Heft 38/2002 | zivilcourage in ost und west | Seite 7 - 11

Matthias Kluge

Institutionalisierte Zivilcourage.

Das Fallbeispiel Königswalde/Sachsen

Was sind die Voraussetzungen und Bedingungen, unter denen sich Akte von Zivilcourage ereignen? Ich kann diese Fragestellung hier nicht erschöpfend behandeln, will nur kurz auf fünf mir wesentlich erscheinende Bedingungen hinweisen.
Erstens: es müssen kritikwürdige Zustände vorliegen. Zweitens: innerhalb dieser Verhältnisse müssen Zeitgenossen existieren, die über ein eigenes, ausgeprägt ethisches Wertesystem verfügen. Drittens: zwischen den Verhältnissen und den normativen Ansprüchen der Zeitgenossen mit ausgeprägt ethischem Wertesystem muss eine Spannung bestehen. Viertens: der potentielle Akteur muß darüber hinaus das Vermögen mitbringen, die defizitären, änderungsbedürftigen Zustände als solche zu erkennen. Fünftens: schließlich muß er sich zur Bereitschaft durchringen, (möglicherweise unter Inkaufnahme eigener Nachteile) auf eine Überwindung der von ihm kritisierten Verhältnisse hinzuarbeiten. Zumindest im Hinblick auf die ostdeutsche Oppositionsgeschichte scheint es mir nicht zu den Voraussetzungen von Zivilcourage zu gehören, daß der Kritiker bereits über eine fertige, in sich abgeschlossene Vorstellung einer Alternative zu der von ihm kritisierten Gegenwart verfügt.1
Mit der Aufzählung solcher Bedingungen habe ich nur auf die Voraussetzungen für das Auftreten von Zivilcourage aufmerksam gemacht; für die spätestens seit 1989/90 durchweg kontrovers diskutierte Frage, wie sich denn das Spektrum nonkonformen Verhaltens plausibel systematisieren läßt2, bringen diese Anmerkungen noch keinen weitergehenden Erkenntnisgewinn.3 Die Vielzahl der verschiedenen Formen nonkonformen Verhaltens ist bislang eher ungenügend erforscht. Angesichts dieser Tatsache hätte man annehmen dürfen, daß die DDR-Forschung zunächst in empirischen Studien eine Fülle von einzelnen, konkreten Erscheinungsformen von Zivilcourage und ihre strukturelle Einbettung untersucht und erst danach beginnt, verallgemeinernde Schlußfolgerungen zu ziehen und generalisierende Thesen aufzustellen. Tatsächlich wurde jedoch genau umgekehrt vorgegangen: Am Beginn der 1990er Jahre standen große – Detailuntersuchungen vorwegnehmende –  Gesamteinschätzungen; genaue Fallstudien liegen erst aus den darauf folgenden Jahren vor.4 Die nun mehr und mehr vorliegenden Betrachtungen konkret abgegrenzter Phänomene haben die großen Linien der bisherigen generellen Darstellungen grundsätzlich bestätigt, sie lassen das Gesamtbild jedoch zunehmend facettenreicher und bunter erscheinen. Die hier nachfolgenden Ausführungen über das Christliche Friedensseminar Königswalde bei Werdau verstehen sich in diesem Sinne als eine solche Fallstudie.

Hansjörg Weigel
Besonders im Kontext der verschieden Formen von Zivilcourage im Rahmen der DDR-Oppositionsgeschichte ist auf die stets wiederkehrende Frage zu verweisen, welchen Einfluß einzelne Persönlichkeiten auf einen geschichtlichen Ereignisverlauf haben. Ohne hier eine abschließende Klärung dieser generellen Kontroverse vorlegen zu können, will ich lediglich festgehalten, daß das Hervortreten exponierter Handlungsträger zumeist das vorherige Heranreifen eines entsprechenden gesellschaftlichen Klimas voraussetzt.
Der spiritus rector, der geistige Vater des Christlichen Friedensseminars Königswalde ist Hansjörg Weigel, ein in dem Dorf Königswalde wohnhafter und in Werdau als Kfz-Elektriker beschäftigter engagierter evangelischer »Laie«. Seine Vita ist u.a. deshalb interessant, weil sie in vielfacher Hinsicht symptomatisch für die Generation derer zu sein scheint, die man unter der Rubrik der »ostdeutschen Achtundsechziger« zusammenfassen könnte. Prägend für seine ganze Biographie und für den Prozeß seiner politischen Sozialisation ist seine permanente Auseinandersetzung mit seinem Vater, der über lange Jahre hinweg, auch unter dem NS-Regime, Gefängnisaufseher in Chemnitz war (und dort u.a. Ernst Thälmann bewachte). Nach Kriegsende erlebt der junge, 1943 geborene Weigel in seinem Elternhaus eine Aversion sowohl gegen den (inzwischen überstandenen) Nationalsozialismus als auch gegen die östliche Besatzungsmacht, von der sein Vater vorübergehend »abgeholt« wird. Das äußert sich etwa in der an seine Mutter gerichteten Frage: »Mam, ist der Hitler ein Rus‘?«.5
Ganz dem Geist der neuen Zeit verhaftet, wird der Jugendliche zunächst ein engagierter FDJ’ler und gar zum Schießausbilder bei der örtlichen GST. Seine Freundin und spätere Ehefrau führt ihn in die Kreise der örtlichen kirchlichen Jugendgruppe ein, wo er in der Person des Ortspfarrers einen neuen geistigen und geistlichen Bezugspunkt findet, der ihn radikal umdenken und schließlich zu einem engagierten evangelischen Laienchristen werden läßt. Aus dem begeisterten Parteigänger, der sich 1961 nach dem Mauerbau freiwillig als Grenzsoldat melden wollte, wird nun ein Kritiker der Remilitarisierung in Ost- und Westdeutschland, der nach Einführung der Wehrpflicht den Waffendienst ablehnt und schließlich im Mai 1966 seinen Wehrersatzdienst in den Baueinheiten der NVA antritt.
Die Kompanien der Bausoldaten, eine »legale Konzentration feindlich-negativer Kräfte« 6 in der NVA, werden für viele Nonkonforme zu ihrer eigentlichen Universität. Hier treffen aufgeweckte Geister unterschiedlichster geistiger Coleur aufeinander und profilieren sich in permanenter Diskussion, hier findet ein reger Austausch begehrter Bücher statt7, hier wird der Stumpfsinn des militärischen Alltags gemeinsam erlitten, der letztlich niemand in der Verfassung heimkehren läßt, in der er einberufen wurde. Weigel begreift, daß er aus seiner christlichen Mitverantwortung für die Schöpfung und die Gesellschaft nicht mit dem Tag seiner Entlassung aus der NVA ausscheidet. Seine der Gewaltfreiheit verpflichtete Ethik manifestiert sich schließlich in seiner Grundüberzeugung: »Bausoldat ist man lebenslänglich!«. Nach seiner Rückkehr im Herbst 1967 schlägt ein erster Versuch fehl, gediente Bausoldaten wieder zusammenzurufen: Von 90 versendeten Einladungen zu einem Treffen kommt lediglich eine Rückmeldung. Weigel erinnert sich: »Da habe ich begriffen, daß Basisarbeit gemacht werden muß!«.8
Prägende Zäsuren im Folgejahr sind für ihn die Sprengung der Leipziger Universitätskirche St. Pauli am 30.05. 1968 und die militärische Niederschlagung des Prager Frühlings in der Nacht vom 20. zum 21.08.1968. Für die Generation der ostdeutschen Achtundsechziger haben diese Ereignisse ungefähr den Stellenwert, der mit Stichworten wie Vietnamkrieg, APO usw für die westlichen Achtundsechziger hier nur angedeutet werden kann; eine Ausnahme in dieser unterschiedlichen Perzeption scheint hingegen die Ermordung Dr. Martin Luther Kings am 04.04.-1968 zu bilden, die hier wie da gleichermaßen Betroffenheit auslöste.

Friedensseminare in Königswalde
Weigel intensiviert seine innerkirchliche Jugendarbeit und räumt dabei friedensethischen Fragestellungen einen zunehmend breiteren Raum ein. Das erste Königswalder Friedensseminar vom 19.05.1973 erscheint somit weniger als ein Novum als vielmehr als Ergebnis eines längeren Entwicklungsprozesses. An diesem Treffen im Gemeindesaal des örtlichen Pfarrhauses nehmen 28 Interessierte teil. In den Folgejahren steigt der Besucherzustrom derart an, daß die Seminare (ab Mai 1979 Wochenend-Tagungen) nach fünf Jahren in die Ortskirche verlegt werden müssen, deren räumliche Aufnahmekapazität sich jedoch auch bald als überfordert erweisen sollte.9 So bürgert sich die Praxis ein, im Umfeld der Dorfkirche noch eine ganze Anzahl kleinerer und größerer Zelte aufzubauen, um den Andrang zu den im halbjährlichen Rhytmus abgehaltenen Zusammenkünften noch bewältigen zu können. Jedes dieser Wochenend-Seminare steht unter einem vorab festgelegten Thema. Der letztlich über Jahrzehnte hinweg beibehaltene Ablauf sieht so aus, daß am frühen Nachmittag zunächst ein eingeladener Referent, zumeist ein ausgewiesener Experte für die vorgegebene Problematik, ein Referat hält, das Thema nach einer Kaffeepause in Gruppenarbeit weiter diskutiert wird und der Samstag abends mit einem kulturellen Programm, zumeist einem Podium der sog. kulturellen Gegenöffentlichkeit, ausklingt. Der Sonntagvormittag ist stets einem großen, grundsätzlich ökumenischen Abschlußgottesdienst vorbehalten.
Allein schon der hier skizzierte Zustrom und der Tagungsablauf machen deutlich, daß Vorbereitung und Durchführung solcher Zusammenkünfte einen ganz erheblichen Arbeitsaufwand mit sich bringen, der von einer Person allein niemals zu bewältigen gewesen wäre. Weigel bezieht einen ganzen Kreis von Mitarbeitern derart geschickt mit ein, daß er selber weitgehend im Hintergrund bleiben kann. Ihm geht es stets um Sachanliegen, nie um persönliche Profilierung. Er will eine kollektiv getragene Basisarbeit, die auch nach dem möglichen Ausfall einer Person (mit der Möglichkeit seiner Inhaftierung rechnet er längst) weitergeht. Weigel entwickelt eine geradezu panische Angst vor jedem möglichen Ansatz einer Stilisierung seiner Person und weicht dem immer wieder geschickt aus.
War es Weigels ursprüngliche Absicht, unter jungen Wehrpflichtigen eine Sensibilisierung zur Frage nach Sinn oder Unsinn des Wehrdienstes im Atomzeitalter aus christlicher Sicht zu erzeugen, so geht die thematische Bandbreite der Friedensseminare schon recht bald deutlich darüber hinaus. Nach 1975 wird zum Beispiel in der Folge der KSZE-Abschlußdokumente nach dem Stand der Menschenrechte in der DDR und ihrer Einklagbarkeit gefragt.10 Aber auch ökologische Fragestellungen lassen sich schon recht früh nachweisen. 11

Staatsmacht und Friedensseminare
Es ist naheliegend, daß die Staatsmacht die in Königswalde geleistete Basisarbeit mißtrauisch verfolgte und verdeckt und offen bekämpfte. Ein totalitäres Regime mit einem so umfassenden Verfügungsanspruch über sein Staatsvolk kann gar nicht anders, als diesem Podium einer sich zunehmend emanzipierenenden Gegenöffentlichkeit eine unzulässige Überschreitung des kultischen Freiraums zu sehen, der den Kirchen staatlicherseits generös zugestanden wurde. Der älteste derzeit vorliegende Spitzelbericht berichtet über das Herbstseminar vom Oktober 1977.12 Die schriftliche Überlieferung des MfS belegt, daß ab 1978 eine stetig steigende Anzahl von Spitzeln (verschiedener Kreisdienststellen und der Bezirksveraltung Karl-Marx-Stadt selbst) ganz gezielt auf diese Seminararbeit angesetzt wird. Die Bearbeitung Hansjörg Weigels und seiner Mitarbeiter wird zunehmend in Operativen Vorgängen und Operativen Personenkontrollen qualifiziert.13 Auch unverhüllte Drohungen bei offiziellen Vorladungen Weigels, z.B. zum örtlichen Rat des Kreises am 06.12.1979, hatten die Weiterführung der Königswalder Friedensarbeit nicht verhindern können.
Schließlich wird Weigel nach dem Mai-Seminar 1980 (nach Abreise aller ausländischen Tagungsteilnehmer) unter einem Vorwand verhaftet. Welche Gründe letztlich für die Wahl dieses Zeitpunktes ausschlaggebend waren, läßt sich derzeit noch nicht abschließend klären. Fest steht, daß im benachbarten Zwickau Abschriften einiger Texte von Reiner Kunze und Jürgen Fuchs kursierten, die sich zum Teil auf Weigel zurückführen ließen. Damit war endlich der lange gesuchte Straftatbestand (»staatsfeindliche Hetze« 14 ) gefunden; ab Februar/März 1980 brauchte nur noch der Zeitpunkt der Verhaftung festgelegt werden. In der Nacht 09./10.03.1980 hatte der Einzeltäter Josef Kneifel in Karl-Marx-Stadt einen dilettantischen Sprengstoffanschlag auf ein sowjetisches Panzer-Ehrenmal verübt. Angesichts der Tatsache, plötzlich mit einem unbekannten, aber gewaltbereiten Widersacher konfrontiert zu sein, muß die zuständige MfS-BV hochgradig nervös gewesen sein.
Hinzu kam, daß im Mai 1980 in Karl-Marx-Stadt eine Propaganda-Schau stattfand. Zum »V. Festival der Freundschaft« wurden insgesamt 150.000 FDJler und Komsomolzen aufgeboten. Auch Honecker selbst würde die Stadt besuchen, der fieberhaft gesuchte Attentäter vom März lief noch immer frei und unerkannt herum, plante er nun eventuell einen Anschlag auf den Staatschef? Am 08.05.1980 wird Hansjörg Weigels Freund, der Binzer Rechtsanwalt Wolfgang Schnur, von seinem Führungsoffizier gefragt, wer denn seiner Ansicht nach hinter diesem Anschlag stecken könne.15 In einem auf Tonband gesprochenen IM-Bericht für die BV Rostock vom 18. 05. 1980 versteigert sich Schnur zu der infamen Verdächtigung, für diesen Anschlag auf ein Symbol des Militarismus kämen wohl auch militante Pazifisten, speziell der Königswalder Kreis, in Frage.16
Zwei Tage nach Schnurs Diffamierung, am 20. 05. 1980, wird Weigel verhaftet; Schnur übernimmt dessen Verteidigung (und versichert dessen Ehefrau stets seine aufrichtige Anteilnahme). Zu einer mehrjährigen Haftstrafe kommt es aber dennoch nicht; Weigel wird am 06.08.1980 auf Bewährung aus der Haft entlassen. Die Gründe dafür sind wiederum vielfältiger Natur und hinsichtlich ihrer Bewertung noch nicht abschließend gewichtet. Fest steht (erstens), daß das MfS offenbar nicht wußte, daß Weigel über eine offizielle Legitimation des sächsischen Landeskirchenamtes zur Seelsorge an Wehrpflichtigen, Bausoldaten und Wehrdienstverweigerern verfügte, die zwar keinerlei Rechtskraft besaß, den Inhaber aber dezidiert als kirchlichen Mitarbeiter auswies.
Fest steht (zweitens), daß das MfS offenbar nicht eine derart massive und »öffentlichkeitswirksame« Intervention der Amtskirche für Weigel erwartet hatte; schließlich war die Meldung über diese Inhaftierung auch in einigen der großen Tageszeitungen der Bundesrepublik verbreitet worden.17 Der dritte und ausschlaggebende Grund für Mielkes Einlenken wird wohl darin bestanden haben, daß sich die DDR-Führung im Vorfeld des erhofften DDR-Besuches von Bundeskanzler Schmidt keine unnötige Belastung der deutsch-deutschen Beziehungen leisten wollte.18

Vom »Friedensdienst« zur »Bürgerrechtsbewegung«
Die Folgejahre bringen in den friedensbewegten Kreisen und der sich ansatzweise konstituierenden Bürgerrechtsbewegung des Landes eine Phase der Resignation und Enttäuschung, die sich an Eckpunkten wie etwa dem drakonischen Verbot des Aufnähers »Schwerter zu Pflugscharen« und dem Vollzug von Nach- und Nach-Nachrüstung festmachen läßt und in eine erste große Ausreisewelle mündet. Königswalde ringt um den langen Atem für die »Mühen der Ebene«, bleibt aber durchweg ein Anlaufpunkt und ein Podium des Austauschs unterschiedlichster Gruppen. Die Themen der Friedensseminare greifen unmittelbar anstehende Themen wie etwa das Lutherjahr19 oder 1985 den vierzigsten Jahrestag des Kriegsendes auf.20
Im Kontext der vielerorts entstehenden Bürgerechtsgruppen verliert Königswalde seine Ausnahmestellung, die es insbesondere bis Ende der siebziger Jahre innehatte. Die Königswalder Akteure hatten sich immer ganz dezidiert als innerkirchliches Gremium verstanden, hatten Kontakt und Verständigung nach allen Seiten hin (auch gegenüber staatlichen Instanzen) gesucht. Die jüngeren Zusammenschlüsse treten in ihren Forderungen radikaler auf und emanzipieren sich zunehmend von dem bislang als schützend empfundenen »Dach« der evangelischen Amtskirche. Der bis in die siebziger Jahre im innerkirchlichen Sprachgebrauch verwendete Terminus »Friedensdienst« verschwindet ganz und das Thema »Friedensarbeit« wird mehr und mehr überlagert von ökologischen Fragen, der Ausreiser-Problematik und der offensiven Einforderung formal garantierter Grundrechte. Hat sich Königswalde überlebt?
Die langfristige Unhaltbarkeit der immer deutlicher zutage tretenden gesellschaftlichen Agonie bleibt selbstverständlich auch Weigel und seinem Mitarbeiterkreis nicht verborgen. Seine noch für Jahresbeginn 1989 belegte Überzeugung, wonach der Geist und die Anliegen des Konziliaren Prozesses für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung institutionell besser verankert werden müssen, um ihnen mehr politisches Gewicht zu verleihen, entwickelt sich in den Folgemonaten mehr und mehr dahin, daß er eine Parteigründung als Vertretung der o.g. Interessen für angemessen hält. Am 22.07.1989 werden auf einer konspirativen Sitzung in Weigels Gartengrundstück von einem ausgewählten kleinen Personenkreis die Modalitäten einer förmlichen Parteigründung und deren inhaltlichen Schwerpunkte erörtert. Das Projekt wird vom weiteren Gang der Ereignisse überholt (Gründung des Neuen Forums, der SDP u.a.m.); die Initiative scheitert.
Interessant ist dieses Vorhaben dennoch, und zwar u.a. unter folgender Fragestellung: Zwei der vier beteiligten Akteure waren exponierte IM des MfS. Wäre das Vorhaben geglückt, wäre es dem alten Regime wiederum gelungen, ihr ergebene Exponenten an die Spitze einer neuen politischen Kraft zu lancieren. Hier scheint sich also genau das Muster wiederzufinden, das ebenfalls bei anderen Zusammenschlüssen und Parteien der Bürgerrechtsbewegung erprobt wurde. Wolfgang Schnur, der auf dem Weg über Weigel nicht zum Zuge kam, wurde schließlich Vorsitzender des Demokratischen Aufbruchs. Bei der SDP stand mit Ibrahim Böhme ein Mann des MfS an der Parteispitze; parallele Beispiele bietet nahezu das gesamt Parteienspektrum der DDR der Aufbruchsphase von 1989/90.21
Das Herbst-Friedensseminar war ausgerechnet für das Wochenende 07./08.10.1989 angesetzt worden. Die Tonbandmitschnitte der Referate des (heutigen sächsischen Landesbischofs) Volker Kreß und von CFK-Generalsekretär Carl Ordnung unter dem vorgegebenen Thema: »40 Jahre DDR: was war – was ist – was hätte sein können?« liefern eine wertvolle Momentaufnahme aus den Stunden, in denen Königswalde einen Massenandrang wie seit Jahren nicht mehr erlebte und nahezu jeder der anreisenden Gäste neue Meldungen über Demonstrationen und brutale Polizeieinsätze mitbrachte. Trotz aller Aufregung kommt es in Königswalde zu keinen »öffentlichkeitswirksamen Demonstrativhandlungen«, wie etwa vom MfS befürchtet; man verharrt im tradierten Schema des Tagungsablaufs. Das heißt freilich nicht, daß Hansjörg Weigel die über lange Jahre hinweg bewährte Organisationsform als das non plus ultra betrachtet hätte. Die Wochenend-Tagungen waren für ihn nie das einzig Vorstellbare und die Seminare sollten nicht stillschweigend zum Selbstzweck degenerieren. Ein von Weigel beabsichtigter Hauskauf, um darin eine Art Friedenszentrum einzurichten, war vom MfS immer wieder verhindert worden. Die den Prozeß der Tagungen der Ökumenischen Versammlung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung begleitenden »Königswalder Konzile« blieben auf die Jahre 1987 bis 1990 beschränkt.

Bausoldaten und Zivilcourage
Die Beschäftigung mit der Geschichte des Christlichen Friedensseminars Königswalde und der Vita des Begründers erweist sich in vielerlei Hinsicht als gewinnversprechend:
1.) Die Biographie Hansjörg Weigels ist ein plastischer Ausdruck der politischen Sozialisation der Generation der ostdeutschen Achtundsechziger mit all ihren typischen Zäsuren (Konflikt mit der Väter-Generation, Prägung durch die Ereignisse des Jahres 1968 usw).
2.) Die Thematisierung markanter Beispiele wie des hier skizzierten als Ausdruck manifestierter Zivilcourage tragen dazu bei, den letztlich noch immer allzu berlinzentrierten Blick der DDR-Forschung allgemein wie der ostdeutschen Oppositionsforschung im besonderen endgültig zu überwinden.
3.) Nahezu sämtlich Überblicksdarstellungen zur DDR-Geschichte erwecken den Eindruck, die ostdeutsche Friedensbewegung sei erst als Reflex auf die Einführung des Pflichtschulfaches Wehrkunde 1978 ff entstanden. Richtig ist hingegen, daß mit 1978/79 sehr wohl ein quantitativer Entwicklungssprung eintrat. Diese Entwicklung kam aber nicht von ungefähr und keineswegs aus dem Nichts.
4.) Eine genauere Betrachtung belegt vielmehr den Befund, daß die Träger nonkonformen und widerständigen Verhaltens in den siebziger und achtziger Jahren in aller Regel ehemalige Bausoldaten waren und sich somit eine durchgehende Kontinuität von den sechziger Jahren bis zum Kollaps des Regimes von 1989 nachzeichnen läßt. Dieser These liegt übrigens keineswegs ein verengter Blick auf Männer als ausschließliche Handlungsträger der Geschichte zugrunde. Richtig ist vielmehr, daß die Auseinandersetzung mit der Wehrpflichtproblematik und den damit oftmals verbundenen Gewissensnöten stets beide Ehepartner betroffen hat und von beiden durchlitten wurden.
5.) An Königswalde lassen sich ferner ganz exemplarisch Stärken und Schwächen der ostdeutschen Opposition ablesen. Das retrospektiv glorifizierte Ideal war der Prager Frühling, der »Sozialismus mit menschlichem Antlitz«. Er bezeichnet eine politische Leitidee, gleichzeitig aber auch den Horizont des Vorstellbaren. Handlungsansporn im Herbst 1989 war die Idee einer tatsächlich demokratischen DDR. Ab dem Moment, wo die Forderung nach einer deutschen Wiedervereinigung massenwirksam auftrat, war die bisherige DDR-Opposition insgesamt wie auch Königswalde speziell politisch überfordert und vom Zug der Zeit überholt. Bei einem letzten hier anzuführenden Punkt bleibt die Frage offen, ob er eher den Stärken oder den Schwächen zuzurechnen ist: Es ist das überaus gespaltene Verhältnis von Menschen wie Hansjörg Weigel zur politischen Macht.
6.) Die Betrachtung Königswaldes ist ein erster Schritt hin zur Untersuchung des strukturellen Netzes institutionalisierter Zivilcourage. Hier ist daran zu erinnern, daß zu anderen sächsischen Friedensseminaren (z.B. zum Friedensseminar Meißen oder dem staatsnahen, von der CFK getragenen Friedensseminar Königswartha) quellengestützte Gesamtdarstellungen noch immer ausstehen. Dies gilt sinngemäß ebenso für das gesamte Gebiet der DDR (verwiesen sei hier etwa auf das Friedensseminar Naumburg und ähnliche Initiativen im Raum Rostock).
Das Christliche Friedensseminar Königswalde hatte sich etabliert als ein Podium der Gegenöffentlichkeit unter den Bedingungen diktatorischer Verhältnisse. Das Friedensseminar hatte eine Ersatzfunktion wahrgenommen. Es hat objektiv gewirkt als Podium der politischen Meinungsbildung und Forum des politischen Meinungsaustauschs, als dies unter den Bedingungen der SED-Herrschaft in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit unmöglich war.
Politisch gemeinte oder auch nur verstandene Zivilcourage in einem totalitären Weltanschauungsstaat steht geradezu zwangsläufig konträr zum Selbstverständnis des Systems und wird (offen oder verdeckt) dementsprechend verfolgt. Für die Demokratie des Grundgesetzes hingegen ist politische Zivilcourage geradezu konstitutiv; sie lebt vom aktiven Engagement ihrer Bürger und wird stets exakt genau so stark sein, wie dieses Selbstverständnis in breitesten Bevölkerungskreisen verbreitet ist und als selbstverständlich verstanden wird.

Matthias Kluge, geboren 1963, machte zunächst eine Ausbildung als Schlosser, 1985 – 87 war er Bausoldat, erst 1991 – 93 konnte er sein Abitur machen. 1993 – 98 studierte er an der TU Chemnitz Geschichte, Politik und Philosophie und schloß dies mit einem Magister (M.A.) ab. Seit 1998 arbeitet er an einer Promotion über das christliche Friedensseminar in Königswalde. Kluge ist Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung und publiziert – neben der Vorbereitung seiner Promotion – zur sächsischen Landesgeschichte. 

1 Hier sei lediglich in aller Kürze daran erinnert, daß für oppositionelle Personen und Kreise der siebziger und achtziger Jahre weithin die Feststellung gilt, daß sich ihr politisches Leitbild eher diffus am Prager Frühling orientierte. Dabei blieb letztlich ungeklärt, ob z.B. eine politische Ökonomie des sog. dritten Weges überhaupt realisierbar ist. Konkretere, detailliertere Zukunftsvorstellungen scheinen nach derzeitigem Forschungsstand kaum vorhanden oder zumindest die Ausnahme gewesen zu sein.
2 Die DDR-Forschung knüpft in diesem Punkt weitgehend an die Diskussion zu Opposition und Widerstand im Nationalsozialismus an. Die verbindende Brücke sind dabei diverse Theorieansätze, die mit dem Totalitarismusbegriff operieren.
3 Vgl. dazu: Karl Wilhelm Fricke: Selbstbehauptung und Widerstand in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands, Bonn/Berlin [-West] 1964, S. 11/12; o.V.: Opposition und Widerstand, in: Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen (Hg.): DDR-Handbuch, Bd. 2 (M - Z), Köln 1985, S. 954 - 956; Hubertus Knabe: Was war die »DDR-Opposition«? Zur Typologisierung des politischen Widerspruchs in Ostdeutschland, in: Deutschjland-Archiv, 29. Jg., Heft 2, März/April 1996, S. 184 - 198; Martin Jander: Probleme mit dem Begriff »politische Opposition«, in: ders.: Formierung und Krise der DDR-Opposition, Berlin 1996, hier insbes. S. 31; Detlef Pollack, Dieter Rink: Opposition, Widerstand, Protest und Verweigerung in den 70er und 80er Jahren - zur Abgrenzung des Phänomens, in: dies. (Hg.): Zwischen Verweigerung und Opposition. Politischer Protest in der DDR 1970 - 1989, Frankfurt a.M./New York 1997, S. 7 - 13.
4 Dies war natürlich auch dem Umstand geschuldet, daß die DDR-Forschung 1989/90 nicht bei einem imaginären Punkt Null begann, sondern (insbesondere in der »alten« Bundesrepublik) bereits auf eine jahrzehntelange Tradition zurückblicken konnte. Zwar waren diese wissenschaftlichen Bemühungen weitgehend auf Beobachtung von außen und die Befragung emigrierter Zeitzeugen angewiesen (der Zugang zu den Archiven gelang erst ab 1990), doch haben sich die aus dieser Phase stammenden Befunde zum Charakter des Regimes insgesamt weitgehend bestätigt.
5 Vgl. dazu: Stefan Herbst: Das Ökumenische Friedensseminar in Königswalde, in: Institut für Weltanschauliche Fragen (Hg.): Orientierung. Katholische Blätter für weltanschauliche Information, 60. Jg., Nr. 23/24 vom 15./31.12.1996, S. 254 - 259, hier S. 254.
6 Vgl. Bernd Eisenfeld: Eine »legale Konzentration feindlich-negativer Kräfte«. Zur politischen Wirkung der Bausoldaten in der DDR, in: Deutschland-Archiv, 28. Jg., März 1995, S. 256 - 271.
7 Zumindest für das innerkirchliche oppositionelle Spektrum sind an allererster Stelle alle irgendwie erreichbaren Publikationen von bzw über Mahatma Gandhi und Martin Luther King zu nennen. Von Hand zu Hand gingen etwa auch die Reklam-Ausgaben von Rudolf Leonhardts »Der Mensch ist gut«, Wolfgang Borcherts »Hundeblume«, Heinrich Bölls »Wo warst du, Adam?«, Victor Klemerers »LTI«, diverse Werke von Tolstoi u.a.m..
8 So Weigel in einen Vortrag an der TU Chemnitz am 26.06.1996.
9 Die Teilnehmerzahlen bewegen sich schließlich in einer Größenordnung um 600.
10 Im Oktober 1977 referiert Pf. Rudolf Albrecht über »Menschenrechte«, im Oktober 1979 erläutert Rechtsanwalt Wolfgang Schnur »Die Rechtsstellung des Bürgers in der DDR« und zur Folgetagung im Mai 1980 problematisiert Dr. Günter Krusche die »Vertrauensbildung und Menschenrechte«.
11 Prof. Dr. Erich Hoffmann fragt im Mai 1982 »Leben wir gegen das Leben?« und sechs Jahre später provoziert Joachim Krause »Kernenergie – Ende aller Sorgen oder Sorgen ohne Ende?«.
12 Bericht des IM »Bill«, in: BStU-ASt. Chemnitz, Akte XX-25, Bd. 1, S. 1-5.
13 Das betrifft etwa die OV’s »Spaten«, »Spaten II«, »Marder«, »Ratte«, OPK »Laus« u.a.m..
14 »Der Beschuldigte Weigel steht im dringenden Verdacht, staatsfeindliche Hetze betrieben zu haben, indem er seit 1978 Druckerzeugnisse an mehrere Personen verbreitete, deren Aussagegehalt die staatlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR in ihrer Gesamtheit diskriminiert. Er handelte mit dem Ziel, die sozialistische Staats- und Gesellschaftsordnung zu schädigen. Strafbar nach §§ 106 (1) StGB (1974/1977); 22 (1) StGB«; aus: BStU-ASt. Chemnitz, OV »Spaten II«, Reg.-Nr. XIV 734/80, Archiv Nr. AU 2525/80, Bd.I, S. 08.
15 BStU-ASt. Rostock, IM »Torsten«, Reg.-Nr. I/AIM 3275/90, Bd. II/XXI, S. 108/09.
16 Ebd., S. 126.
17 Vgl. dazu u.a. Frankfurter Rundschau Nr. 127 vom 03.06.1980, S. 4, Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr. 72 vom 25.03.1980, S. 4
18 Vgl. dazu Mielkes »Befehl Nr. 16/80 zur politisch-operativen Sicherung der Vorbereitung und Durchführung des Arbeitsbesuches des Bundeskanzlers der BRD, Helmut Schmidt, in der DDR« vom 18.08.1980, GVS 13/80, aus: BStU Berlin, Archiv der Zentralstelle, MfS-BdL/Dok. Nr. 007295; vgl. auch BStU-ASt. Chemnitz, OV »Spaten II«, Reg.-Nr. XIV 2214/77, Bd. 2, S. 417/18. Letztlich kommt der DDR-Besuch Schmidts aber doch erst im Folgejahr zustande.
19 So referiert etwa im Mai 1983 der Luther-Experte Prof. Dr. Helmar Junghans aus Leipzig über die Frage »Wodurch erhält Gott die Welt?«.
20 Superintendent Ludwig Große aus Saalfeld fragt im Oktober 1985 nach »Schuld und Vergebung – vierzig Jahre danach«.
21 Erinnert sei hier etwa an die Diskussionen um die (tatsächlichen oder vermeintlichen) Verstrickungen Lothar de Maizères/CDU, Manfred Stolpes/SPD und Gregor Gysis/PDS.

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