Heft 38/2002 | rezensionen | Seite 77 - 78

Thomas Moser

»Aus politischer Rücksichtnahme auf Kohl und Genscher«

Über Werner Großmanns Buch »Bonn im Blick. Die DDR-Aufklärung aus der Sicht ihres letzten Chefs«

Täter-Literatur wird meist mit Mißtrauen begegnet – vor allem von den Opfern. Opfer des SED-Regimes ärgern sich regelmäßig über die Erinnerungsliteratur der alten DDR-Nomenklatura, auch weil sie selber eher weniger zu Wort kommen; ihr Marktwert ist gering. Täter-Literatur ist aber Material in Sachen Geschichtserforschung. Die Wortmeldungen von Verantwortlichen sind wie Zeugenaussagen vor einem Gericht. Sie werden zu Protokoll genommen und mit anderen Informationen verglichen.
Werner Großmann war als Offizier und letzter Chef der Hauptverwaltung Aufklärung HVA ein solcher Täter. 26 Jahre war Großmann insgesamt im DDR-Geheimdienst tätig. Und weil die HVA für die Operationen des MfS in der Bundesrepublik verantwortlich war, nennt er sein Erinnerungsbuch, mit dem er sozusagen vor das Gericht der Geschichte tritt, »Bonn im Blick«. Vor der Lektüre stehen die Fragezeichen: Was legt Großmann offen? Was wird durch ihn bestätigt oder in Zweifel gezogen? Was wußte die HVA über die Bundesrepublik, welchen Einfluß hatte sie im Westen und was für eine Rolle spielten im Ost-West-Verkehr zum Beispiel die Westeliten?
Einer der bemerkenswertesten, gleichzeitig aber wenig bekannten Fälle ist der von Adolf Kanter. Kanter war eine Figur der CDU-Nomenklatur, Freund von Helmut Kohl, später Mitglied der Geschäftsführung des Flickkonzerns. Über Kanter liefen die illegalen Spendenzahlungen des Flickkonzerns an die CDU und andere Parteien. Aber Kanter spielte noch eine andere Rolle: Er war Inoffizieller Mitarbeiter der HVA mit Decknamen »Fichtel«. Und das macht die Sache doppelt interessant. Es bedeutet nämlich nichts anderes, als daß die Stasi nicht nur von diesen illegalen Finanzspraktiken wußte, sondern strenggenommen sogar ihre Finger mit im Spiel hatte. Verblüffend ist, daß Stasi und SED dieses Wissen niemals, auch während des bonner Flick-Untersuchungsausschusses nicht, öffentlich gemacht und etwa gegen die Regierung Kohl verwendet haben. Warum? Werner Großmann gibt eine Antwort: »Aus politischer Rücksichtnahme«. Und zwar Rücksichtnahme auf eine bonner Regierung, die der SED gerade zwei Milliardenkredite verschaffte und damit ihre internationale Kreditwürdigkeit sicherte. Im Klartext: Die DDR-Verantwortlichen verzichteten darauf, Informationen über die geschmierte Kohl-Genscher-Regierung zu veröffentlichen, weil sie von eben dieser Regierung profitierten. Und Kanzler Kohl wiederum profitierte vom Stillhalten der Stasi, denn andernfalls wäre sein Rücktritt 1984 überfällig gewesen. Was hier sichtbar wird, ist die Kontur eines deutsch-deutschen Gefüges, einer verborgenen Herrschaftsstruktur über die Grenze hinweg. Mit der Vernichtung der HVA-Akten in der Wendezeit 1989/90 gingen die Stasi-Informationen über die Spendenflüsse von Flick an die CDU verloren. Und so war die Vernichtung dieser Akten also auch im Interesse der Kohl-Regierung. Das wiederum erklärt, warum Kohl so vehement darum kämpft, daß die Öffentlichkeit keinen Einblick in die Stasiakten über ihn erhält, die in der Gauck-Birthler-Behörde liegen.
Bei aller gezügelten Preisgabe seines Wissens finden sich in Großmanns Buch noch mehr Einzelinformationen, die in das Bild einer deutsch-deutschen Elite passen: Berthold Beitz beispielsweise, ehemals Aufsichtsratsvorsitzender von Krupp und Prototyp des Kapitalisten, traf sich mehrmals mit Großmann und anderen Stasi-Leuten. Beitz informierte, wie man im bonner Regierungsapparat über einen Austausch des DDR-Agenten Guillaume dachte.
Thema internationaler Waffenhandel. Die HVA, so ihr Chef, sei darüber informiert gewesen, daß Unternehmen in Kiel und Lübeck illegal Pläne zum Bau von U-Booten an das Apartheid-Regime in Südafrika geliefert hatten. Auch diese Akten seien vernichtet worden, schreibt Großmann, um sich gleichzeitig dahinter zu verstecken, denn eigenes Wissen steuert er nicht bei. Doch wer Kiel sagt, muß auch Barschel sagen. Uwe Barschel war als CDU-Ministerpräsident in den 80er Jahren persönlich in der DDR und stattete dem für Waffenhandel zuständigen Stasi-Betrieb IMES in Kavelstorf mindestens einen Besuch ab. Was Barschel dort genau wollte und was dieser Kontakt überhaupt zu bedeuten hatte, darüber hüllen sich alle Verantwortlichen bisher in Schweigen. Auch von Großmann kein Wort dazu. Was er allenfalls einräumt: daß die Stasi nach Barschels Tod einen gefälschten Brief  an die Öffentlichkeit lancierte, in dem diesem die Äußerung zugeschrieben wurde, der schleswig-holsteinische CDU-Vorsitzende Stoltenberg habe von den Intrigen gegen den SPD-Politiker Engholm gewußt. Indem ein Stasi-Verantwortlicher zugibt, Barschel mißbraucht zu haben, taugt dies umgekehrt nun dazu, Barschel vom Verdacht zu entlasten, mit der Stasi illegale Geschäfte gemacht zu haben. Das hat ebenfalls seine Logik.
Großmanns Buch muß gegen den Strich gelesen werden: Wozu und zu wem sagt er nichts ? Wie zu Barschel z.B. ebenfalls nichts zum Fall der wiener Residentur der HVA, über die illegaler Technologietransfer in die DDR und Waffenhandel organisiert wurden. Da der Frontmann der wiener Stasi-Filiale, Udo Proksch, der nach Versenkung des Frachtschiffes Lucona zu lebenslanger Haft verurteilt worden war und letztes Jahr während einer Operation in Haft verstarb, obendrein eng mit Barschel verbunden war, ist auch dieses Verschweigen konsequent. (Daß Großmann nebenbei behauptet, mit Mördern, Drogen- oder Waffenhändlern habe das MfS nichts zu tun gehabt, kann nicht einmal als Beschönigung gelten, sondern trägt nur zur moralischen und sachlichen Selbst-Disqualifikation des Generaloberst bei.)
In Großmanns Präsentation fortgesetzter Verschleierung paßt, daß er auch den Fall Stiller, von dem es ebenfalls eine Verbindung zur wiener Stasi-Dependance gibt, anders darstellt als Stiller selber. Werner Stiller floh als HVA-Offizier im Januar 1979 von Ostberlin in die Bundesrepublik. Nach Großmanns Aussage hat Stiller nur wenige Wochen bis zu seiner Flucht zum BND Kontakt gehabt und wenig Schaden für das MfS angerichtet. Stillers Version ist eine ganz andere: Bereits 1974 habe er mit dem BND Kontakt aufgenommen und seit 1976 fest für den bundesdeutschen Auslandsdienst als Doppelagent gearbeitet. Das hieße unter anderem, Stiller hat mit Wissen des BND im Westen weiterhin inoffizielle Mitarbeiter für die Stasi rekrutiert und geführt. Eine Konstruktion, die auch Fragen zur Verantwortung des BND aufwirft. Welche Version stimmt: Die von Großmann oder die von Stiller? Um nicht von den parteilichen Aussagen zweier ehemaliger Geheimdienstler abhängig zu sein, gäbe es eine Lösung. Sie heißt: Öffnung der BND-Akten.
 Die westdeutschen Geheimdienstakten zu öffnen gibt es noch weitere Gründe. Etwa um die geheimdienstlich beliebte Methode des Werbens unter falscher Flagge aufzuklären, zu der Großmann eine ganze Reihe von Beispielen liefert. Das ging so: Das MfS trat als Verfassungsschutz oder irgendein anderer westlicher Geheimdienst auf und brachte Personen dazu, für diese Dienste zu arbeiten. Angeblich, denn in Wahrheit taten sie es für das MfS. (Die Täuschung konnte jahrelang funktionieren. In einem Fall glaubte eine Sekretärin im Auswärtigen Amt in Bonn 16 Jahre lang, für den britischen Auslandsgeheimdienst MI 6 tätig zu sein, tatsächlich gingen ihre Informationen an die HVA.) Das Spiel des Werbens unter fremder Flagge ist allerdings auch bei westlichen Diensten nicht unbekannt. Großmann erzählt von Fällen, in denen der BND als MfS aufgetreten sei und dafür Informanten geworben habe. Insgesamt habe es jede Menge MfS-BND-Doppelagenten gegeben, so Großmann. Das paßt nicht nur ins Schema Stiller, sondern deckt sich auch mit der Erklärung des Leiters der Spionageabwehr im BND, Ullrich Wössner, der auf einer Tagung der Gauck-Birthler-Behörde Ende letzten Jahres sagte, daß neun von zehn BND-Informanten in der DDR auf zwei Schultern getragen, also für BND und MfS gearbeitet haben. Wössner gab auch eine Ahnung, warum: Der BND hatte DDR-Bürger, die in die Bundesrepublik reisen durften, systematisch auf eine Zusammenarbeit hin angesprochen – und sie damit gleichzeitig nach ihrer Rückkehr in die DDR in die Arme des heimischen Staatssicherheitsdienstes getrieben, wenn ihr Kontakt zum BND bekannt wurde. Ein monströses Zusammenspiel dieser Geheimdienste, das aufzuklären die Gesellschaft ein Recht hat.
Namen von HVA-Mitarbeitern oder West-IMs nennt Großmann nur, wenn sie bereits enttarnt sind. Im allgemeinen gelten für ihn die Regeln der Konspiration weiter. Im besonderen bricht er sie aber auch gerne. So bei den nicht wenigen Stasi-Offizieren, die sich in den Wendezeiten dem Verfassungsschutz oder BND andienten. Oder im Fall eines ehemaligen IM, weil der sich in den 90er Jahren als Ministerpräsident für eine Strafverfolgung der Stasi-Hauptamtlichen aussprach. Die Rede ist vom ersten CDU-Ministerpräsidenten Thüringens nach der Wende, Josef Duchac, den Großmann als IM der MfS-Abwehr outet. Duchac hat dem zwar widersprochen, gleichzeitig mit dem Verlag Das Neue Berlin aber die kuriose Einigung getroffen, daß die Passage im Buch verbleiben kann und erst in der zweiten Auflage herausgenommen wird.
Wie viel bzw. wenig Herr Großmann tatsächlich offenlegt, zeigt sich auch an der inhaltlichen Gewichtung seines Buches: Fast 30 Jahre Geheimdienstarbeit nehmen etwa die Hälfte der gut 300 Seiten ein. Genausoviel widmet er aber auch zehn Jahren Wende- und Nachwendezeit. Großmann erklärt unter anderem, daß die HVA bereits Ende Oktober 1989 mit Aktenvernichtungen begann, die Vernichtungen dann rund um die Uhr betrieb und fortsetzte, obwohl es im Dezember 1989 eine Anweisung sowohl der Regierung Modrow als auch des neuen MfS/ANS-Chefs Schwanitz gegeben habe, die Vernichtungen einzustellen. Eines Beschlusses des Zentralen Runden Tisches, die HVA-Akten zu vernichten, hätte es also nicht bedurft, abgesehen davon, daß der Runde Tisch einen solchen Beschluß gar nicht faßte. Er wurde im nachhinein von interessierter Seite erfunden, um von den wirklich Verantwortlichen für die Aktenvernichtung abzulenken. Der HVA war allerdings gestattet worden, sich selber aufzulösen. Wenn Großmann nun schreibt, der gesamte Ablauf der Aktenvernichtung sei von Vertretern der evangelischen Kirche, Beauftragten des Runden Tisches sowie den Regierungsbeauftragten für die Auflösung des MfS/ANS kontrolliert worden, erscheint das als eine mehr als großzügige Interpretation. Eher trifft zu, was er an anderer Stelle schreibt: die HVA-Offiziere haben die Bürgerrechtler während der Selbstauflösung ihres Dienstes getäuscht und über den Tisch gezogen. (Man gab der HVA damals den kleinen Finger, sie nahm die ganze Hand, und nun pflegt sie damit ihre eigene Geschichtsschreibung.)
Großmann bestätigt schließlich noch, daß es mit Beginn des Umbruchs eine Vielzahl von Kontakten zwischen Stasi-Verantwortlichen und Vertretern des Verfassungsschutzes, des BND oder des Bundesinnenministeriums gab, die bis Ende der 90er Jahre gingen. Ziel war zunächst, eine Übereinkunft zu treffen, keine Erkenntnisse über die jeweils andere Seite offenzulegen. Ein Deal, dem die erzwungene Öffnung der Stasi-Akten dazwischenkam.
»Das Spiel der Geheimdienste geht weiter«, schreibt Großmann am Ende. Wohl wahr. Falsch aber sein nächster Satz: »Wir sind nur noch Zuschauer in diesem Monopoly der Informationen.« Die Stasi-Armee hat zwar ihre Macht verloren, nicht aber ihr Herrschaftswissen. Werner Großmann und seine Offiziere spielen immer noch mit, wenn auch mit etwas anderen Karten.

Werner Großmann: »Bonn im Blick. Die DDR-Aufklärung aus der Sicht ihres letzten Chefs«, Das Neue Berlin, Berlin 2001, 320 Seiten, ISBN 3-360-00943-6, 17.50 €.

 

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