HEFT 02/2002 | Zivilcourage in Ost und West | SEITE 90

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

mit diesem Heft gibt es "Horch und Guck" zehn Jahrelang. In diesen zehn Jahren gab es einen Fortschritt zu verzeichnen: Zivilcourage ist heute ein Begriff, der in aller Munde ist. Der couragierte Einsatz für bedrohte und verfolgte Menschen gilt als lobenswerte Tugend. Langsam aber sichtbar zerfällt jene grenz-, system- und epochenüberschreitende – nicht nur deutsche – Auffassung, jeder wäre immer und überall "natürlich" Mitläufer oder gar Mittäter gewesen. Natürlich führen wir diese Entwicklung nicht allein auf unser Blatt zurück. Stolz sind wir trotzdem. Was aber ist eigentlich Zivilcourage? Wer sind die Antipoden der Untertanen? Was macht sie zu Gerechten? Was ist die Quelle ihrer Handlungsfähigkeit? Braucht man Zivilcourage auch unter Bedingungen der Demokratie? Die Autoren unseres Schwerpunktes "Zivilcourage" geben verschiedene Antworten: Wolfgang Kraushaar plädiert für eine Geschichtsschreibung des Dissenses in Ost und West, unterscheidet aber zwischen "Zivilcourage" und "zivilem Ungehorsam". Torsten Moritz meint, Zivilcourage sei, wenn man sich nicht verbiegen lassen wollte, in der DDR "alternativlos" gewesen. Matthias Kluge ergänzt, ohne die Existenz eines Wertesystems, das der Ideologie der SED entgegenstand, hätte es den Versuch der Einmischung in die eigene Angelegenheiten nicht gegeben. Theodor Ebert sieht – bei allen Unterschieden – eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen Zivilcouragierten Ost und West: Sie mussten innere Hemmungen überwinden. Ursula Plog dagegen berichtet, wie sehr sich 68er (West) beim ersten Zusammentreffen mit Bürgerrechtlern (Ost) 1990 schämten. Sie konnten ihr eigenes Handeln plötzlich nicht mehr mit dem Begriff der Zivilcourage beschreiben. Esther Dischereit porträtiert einen Freund, der nicht mehr über die Nazizeit lügen wollte; Martin Jander schildert die Biographie des Shoah-Überlebenden Rudolf Schottlaender, der seine Widerständigkeit, mit der er nach 1945 in Ost und West mehr als nur Schwierigkeiten bekam, aus der antiken Philosophie bezog. Der Chor der Antworten wird noch verwirrender, bezieht man alle anderen Beiträge mit ein, die "Horch und Guck" diesmal zu bieten hat. Vielleicht ist Zivilcourage letztlich gar nicht erklärbar? Es ist vor allem wichtig, dass es sie gibt.

Im Namen der Redaktion
Martin Jander

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