Heft 39/2002 | repressionsfolgen und ihre überwindung | Seite 3 - 6

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»So etwas von Solidarität hatte ich mir nicht vorgestellt...«

Ein Gespräch mit Hermann Kreutzer über seine Arbeit als Beauftragter der SPD für politische Häftlinge

Hermann Kreutzer, 1924 in Saalfeld geboren, in sozialdemokratischen Kreisen aufgewachsen und frühzeitig mit NS-Verfolgungen konfrontiert; als Sechzehnjähriger Kurier zwischen Widerstandsgruppen in Thüringen, 1942 zum Militärdienst eingezogen, in Frankreich stationiert, dort Kontakte zur Resistance, Verurteilung zu zehn Jahren Festung, Flucht.
1945 Mitbegründer der SPD in Thüringen, aktiver Widerstand gegen die SED, Zusammenarbeit mit dem Ostbüro der SPD, April 1949 zusammen mit Ehefrau und Vater verhaftet und zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt, 1956 nach dem Moskau-Besuch Adenauers entlassen, Übersiedlung nach Westberlin. Dort SPD-Parteiarbeit, bis Ende der siebziger Jahre Beauftragter der SPD für politische Häftlinge, 1966 bis 1980 im Ministerium für gesamtdeutsche bzw. innnerdeutsche Fragen unter anderem für den Häftlingsfreikauf zuständig, 1981 Austritt aus der SPD. Vorstandsmitglied des Kurt-Schumacher-Kreises, einer Vereinigung ehemaliger politischer Häftlinge aus der Sozialdemokratie.


Herr Kreutzer, Sie haben sich seit den fünfziger Jahren intensiv für die Interessen derer eingesetzt, die in der SBZ/DDR aus politischen Gründen inhaftiert waren. Um wen handelte es sich da eigentlich?
1945/46 sind in der sowjetischen Besatzungszone ca. 150.00 Personen verhaftet worden, auf Veranlassung der KPD, es gibt darüber Unterlagen von Herrn Ulbricht. Das war im Sinne des Klassenkampfes, um die Zahl der führenden Bourgeois zu vermindern. Offiziell ging es gegen »aktive Nazis« – was die meisten gar nicht waren ... Von diesen 150.000 damals Inhaftierten sind gut 70.000 in der Haft umgekommen, der Rest ist dann 1948/50 entlassen worden. Das war die erste Gruppe politischer Häftlinge, wobei »politischer Häftling« nicht bedeutete, daß die Betreffenden politischen Widerstand geleistet hatten – obwohl politische Häftlinge eigentlich Widerstand geleistet haben sollten.
Und von denen sind damals auch schon viele in die Westzonen gekommen oder in die neugegründete Bundesrepublik. Die wurden alle noch dem großen  Bereich »Kriegsgefangene« zugerechnet. 1954, anlässlich der Außenministerkonferenz  hier in Berlin, gab es die erste Entlassungen von Leuten, die auf Betreiben der SED, von den sowjetischen Militärtribunalen verurteilt worden waren, etwa 6000 bis 8000. Der Rest blieb weiter in Haft, wir wurden dann ‘56 entlassen. ‘56 kamen schon vorwiegend die, die Widerstand geleistet hatten. Damals sind auch noch mal so gut 10.000 entlassen worden.
Die Aufnahme hier, also in Westberlin, war fantastisch gut. Besser konnten wir uns das alles gar nicht vorstellen. Es gab natürlich Unterschiede. In Schleswig-Holstein oder in Würtemberg wussten die Leute von solchen Dingen gar nichts. Hier in Westberlin war alles sensibilisiert, verständlicher Weise, auf Grund des Kalten Krieges, so dass die Aufnahme sowohl von der Bevölkerung wie von den offiziellen Stellen großartig gewesen ist. So etwas von Solidarität hatte ich mir nicht vorgestellt und hat es auch später nicht wieder gegeben. Wir hatten ja nichts. Wir kamen ohne einen Pfennig Geld oder sonst was hierher nach West-Berlin, und da brachten die mir eine Decke und ein Handtuch, ein Kopfkissen, das war damals alles sehr viel – es waren alles kleine Leute, die das gemacht haben, so selbstverständlich.
Und ob das Franz Neumann war oder Otto Suhr oder Willi Brandt, damals Parlamentspräsident, oder die Senatoren und die Bezirksbürgermeister und die Stadträte, die haben sich alle überaus hilfsbereit und menschlich verhalten.
Und dann kam die Anerkennung als politischer Häftling nach dem Häftlingshilfegesetz. Das war zunächst eine Verordnung von dem damaligen Vertriebenen-Minister Oberländer, daraus wurde später eben dieses Gesetz. Das war ein lapidares Verfahren, man hat vor der betreffenden  Behörde eine Erklärung abgegeben  ...und jawoll –  bekam einen Stempel und war anerkannt als politischer Häftling. Und daraufhin gab es auch eine Eingliederungshilfe: für die ersten zwei Jahre eine Mark pro Tag, das war der gleiche Satz wie beim Kriegsgefangenen-Entschädigungsgesetz – und die nächsten Jahre gab’s pro Tag zwei Mark. Man muss das alles in der Relation sehen – heutzutage wäre das gar nichts, aber damals war das relativ viel Geld. Und dann gab’s natürlich von der jeweiligen Stadt Beihilfen, 300, 400 Mark, und die Bundesbahn hat allen Häftlingen eingeräumt, dass sie nur die Hälfte des Fahrpreises zahlen mussten. Also, es gab überall Hilfe und Unterstützung, und von daher war die Aufnahme einfach gut. Das ging – und das hat sich gehalten –  die ganzen 50er und 60er Jahre und auch noch Anfang der 70er Jahre.

Sie wurden dann Beauftragter der SPD für politische Häftlinge...
Das wurde ich gleich nach meiner Übersiedlung in den Westen, da wurde dieses Amt eingerichtet. Das war eingebunden in den Ausschuss für deutschlandpolitische Aufgaben beim SPD-Parteivorstand in Bonn, Vorsitzender war Fritz Erler. Ich wurde aus mehreren Gründen genommen, unter anderem, weil ich schon über die Verhaftungen damals nach ‘45 berichtet hatte – im Ostbüro. Dadurch wussten sie, dass ich da ein bissel versiert war. Ich habe das ehrenamtlich gemacht, habe hier gearbeitet – im  Entschädigungsamt für die NS-Verfolgten –, und bin dann immer rübergefahren.
Die Tätigkeit sah so aus, dass wir erstens engen Kontakt halten mussten – was wir ohnehin von uns aus getan hatten –  mit unseren alten Freunden von den Sozialdemokraten, zu unseren Freunden von der CDU und von der FDP. Diese Opferverbände gab’s damals nicht. Es gab da einen Verband, den VOS, das waren vor allem die ehemaligen kleinen Nazis, also die Internierten. Aber wir politischen Häftlinge waren organisiert in unseren Parteien SPD, CDU und FDP. Und wir haben ganz eng zusammengearbeitet. Wichtig war, dass die Spitzenpolitiker sich intensiv mit unseren Fragen befassten. Das war bei der FDP Thomas Dehler, bei der CDU der damalige Fraktionsvorsitzende Heinrich Krone und die Bundestagsabgeordnete Agnes Maxsein und bei uns von der SPD Herbert Wehner und Lisa Korspeter, die wir allgemein nur als die Mutter der politischen Häftlinge bezeichneten. Soviel Hingabe war da, so was gibt’s heutzutage gar nicht mehr ...
Die zweite Aufgabe war, alles, was von politischen Häftlingen nur irgendwie notierenswert war, zu notieren. Das machte, als Apparat, das Ostbüro der SPD. Ich habe also Gespräche geführt mit Mitarbeitern des Ostbüros, die haben mir mitgeholfen, einer lebt noch, der Helmut Berwald, und wir haben mit den politischen Häftlingen, die ankamen und die sich hier meldeten, Gespräche geführt. Alles wurde notiert, was da irgendwie notwendig oder wissenswert war: Was sie mitgemacht haben, warum sie eingesperrt waren, und und und ...
Das war eine Art Aufbereitung all der Erlebnisse und Kenntnisse der politischen Häftlinge in dieser Zeit. Ich habe dreieinhalb Tausend solcher Gespräche geführt, und dann brannte es in den sechziger Jahren im Ostbüro. Ich habe versucht, rauszukriegen, ob das die Stasi gewesen ist – aller Wahrscheinlichkeit nach, aber mit Sicherheit kann man es nicht sagen. Die Unterlagen sind jedenfalls dabei zum größten Teil vernichtet worden.
Der dritte Bereich war die Hilfe, die der Einzelne brauchte. Jeder konnte sich an seine Partei wenden, aber wer nicht Mitglied war, die kamen teilweise auch, denen haben wir auch geholfen, das war verständlich. Wenn er richtiger politischer Häftling war. Das ist jetzt wichtig: Wir haben 1959/60 auf Veranlassung der CDU das Häftlingshilfe-Gesetz geändert und den § 9b eingefügt. 9b – das waren politische Häftlinge, die Widerstand geleistet hatten. Die mussten das glaubhaft machen. Alle anderen wurden nur berücksichtigt nach dem alten Häftlings-Hilfegesetz, also mit einer Mark und zwei Mark, und alles, was sich später verbessert hat im Rahmen dieses Gesetzes, galt nur noch für die echt politischen Häftlinge, die Widerstand geleistet hatten. Denn viele sind ja wegen lächerlichem Krimskrams eingesperrt  worden. Die Bereichsleiter des NKWD hatten eben so und so viele Häftlinge zu bringen, und brachten sie weniger, waren sie nicht wachsam gewesen. Deshalb dieser 9b-Paragraph. Und 1990 haben sie den aufgehoben, die großen Helden in Bonn. Gekümmert haben wir uns aber nicht nur in Punkto Geld, sondern auch in anderen Bereichen, speziell bei Gesundheitsschäden. Das waren aber gar nicht so viele, die stark davon betroffen waren. Ich war in den 7 Jahren Haft einmal krank. In den Anfangsjahren gab es die schweren Tbc-Erkrankungen – 75% von den 7000 in Bautzen hatten Tbc, die sind ja verstorben wie die Fliegen, an Hunger und Tbc. Aber als wir zwar nicht ausreichend zu essen bekommen haben, aber wenigstens nicht mehr hungern mussten in dem Maße, waren die meisten Häftlinge einigermaßen gesund.

Es gab bei den politischen Häftlingen, wie ich gehört habe, auch einen enormen Durchhaltewillen...
Die meisten, zumindest von den Sozialdemokraten, hatten bereits aus der Nazi-Zeit mehrere Jahre auf dem Buckel. Ich war zwar zu 10 Jahren verurteilt, aber bin nach kurzer Zeit geflüchtet, Glück gehabt. Aber die anderen, die haben 3 Jahre, 4 Jahre, 5 Jahre, 6 Jahre, 8 Jahre, 12 Jahre bei den Nazis gesessen und wurden dann von diesen Idioten wieder eingesperrt, in KZs in Buchenwald, Sachsenhausen, oder im Zuchthaus zum Roten Ochsen – oder wo auch immer. Die hatten natürlich einen unerhört starken Widerstandswillen, und die haben auch durchgehalten. Wir hatten, als die von den Parteien, dadurch eine Aufgabe, die wir uns gar nicht ausgesucht hatten. Wir lagen auf einem Saal, 30 mal 12 Meter, die Fenster, die waren verblendet, so dass oben nur bisschen Luft reinkam und Licht, mit 400 Menschen zusammen. Da waren viele arme Teufel dabei, wie man so sagt – und wir hatten die Aufgabe, denen so ein paar Korsettstangen einzuziehen, was wir auch gemacht haben. Wir hatten Gott sei Dank relativ wenige Verstorbene zu beklagen: Von 2000 damals inhaftierten Sozialdemokraten sind 400 im Knast umgekommen. Das sind schon viele, aber insgesamt war das wenig im Verhältnis zu den vielen Toten unmittelbar nach 1945 in der Haft.
Später, nach der Haft,  kamen die Haftschäden, und daran sind viele verstorben. Meine Frau auch letzten Endes, verdeckte Nierenerkrankung. Aber da drin – diesen Widerstandswillen und Beharrungswillen, den hat es gegeben und den haben wir auch immer wieder versucht zu motivieren.
Als viertes haben wir den Zusammenhalt  zwischen den sozialdemokratischen Häftlingen zu bewahren versucht,  indem wir uns im Jahr wenigstens einmal getroffen haben, in guter Freundschaft – und ich muss sagen, diese gute Freundschaft war etwas, was ich nie in meinem Leben missen möchte.
Und jetzt will ich Ihnen noch etwas ganz Wichtiges sagen: Es gab einen Unterschied zwischen denen, die in der NS-Zeit verhaftet waren, und denen, die nachher verhaftet waren. Wichtig dafür, daß der ganze Bereich der politischen Häftlinge nach 1945 so differenziert betrachtet wird, teilweise in der Bundesrepublik offenbar nicht  zur Kenntnis genommen wird: Die Nazis haben in aller erster Linie die Großkopfeten eingesperrt – von den Kommunisten, den Sozialdemokraten, den Bürgerlichen. Und demzufolge war es nach 1945 bzw. 1949 auch eindeutig, dass die vielen, die verfolgt waren, wieder aktiv politisch gearbeitet haben. Wenn sie mal das Handbuch des Deutschen Bundestages von 1949 nehmen, werden Sie erstaunt sein – weit über 100 Bundestags-Abgeordnete waren Verfolgte, sind ausgewandert oder hatten hier in Haft gesessen.
Von den politischen Häftlingen nach 1945 war einer mal eine kurze Zeit Bundestags-Abgeordneter – ich komme gar nicht mehr auf den Namen, der war später in Mecklenburg in der CDU-Regierung tätig. Der hat sich auch nicht als politischer Häftling groß geoutet, wie man heute so sagt. Es ist doch kennzeichnend, dass von diesen 390.000 politischen Häftlingen von ‘45 bis ‘89, bis auf diesen einen Fall, niemand hohe politische Führungspositionen erlangte. Ich kann sie ihnen aufzählen, die so ein bißchen wenigstens rausgeguckt haben: das war mein guter Freund Willy Brundert, der wurde Oberbürgermeister von Frankfurt, das war ein zweiter Freund, Gerhard Weck, der war Fraktionsvorsitzender in Frankfurt, dann der Landtags-Abgeordnete Manfred Klein von der CDU, und zwei, drei Ministerial-Direktoren, da gehöre ich mit zu – wir waren vielleicht eine Handvoll, die solche politische Funktionen noch hatten. Hier stimmt doch was nicht.
 
Vielleicht lag das daran, dass sie von außen in eine schon intakte politische Landschaft reingekommen sind, man also einen gewissen Außenseiter-Status hatte?
Nein, hatten die eigentlich nicht, hätten sie nicht zu haben brauchen. Ich habe Ihnen ja gesagt, wie herzlich wir aufgenommen worden sind. Ich will Ihnen die Schwierigkeiten mal an einem Beispiel zeigen: Ich habe damals, ‘71 muß das gewesen sein, gesagt: Die wir jetzt freikaufen von drüben, die wollen wir mal zusammenholen. In Bergneustadt hatte die Ebert-Stiftung eine Bildungsinstitution, und dazu habe ich etwa 80 gerade entlassene oder abgekaufte Häftlinge eingeladen. Ich hatte noch meinen Freund Manfred Klein von der CDU mitgebracht und Stempel von der FDP, und wir haben alle drei aufgerufen: Ihr müsst das, was ihr auf euch genommen habt da drüben, jetzt auch weiter umsetzen, indem ihr politisch tätig werdet. Tretet in eine der Parteien ein, egal, ob CDU, SPD oder FDP. Und auf Grund unserer Bemühungen sind später dann drei eingetreten – zwei in die SPD, einer in die CDU. Sehen Sie – und so war das Verhältnis insgesamt. Die nennen sich politischen Häftlinge, haben sich aber anschließend nicht mehr politisch betätigt. Und das war auch ‘90 so, in der  Wende. Die hatten mich überall eingeladen, und ich habe sie aufgefordert: Wenn ihr schon drüben geblieben seid - wir fanden das nicht gut, ich hätte da drüben nicht mehr atmen können nach der Haft, aber gut -,  ich habe sie also aufgefordert: Geht bitte in die politischen Parteien. Nichts –  Verbände haben sie gegründet, die nichts bringen.

Hatte Ihre Arbeit eigentlich auch Einfluß auf die Politik in der DDR – so weit sich das überhaupt feststellen läßt?
Ende der 60er Jahre haben die drüben ihr neues Strafgesetzbuch verabschiedet. Solche exemplarischen Verurteilungen wie in den 50er und 60er Jahren gab es dann kaum noch. Die haben zwar noch genauso viel verhaftet, einmal wegen der Fluchtversuche, zweitens wegen »Hetze«, nach unseren Schätzungen ungefähr 60.000 jeweils allein aus diesen beiden Bereichen. Aber die wenigsten davon haben gesessen. Und dazu hat vielleicht auch unsere Arbeit beigetragen. Ich habe vor allen Dingen damals den West-Alliierten viel Material in die Hände gegeben, erst mal, weil wir so eng miteinander verknüpft waren, besonders hier in Berlin, und zweitens, weil sich das aus dem politischen Auftrag ergab. Und das hat natürlich seine Rückwirkungen gehabt - daß die da drüben das dann reduziert haben. Die wollten zweifellos von diesem negativen Eindruck, den sie gemacht haben, ein bißchen loskommen.
Ich gebe Ihnen jetzt mal was mit: ein Papier über die politische Haft von ‘45 bis ‘90, das ist das einzige, das so existiert. Das war eine Initiative mit Gysi zusammen. Hier sind die 12 großen Verhaftungsaktionen zu sehen, die die SED durchgeführt hat, erst zusammen mit den Russen, dann allein, die verschiedenen Verhaftungswellen, die Kriterien dabei. Was hier dargestellt ist, darauf können Sie sich verlassen.

Das vorstehende Gespräch wurde im Juni 2002 von Erhard Weinholz (Redaktion »Horch und Guck«) geführt.
 

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