Heft 38/2002 | zivilcourage in ost und west | Seite 12 - 13

Esther Dischereit

Nicht in der Lage, auf andere als auf mich einzuwirken

Gespräch mit Ullrich Z.

Wir hatten mehr als zwanzig Jahre nichts voneinander gehört, genau genommen einundzwanzig Jahre lang. Als ich anrief, war er nicht sehr überrascht; wir sprachen miteinander, als hätten wir für eine Mittagspause lang voneinander getrennt gesessen.
»Eigentlich haben wir nie über deine persönliche Geschichte gesprochen«, sagte ich. Es ist wahrscheinlich wegen des Telefons so gegangen. Da mußten wir uns nicht ansehen und mit unsicheren Gesten verlegen machen.
Ullrich Z. war 1938 in Berlin geboren – in Berlin?... Nie hatte er in einem anderen Tonfall als mit diesem schwäbischen Klang gesprochen. »In der Charite geboren«. Z. sprach von seinem Vater: »Im Krieg gefallen«. »1944 in der Nähe von Czernowitz beim Rückzug.« »War als Fuhrunternehmer dienstverpflichtet worden.« Z. meint, die Nazis hätten irgendwann 1943 die Empfehlung ausgesprochen, die Hauptstadt zu verlassen. Da ist er mit seiner Mutter aufs Dorf gegangen, ins Schwäbische, dahin, wo der Vater als uneheliches Kind nicht auf dem Hof gelitten war. An Ausbildung war nicht zu denken, der Gaststättenwirt erbarmte sich und ließ den Jungen, den späteren Vater von Z., einen Führerschein für Lastwagen machen. Er hat dann zunächst als Hilfsarbeiter auf Mühlen gearbeitet, bis er sich später selbständig machte und einen Kühltransporter fuhr. Er arbeitete für einen Flughafen, später für ein Schiffshebewerk.
Die Mutter war Schneiderin, eine, die mit ihrer ostpreußischen Familie um die Jahrhundertwende nach Berlin zugewandert war; mit einem kaisertreuen Vater, einer galligen Mutter, »die später gegen Hitler war, weil der Mann dafür war«, sagt Z. »Meine Mutter war eine einfache brave Frau, die beim Schlangestehen in Berlin Reden gegen den Führer nicht dulden wollte.«
Z. lebte seit 1943 auf dem Hof in einem 20-Häuser-Dorf. Die Mutter hat sich da schwer getan, war für Das-Steine-Klauben auf dem Feld nicht geschaffen und hatte nichts anzubieten, als daß sie für die Leute nähte. »Außerdem«, sagt Z., »gab es ab 1947/48 viele Flüchtlinge, die nähten schwarz«.
Ullrich Z. besucht die zweiklassige Volksschule. Mit Hilfe eines Pfarrers schafft er die Aufnahmeprüfung auf ein Evangelisch-theologisches Seminar. Mutter und Sohn erhalten 1952 eine Zuzugsgenehmigung für das nahegelegene Städtchen.
Z. macht Abitur, beginnt an verschiedenen Orten verschiedene Fächer zu studieren, liest Adorno, gibt sein Studium Ende der 60er Jahre schließlich gescheitert auf.
Er beginnt als Hilfsarbeiter in einer Druckerei, macht zwei Jahre später seine Facharbeiterausbildung. Hier wird der Globus bedruckt; diese Kugeln, die man von innen zum Leuchten bringen kann. Die Leute sagen: »Ein schweigsamer Mensch. Das ganze Jahr über hält er den Mund, aber wenn es Tarifverhandlungen gibt, dann schwillt er über.« Z. geht bei dem ersten Warnstreik, den er erlebt, von Maschine zu Maschine. »Ich habe gesagt, jetzt ist es zehn Uhr und das heißt, dass jetzt Schluss ist.« Die Drucker stellten die Maschinen ab und die Geschäftsleitung entläßt in der ersten Aufregung Z.. »Nachher war davon nicht mehr die Rede«, sagt Z. »In dem Moment war mir das auch egal. Das waren Arbeiterrechte, das war keine Frage für mich, aber dazusagen muß ich, ich war kein Familienvater. Ich hatte persönlich keine Angst.«
Nach Ende der Ausbildung wird er in einem anderen Betrieb zweiter Drucker an einer großen Maschine. Die Arbeit gefällt ihm nicht so recht, er faßt den Gedanken, sich irgendwo in Afrika bei der Entwicklungshilfe nützlich zu machen.
Als junger Mann hat er einmal Missionar werden wollen. »Vielleicht deshalb«, sagt er, »allerdings spielte die Religion keine Rolle: Ich bin als einziger in der Schule nicht zum Kirchgang gegangen.«
1979 wechselt er noch einmal den Betrieb. »Bei Knauer hatte ich eine eigene Maschine, eine Zwei-Farb-Maschine, ich mußte nicht länger zweiter Mann sein... ich fühlte mich ganz wohl da. Wir hatten Schichtdienst von sechs Uhr bis 14 Uhr und von 14 Uhr bis 22 Uhr. Es gab andere, die hatten Normalschicht. Ab ungefähr 18 Uhr in der Spätschicht war ich alleine. Gewöhnlich war der Druckereileiter auch schon weg. Er sagte einem, das und das ist zu machen, die Platten stehen da und das Papier ist hier. Man bekommt einen Auftrag wie den anderen, hängt die Platten ein und sieht zu, dass man auf seine Zeiten kommt.« An einem dieser Tage bekommt Ullrich Z. einen Auftrag mit geringer Auflage, relativ viele Platten sind einzurichten. »Ich glaube, bei der zweiten Platte sehe ich ein Bild. Ich drucke an: ein Soldat mit verbundenem Kopf. Daneben ein zweites Bild: Sanitäter bei einer Bundeswehrübung. Die gemeinsame Bildunterschrift lautete: ›So wie die Soldaten im zweiten Weltkrieg für Volk und Vaterland‹...« Z. versucht sich genauer zu erinnern...»›so stehen sie jetzt in der Bundeswehr ihren Mann‹... ungefähr so, als ob Bundeswehr und Wehrmacht dasselbe wären – das war da eins. Im 3. Reich hatte es geheißen ›Für Führer, Volk und Vaterland‹. Den ›Führer‹ hatten sie gerade noch weggelassen.« Als Klappentext findet sich ein längeres Grußwort des damaligen CDU-Bürgermeisters von Frankfurt/Main Walter Wallmann. Ein Treffen ehemaliger Wehrmachtsangehöriger ist der Inhalt des Heftes.
Z.: »Das war für mich eine empfindliche Stelle, das hat mich empört, dass gegenüber den Toten noch gelogen wurde. Die Floskeln von damals... Das kann niemand von mir verlangen, sagte ich mir. Das ist ein allgemeiner Grund: so kann man über den 2. Weltkrieg nicht reden, das ist eine Geschichtslüge. Mein Vater ist immerhin dabei draufgegangen...sie sind zu Verbrechern gemacht worden und dabei selber umgekommen, da wollte ich nicht mitlügen.« »Ich bin dann mit wehendem Bogen die Treppe hochgerannt und wollte das unbedingt jemandem erklären. Der Betriebsratsvorsitzende wollte mich beschwichtigen, sagte, das ist halt ein privater Kunde, ich habe aber dem Junior-Chef gegenüber begründet, warum ich das nicht machen kann. Dessen Bruder kam dazu und sagte zu meiner Überraschung, man hätte den Auftrag gar nicht annehmen dürfen. Ich sollte den Auftrag dann aus der Maschine nehmen und zur Seite stellen. Ich dachte, damit ist die Sache erledigt. Ich habe die Platten nicht ›zerknautscht‹. Für die Frühschicht habe ich einen Zettel drangehängt: ›Auftrag wird nicht weiter bearbeitet‹.« Am nächsten Tag kam ich wieder zur Spätschicht. Mohammed A., der sich mit mir an der Maschine abwechselte, sah ziemlich unglücklich und schuldbewußt aus. Sie hatten ihm die Sache doch wieder gegeben, er hatte nichts gelesen und gedruckt. Der Auftrag war weiter durch die Buchbinderei gegangen und bereits ausgeliefert. Ich war natürlich enttäuscht. Auch darüber, dass sie mich belogen hatten. Ich war aber nicht in der Lage gewesen, auf andere als auf mich einzuwirken. Ich hatte keine Angst davor, gekündigt zu werden. Das ist meine Ansicht – und natürlich vertrete ich die.«
1981 ging Ullrich Z. tatsächlich nach Afrika, aus Familiengründen mußte er vorfristig zurückkommen. Da war er 45 Jahre alt und hatte seit einem halben Jahr nichts mehr verdient. Das Arbeitsamt bot ihm eine Stelle in der Armeedruckerei der Amerikanischen Streitkräfte an. Als Gegner des Vietnam-Krieges und Pazifist sagte er, er sieht sich außerstande, einen Armeedienst zu machen. Die US-Armee hat keine Bedenken und will ihn einstellen. Z. erhielt eine zwölfwöchige Sperrfrist, seine Freundin bekommt ein Kind. Die Gewerkschaft gewährte Rechtsschutz, wollte aber nach anfänglicher Unterstützung, dass er die politische Argumentation fallen läßt und Tarifgründe anführt. Der Rechtsschutzsekretär vertrat nun die Meinung, »das ist ein Arbeitsplatz wie alle anderen.« Ullrich Z. widerspricht: »Ich lernte den Text des Entwicklungshelfer-Gesetzes – da ging es um Friedensdienst – und bestand auf meiner Position.« Ullrich Z. hat den Prozeß gewonnen.
Bevor wir auflegen, sagt Ullrich Z., ich soll seinen Freund anrufen. Der hatte irgendwo im Rhein-Main-Gebiet als Packer gearbeitet. Eines Tages sollte er einen Auftrag für Dow Chemical bearbeiten, dem Konzern, der das Entlaubungsmittel produzierte, das im Vietnam-Krieg eingesetzt wurde. Da legte er einen handgeschriebenen Zettel mit in das Paket für die Niederlassung ins Ruhrgebiet, ob sie eigentlich wüßten, für wen sie da arbeiteten. »Das hatte für den Mann Konsequenzen. Er hat nie wieder so eine gute Stellung bekommen.«
Wir schweigen. Ullrich Z. möchte nicht, dass ich seinen Namen nenne. Er sei schließlich kein Held.
Als ich ihn kennenlernte, war ich etwas älter als fünfundzwanzig Jahre alt. Wir waren nicht miteinander befreundet. Aber ich besaß seine Telefonnummer und sie war noch immer dieselbe gewesen.

Esther Dischereit wurde 1952 geboren und studierte in Frankfurt am Main. Sie schreibt seit den 80er Jahren über die (Selbst-)Behauptung jüdischer Existenz in der deutschen Tätergesellschaft. Letzte Veröffentlichungen: Rauhreifiger Mund oder andere Nachrichten, Berlin 2001; Mit Eichmann an der Börse (Essays), Berlin 2001.

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