Heft 38/2002 | schauplätze | Seite 69 - 71

Bernd Gehrke

»Aber späteren Geschlechtern – wenn es sie geben wird – muss unsere ‘neue Zeit‘ als eine Zeit des Wahnsinns erscheinen.«

Zum 20. Todestag von Robert Havemann am 9. April 2002

Von der Mitte der sechziger Jahre bis zu seinem Tode 1982 war Robert Havemann die wichtigste politische Stimme der DDR-Opposition. Als kommunistischer Widerstandskämpfer im Nazi-Faschismus aktiv geworden, verbrachte er viele Jahre im Zuchthaus und entrann nur knapp der Vollstreckung des gegen ihn ausgesprochenen Todesurteils. Nach dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 wurde er vom Stalinisten zum Antistalinisten, vom hochgeehrten zum von den Machthabern bestgehassten Mann in der DDR. Seinen kommunistischen Idealen treu bleibend, nahm er immer wieder neue emanzipatorische Impulse auf. So verband sich in seiner Person die antifaschistische Tradition der alten Arbeiterbewegung mit dem Antistalinismus der linken Dissidenz in Osteuropa und den Ideen der Neuen Linken im Westen zu einer glaubwürdigen Synthese.
Gerade sie ist es, die ihn auch zwanzig Jahre nach seinem Tode für alle interessant macht, die sich nicht nur für das Unrecht der Vergangenheit interessieren, sondern sich auch die Rebellion gegen heutiges Unrecht aufs Panier geschrieben haben, für Linke unterschiedlicher Art, unabhängig von ihrer Weltanschauung, ihren Aktionsfeldern und ihrem Alter.
In Robert Havemann finden wir den Inspirator und Mentor einer unabhängigen Friedensbewegung in der DDR, die sich blockübergreifend gegen die atomare Konfrontationslogik der Supermächte in Ost und West wandte, gegen Warschauer Vertrag und NATO, an alle in diesem Sinne für Frieden und Abrüstung wirkenden Menschen. Insbesondere sein »Offener Brief an Leonid Breshnew« und der »Berliner Appell«, den er gemeinsam mit dem damaligen Jugendpfarrer Rainer Eppelmann initiierte, waren von massgeblichem Einfluss auf diese Bewegung.
Wir finden in ihm den DDR-Dissidenten, der bereits in den 70er Jahren das Ziel einer friedlichen Revolution gegen das undemokratische Regime der Unterdrückung formulierte und deshalb schon lange zuvor den Dialog von kritisch-oppositionellen Marxisten und kritisch-oppositionellen Christen ernsthaft betrieben hatte; den ökologischen Denker, der gerade als Naturwissenschaftler die globalen Bedrohungen durch den Industrialismus ernst nahm, ohne deshalb die sozialen Aspekte des Ausstiegs aus dem kapitalistischen Wachstumszwang sowie den Zerstörungen des nachholenden Industrialismus der bürokratischen Diktaturen Osteuropas auszublenden, sowie den Marxisten und Kommunisten, der mit all seinen Aktivitäten auf einen früher als »dritter Weg« bezeichneten freiheitlichen Sozialismus abzielte, dem Ausbeutung, Unterdrückung und Krieg fremd sind, auf eine Gesellschaft jenseits des Kapitalismus wie der Herrschaft stalinistischer Bürokratien.
Diese verschiedenen Facetten von Leben und Werk brachten und bringen es mit sich, dass Robert Havemann nicht nur ein streitbarer, sondern auch ein umstrittener Mensch war und geblieben ist:
Zum einen für jenen erheblichen Teil der sozialistischen und kommunistischen Linken, der zwar alljährlich einer Rosa Luxemburg huldigt, einen Robert Havemann jedoch, der in ihrem Geiste gegen den Doktrinarismus und die diktatorischen Entartungen der Linken im 20. Jahrhunderts kämpfte, bis heute bestenfalls mit Ignoranz straft, wenn sie seine Ideen nicht sogar für den Untergang des SED-Parteistaates verantwortlich macht und indirekt bekämpft – in Gestalt der DDR-Oppositionellen, die sich in seinem Geiste in der 89er Revolution engagiert haben.
Für die deutsche Rechte ohnehin, die zu Lebzeiten Havemanns Wolfgang Neuss aus dem Westfernsehen wegschaltete, die verhindern wollte, dass das Kölner Konzert des oppositionellen Kommunisten Biermann ausgestrahlt wurde (die CSU protestierte damals  dagegen) und die die Ausbreitung der Havemann- und Bahro-Opposition der DDR auf den Westen fürchtete: Im Bunde mit den SED-Diktatoren stellte sie sie sogar auf eine Stufe mit den westdeutschen Terroristen (Freya Klier hatte ja seinerzeit die Stasi-Akten öffentlich gemacht, in der etwa die Auslassungen des  Herrn Lambsdorff gegenüber Honecker hinsichtlich der DDR-Opposition festgehalten sind – solche Enthüllungen sind es offenbar, die die herrschende Klasse durch das »Kohl-Urteil« unterbinden will).
Schliesslich ist Robert Havemann auch bei jenen einstigen DDR-Oppositionellen umstritten, die ihre Mitverantwortung für die Verschiebung der Kräfteverhältnisse auf den Strassen im Verlaufe der »Wende« zu Ungunsten der Bürgerbewegungen durch einen nachträglichen giftigen und militanten Antikommunismus wettzumachen suchen. Die grösste Schande luden sie auf sich, als sie Anfang der 90er Jahre verhinderten, dass eine Bündnis ’90 nahe Stiftung nach Robert Havemann benannt wurde. Die Begründung lautete: Er komme nicht in Frage, weil er schliesslich Kommunist gewesen sei. Es ist eine bitter-süsse »Rache der Geschichte«, dass diese Strömung »gewendeter« DDR-Oppositioneller, die 1990/91 erhebliche Energie aufwandte, um die DDR-oppositionelle Linke aus den politischen Strukturen der Bürgerbewegungen sowie aus dem öffentlichen Bild vom »DDR-Bürgerrechtler« hinauszureinigen, gerade hierdurch das Gegenteil bewirkte: den raschen Absturz der »Nachwende«-Strukturen der Bürgerbewegungen und den Aufstieg der PDS.
Wer 1990 an ökosozialistischen Visionen festhielt, wie sie Robert Havemann am Schluss seines Lebens vertreten hatte, und den Kapitalismus als ausbeuterische und zerstörerische Gesellschaft kritisierte, gar von Klassen und Klassenkämpfen sprach, erschien als geistiger Saurier, als Verfechter eines hoffnungslos traditionalistischen Denkens, das weder die Moderne noch die hoffnungsfrohen Chancen der OneWorld einer Pax Americana am Ende der Geschichte  begriffen hatte. In dieser Welt schien der oppositionelle Marxist Robert Havemann bestenfalls noch als Widerpart der SED interessant und ansonsten eine »toter Hund« zu sein.
Wie drastisch hat sich die Situation dieser 1990 gefeierten Gesellschaft jedoch in jener einen Dekade verändert, in der sie ohne die Konkurrenz um soziale Werte auskam, die ihr vom Sowjetblock aufgezwungen worden war. Sie hat es mit atemberaubender Geschwindigkeit geschafft, selbst in den Metropolen des Kapitals all die sozialen Gebrechen wieder in den Vordergrund treten zu lassen, die vor der »Konkurrenz der Systeme« typisch waren: Massenerwerbslosigkeit, Abbau und Beseitigung sozialer Rechte der Lohnabhängigen, Demokratieabbau und Überwachungsstaat, begleitet von einer Politik kollektiver militärischer Interventionen der reichen Staaten der Erde, wie sie zwecks »Zivilisierung der barbarischen Völker« schon vor dem ersten Weltkrieg üblich war - siehe die Niederschlagung des chinesischen Boxeraufstandes im Jahre 1900. Auf Grund dieser enormen Veränderungen  ist es heute in bestimmten Kreisen, die vor zehn Jahren davon nichts wissen wollten, geradezu en vogue, wieder den Kapitalismus zu kritisieren, wenn auch zumeist einen mit Präfixen wie »Turbo«, »Casino« oder »Brutalo« versehenen. Doch noch wichtiger: Inzwischen ist eine neue globale Bewegung gegen diese Entwicklung des letzten Jahrzehntes entstanden. Seit Seattle hat diese weltweite Bewegung einen enormen Aufschwung genommen, auch in Deutschland.
So sind wir doch wieder bei Robert Havemann, bei der Aktualität eines Sozialisten, der gegen alle Arten des Unrechts rebellierte. Seine kritische und emanzipatorische Energie hatte ihn immer wieder umgetrieben, Neues zu entdecken, sich damit schliesslich auch selbst zu kritisieren, ohne freilich zum Wendehals zu werden. Aus dem Stalinisten wurde der glaubwürdige Antistalinist, weil er seine Vergangenheit nicht verleugnet, sondern erklärt hat. Noch im Alter hat er stets den Kontakt mit der Jugend gesucht. Der Generationen übergreifende Dialog ist eine kostbare Hinterlassenschaft Robert Havemanns, die bewahrt und weiter gegeben werden muss. Und er hat sich, in der traditionellen Arbeiterbewegung sozialisiert, der Neuen Linken und dem Ökosozialismus zugewandt, ohne wichtige alte Grundsätze preiszugeben, etwa die Orientierung auf die Mehrheit der Gesellschaft als der entscheidenden Orientierungsgrösse für einen emanzipatorischen Weg der  Gesellschaftsveränderung.
 Eben diese selbstkritische Offenheit ohne Preisgabe eigener Grundsätze, aber auch die Vielfältigkeit seines Engagements als Naturwissenschaftler, Gesellschaftswissenschaftler und Politiker können ihn für alle interessant machen, die als Linke vor der Herausforderung eines Jahrhunderts stehen, das bereits an seinem Beginn ein Mischung von Widersprüchen aufweist, die eher explosiver ist als die des kurzen 20. Jahrhunderts mit seinen Extremen. Heute, nach einem Jahrzehnt des blossen Zerfalls alter Strukturen, scheinen sich unter dem Druck der Umstände neue Chancen einer politischen und sozialen  Umgruppierung abzuzeichnen. Der Boom, den Attac bei seinen Mitgliedzahlen selbst nach dem Schrecken des 11. September erlebt, scheint ein Indiz dafür zu sein, zumal sich dort eine neue politische Generation zu Wort meldet. Dass nach Jahren der Trennung erstmals ehemalige DDR-Oppositionelle, die ein politisches Spektrum von erheblicher Breite vertreten, mit der Erklärung »Wir haben es satt« ein Papier unterschrieben haben, in dem sie gemeinsam mit der heutigen Politik grundsätzlich abrechnen, spricht ebenso dafür – und es stimmt hoffnungsfroh.  Gerade solche Prozesse geschichtlich bedingter Neuorientierungen verlangen jenseits unmittelbarer, aktuell-politischer Auseinandersetzungen nach einer historischen sowie einer strategischen Debatte über die Zukunft. Die »neue Weltordnung«, die nach dem Untergang des sowjetischen Imperiums weder den allgemeinen Wohlstand durch neoliberale Globalisierung noch eine friedliche und gerechte Welt geschaffen hat, macht das kritische Potential der Ideen und – darüber hinaus – des Verhaltens eines undogmatischen Linken wie Robert Havemann, der seine Staats- und Gesellschaftskritik gegenüber drei deutschen Staatstypen artikulierte, besonders diskussionswürdig.  Indem wir seine Ideen aufs Neue erschliessen und ihre Aktualität für uns ausloten, können wir etwas leisten, was Robert Havemann sicher gefallen hätte: im Sinne des Brecht-Wortes ihn zu ehren, indem wir uns nützen.

Der vorstehende Text ist die überarbeitete Fassung einer Rede, die der Autor beim Havemann-Workshop des Bildungswerkes Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung am 6.4.2002 im Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte gehalten hat.

 

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