man auch anders lesen: In dem Staat, in dem die Unternehmer als enteignet galten, sorgten die »Kommunisten« dafür, daß die »Kapitalisten« in den volkseigenen Betrieben wieder das Sagen kriegten. Die Arbeiter im Osten waren für die Unternehmer billiger als ihre eigenen im Westen. Und vor allem sorgte die SED für Ruhe und Ordnung in den Betrieben, weil sie den Arbeitern Rechte, wie z.B. das Streikrecht, nahm. Hier liegt wohl das Geheimnis der einvernehmlichen deutsch-deutschen Geschäfte angeblicher Gegner, ihrer Symbiose, die ja für beide Seiten von Nutzen ist. Das gibt gleichzeitig schon eine Ahnung davon, warum beide Seiten kein sonderliches Interesse an einer Änderung dieses Status‘ hatten.
Höhepunkt der deutsch-deutschen Kooperation war die Organisierung der Milliardenkredite von 1983 und ’84. Ausgehandelt wurden die Kredite zwischen Schalck und dem CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß, gezahlt hat sie ein westdeutsches Bankenkonsortium. Schalck erzählt dieses Geschäft, das verhinderte, daß die DDR vom Internationalen Währungsfonds abhängig wurde und ihr Kreditwürdigkeit auf den internationalen Finanzmärkten bescherte, wie eine Anekdote. Im Mai 1983 traf er sich zum ersten Mal mit Strauß auf dem Gut des Unternehmers und CSU-Schatzmeisters März – »ein bayerischer Hof wie aus dem Bilderbuch, umgeben von sattgrünen Wiesen und überwölbt von einem strahlenden weißblauen Himmel.« Nach dem langen Verhandlungstag mit Strauß gab es schließlich Kalbshaxe, Kartoffelsalat und fränkischen Weißwein. Das ist die eigentliche Nachricht dieser Passage: Während im Europa des Jahres 1983 atomare Raketen stationiert werden, militärische Spannungen herrschen und Kalte-Kriegs-Rhetorik gepflegt wird, sitzen die Verantwortlichen hinter den Kulissen gemütlich bei Speis und Trank beisammen und machen Geschäfte. Wem das nützte, ist die große Frage, wenn man weiß, daß zur selben Zeit beispielsweise in Cottbus mehrere junge Leute bis zu drei Jahre in den Knast einfuhren – unter anderen Peter Nowick, Regina Kauczor und Reinhold Kauczor. Und zwar unter dem bemerkenswerten Vorwurf, mit der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin Kontakt aufgenommen und damit gegen § 99 des DDR-Strafgesetzbuches (landesverräterische Übermittlung nichtgeheimer Nachrichten) verstoßen zu haben. Hier dokumentiert sich die ganze Unterschiedlichkeit deutsch-deutscher Kontakte.
Schalcks Treffen mit Strauß fanden später in dessen münchner Privatwohnung statt. Daß der »Stasi-Offizier im besonderen Einsatz« – so seine genaue Bestimmung und was Strauß und anderen bundesdeutschen Politikern nebenbei bekannt war – diese Politik der Symbiose heute als Schritte zur Wiedervereinigung verkaufen will, muß nicht unbedingt irritieren. Nach der Wiedervereinigung wurde nahezu alles als Schritt zur Wiedervereinigung erklärt; jeder sonnt sich in der Geschichte, so gut er kann. Interessanter ist, daß die deutsch-deutsche Symbiose zwischen Kommunisten und Kapitalisten nach dem Ende der DDR ihre Fortsetzung fand. Denn Führungskräfte der KoKo-Firmen sitzen nun in den Chefetagen bundesdeutscher Großunternehmen, wie Schalck stolz schreibt.
Die Erinnerungen Alexander Schalck-Golodkowskis sind eine Mischung aus unfrei-willigen Selbstentlarvungen, Beschönigungen und fortgesetztem Verschweigen. Über das Feld des illegalen Technologietransfers von West nach Ost sagt er so gut wie nichts. Dabei war das einer der wichtigsten Geschäftsbereiche, der heute erst wenig aufgeklärt ist. Auch den Auftritt des CDU-Repräsentanten Uwe Barschel bei der für den Waffenhandel zuständigen KoKo-Firma, gleichzeitig Waffenlager des MfS, erwähnt er mit keiner Silbe. Wer, wenn nicht er, der Chef von KoKo, hätte davon wissen müssen ?
»Das Buch von Schalck ist ein Lacher. Der hat doch nichts offengelegt !« So urteilt der andere ehemalige DDR-Funktionär und Unterhändler, Jürgen Nitz. Nitz war Wirtschaftsprofessor u.a. am IPW (Institut für internationale Politik und Wirtschaft der DDR) und ab Mitte der 70er Jahre für die SED als Unterhändler im innerdeutschen Handel tätig. Seinem Buch »Unterhändler zwischen Berlin und Bonn«, im Februar 2001 im fusionierten Verlag edition ost/Das Neue Berlin erschienen, gab er den Untertitel: »Zur Geschichte der deutsch-deutschen Geheimdiplomatie in den 80er Jahren«. In der Tat geht Nitz weiter und tiefer als Schalck – wenn auch nicht aus revolutionären, sondern eher aus patriotischen Gründen, wozu wir noch kommen. Die Konspirativität der Kontakte zum Beispiel galt nicht nur für Treffen in Ostberlin, sondern auch für solche in Bonn. Zitat: »Man mied Amtsräume oder Botschaften, vor die sich doch der eine oder andere Diplomat oder Journalist verirren konnte. Bevorzugt aufgesucht wurden Privatwohnungen, abgelegene Hotels und Parks. Häber erinnert sich, mit Walter Leisler Kiep in einer Wohnung in Bonn gesprochen zu haben, an deren Tür kein Namensschild hing.« Anonyme Wohnungen, einsame Parks – es hört sich an wie in einem durchschnittlichen Fernsehkrimi. Doch Herbert Häber saß im Politbüro der SED und Leisler Kiep im Präsidium der CDU.
Die wichtigste und engste Phase auf der innerdeutschen Bühne, so Nitz, sei angebrochen, als 1982 Helmut Kohl Kanzler wurde. Nicht zufällig fielen die Milliardenkredite in dessen Amtszeit. Der Kommentar von Nitz zu diesen Krediten ohne jegliche Gegenleistung seitens der SED fällt etwas anders aus als der von Schalck: »Der Kredit bedeutete keinerlei Verbesserung für die DDR-Bürger. Die Situation der DDR-Deutschen, deren Wohl und Wehe doch den Regierenden am Rhein seit 1949 so am Herzen lag, interessierte weniger. Sonst hätte man den ökonomischen Hebel bewußt eingesetzt. Der Milliardenkredit an die DDR verlängerte deren Überleben. Die derart wirtschaftlich stabilisierte DDR demonstrierte Stärke nach außen wie nach innen, was u.a. die Bürgerbewegten zu spüren bekamen.«
Die Milliardenkredite verdrängten zwei andere deutsch-deutsche Projekte, an deren jahrelanger Vorbereitung Nitz als Unterhändler mit beteiligt gewesen war und die er wiederholt in Publikationen beschrieben hat, weil er darin einen Weg der Annäherung der beiden deutschen Staaten sah. Das erste sollte die Gründung einer deutsch-deutschen Bank in der Schweiz sein, – deshalb intern »Zürcher Modell« genannt – aus der sich die DDR mit mehreren Milliarden hätte bedienen können. Laut Nitz eines der geheimsten Projekte zwischen Bonn und Ostberlin überhaupt. Das andere Projekt trug den Codenamen »Länderspiel« und sah für DDR und Bundesrepublik die Schaffung von Beziehungen wie zwischen Österreich und Ungarn vor – mit freiem Reiseverkehr und Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft durch Bonn. Projekte, die, so Nitz, eine Konföderation zwischen beiden deutschen Staaten zum strategischen Fernziel hatten und heute, nachdem die Geschichte doch einen etwas anderen Verlauf nahm, von den meisten Beteiligten geleugnet werden.
Auch auf dem Feld des Technologie-Transfers von West nach Ost war ein deutsch-deutsches Projekt geplant. Hochtechnologien unterlagen den Cocom-Embargobestimmungen. Sie wurden aber im Osten gebraucht, und auch die westdeutsche Wirtschaft hatte Interesse an ihrem Verkauf. Das Projekt, von dem Nitz in groben Zügen berichtet, weil die vollständigen Hintergründe noch immer nicht aufgeklärt seien, sah die Einrichtung einer Wirtschaftssonderzone links und rechts der innerdeutschen Grenze zwischen Bayern und Thüringen vor. Dort sollten in gemeinsamen Betrieben High-Tech-Erzeugnisse hergestellt werden – eine Art Technologieschleuse von System zu System. Dem Projekt mit dem Namen »Begegnungszentrum Töpferhof« kam das Ende der DDR dazwischen.
Nach den Milliardenkrediten kam es Mitte der 80er Jahre zu einem der übelsten Kapitel der deutsch-deutschen Kooperationsgeschichte. Über den ostberliner Flughafen Schönefeld reisten vermehrt Tamilen, die vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka flohen, nach Westberlin und damit automatisch in die Bundesrepublik ein. Die bonner CDU/FDP-Regierung, aber auch die oppositionelle SPD bedrängten die DDR-Führung, dieses Schlupfloch zu schließen. Eigene Grenzkontrollen in Westberlin waren der Bundesregierung aus politischen Gründen und wegen des Vier-Mächte-Rechtes nicht möglich. Die DDR tat schließlich wie gewünscht. Sie erteilte nur noch dann ein Transitvisum von Ost- nach Westberlin, wenn die Reisenden ein Anschlußvisum der Bundesrepublik besaßen. Der Deal brachte der SED eine Aufstockung ihres Überziehungskredites im innerdeutschen Handel, Swing genannt, von 600 auf 850 Millionen Mark. Was erst nur für Tamilen galt, wurde schließlich auch auf andere Nationalitäten ausgeweitet. Die Kehrseite, die andere Wahrheit dieses deutsch-deutschen Deals aber lautet: Die Mauer, von der DDR gegen ihre Bürger gebaut und im Westen permanent angeklagt, wurde im Auftrag der Bundesregierung nun auch für den Rest der Welt geschlossen. Bitter, daß heute ein ehemaliger DDR-Funktionär kommen muß, um an den Sachverhalt zu erinnern; obendrein in einem Verlag, – der edition ost – der von ehemaligen MfS- und KoKo-Mitarbeitern geführt wird und in dem nicht wenige frühere Nomenklaturkader ihre Bücher herausbringen.
Bei den Verhandlungen um die Stopfung des Asylschlupfloches Schönefeld hörte die Stasi unter anderem ein Gespräch zwischen den Unterhändlern West: Thomas Gundelach, einst Sekretär bei Kanzleramtsminister Jenninger und Ost: Wolfgang Andrä, Vertrauter von KoKo-Chef Schalck-Golodkowski ab. Auf die Forderung Gundelachs, endlich die Transitreisenden zurückzuweisen, stellte Andrä die Gegenforderung, dafür Waren zu liefern, die auf der Embargoliste des Westens stünden –  vor allem Hochtechnologien, zum Beispiel von Siemens. Gundelach sah darin kein Problem und sagte mit den Worten zu, schließlich habe man solche Wünsche auch schon für die Sowjetunion und Bulgarien erfüllt. Das Tonband des MfS über dieses Gespräch liegt samt Abschrift heute in der Gauck-Behörde, wo es Nitz abhören konnte.
Dieses Dokument führt mitten in die innenpolitischen Diskussionen der letzten Monate um Kohls Stasiakten und die Abhörprotokolle von Westpolitikern. Daß die Betroffenen sie weggesperrt sehen wollen, kann nach dem bekanntgewordenen Inhalt nicht mehr verwundern. Problematisch ist, daß auch die Gauck-Birthler-Behörde diese Tonbänder und ihre Wortlautprotokolle nicht mehr herausgibt. Dabei stellt sich im Sinne der Demokratie genau die gegensätzliche Frage: Müßten die Protokolle nicht gerade deshalb veröffentlicht werden, weil sie eben ein fragwürdiges Zusammenwirken von West- und Osteliten bezeugen? Stammen die unbekannten Spenden an die CDU doch von Siemens, als Dank dafür, daß die Firma High-Tech-Produkte an die DDR liefern konnte ?, wie es unter anderen der ehemalige Bevollmächtigte der CDU, Uwe Lüthje, ausgesagt hatte, was aber sowohl von Kohl als auch von Siemens heftig bestritten wird. Und warum haben MfS und SED diese Abhörprotokolle niemals selber etwa gegen die CDU oder die Kohl-Regierung verwendet? Weil man einen Geschäftspartner nicht schädigen konnte und wollte? Weil man selber von den illegalen Finanzpraktiken im Westen profitierte ?
Mit einem der deutsch-deutschen Unterhändler, die mitunter wohl eher Oberhändler waren, beschäftigt sich Nitz besonders: der SED-Größe Herbert Häber, der 1984 ins Politbüro aufstieg. Bis zu seinem politischen Absturz nur ein Jahr später leitete Häber die Westabteilung des Zentralkomitees der SED und war der eigentliche politische Kontaktmann der DDR in Bonn. Während einer Besuchswoche in der Bundeshauptstadt traf er beispielsweise mehr als ein Dutzend Politiker von CDU, CSU, SPD, FDP und Grünen. Von den Gesprächen fertigte er umfangreiche Protokolle an, die zum Teil allerdings verschwunden sind. Die übriggebliebenen wurden 1999 als »Die Häber-Protokolle« veröffentlicht. Laut Nitz trieb Häber diejenigen Projekte voran, die irgendwann in eine deutsch-deutsche Konföderation hätten münden können – die deutsch-deutsche Bank in Zürich oder das »Länderspiel«-Projekt der gegenseitigen völkerrechtlichen Anerkennung. Ob Häber kaltgestellt und schließlich psychiatrisiert wurde, weil er das Opfer derjenigen Kräfte wurde, – in Moskau, aber auch in Ostberlin und sogar in München – die kein Interesse an der Änderung des Status‘ Quo in Deutschland hatten, wie Nitz es sieht, mag die Historiker noch beschäftigen. Nitz zählt Häber jedenfalls zu den Protagonisten einer Humanisierung und Überwindung der Mauer, im Gegensatz zu deren Verteidigern. Das berliner Landgericht, vor dem Häber mit zwei anderen im Frühjahr 2000 im dritten Politbüro-Prozeß wegen der Toten an der innerdeutschen Grenze angeklagt war, hat das genauso gesehen, schrieb ihm diese Politik gut und sprach ihn deshalb frei. In dem Verfahren läuft zur Zeit die Revision der Staatsanwaltschaft. Die Herausgabe des Buches von Jürgen Nitz verschob sich um über ein Jahr, weil er diesen Prozeß hatte abwarten wollen. Außerdem habe er bei seinen Nachforschungen noch weitere DDR-interne Dokumente zum Fall Häber gefunden, erklärt Nitz; Kaderakten und Stasi-Akten, die die Intrigen gegen ihn belegten.
Nitz begreift sich in der Tradition von Häbers Deutschlandpolitik. Das ist die Motivation seiner Veröffentlichungen. Zitat: »Ich bin unverändert der Überzeugung, daß unsere Überlegungen aus den frühen 80er Jahren einen besseren, weniger schmerzhaften Weg zur deutschen Einheit eröffnet hätten als jenen, der dann tatsächlich beschritten wurde, jene 90er Sturzgeburt, an deren Folgen wir alle noch immer tragen. Diese Überlegungen hatten zum Ziel, die Mauer durchlässiger zu machen und sukzessive beide deutschen Staaten in eine Konföderation zu führen.« Das nicht unwesentliche Nebenprodukt dieser Konzeption, der interessierte Hintergrund sozusagen, wäre das Überleben der DDR-Nomenklatura gewesen. Eine Konföderation hätte die DDR erhalten und damit ihrer Elite das, was ihr durch den Umsturz genommen wurde. Und natürlich auch die eingeübten deutsch-deutschen Geschäftsgrundlagen. An diesem Punkt leistet sich auch Nitz seine Beschönigungen: wenn er von der historischen Berechtigung des Experimentes DDR spricht; von den Menschenrechten auf Arbeit, Bildung, Kultur oder Gleichberechtigung, die die DDR garantiert habe; oder von den beschriebenen deutsch-deutschen Kontakten, die für Deutsche in den beiden Deutschländern Frieden und Wohlfahrt gesichert hätten. Die Konzeption der Konföderation deckt sich, bei allen Differenzen, übrigens mit den Darstellungen Schalck-Golodkowskis. Der berichtet ebenfalls von solchen Überlegungen, auch auf westdeutscher Seite. Vielleicht erklärt das, warum Kanzler Kohl noch Ende November 1989, zwei Wochen nach dem Fall der Mauer, in seiner Regierungserklärung vor dem Bundestag aufgrund der Entwicklungen in der DDR überraschenderweise nicht von der Einheit Deutschlands oder der Wiedervereinigung sprach, sondern nur von einer möglichen Konföderation zwischen beiden Staaten.
»Wozu sind Unterhändler da ?«, fragt der Unterhändler Nitz in seinem Buch über die Unterhändler zwischen Berlin und Bonn. Seine Antwort ist so normal wie langweilig und steht im Gegensatz zu seinen sonstigen Offenbarungen: Unterhändler sorgten für Ausgleich, griffen ein, wenn es offiziell nicht vorangehe, würden die eine Seite vertreten, aber auch die andere mitbedenken. Das Bild der deutsch-deutschen Symbiose legt dagegen eine andere Funktion nahe: Die Unterhändler füllten die Lücke, die sich aus dem Widerspruch zwischen offizieller politischer Rhetorik diesseits und jenseits der Grenze und den tatsächlichen gemeinsamen materiellen Interessen ergab. Im Dokumentenanhang von Nitz‘ Buch findet sich übrigens die Abschrift eines Gespräches zwischen Kiep und Häber, in dem der CDU-Schatzmeister und -Präside genau das erklärt. Man rede über die Ostpolitik der SPD öffentlich anders, weil man wieder in die Regierung wolle, tatsächlich sehe man dazu keine Alternative, versicherte Kiep dem SED-Vertreter.
Öffentlich anders reden als handeln – das waren die zwei Seiten der deutsch-deutschen Medaille. Und das führt zu den Hintergründen, warum die geheimen Kontakte über die Grenze hinweg heute verschwiegen werden müssen und warum die gemeinsamen Geschäfte nach 1989 mit einem Tabu belegt werden. Durch den Umsturz in der DDR wurde einer der Geschäftspartner diskreditiert, der östliche, damit aber gleichzeitig das ganze Geschäft an sich und also auch der andere Partner, der westliche. Das ist die einfache Logik. Das Ende der DDR hat zu einem sogenannten Paradigmenwechsel in der Beurteilung der DDR-Eliten geführt, was auch auf die BRD-Eliten abstrahlen muß.  Man kann nicht die DDR als Diktatur bezeichnen, ohne sich fragen zu lassen, warum man so intensiv mit den Diktatoren dealte. Wie will man erklären, daß Schalck-Golodkowski und die KoKo-Firmen seit langem gute Bekannte waren, während die DDR-Bevölkerung erst in den Wendemonaten 1989 davon erfuhr? Wie konnte man der Außerparlamentarischen Opposition und später in den 80ern der Friedensbewegung vorwerfen, kommunistisch gesteuert zu sein, während man sich selber mit den SED-Kommunisten im Geheimen traf ? Und vor allem: wie will man sich nach all dem weiterhin als Urheber der Einheit inszenieren ?
»Deutsch-deutsche Erinnerungen« nennt Schalck-Golodkowski sein Handeln als DDR-Vertreter. Bei Jürgen Nitz liest man ein ähnliches Fazit: »Die DDR-Geschichte war nicht nur das Produkt der DDR-Deutschen. Die Westdeutschen hatten daran auch ihren Anteil.« Und wenn DDR-Geschichte immer auch eine deutsch-deutsche war, dann gilt das für die Geschichte der Bundesrepublik genauso. Dieser Paradigmenwechsel steht noch aus.

 

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