Heft 38/2002 | themen | Seite 42 - 46

Lutz Wohlrab

"Bitte sauber öffnen! Danke"

Mail Art und Postkontrolle

Brief du
zweimillimeteröffnung
der tür zur welt du
geöffnete öffnung du
lichtschein,
durchleuchtet, du

bist angekommen

(Reiner Kunze)1

Brief du
zweimillimeteröffnung
der tür zur welt du
geöffnete öffnung du
lichtschein,
durchleuchtet, du

bist angekommen

(Reiner Kunze)1

Wenn ein Brief aus dem Westen in der DDR eintraf, konnte das etwas ganz besonderes sein. Der Dichter nannte ihn einen Lichtschein. In der Postkontrollstelle war dieser Brief  jedoch durchleuchtet worden. Er war zwar eine Öffnung zur Welt, man hatte ihn aber zuvor selbst  geöffnet. In Frage stand ja damals nicht, ob das Telefon überwacht wird, sondern wann. Nicht, ob die Post kontrolliert wurde, war interessant, sondern wie man die Postkontrolle umgehen konnte: mit fingierten Absendern, Rentnern aus der Nachbarschaft als Empfänger, dem Einwurf in weit ab vom Wohnort befindliche Briefkästen oder indem man ihn extra verklebte oder die Umschläge mit Strichcodes versah oder  Blaupapier einlegte, das den Brief unter Wasserdampf verdarb. Der DDR-Bürger glaubte nicht, daß die Post eines ganzen Landes flächendeckend zu kontrollieren war. Aber er ahnte, daß sehr vieles kontrolliert wurde – es war »Ein offenes Geheimnis«. Unter diesem Titel zeigt die aktuelle Ausstellung des Museums für Kommunikation Berlin, die in Zusammenarbeit mit der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes und mit dem Museum in der »Runden Ecke« Leipzig erarbeitet wurde, bis zum 1. 9. 2002 wie Post- und Telefonüberwachung in der DDR funktionierten. Die Ausstellung geht auch auf Einzelschicksale ein. Eines davon ist das von Joachim Stange aus Dresden. Er war als Mailartist jemand, für den Kunst-Kommunikation per Post äußerst wichtig, quasi ein Über-Lebensmittel war.
Für die Mail-Art-Künstler, zu denen auch ich gehörte, spielte die Postbeförderung und -kontrolle eine herausragende Rolle. Wir waren von dem abhängig, was befördert wurde. Erstaunlich vieles kam durch, nicht alles. Mancher Kontakt wurde auch zerstört. Es mußten wohl nur zwei Briefe verschwinden, und schon tauchten Zweifel auf: Will der mit mir nichts mehr zu tun haben, wieso antwortet er nicht? Anderes wurde »bloß« kontrolliert, gesammelt und ausgewertet, doch darüber erfuhren wir erst aus den Stasi-Akten genaueres. Über 2 000 Mitarbeiter hatte die Abteilung M der Staatssicherheit, der die Postkontrolle oblag. Nach den Angaben eines ehemaligen Mitarbeiters wurden ca. 10 % aller Briefe mit Wasserdampf geöffnet.2 Das waren DDR-weit ca. 90 000 Sendungen täglich. Post wurde in Einzelfällen von Stasi-Leuten, die sich mit Ausweisen und Uniformen als Mitarbeiter der Deutschen Post tarnten, aus öffentlichen Briefkästen geholt. Sie wurde auch aus privaten Hausbriefkästen gefischt.
In allen Briefverteilämtern, von denen es in der DDR in jedem der 15 Bezirke eines gab, unterhielt die Stasi geheime Räume, zu denen Postmitarbeiter keinen Zugang hatten. Hierhin verschwanden die Briefe. Im »Dunkeln« wurden sie alle gesichtet. Es gab ausufernde Listen von verdächtigen Absendern oder Empfängern. Es wurden in der »Stelle 12«, so der Tarnname dieser Einrichtungen, auch massenhaft Stichproben nach Merkmalsfahndung gemacht. Nach zwölf Stunden sollten die Briefe, wenn auch nicht alle, wieder in den Postverkehr zurückgelangt sein. In Berlin erfolgte diese Kontrolle zum Beispiel am Nordbahnhof. Die beschlagnahmte Post wurde anschließend in die Abteilung M der Stasi-Bezirksverwaltung transportiert, dort geöffnet und ausgewertet. Stasi-Kuriere, die sich offiziell als Postangestellte ausgaben, brachten die geheime Fracht zu einer Umladestation. Von dort wurde sie von anderen Stasi-Leuten in zivilen Fahrzeugen in die Bezirksverwaltung, in Berlin zur Stasi-Zentrale in die Normannenstraße, gebracht. Was nach  der Auswertung davon wieder in den Postkreislauf gelangen sollte, kehrte über die Zwischenstation zurück zum jeweiligen Briefverteilamt.3
Alle leitenden Postmitarbeiter kooperierten eng mit der Staatsicherheit. Manche waren als Leiter von Briefverteilämtern auch Offiziere der Stasi »im besonderen Einsatz«, sogenannte Oibes. Nach der Wende wurde »zwar gegen Stasi-Offiziere ermittelt, nicht aber gegen die Leitung des Ministeriums für Post- und Fernmeldewesen oder gegen Postmitarbeiter, die bereit gewesen waren, die Briefe und Pakete, die ihnen anvertraut waren, ohne jede rechtliche Grundlage an die Staatssicherheit auszuliefern oder Blanko-Dienstausweise für die Stasi-Offiziere zu unterschreiben. Entsprechende Strafverfahren wurden nie geführt. Ohne diese ‚Partner des politisch-operativen Zusammenwirkens’, wie sie die Stasi nannte, wäre die flächendeckende Postkontrolle nicht möglich gewesen.«4
Was Mail Art ist, muß dem Horch-und-Guck-Leser, siehe den Überblicksbeitrag in Heft 19 (1996), nicht mehr erklärt werden. Postkunst wurde zu einem wesentlichen Teil durch die Ost-West-Grenze spannend. Alle Stil-, Sprach-, Kultur- und eben auch Staatsgrenzen zu überwinden war Hoffnung und Ziel vieler Mailartisten. Mail Art kam dabei ohne feste Organisationsstrukturen aus. Ihr wesentliches Element waren die »Projekte«, das heißt die Ausschreibung verschiedener Themen im Netzwerk, und die juryfreie Ausstellung aller eingesandten Beiträge (in der DDR oft in Kirchen oder in privaten Räumen). Es war ein schöner Gedanke, hinter jeder Adresse einen potentiellen Freund anzunehmen. Aber gerade das war im kontrollierten System DDR suspekt.
Die Staatssicherheit machte sich so den einen oder anderen »Feind«, wie sie einen Operativen Vorgang gegen die Dresdner Mail Art-Gruppe, zu der auch Joachim Stange gehörte, Anfang der 80er Jahre nannte. Im Abschlußbericht vom 1.Oktober 1984 hielt die Stasi stolz fest, daß die OV-Person Gottschalk strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden konnte. Es sei auch gelungen, die OV-Personen Giersch, Jesch und Stange »anhaltend zu verunsichern und in ihrer Wirksamkeit weitestgehend zurückzudrängen«.5 Weiter heißt es im Abschlußbericht, der im Heft 19 abgedruckt ist, daß »durch ein gleichlaufendes Vorgehen des MfS gegen Kontaktpartner in der DDR festgestellt werden (kann), daß die Problematik Mail Art aus operativer Sicht keinen Schwerpunkt mehr darstellt und weiter an Wirksamkeit verliert. Die OV-Personen mußten erkennen, daß die Mail Art ein untaugliches Mittel ist, in irgendeiner Form die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR anzugreifen.« (ebd.)
Hier irrte sich die Stasi in ihrem Optimismus. Gerade in den Jahren ab 1984 wurde Mail Art zu einer DDR-weiten Bewegung mit vielen Ausstellungen und subversiven Aktionen vor allem in Zusammenarbeit mit kirchlichen Friedens- und Demokratiegruppen. Die DDR läßt sich heute, denkt man an Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl, an die Stasi mit ihrem umfänglichen System der Inoffiziellen Mitarbeiter und ihre umfassende Postkontrolle, als schizoid-paranoides Regime charakterisieren. Die nicht legitimierte Führung mißtraute ihrem Volk zurecht. Ohne Grenze und Staatssicherheit hätte die DDR nicht so lange existiert. Darf es uns, wie es in einem Biermann-Lied heißt, heute freuen, »wieviel Arbeit wir denen gemacht haben«?
Auch in der DDR kannte man den Begriff »Briefgeheimnis«. Mancher wußte sogar, daß das Briefgeheimnis verfassungsmäßig garantiert war. Nur konnte man sich auf die Verfassung nicht berufen. Ich denke aber, jeder kannte den Konflikt, den das gelegentliche Mitlesen einer Karte, die nicht für einen selbst bestimmt war, auslöst. Daß man so etwas nicht tut, war klar. »Vater Staat« hat jahrelang das Briefgeheimnis verletzt. Daß der Ost-West-Briefverkehr nicht gänzlich verboten wurde, hat sicher mit seiner Neugier zu tun. Ohne Post gäb’s wenig zu kontrollieren und zu erfahren. Daß es den zwar kontrollierten Postversand überhaupt gab, galt es auch für unsere  Seite auszunutzen. Mail Art wollte von vielen gesehen und gelesen werden, deshalb wurde sie ja her- und möglichst oft auch ausgestellt. Wir wollten ja gerade die Öffentlichkeit. Manchem Enthusiasten aus unseren Reihen ging es wohl auch um den Briefträger als Empfänger von Kunst-Nachrichten oder gar um eine Überzeugungsarbeit bei den Briefschnüfflern. Es ging uns um den kleinsten Eingriff in diese ziemlich tote DDR-Gesellschaft, wie wir sie, als wir jung waren, eben empfanden. Wir wollten auch ausloten, wie weit man gehen konnte. Sicher wollte keiner ins Gefängnis. Sich aber ein bißchen die Finger zu verbrennen war einkalkuliert, weil das ja auch Spaß macht.
Die Staatssicherheit arbeitete mit dem Zoll genauso eng wie mit der Post zusammen. Die Berliner Ausstellung und der Katalog vermitteln neue Einsichten, die den oben erwähnten Horch-und-Guck-Artikel von 1996 ergänzen können. So fertigte der Zoll im Rahmen des OV »Feind« im Auftrag der Stasi einen »Sachstandsbericht« an, der nun offiziell der Stasi-Bezirksverwaltung Dresden zugehen konnte. »Durch das Postzollamt Dresden wurden im Zusammenhang mit der Dienststelle der Postzollfahndung und der Abteilung Zollrecht zwei Sachstandsberichte zu den DDR-Bürgern Birger Jesch ... und Steffen Giersch ... zum Versand von ‘Mail Art’-Karten sowie anderen Werbematerialien mit politisch gefährlichem Inhalt erarbeitet.« (19. 7.1982)6 In diesem Sachstandsbericht wird auch eine Experten-Einschätzung zur Mail Art wiedergegeben: »Gespielte Vorbereitung von Antisowjetismus und falschen Informationen bis hin zu konterrevolutionärem Zynismus«. (ebd.)
Am 23. 7.1982 folgte die Einleitung eines Verfahrens zur Verfolgung von Zoll- und Devisenverstößen gegen Birger Jesch, drei Tage später auch gegen Steffen Giersch. Zollinspekteur Köhler schlägt in einem Schreiben an die Stasi-Bezirksverwaltung Dresden vor, beide Verfahren mit dem »Ausspruch einer Strafverfügung in Höhe von je 500,- Mark abzuschließen«. Außerdem wären die Postsendungen einzuziehen. Nach seiner findigen Argumentation trugen die Materialien überwiegend Werbecharakter, für deren Ausfuhr diese  beiden Bürger keine Genehmigung besaßen. (12. 8.1982)7
Im Ergebnis erhielt Steffen Giersch eine Geldstrafe von 300,- Mark. Birger Jesch aber mußte 500,- Mark zahlen: Divede et impera! So zersetzt man effektiv.
Vor allem Birger Jesch und Jürgen Gottschalk machten wichtige Sendungen – damals recht preiswert – als »Einschreiben« frei. Das schützte zwar auch nicht immer vor Verlust,  manchmal mußte die Post jedoch bis zu 40,- Mark für einen verlorenen Einschreibebrief bezahlen. In einem Schreiben vom Hauptpostamt Dresden 6 vom 19. 8.1983 wurde Birger Jesch aber zu seinen  Nachforschungsaufträgen mitgeteilt, daß er keinen Ersatzanspruch für Sendungen hätte, die »wegen ihrer äußeren Beschaffenheit den Grundsätzen der sozialistischen Moral zuwiderlaufen«. Damit waren Ersttagsbriefe zum Karl-Marx-Jahr gemeint, die Birger Jesch verfremdet hatte. Er spielte auf Karl May an. Auf einer Postkarte aus Karl-Marx-Stadt kratzte er beim Namen »Marx« das R weg und machte aus dem X ein Y. Es war schon frech und sehr gelungen, wie Birger Jesch mit minimalem Aufwand den Namen eines DDR-Heiligen in den eines in der DDR lange Zeit verbotenen Autors verwandelte. Im selben Brief wurde Birger Jesch noch drohend mitgeteilt, daß diese Karten »zwecks Untersuchung dem zuständigen staatlichen Organ übergeben« worden sind.8 
Hier wird der gleiche Trick deutlich, den die Stasi auch bei der Zusammenarbeit mit dem Zoll gebrauchte. Sie beauftragte die Leiter der Hauptpostämter, sich in rückdatierten Schreiben als Ordnungshüter auszugeben. In Wirklichkeit brauchte die Post (oder eben der Zoll) der Stasi keine auffälligen Karten zu übergeben, denn die Stasi war ja immer zuerst dran.9
Nachdem Jürgen Gottschalk alle seine aufwendig hergestellten und als Einschreiben aufgegebenen Einladungen zum Mail-Art-Projekt »Visuelle Erotik« entwertet zurückerhalten hatte, ließ er sich einen Stempel mit der Aufschrift: »Zur Beachtung – Bei Verlust – 40,- M« fertigen.
Diesen Stempel benutzte er gern. Er benutzte auch die entwerteten Briefumschläge weiter, sorgte aber diesmal dafür, daß seine Projekt-Einladungen in neutralen Umschlägen nicht auf einem Postamt abgegeben, sondern in viele Briefkästen im ganzen Land verteilt eingesteckt wurden. Dabei unterstützte ihn vor allem Steffen Giersch als Kraftfahrer. Im März 1982 konnte Jürgen Gottschalk immerhin Arbeiten von 141 Mailartisten aus 23 Ländern im Theaterklub Dresden zeigen. Doch nach wenigen Tagen wurde die Ausstellung »Visuelle Erotik« verboten. Der immer renitenter gewordene Künstler zeigte sie nun inoffiziell in seiner Siebdruckwerkstatt. Das war den Kultur- und Parteifunktionären doch zuviel. Ein Solidarnoœæ-Plakat konnte er auf ihr Drängen hin 1981 noch folgenlos aus seiner Werkstatt entfernen. Aber jetzt wollten sie diese Werkstatt endlich dicht machen und den Gottschalk ganz schnell loswerden.10
Im Juli 1983 stellten die Freunde Gottschalk, Jesch und Stange noch einmal gemeinsam in der als eine illegale Galerie bezeichneten Wohnung von »Egon« in Dresden aus. Der hieß mit bürgerlichem Namen Sören Naumann und, was damals keiner wußte, als IMB »Michael Müller«. Die drei Mail-Art-Projekte: »Live without Force – Hommage à Wilhelm Reich« von Birger Jesch, »Wartekritzeleien« von Jürgen Gottschalk und »Urdeutsche Gemütlichkeit« von Joachim Stange stellte das Berliner Museum für Kommunikation (damals Museum für Post und Kommunikation) 1997 in seiner Übersichts-Ausstellung »Mail Art – keine Kunst?« nach.
Bei den Dresdnern kam es nach dem Ermittlungsverfahren gegen Jürgen Gottschalk nur noch zu wenigen gemeinsamen Aktionen. Jeder verfolgte lieber seine eigenen Ideen. Joachim Stange rief 1984 zum Projekt »Nie wieder Dresden und Hiroshima 1945« und 1986 zu »Tolerance« auf. Er hatte viel Ärger mit der Staatssicherheit, die bei ihm sogar zwei konspirative Hausdurchsuchungen durchführte. 1985 wurde auch gegen ihn eine Geldstrafe in Höhe von 500,- Mark (immerhin ein Monatsgehalt) verhängt, weil er auf einer Postkarte das Genfer Gipfeltreffen (Gorbatschow und Reagan) sowie die spärliche Berichterstattung darüber in den DDR-Medien mit: »In Genf nur Senf?!« kommentierte. Joachim Stange wurde weiter bis 1989 operativ bearbeitet.11
Sendungen aus dem Westen, vor allem Mail-Art-Kataloge, wurden oft mit dem Hinweis: »Zurück! Inhalt verstößt gegen Ziffer 1.1.1. der Liste der verbotenen Gegenstände« zurückgeschickt. Auch das war für uns sehr ärgerlich. Gerade auf die schön gedruckten Kataloge, wie wir sie z.B. bei Rehfeldt sahen, waren wir scharf. Neben den guten persönlichen Kontakten, die im Laufe der Zeit entstanden, war es eben auch wichtig, die eigene Arbeit einmal publiziert zu sehen. Diese Kataloge waren schon ein Anreiz, mit seinen eigenen Karten besser oder eben frecher zu werden. Wir standen bei aller gegenseitiger Toleranz doch auch im Konkurrenzkampf – als Künstler.
Was genau unter den laut Ziffer 1.1.1. verbotenen Gegenständen zu verstehen war, erfuhren wir erst aus den Stasi-Unterlagen: unter anderem »Kodes, Zeichen und andere Arten geheimer Mitteilungen, unleserliche Aufzeichnungen, unverständliche Zeichnungen, Literatur, sonstige Druckerzeugnisse, Bilder und Darstellungen:
– wenn ihr Inhalt gegen die Erhaltung des Friedens gerichtet ist ...
– wenn es sich um Presseerzeugnisse handelt, die nicht in der Postzeitungsliste enthalten sind
– wenn ihr Inhalt bzw. ihre Einfuhr anderweitig gegen die Interessen des soz. Staates und seiner Bürger gerichtet ist.«12 
Aufgrund dieses Willkürparagraphen konnte alles zurückgeschickt werden, was den Absender  wegen der Mühe und auch wegen der hohen Portokosten im Westen verärgern mußte und sollte. Daß sich auch daraus noch Kunst machen ließ, zeigt eine bearbeitete Fotokopie von Guy Bleus von 1983.
Der Berliner Friedrich Winnes wurde von 1977 bis 1987 in den Operativen Vorgängen »Amateur« und »Reaktion« bearbeitet. Hunderte Briefe und Karten von ihm und an ihn wurden von der Stasi gelesen und kopiert. Besonders gut ist in seiner Akte ein Vorgang dokumentiert, der 1980 beinahe zur Verhaftung von Friedrich Winnes geführt hatte. Die Abteilung M fand in einem Brief vom  28. 9.1980 an den polnischen Mailartisten Tomasz Schulz zwei Fotocollagen. Eine bearbeitete Schießscheibe vom »Fernwettkampf Goldene Fahrkarte« zum 30. Jahrestag der DDR und ein Foto seiner gerade geborenen Tochter Linda, über deren Augen ein roter Balken gezogen war und auf deren Brust der Orden »Aktivist der Arbeit« prangte. Darin sah die Stasi die »Tatbestandsmerkmale gem. § 220 StGB erfüllt«.13 Dieser Paragraph war mit »Öffentliche Herabwürdigung« überschrieben und beinhaltete das Verbot, Symbole zu verbreiten, die »geeignet sind, die staatliche oder öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen, das sozialistische Zusammenleben zu stören oder die staatliche oder gesellschaftliche Ordnung verächtlich zu machen«. Bei Verstoß gegen diesen Paragraphen drohten bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe.14
In Polen herrschte damals noch nicht das Kriegsrecht, die Gewerkschaft »Solidarnoœæ« gewann an Macht. In der DDR herrschte Nervosität. Die Verhaftung blieb Friedrich Winnes glücklicherweise durch Schlamperei der Stasi selbst erspart. »Da das Einzugsdatum des Beweismittels zu lange zurückliegt«, sah die Abt. IX der BV Berlin von einer Inhaftierung ab und empfahl eine weitere Prüfung von Verdachtsmomenten gem. § 219 StGB.15 Dieser Paragraph der »Ungesetzlichen Verbindungsaufnahme«, der eigentlich jeden Mailartisten bedrohte, sah nun sogar Haftstrafen von bis zu fünf Jahren vor. Bei Friedrich Winnes »ergaben sich jedoch keinerlei pol-op. Anhaltspunkte, die den o.g. Straftatsbestandteilen entsprachen«. (Schlußbericht zur OPK »Amateur« vom 19.10.1982)16  Er erhielt allerdings eine dreijährige Einreisesperre in die Volksrepublik Polen, was man ihm natürlich nicht mitteilte, und er blieb weiter in der Kreisdienststelle Pankow erfaßt. Auch seine Kontrolle am Arbeitsplatz durch einen IM wurde aufrechterhalten. Die Postkontrolle wurde vorübergehend eingestellt. (In der Regel bestand sie ein halbes Jahr, konnte jedoch bei Bedarf verlängert werden.)
Der neue OV-Name »Reaktion«, den die Stasi bald für Friedrich Winnes fand, widerspiegelt sicher die Aufwertung, die der »Amateur« in ihren Augen erfahren hatte. Auch seine Post wurde bald wieder kontrolliert. Wenn sich ein Brief mal »nicht ohne Beschädigung öffnen« ließ, wurde er, mit diesem Vermerk versehen, einbehalten. 
Einige originale Briefe und Karten fanden Friedrich Winnes, Joachim Stange, Birger Jesch und Jürgen Gottschalk erst in ihren Stasi-Akten. Welch eine späte und ungewöhnliche Art der Post-Zustellung.

Lutz Wohlrab, Dr. med., geboren 1959 in Greifswald, Psychotherapeut, Mail Art seit 1984, lebt in Berlin.

1 Aus: einundzwanzig variationen über das thema »die post«, in: Kunze, Reiner: »Die wunderbaren Jahre«, Frankfurt a.M. 1978, S. 123.
2 »Briefe verschwanden – wohin ging ihr Inhalt ?« (Der Stasi-Mitarbeiter Michael M. berichtet), aus: »Volkswacht« (14.12.89), Saalfeld  in: Winnes, Friedrich und Lutz Wohlrab (Hg.) »Mail Art Szene DDR 1975 - 1990«, Berlin 1994, S. 108.
3 Pasquale, Silvia de »Ich hoffe, daß die Post auch ankommt. Die Brief- und Telegrammkontrollen des Staatssicherheitsdienstes der DDR« im Katalog zur Ausstellung »Ein offenes Geheimnis. Post- und Telefonkontrolle in der DDR«, Berlin 2002, S. 57 - 73.
4 Hollitzer, Tobias: »Die Auflösung der Post- und Telefonkontrolle im Verlauf der Friedlichen Revolution in Leipzig« im Katalog zur Ausstellung »Ein offenes Geheimnis. Post- und Telefonkontrolle in der DDR«, Berlin 2002, S. 207 - 221.
5 Wohlrab, Lutz und Birger Jesch »Feinde gibt es überall... Stasi und Mail Art in Dresden, anhand der geheimen Diplomarbeit: ‘Erfahrungen bei der Realisierung von Maßnahmen der Zersetzung zur wirksamen Bekämpfung/Zurückdrängung politischer Untergrundtätigkeit unter Einbeziehung von IM sowie staatlicher und gesellschaftlicher Kräfte (dargestellt am Operativvorgang ‘Feind’ der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Dresden, Abteilung XX)’«, in »Horch & Guck« (Heft 19), Berlin 1996 , S. 58 - 64.
6 Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU) zu Birger Jesch (OPK 3043/84 bzw. XII 2691/81), S. 149.
7 Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU) zu Birger Jesch, S. 153.
8 Brief ist abgebildet in (5), S. 63.
9 Siehe (3), S. 67.
10 Gottschalk, Jürgen »Das Nachspiel«, in »Horch & Guck« (Heft 23), Berlin 1998, S. 63 - 67.
11 Lemmrich, Veit »Ist Post da? Joachim Stange, DDR-Bürger, Mail-Artist« im Katalog zur Ausstellung »Ein offenes Geheimnis. Post- und Telefonkontrolle in der DDR«, Berlin 2002, S. 91 -102.
12 Winnes, Friedrich »Brief läßt sich ohne Beschädigung nicht öffnen« in: Winnes, Friedrich und Lutz Wohlrab (Hg.) »Mail Art Szene DDR 1975 - 1990«, Berlin 1994, S. 106f.
13 Strafgesetzbuch der DDR, Berlin 1986, S. 78.
14 Strafgesetzbuch der DDR, Berlin 1986, S. 78.
15 Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU) zu Friedrich Winnes, o. S. (XV 1589/82).
16 Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes (BStU) zu Friedrich Winnes, o. S.

Alle Artikel können auch als PDF runtergeladen werden. Es handelt sich um Auszüge aus dem jeweiligen Heft. Die Fotos werden aus urheberrechtlichen Gründen nicht abgebildet.

Diesen Artikel als PDF runterladen          Acrobat Reader 8.1 runterladen