HEFT 01/2002 | Editorial | SEITE 81

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Die Revolution vom Herbst ‘89 hat nicht nur die eine von den Medien kreierte Mutter, sondern viele Eltern. Und eine Reihe von Großeltern obendrein. Ich meine damit all jene, die sich in den fünfziger und sechziger Jahren für freiheitlichere Verhältnisse im Lande engagiert oder sich zumindest der allgegenwärtig Bevormundung widersetzt haben, im Herbst ‘89 aber, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht mehr aktiv wurden. Um sie geht es im Hauptteil dieses Heftes, das einigen lange Zeit nachwirkenden Entwicklungen in den Jahren von 1958 bis 1968 gewidmet ist, den Jahren zwischen den Prozessen gegen die 56er und der Intervention in der ČSSR vom 21. August 1968. Es war das Jahrzehnt, in dem begonnen wurde, den leninistisch-stalinistischen Beton aufzusprengen, in den die Gesellschaft eingegossen war – ein Projekt, das nicht nur von unten, sondern zeitweise in gewissem Maße auch von oben betrieben wurde. Es war auch das Jahrzehnt, in dem nicht wenige ProtagonistInnen des 89er Herbstes zu ersten politischen Konflikterfahrungen kamen. Auch davon ist im Hauptteil dieses Heftes die Rede. Von weiteren Aspekten ihrer Geschichte, die partiell mit der der DDR-68er identisch ist, handelt der Beitrag in der "Themen"-Rubrik, die gleichsam als chronologische Fortsetzung des Hauptteils verstanden werden kann.

Wie zumindest ein Teil, ein durchaus namhafter Teil dieser ProtagonistInnen zu jener Gesellschaft steht, in der wir heute leben, zeigt die in der Rubrik "Schauplätze" abgedruckte Erklärung "Wir haben es satt". Aus gegebenem Anlaß haben wir noch nach Redaktionsschluß eingetroffene aktuelle Materialien zum Thema "Stasiunterlagen-Gesetz" einbezogen.

Mein Dank für Hinweise, die bei der Zusammenstellung dieses Heftes hilfreich waren, gilt Herrn Gustav Just (Prenden) und insbesondere Herrn Günter Feist (Berlin).

Im Namen der Redaktion
Erhard Weinholz

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