Heft 38/2002 | schauplätze | Seite 71 - 72

Simone Stognienko

Jürgen Fuchs kontra Kohl-Urteil, oder: Was ist schon der 3. Todestag?

Das Lebensalter wird in Jahren gezählt, nach dem Tod beginnt die Zählung dann von vorn. Es gibt ein »davor« und ein »danach«. So auch bei Jürgen Fuchs. Geboren 1950 in Reichenbach/ Vogtland. Gestorben 1999 mit 48 Jahren in Berlin. Nun jährt sich am 9. Mai sein Todestag zum 3. Mal. Und dazwischen?
Das Leben, sein Leben. Eine Frau, vier Kinder, die Arbeit als Psychologe, Gedichte schrieb er und Romane, Essays. Dafür kam er auch in den Knast. Neun Monate U-Haft. Was sind schon neun Monate im Leben eines Menschen? Genügend Zeit um verrückt zu werden, sich umzubringen, die Seiten zu wechseln und einer von »ihnen« zu werden. Oder durchzuhalten, um dann zu erzählen wie es war, wie es auch schon davor, als er seinen »Ehrendienst« bei der NVA überstand. Nachzulesen in seinen Büchern »Vernehmungsprotokolle« und »Pappkameraden«. Vom Knast dann die Abschiebung 1977 nach Westberlin. Na und? Er war doch im scheinbar so sicheren Westen! Und was ist schon die Wahrheit! Die Wahrheit über die DDR-Realität zählte ja auch immer zu den Glaubensfragen der Menschen, in Ost und vor allem in West. In den Westen zu entkommen, hiess für Jürgen Fuchs nicht, endlich sicher zu sein. Die Bearbeitung durch die Staatssicherheit kannte keine »innerdeutsche« Grenze, auch kein Tabu: die Maßnahmepläne beinhalteten sogar Morddrohungen und Mordanschläge. Nachzulesen in den Stasi-Akten.
Die schon wieder! Kann nicht endlich nach 12 Jahren Schluss sein? Schluss womit eigentlich, fragen Menschen wie Fuchs, die schon immer unbequeme Fragen stellten und unangenehme Antworten fanden. Schluss etwa mit dem Herstellen von Gerechtigkeit und Öffentlichkeit? Für Jürgen Fuchs war schon früher Schluss. Noch nicht mal zehn Jahre nach der friedlichen Revolution, mit 48 Jahren. Und nun ist noch einmal Schluss: Die Untersuchungen wegen des Verdachts des Mordes an Fuchs wurden im März 2002 eingestellt. »Zur Klärung des Sachverhaltes wurden hier umfangreiche Ermittlungen geführt...«, auch wenn z.B. Bernhard Schikora alias »IM Genua« seine Aussage verweigerte. Dank des Rechtsstaats, der keinen zur Aussage zwingt. Wie viele Anzeigen und Anklagen sind nach 1989 mangels Beweisen oder nach juristischer Prüfung als »unerheblich« befunden und eingestellt worden? Na also, sagen die, die immer schon gewusst haben, dass es nichts bringt.
Wenn nichts bewiesen wurde, dann war alles nur Verfolgungswahn? Wenn das so ist, können doch die Stasi-Akten für jeden zugänglich bleiben! Und alle können auch weiterhin nachlesen, was juristisch nicht relevant zu sein scheint, aber doch von Hunderttausenden von Spitzeln und Hauptamtlichen vierzig Jahre lang zusammengetragen wurde. Ein unmenschlicher Behördenapparat, wie es das Ministerium für Staatssicherheit war, hat seine Verbrechen an Menschen akribisch in Akten abgelegt, die sind aber nicht bei der »Klärung von Sachverhalten« dienlich. Wenn diese Akten also nicht als Hinweise auf vermutete Straftaten dienen können, was ja bekanntlich abhängig ist von der »Auslegung« und der Interpretation von DDR-Unrecht, so machen sie doch den Weg für den Blick in das Innere dieser totalitären Diktatur frei.
Freilich sind die Stasi-Akten schwer zu lesen, zu deuten und zu begreifen. Nicht nur »um die Opfer aus den Akten rauszuholen«, sondern auch um die Arbeitsweise der Täter zu durchschauen, muss man sich mit den Akten auseinandersetzen. Jürgen Fuchs hat es getan. In seinem letzten Buch »Magdalena«, das nur der erste Teil einer umfassenden Analyse der »Landschaften der Lüge« werden sollte, macht er der Öffentlichkeit zugänglich, was er in der sogenannten »Gauckbehörde« recherchierte und erlebte. Dabei verschwieg er seine Kritik an der neugeschaffenen, in der deutschen Geschichte freilich einmaligen Behörde nicht.
Jede Behörde hat ihre jeweils spezifische Bürokratie. Natürlich müssen Akteneinsichten beantragt werden und Tagebuchnummern sind zum Auffinden von Vorgängen notwendig. Kaum gegründet, schon aufgeblasen zu einem bürokratischen Amt, in dem Sachverhalte abzuklären sind? Und was macht das mit den Menschen, die dort arbeiten? Und mit denen, die die Formulare ausfüllen? Nach dem Erscheinen von »Magdalena« werden im Frühjahr 1998 »amtsintern« Verbindungen von Mitarbeitern überprüft und Übersichten erstellt, um die, wie es im schönsten Stasideutsch hiess, »Rückverbindungen« zu Fuchs abzuklären, zu dokumentieren, auf welcher Seite wer und wie vom Autor erwähnt wurde. Nach seinem frühen Tod wird sein Buch zu seinem Vermächtnis. Ein sehr unbequemes Buch, natürlich, aber nie pauschal verurteilend. Dennoch gibt es immer welche, für die ist Gerechtigkeit gleich Rache und Öffentlichkeit herstellen ist gleich in den Schmutz ziehen. Die können nun froh sein über Helmut Kohls Sieg im Stasi- Akten-Prozess.
Tja, der Rechtsstaat. Was hat der nun mit Gerechtigkeit zu tun? Die Opfer können zum Beispiel, wenn überhaupt, ihre minimalen Entschädigungen nur erhalten, wenn sie entsprechende Nachweise erbringen. Aber Beweise finden für »berufliche Benachteiligungen«? Wie misst man denn Zersetzung? Dagegen fällt die Entscheidung über Rentenbeträge der Täter leichter, weil für die Bearbeitung notwendigen Unterlagen von den Antragstellern erbracht werden können. Bürokratie ist nicht immer schlecht, hat aber mit Gerechtigkeit wenig zu tun.
Die immer schon wussten, das widerständiges Verhalten nichts bringt, sollen trotzdem ihren Mund halten. Auch diejenigen, die es angeblich satt haben, in diesem Land zu leben und ihre Sattheit in einem bewegenden Aufruf kundtun, sollen »verdauen«. Klar, Opposition, Widerstand ist nicht mehr so der Renner, weil es ja heute scheinbar nichts mehr kostet, laut zu sagen, was man denkt. Trotzdem muss laut gesagt werden »was ist«. »Wir müssen eine Situation der Wahrheit herstellen, des Ehrlich-Machens«, so Jürgen Fuchs 1990. Auch muss die Antwort auf die Frage, »wie konnte es so und nicht anders kommen«, auf sich selbst bezogen, auszuhalten sein. Auch Helmut Kohl wird nicht daran vorbeikommen. Auch nicht die Täter der gerade abgewickelten DDR-Diktatur, die durch das Kohl-Urteil plötzlich in der Hoffnung Aufwind spüren, dass ihre Taten für diejenigen geschwärzt werden, die alles ans Licht, an die Öffentlichkeit bringen wollen. Diese Menschen werden nicht siegen, weil verdrängte Vergangenheit nur darauf wartet, an die Oberfläche zu kommen und weil der Verlust der humanen Orientierung tief in den Menschen sitzt, auch 12 Jahre danach. Und weil das Wegschauen jenseits der Mauer, im Westen, auch ein gewisses Maß an Schuld in sich trägt, weil Gleichgültigkeit auch unmenschlich ist.
Aufarbeitung, also sagen wie es war, schließt vor allem ein, dass die Gefahr der Wiederholung schwindet. Und müssen die Menschen Erfahrungen zweimal oder dreimal durchmachen, ehe sie es begreifen? »Ja, bis man es weiß. Bis du weißt, warum du mitmachst. Weil ich muß. Weil ich nicht gegen sie ankomme. Weil ich studieren will. Noch mal von vorn! Bis du begreifst, was sie aus dir machen. Was du aus dir machst. Was du aus dir machen lässt. Was du mit anderen machst. Was andere mit dir machen ...« (aus »Das Ende einer Feigheit« 1988) Bis wir begreifen, das es immer auf uns ankommt, auf jeden einzelnen.

Buchveröffentlichungen von Jürgen Fuchs: »Gedächtnisprotokolle« 1977, »Vernehmungsprotokolle« 1978, »Tagesnotizen« 1979, »Pappkameraden« 1981, »Fassonschnitt« 1984, »Einmischung in eigene Angelegenheiten« 1984, »Das Ende einer Feigheit« 1988, »Gäste kommen und gehen oder Der Verkauf der Landeskinder« 1989, »...und wann kommt der Hammer? – Psychologie, Opposition und Staatssicherheit« 1990, »Dummgeschult« 1992, »Magdalena« 1998.

 

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