HEFT 04/2002 | Editorial | Seite 81

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

vor zehn Jahren, am 21. November 1992, wurde unser Freund Silvio Meier, Mitbegründer der Kirche von Unten, Autor und Mitherausgeber des "mOAning stars" und als Drucker auch an der Herstellung der H&G beteiligt, von Fascho-Kids ermordet. Mit Silvio steht auch ein anderer Jahrestag in Beziehung. Vor 15 Jahren, genau am 17. Oktober 1987, fand das Konzert in der Berliner Zionskirche statt, das durch den Überfall von Skin­heads traurige Berühmtheit erlangte. Spiritus rector und hauptsächlicher Organisator dieses Konzerts war Silvio. In der vorliegenden Nummer wird erstmals der Frage nachgegangen, inwieweit das MfS an diesem Überfall beteiligt war.

Weitere Beiträge zum Schwerpunktthema unserer neuen Ausgabe, "Alte und neue Nazis in der DDR", befassen sich mit der Bevorzugung von Altnazis gegenüber Kommunisten bei der Besetzung wichtiger Funktionärsposten und der mangelnden Offenlegung vormaliger NS-Personalia in der DDR. Die Autorin und die beiden Autoren kommen unabhängig voneinander zu dem Ergebnis, daß die politisch Verantwortlichen in der DDR auf Ex-Nazis wegen ihrer Obrigkeitshörigkeit gern zurückgriffen, um unliebsame SED-Vorgaben gegen die Bevölkerung durchzusetzen. Die innerfamiliären Auseinandersetzungen in Ost- und Westdeutschland über Schuld und Mit­läufertum in der NS-Zeit sind Gegenstand des letzten Beitrags in dieser Rubrik.

Dem erschreckend aktuellen Thema "Neonazis" widmen wir uns auch in den "Schauplätzen". Von den zwei Arbeiten, die die Ursachen dieses Phänomens zu ergründen suchen, wird der auf die Gegenwart bezogene vielleicht kontrovers beurteilt werden.

Nicht nur unter dem Gesichtspunkt "Fremdenfeindlichkeit in der DDR" ist ein Aufsatz über junge Algerier interessant, die als Lehrlinge und Gastarbeiter in der DDR lebten, sondern auch wegen des nach den Terrorangriffen am 11. September 2001 sichtbar gewordenen Defizits an Informationen über Moslems in der DDR.

Ein HuG-Dauerthema sind Täter-Opfer-Konflikte. Zwei Interviews beleuchten die Hintergründe einer erbitterten und offenbar nicht beizulegenden Auseinandersetzung zwischen Siebenbürger Sachsen, deren Ursprünge weit mehr als 40 Jahre zurück liegen und die sich an den jüngst erschienenen Erinnerungen des Hauptbelastungszeugens in einem damaligen Schauprozeß neu entzündet haben.

Schließlich geben wir die Resultate unserer Leserbefra­gung bekannt. Solange noch Fragebögen eingesandt werden, bleiben sie jedoch vorläufig. Wir wünschen unseren Lesern schöne Weihnachten und ein gesundes Neues Jahr 2003 in Frieden.

Im Namen der Redaktion
Dirk Moldt

 

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