Heft 40/2002 | alte und neue nazis in der ddr | Seite 1 - 6
Carlo Jordan
Der Aufbau des Sozialismus an der Humboldt-Universität mit nationalsozialistisch geprägten Rektoren
Im Zusammenhang mit der Stalin-Note von 1952 vollzog die SED eine gerade auch für die Humboldt-Universität mit ernsten Konsequenzen verbundene Wende in der Entnazifizierungsfrage: Nicht mehr die alliierten Entnazifizierungsprinzipien sollten gelten, sondern das Bekenntnis zum sozialistischen Aufbau. Deshalb verlangte die SED, "jedes sektiererische Verhalten zur alten Intelligenz, die am sozialistischen Aufbau mitarbeitet, entschieden zu bekämpfen"1. In der Stalin-Note zur Wiedervereinigung Deutschlands vom 10. März 1952 war bereits die Abkehr von der aktiven Entnazifizierung formuliert worden:
"Allen Nazis, ehemaligen Armeeangehörigen, Offizieren und Generälen, so sie nicht rechtskräftig verurteilt sind, werden gleiche Rechte und Pflichten wie allen anderen Deutschen auferlegt."2
Im Kampf des Kalten Krieges um Kader bzw. Experten leitete die Humboldt-Universität eine Entwicklung ein, die ehemaligen NSDAP-Mitgliedern und willigen Wehrmachtsoffizieren eine neue Karriere als Führungskader des sozialistischen Aufbaus eröffnete.
Eine andere Kehrtwendung der SED sollte die weitere Entwicklung der Humboldt-Universität ebenfalls in bedeutendem Maße mit prägen: der "Aufbau des Sozialismus" unter den Bedingungen des Kalten Krieges bedeutete für die Partei zugleich eine Remilitarisierung mit "Nationalen Streitkräften" und eine Politik grundsätzlicher Abschottung der DDR. Herausgestellt wurde " [...] der untrennbare Zusammenhang zwischen dem bewaffneten Schutz der Arbeiter- und Bauernmacht und dem sozialistischen Aufbau in der DDR und schließlich der Stärkung des sozialistischen Weltsystems als der größten Errungenschaft der internationalen Arbeiterbewegung und der Erhaltung des Friedens."3 Für die Humboldt-Universität stand nun die SED-Forderung: Jugend und Studenten müssen bereit sein, an der Seite der Sowjetarmee die DDR mit der Waffe zu verteidigen. Die FDJ übernahm die Patenschaft über die Kasernierte Volkspolizei (KVP), die die ersten militärischen Einheiten der DDR bildete, und delegierte viele ihrer Funktionäre und Mitglieder dorthin, um sie zu militärischen Nomenklaturkadern auszubilden. Schließlich wurde 1952 auf Weisung des ZK der SED die paramilitärische "Gesellschaft für Sport und Technik" gegründet und mit Grundorganisationen auch an der Humboldt-Universität verankert. Zur nationalen Frage betonte die 2. SED-Parteikonferenz, daß die "demokratische Wiedervereinigung nur verwirklicht" werden könne, wenn auch in der BRD "die Arbeiterklasse [...] die Herrschaft des Imperialismus und Militarismus überwindet und Demokratie und gesellschaftlicher Fortschritt" sich durchsetzen würde4.
Zudem beschloß die Parteikonferenz, die Grenzen zur BRD abzuriegeln, so daß die Freizügigkeit der DDR-Bürger empfindlich eingeschränkt wurde. Die Studenten der Humboldt-Universität konnten zwar noch bis 1961 mit der S-Bahn nach Westberlin fahren oder schlicht über die Sektorengrenze laufen, doch wurde das bald von den Universitäts-Rektoren als unerwünscht und illegal abgelehnt und unter Strafe, bis hin zur Relegierung, gestellt. In der "antifaschistische DDR" standen, als 1952 mit dem "Aufbau der Grundlagen des Sozialismus" begonnen wurde, als 1958 der V. SED-Parteitag die "Orientierung auf den Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse" beschloß, als schließlich der Antifaschist Robert Havemann 1964 fristlos entlassen wurde, langjährige NSDAP-Mitglieder mit entsprechender nationalsozialistischer Prägung und Erfahrung als willige Wehrmachtsoffiziere an der Spitze einer bedeutenden DDR-Kaderschmiede, der Humboldt-Universität zu Berlin.
Die Bewerbung von Jürgen Kuczynski
Am 3. Juli 1951 wandte sich Jürgen Kuczynski in einem persönlich gehaltenen Brief an den SED-Generalsekretär Ulbricht, um sich "sehr gerne" für die 1952 neu zu besetzende Rektorenstelle zur Verfügung zu stellen: "Lieber Walter, wie man mir sagte, hat mich das Staatssekretariat für Hochschulwesen zum Rektor für die Humboldt-Universität zu Berlin an das Sekretariat des ZK vorgeschlagen. Ich möchte Dir nur sagen, dass ich, wenn die Partei zustimmt, diese Funktion sehr gerne übernehmen würde, zumal an meiner Fakultät (Wirtschaftsgeschichte an der HUB), wo ich Dekan bin, alles ganz ordentlich (ohne mein Verdienst) läuft."5
Der marxistische Wirtschaftshistoriker Kuczynski war bereits seit 1930 Mitglied der KPD, hatte Erfahrungen in der illegalen Arbeit der KPD-Reichsleitung gegen den Nationalsozialismus und leitete als Westemigrant in England die Gruppe deutscher Kommunisten. Er war 1944/45 wissenschaftlicher Mitarbeiter des United States Strategie Bombing Survey und Oberst der US-Army in der Anti- Hitler-Koalition.
Das waren eigentlich exzellente Voraussetzungen für das Rektorenamt, wären da nicht die jüdische Herkunft Kuczynskis und der Antizionismus der kommunistischen Bewegung gewesen, etwa Stalins Kampagne gegen jüdische Ärzte oder die Vorbereitung des Slansky-Prozesses in der CSSR gegen "kosmopolitische Juden" in der KP-Führung, die gerade zu dieser Zeit voll anlief. Das MfS verstieg sich in die Untersuchung "zionistischer Verbindungen", die als "Verschwörergruppen das sowjetische Weltfriedenslager zerstören und die DDR dem Imperialismus ausliefern" wollten.
Im Visier des MfS waren vorrangig Wirtschaftsfachleute. Dem leitenden Wirtschaftsfunktionär Paul Baender sollte Anfang der 50er Jahre der Prozeß im Zusammenhang der "Merker-Bande" gemacht werden. MfS-Verhöre begannen u. a. wie folgt:
"‘Jude Baender, Sie haben zwei Brüder, der eine lebt in Israel, der andere in den USA. Und Sie sind extra aus Bolivien nach Berlin gekommen. Welch merkwürdige Konstellation!‘ Baender selbst hatte keine Verbindungen zum jüdischen Joint [jüdische Hilfsorganisation C.J.] oder zionistischen, in und außerhalb Israels agierenden pro- israelischen Organisationen. Dies hätte er absichtlich getan, um die Tätigkeit für den Zionismus besser zu verschleiern."6
Die große ideologische Linie des Kalten Krieges hatte der Chefideologe Kurt Hager, seit 1949 ordentlicher Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität und Leiter der ZK-Abteilung Parteischulung und Propaganda, wie folgt vorgegeben:
"Die amerikanischen Imperialisten und ihr Schwarm deutscher Trabanten werden alles tun, [um zu verhindern, daß] ein einheitliches, demokratisches und friedliebendes Deutschland entsteht, [wobei sie sich] früherer Gestapoagenten, Trotzkisten, Verräter an der Arbeiterbewegung, reaktionärer Elemente in den bürgerlichen Parteien und vor allem der Beauftragten ihrer jugoslawischen titoistischen Agentur bedienen" würden7.
Auch Kyczynski, der den ersten Brief an Ulbricht noch "wie immer herzlichst und mit guten Wünschen" unterzeichnete, erfuhr bald Kritik, denn als ehemaliger US-Offizier stand er dem US-Imperialismus offenbar gefährlich nahe. Seine wissenschaftliche Eigenart, das bienenfleißige Sammeln von empirischem Material, erfüllte den Tatbestand des ebenfalls unter ideologischen Beschuß geratenen Objektivismus. Jedenfalls war er, wie er im nächsten Brief an Ulbricht bekennt, nun selbst seitens der Fakultätsparteileitung des Instituts für Wirtschaftsgeschichte unter ideologischen Druck gesetzt worden. Geübt in der stalinistischen Selbstkritik, gestand er sofort ein, daß die "Parteileitung soeben in einer ausführlichen Besprechung mit Recht festgestellt hat, dass meine Arbeit in vielerlei Beziehung ernste Mängel und Schwächen zeigt: in der Dekanatsführung, in der Kaderpflege, in der Verbundenheit mit der Fakultät. Die subjektiven Ursachen sind natürlich von mir mit Hilfe der Partei zu beseitigen."8 Weiter schreibt er: "Du hast in den letzten 15 Jahren all meine Funktionen bestimmt, und ich hoffe, dass es so bleiben wird." Er erwartet vom ersten Mann des Staates eine positive Entscheidung für das Rektorat oder für ein Verbleiben im Deutschen Wirtschaftsinstitut, um die Marktforschung für den DDR- Außenhandel aufzubauen. Mit herzlichem Dank erklärte er devot zum Schluß: "Selbstverständlich werde ich jede Entscheidung, die Du fällst, ohne Diskussion als die richtige annehmen und dementsprechend handeln!" Trotzdem, der SED-Generalsekretär und die ZK- Abteilung Wissenschaften entschieden sich gegen den Altkommunisten Kuczynski und für den ehemaligen Nazi Walter Neye als neuen Rektor. Die stalinistische Selbstbeschränkung Kuczynskis ging sogar so weit, daß er es trotz seiner ansonsten so prächtig entwickelten Fähigkeit zur Kritik nicht einmal wagte, die besondere Förderung nationalsozialistischer Wissenschaftskarrieristen beim sozialistischen Aufbau zu bemängeln. Zuvor schon, 1950, war er "ziemlich brutal", wie er in seinem 1983 erschienenen "Dialog mit meinem Urenkel" schreibt, als Präsident der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion abgesetzt worden. Denn es hatten sich, wie er sich im gleichen Buch erinnert, "unter Stalin zeitweise antisemitische Haltungen in der Sowjetunion entwickeln (können), ... die von unserer Parteiführung niemals auch nur in der allerkleinsten Andeutung übernommen wurden." Auch das Fehlschlagen seiner Bemühungen um die ZK-Mitgliedschaft erwähnt er in dem Zusammenhang, nicht aber seine gescheiterte Bewerbung um das Rektorenamt der Humboldt-Universität.
Prof. Dr. Walter Neye
Neye war ab 1947 Professor mit Lehrstuhl für Bürgerliches Recht, ab 1950 Dekan der Juristischen Fakultät. Er war der erste Rektor der Humboldt-Universität, dem nach seiner nationalsozialistischen Juristenkarriere die Stalin-Note von 1952 und deren Umsetzung in geltendes DDR-Recht mit dem Volkskammergesetz vom 2. Oktober 1952 über die "staatsbürgerlichen Rechte ehemaliger Offiziere und Mitglieder der NSDAP" eine zweite Karriere als "Kader des sozialistischen Aufbaus" eröffnet wurde9. Da es sich bei der Humboldt-Universität um eine ostdeutsche Kaderschmiede mit großer symbolischer Ausstrahlung handelte, war diese Entscheidung gegen den gestandenen Antifaschisten und Offizier in der Anti-Hitler-Koalition offenbar das entscheidende Signal für die zu stalinistischen SED- Mitgliedern Konvertierten, daß auch in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen einer zweiten Karriere nichts mehr im Wege stand.
Der Jurist Walter Neye war bereits im Mai 1933 Mitglied der NSDAP geworden und trug die Mitgliedsnummer 2 634 196. Zu seiner Person findet sich im Bundesarchiv, das die Bestände des Berlin Document Center übernommen hat, lediglich eine parteistatistische Erhebung von 1939, in der seine Stellung als "Freier Beruf" sowie seine Mitgliedschaft und Tätigkeit in der "Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt" und im "Nationalsozialistische Rechtswahrerbund" vermerkt werden.
Im Nachlaß des MfS finden sich zu Neye zwei Aktenbestände. Der erste beginnt mit einer Kurzbiografie, die wahrscheinlich auf Neye selbst zurückgeht, obwohl sie nicht von ihm unterschrieben ist. In ihr fehlt die Angabe zur NSDAP-Mitgliedschaft. Dafür wird unter "Politischer Werdegang", der zunächst mit der Teilnahme an der Abenduniversität des Marxismus-Leninismus von 1950 -1952 endet, z.B. die Mitgliedschaft im "Nationalsozialistischen Rechtswahrerbund" von 1933 - 1945 angegeben. Unter "Beruflicher Werdegang" erscheint u.a. zwischen 1940 - 1945 die Dienstverpflichtung als Referent im Reichs-Luftfahrtministerium in Berlin. Die Bereitschaft, dieser Dienstverpflichtung widerstandslos nachgekommen und so mitschuldig an der Planung und Ausführung des Luftkrieges unter Feldmarschall Göring geworden zu sein, erfüllte mit Sicherheit die Kriterien für "aktivistische Nazis" entsprechend den Entnazifizierungsbestimmungen.
Die MfS-Akten weisen jedoch keine Nachforschungen über seine Zeit als NSDAP-Mitglied und Referent im Reichs-Luftfahrtministerium aus. Aus einer Sperrkartei aus dem Jahre 1982 geht hervor, daß dem MfS sehr wohl die NSDAP-Mitgliedschaft Neyes sowie dessen Mitgliedsnummer bekannt waren, aber auch in dieser Kartei fehlen Angaben über MfS-Nachforschungen zu Neyes NSDAP- und Ministerialaktivitäten10. In der Sperrkartei sammelte das MfS offensichtlich nur Westveröffentlichungen zu NS-belasteten SED-Spitzenkadern. So findet sich ohne Quellenangabe die Kopie einer Westveröffentlichung, die klar daran erkennbar ist, daß dort vom ‚Zusammenbruch des Nationalsozialismus‘ und nicht von der ‚Befreiung durch die Rote Armee und die Westalliierten‘ die Rede ist: "Neye, Walter (SED/NSDAP) Berlin, Hochschullehrer Dr. jur. [...] Am 01.05.1933 Eintritt in die NSDAP, Mitglied Nr. 2634196, Rechtsanwalt in Berlin/Wannsee. Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus erneute juristische Tätigkeit, ab 1948 Lehrtätigkeit an der Humboldt-Universität in Ostberlin, Professor mit Lehrstuhl für Zivilrecht und Zivilprozeß, 1952 bis 1956 Rektor der Humboldt-Universität, ab 1952 Mitglied des DDR-Friedensrates, ab Mai 1963 Vorsitzender der Kommission für die UNESCO-Arbeit der DDR, Angehöriger des Weltfriedensrates und Mitglied der SED, 1966 Direktor des Instituts für westdeutsches und ausländisches Zivilrecht an der Humboldt-Universität in Ostberlin; das Zentralkomitee der SED erklärte 1976, ‚Neye sei viele Jahre erfolgreich zum Wohle der DDR tätig‘ gewesen. Auszeichnungen: Vaterländischer Verdienstorden der DDR in Gold (1960) u. a."11
Ein MfS-Suchauftrag deutet darauf hin, daß im Hoheitsbereich des sozialistischen Lagers nach NSDAP-Dokumenten über Neye gesucht wurde, jedoch blieben die Spalten "Material ermittelt – teilweise ermittelt – kein Material ermittelt – Material zur Verfügung gestellt" unausgefüllt.12
Da der Gesamtvorgang auf einer Westveröffentlichung aufbaut, ist davon auszugehen, daß das MfS damit lediglich die Absicht der Abschirmung gegen weitere Westveröffentlichungen und der Suche nach Entlastungsmaterialien verband, um Angriffe an der "ideologischen Front des internationalen Klassenkampfes" begegnen zu können. Denn wer Nazi war, das sollte kein anderer bestimmen als die SED selbst.
Prof. Dr. Werner Hartke
Zur Zeit des V. Parteitages der SED 1958, auf dem die "Orientierung auf den Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse" beschlossen wurde, stand an der Spitze der Humboldt-Universität erneut ein langjähriges NSDAP-Mitglied. Doch war für den klassischen Philologen Werner Hartke, der nach 1945 von der NSDAP zur KPD konvertierte und so 1946 in die SED übernommen wurde, die wissenschaftliche Karriere mit dem Rektorat der Humboldt-Universität noch nicht auf dem Zenit angelangt. 1959 wurde er zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Wissenschaften der DDR berufen. 1960 bestätigte ihm der Leiter der Hauptabteilung V des MfS, Oberst Schröder: "Prof. Hartke leistet im Rahmen seiner Funktion (als Akademie-Präsident) eine gute Parteiarbeit, obwohl er manche Fragen etwas diktatorisch auffaßt."13 Schröder vermerkte bereits vor dieser Einschätzung: "Prof. H. war von 1939 bis 1945 bei der faschistischen Wehrmacht und hatte den Rang eines Hauptmanns. Er wurde 1937 Mitglied der NSDAP. Nach 1945 organisierte er sich in der KPD bis 1946; er wurde 1946 in die SED übernommen."14
In einem bereits am 9. März 1939 in Königsberg Pr. unterzeichneter Lebenslauf bekennt Hartke: "Nach freiwilliger Meldung habe ich von 1936 an militärische Übungen bei Nachrichtenabteilungen des Heeres abgeleistet und bin zur Zeit Gefreiter der Reserve (Reserveoffiziersanwärter). Ich bin Mitglied der NSDAP, Nr. 5 775 911, seit 01.05.1937 und habe den Dienstrang eines Ortsgruppenmitarbeiters mit Dienstbereich des Blockleiters in der Ortsgruppe Wrangel/Königsberg Pr. Ich gehörte seit 1934 dem Nationalsozialistischen Lehrerbund, statt dessen jetzt, seit 1938, dem NS-Dozentenbund an. Ich bin Mitglied des NSV [NS-Volkswohlfahrt – C. J.], des NS-Altherrenbundes und des RLB [Reichsluftschutzbundes – C. J.]. Das Reichslager für Beamte in Bad Tölz besuchte ich vom 26.9. bis 15.10.1938."15
Unter dem gleichen Datum versicherte Dr. Werner Hartke, "daß ich die vorstehenden Angaben nach bestem Wissen und Gewissen gemacht habe und daß trotz sorgfältiger Prüfung keine Umstände bekannt sind, welche die Annahme rechtfertigen könnte, daß ich [bzw. "meine Ehefrau", in einer zweiten Erklärung – C. J.] von jüdischen Eltern oder Großeltern abstamme."16
Mit diesen exzellenten NS-Voraussetzungen konnte Hartke am 24. Mai 1939 eine öffentliche Lehrprobe für die von ihm angestrebte Dozentur geben. Im Gutachten zu seinem Vortrag "Rom als Tradition und Glaube der Antike" wird herausgestellt, daß es ihm gelang, kraftvoll und ernst herauszuarbeiten, wie "das Christentum das irdische Reich Rom bekämpft. [...] Das "Germanentum aber besitzt ein echtes Verständnis für die Romidee [und machte damit auf die] überzeitliche, ja der Gegenwart besonders nahe Bedeutung jener geschichtlichen Gestalt aufmerksam." Das Gutachten schließt: "Man erkannte einen gründlich gebildeten jungen Gelehrten von entschiedenem Lehrtalent." Der Dekan bat im Namen der Fakultät, Hartke eine Dozentur für Klassische Philologie zu verleihen17. Daraufhin verkündete der Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung in Berlin: "Im Namen des Führers ernenne ich den Oberassistenten Dr. phil. habil. Werner Hartke zum Dozenten. Ich vollziehe diese Urkunde in der Erwartung, daß der Ernannte getreu seinem Diensteide seine Amtspflichten gewissenhaft erfüllt und das Vertrauen rechtfertigt, das ihm durch diese Ernennung bewiesen wird. Zugleich darf er des besonderen Schutzes des Führers sicher sein. Berlin, den 17. August 1939." Bleibt noch anzufügen: Im "Vorschlag zur Ernennung" des Reichsministers wurde Hartke als NSDAP- Blockleiter ausgewiesen18.
Aber zunächst sollte für Hartke statt der wissenschaftlichen Laufbahn eine steile Militärkarriere beginnen. Als Offizier, der eigenen Angaben zufolge als "Nationalsozialistischer Führungsoffizier" vorgeschlagen worden war, kam er in eine Position, in der er die "abwehrmäßige Uberprüfung der Regimentsangehörigen" für das Oberkommando des Heeres durchzuführen hatte19. In dieser doppelten Offiziersfunktion war er nach außen Wehrmachtsoffizier und zugleich Geheimdienstoffizier des militärischen Abschirmdienstes.
Zu Kriegsende war Hartke Offizier im Stab des Nachrichtenregiments 608, dessen Regimentskommandeur ihn zum Nationalsozialistischen Führungsoffizier vorgeschlagen hatte. Seine Aktivitäten beschreibt er selbst wie folgt: "Ich bereitete ein System laufender Personalbeurteilungen aller Regimentsangehöriger vor, nach dem beim Regimentsstab immer festgestellt werden konnte, welche geheimen Einzelheiten der betreffende Soldat wußte, so daß man rechtzeitig eingreifen konnte oder im Verratsfall erkennen konnte, welche Dinge bloßgestellt waren. Meine Aufgabe war ferner die abwehrmäßige Überprüfung der Regimentsangehörigen durchführen zu lassen, die wie üblich über das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) erfolgte. Außerdem hatte ich bis zum Eintreffen des Oberleutnants Mohns die militärische Führung und Ausbildung des Regimentsstabes."20
Das MfS hat im GMS-Vorgang "Heide" eine Veröffentlichung aus Die ZEIT unbearbeitet und unkommentiert archiviert, in der Hartkes Rolle wie folgt beschrieben wird: "Als nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 die Militärische Abwehr, die ihren Chef, Oberst Hansen an diesem Tag durch Hinrichtung verloren hatte, aus dem OKW herausgelöst und in Personalunion mit dem Amt VI des Reichssicherheitshauptamtes unter SS-Brigadeführer Schellenberg verbunden wurde, bekamen auch die Dienststellen der Militärischen Abwehr NS-Führungsoffiziere zugewiesen, von denen sie bis dahin freigehalten waren. Schellenberg verschrieb sich immerhin den Hauptmann Werner Hartke als NS-Führungsoffizier für eine der wichtigsten CANARIS-Dienststellen in Stahnsdorf bei Berlin."21
Als Nachrichtenoffizier konnte sich Hartke zu diesem Zeitpunkt sicher ein Bild machen und die unabwendbare totale Niederlage Nazideutschlands vorhersehen; er orientierte sich deshalb wieder auf seine wissenschaftliche Laufbahn. Nichtsdestotrotz setzte er seinen militärischen Karriere-Erfolg – Hauptmann beim Oberkommando der Wehrmacht – als Eintrittsbillett für die Königsberger Professur ein.
Am 29. Juli 1944 erklärte Hauptmann Hartke, der seine Dienststelle als "OKW Außendienststelle Stahnsdorf Kr. Teltow" angab, seine Bereitschaft zur Weiterführung seiner wissenschaftlichen Karriere an das Reichsministerium für Wissenschaft: "Ich würde einem etwaigen Rufe auf den Lehrstuhl für klassische Philologie in Königsberg (Nachfolge Theiler; C. J.) Folge leisten. [...] und verbleibe mit Heil Hitler Ihr ergebener Hartke."22
Der "Herr Rektor und Herr Kurator der Albertus- Universität Königsberg" hatte sich bereits am 8. März 1944 an den Herrn Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung in Berlin gewandt, um die möglichen Kandidaten für die ordentliche Professur der klassischen Philologie an der Philosophischen Fakultät zu benennen. Drei Wissenschaftler wurden aufgeführt. "An erster Stelle und mit größtem Nachdruck den ord. Prof. Dr. Bruno Snell, Hamburg. Snell gehört seit langem zu den hervorragendsten Philologen Deutschlands."23 Nach Snell, so im weiteren, "müssen selbstverständlich andere Namen mit ziemlichem Abstand folgen". An zweiter Stelle wird der Dozent und Oberassistent Dr. phil. habil. Werner Hartke genannt, als dritter der Dozent Dr. Walter Nestle (Tübingen).
Obwohl der Dekan die besondere Wertschätzung Snells abschließend hervorhebt, sollte die politische NS- Qualität Hartke in die Vorderhand bringen. Der Gaudozentenführer erklärte gegenüber dem Rektor der Königsberger Universität: "In meiner Eigenschaft als Gaudozentenführer habe ich über Snell in Hamburg Erkundigungen eingezogen. Diese sind in wissenschaftlicher Beziehung sehr gut, in politischer Beziehung sehr schlecht ausgefallen. Ich bitte darum, ehe die Berufung nach Königsberg erwogen wird, die politischen Vorwürfe gegen Snell zu klären." Und weiter: "Der an zweiter Stelle auf der Liste stehende Dr. Werner Hartke ist mir persönlich seit langem bekannt. Ich schätze seine aufrichtige Art sehr. Er ist den ganzen Krieg hindurch Frontsoldat. Sein Platz als zweiten auf der Liste wird von mir aus infolgedessen unterstützt."24
Mit der Unterstützung durch den Ostpreußischen Gaudozentenführer war es klar: Ab dem 15. September 1944 und vorbehaltlich der Genehmigung des Herrn Ministers übernahm Dozent Dr. Werner Hartke in Königsberg den freigewordenen Lehrstuhl für klassische Philologie als außerordentlicher Professor. Hartke wurde zum Direktor des Instituts für Altertumskunde der Universität Königsberg bestellt. Er unterzeichnete die Vereinbarung nebst Gehaltsvereinbarung am 21. September 1944 in der OKW- Außenstelle Stahnsdorf bei Berlin25.
Gut zwölf Jahre später wurde Prof. Hartke seiner politischen Linientreue wegen wieder für eine bedeutsame Funktion vorgeschlagen - diesmal dem Zentralkomitee der SED, Abteilung Wissenschaft und Propaganda, zur Bestätigung der Nomenklaturentscheidung als Rektor der Humboldt-Universität: "Bei den letzten Ereignissen an der Humboldt-Universität zu Berlin und den dort geführten Diskussionen [dem antistalinistischen Aufbegehen von Studenten und Dozenten 1956, nach dem XX. Parteitag der KPdSU; C. J.] legte er eine sehr entschiedene ruhige und besonnene Haltung an den Tag. Sein Auftreten war vorbildlich. Es ist seinem Einfluß als Dekan im wesentlichen zuzuschreiben, daß es an der Philosophischen Fakultät zu keinerlei ernsthaften Schwierigkeiten kam."26
In der gleichen Vorlage des Staatssekretariats für Hochschulwesen an das ZK der SED wurde die auf der Senatssitzung vom 9. November 1956 inszenierte einstimmig erfolgte Wahl des Genossen Professor Dr. Hartke zum Rektor für die Studienjahre 1956/57 und 1957/58 dokumentiert. Ab Januar 1955 war Hartke bereits "Lehrstuhlinhaber für Lateinische Sprache", und im Dezember 1955 wurde er als Dekan der Philosophischen Fakultät gewählt. Auf seine fachwissenschaftlichen Fähigkeiten wird in diesem Bestätigungsschreiben nicht eingegangen. Was zählte, war die geradezu militärische Durchsetzungsfähigkeit im Sinne der Partei: "Genosse Professor Dr. Hartke ist ein hervorragender Organisator, der sich neben zielbewußter, planmäßiger und systematischer Arbeit durch große Arbeitsintensität auszeichnet. Er weist ein sehr gutes Verhandlungsgeschick auf, beherrscht jede Situation sofort und versteht es, durch seine streng sachliche, zwingende Argumentation, die Ziele unserer Partei durchzusetzen." Hierzu gehörte auch die Einführung der ab 1958 obligatorischen Militärausbildung der Studenten an der HUB. Seine besonderen Einsatzbereitschaft konnte auch das MfS nutzten, das ihn als Gesellschaftlicher Mitarbeiter Sicherheit (GMS) "Heide" erfaßte. Es vermerkte in diesem Vorgang, daß Dr. Hartke "1939 eingezogen wurde und in verschiedenen Stäben als Hauptmann (am Kriegsende) tätig" war. Ebenso lag eine Aufstellung seiner militärischen Auszeichnungen vor: Kriegsverdienstkreuz 2. und 1. Klasse, Eisernes Kreuz I und II.27
Die Hauptabteilung V/6/II des MfS schätzte durch Leutnant Seiß im Auskunftsbericht für den Universitätsrektor und nachmaligen Präsidenten der Deutschen Akademie der Wissenschaften ein, daß seine Identifikation mit der jeweiligen Herrschaft weitgehend ist, und führt aus: "Er stellte auch mehrfach seine persönliche Meinung als die der Regierung dar. Wenn er eine gute Anleitung durch die Partei erhält, erfüllt er seine Aufgabe vorbildlich. Im Institut ging er mehrfach diktatorisch vor und versuchte Dinge im Rahmen der Erziehungsarbeit mit den dortigen ideologisch sehr zurückgebliebenen Kräften übers Knie zu brechen."28
Eine MfS-Untersuchung seiner NSDAP- und Wehrmachtsoffiziersbelastungen, die ihn deutlich als "aktivistischen Nazi" ausweisen, ist anhand der Akten nicht zu erkennen. Der MfS-Untersuchungsbericht schließt mit folgender Einschätzung: "Mit Prof. Hartke besteht offizieller Kontakt, er ist bereit, uns durch Hinweise usw. zu unterstützen, er hatte gute Verbindungen zu parteilosen Wissenschaftlern und ist über viele Fragen gut informiert."29
Professor Dr. Kurt Schröder
Auch die politische Herausforderungen der Humboldt- Universität, die mit dem Mauerbau und dem Rausschmiß des antifaschistischen Widerstandskämpfers Robert Havemann aus der Universität 1964 verbunden waren, wurden von einem Rektor mit NSDAP-Prägung "gemeistert"30. Von 1959 bis 1965 übte der Mathematiker Prof. Dr. Kurt Schröder das Rektorenamt aus.
Schröder hatte am 31. Mai 1940 die Aufnahme in die NSDAP beantragt und war am 1. Juli 1940, als sich die NS-Parteigänger noch im Blitzkriegsrausch befanden, NSDAP-Mitglied Nr. 81597740 geworden31. In einem Beurteilungsschreiben vom 21. Dezember 1934, unterzeichnet vom Leiter des NS-Hauptamtes für Wissenschaft und der NS-Studentenschaft der Universität Berlin, wird Dr. Schröder als Assistenten aufgeführt. Zu diesem Zeitpunkt konnte bei Dr. Schröder noch nicht "ist PG oder Nationalsozialist" vermeldet werden, dennoch klingt die Charakterisierung 1934 für den NS-Reichsabteilungsleiter Mathematik recht positiv: "Dr. Schröder hat sich im Lager als Kamerad erwiesen und ist in wissenschaftlicher Hinsicht hervorragend."32
Wie auch im Falle der Rektoren Neye und Hartke hatte das MfS zu Rektor Kurt Schröder lediglich die Westveröffentlichungen zu seinen NS- und SED-Aktivitäten gesammelt: "Schröder, Kurt (SED/NSDAP) Berlin, Prof. Dr. phil. habil. Hochschullehrer em.. Geb. 31.7. l 909 Berlin, 1940 Habilitation an der Berliner Universität, am 1.7.1940 Eintritt in die NSDAP, Mitglieds Nr. 8159740. Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus erneuerte politische Betätigung. Eintritt in die SED der DDR, ab 1946 Prof. an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin, ab 1957 Angehöriger des DDR-Forschungsrates, ab Mai 1959 bis August 1965 Rektor der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. Erhielt 1960 den Vaterländischen Verdienstorden der DDR in Gold."33 Ein Suchauftrag des MfS nach NS-Dokumenten zu Prof. Kurt Schröder blieb erfolglos.
In den überlieferten Archivalien finden sich keine Belege dafür, daß die drei Rektoren jemals der NSDAP den Rücken gekehrt hätten, aus ihr ausgetreten oder gar zu Widerständlern geworden wären. Wahrscheinlich blieben alle drei bis zum Sieg der Antihitlerkoalition Mitglieder der NSDAP und orientierten sich anschließend an den neuen Mächtigen, deren Politik sie durchzusetzen halfen.
Die operativen Maßgaben der Untersuchung belegen aber sehr klar: Weder im Apparat des MfS noch an der Akademie der Wissenschaften, an der Humboldt- Universität oder in der Öffentlichkeit der "antifaschistischen" DDR sollte die NS-Vergangenheit dieser "hervorragenden Persönlichkeiten des wissenschaftlichen Lebens" bekannt werden. So wurde erst in den 90er Jahren öffentlich, daß Prof. Kurt Schröder im Zweiten Weltkrieg in kriegsbedeutsamen Militärforschungen, u. a. zur Tragflügeltheorie und zu Turbulenzproblemen, aktiv war.
Carlo Jordan, Dr. phil., geb. 1951 in Berlin, bis 1989 vielfältige oppositionelle Tätigkeit, u.a. 1986 Mitbegründer Umweltbibliothek und 1988 des Grünen Netzwerks Arche, 1989 Mitbegründer der Grünen Partei der DDR. 1994-1995 Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses (Fraktion Bündnis ’90/Grüne), promovierte 2000 mit einer Arbeit zur Geschichte der Berliner Humboldt-Universität, Grundlage seiner 2001 bei Ch. Links erschienenen Buchveröffentlichung "Kaderschmiede Humboldt-Universität zu Berlin. Aufbegehren, Säuberungen und Militarisierung 1945 - 1989".
1 Geschichte der SED – Abriß. Frankfurt/Main 1978, S. 275.
2 Zit. Nach DEFA-Augenzeuge 11/1952.
3 Geschichte der SED, a.a.O., S. 284.
4 Ebenda.
5 SAPMO-Barchiv, NY 4182/933, Nachlaß Walter Ulbricht.
6 Wolfgang Kießling: Der Fall Baender. Berlin 1991.
7 Laszlo Rajk und Komplizen vor dem Volksgericht. Berlin 1949, S. 7.
8 SAPMO-Barchiv, NY 4182/933, Jürgen Kuczynski, Brief vom 7. Juli 1951, Nachlaß Walter Ulbricht.
9 Vgl.: Geschichtliche Zeittafeln 1945-1953. Der Kampf um die Nationale Einheit und um einen Friedensvertrag mit Deutschland. Deutsches Instiut für Zeitgeschichte Berlin, S. 53.
10 BStU. MfS, AP 2113/63, Bd. 1/1-12.
11 BStU 00 0092.
12 BStU 00 0097 Suchauftrag von 11/82.
13 BStU-MfS, "Heide" XV/7185/80, Bd. 1.
14 Ebenda.
15 SAPMO-Barchiv, BDC, REM Hartke, Bl. 9965.
16 Ebenda, Bl. 9967.
17 Ebenda, Bl. 9983.
18 Ebenda, Bl. 0002.
19 BStU-MfS, "Heide", XV 7185/80 Bd.1, S. 16-20.
20 Ebenda, S. 34.
21 Ebenda, S. 28.
22 BArch-REM, W 4915 E Hartke.
23 BStU-MfS, "Heide", XV/7185/80 Bd., S. 28.
24 Ebenda.
25 BArch, W 4915, Hartke Berufungsvorgang.
26 BStU-MfS, "Heide", XV/7185/80, Bd. 1, Paginierung unleserlich.
27 Ebenda, S. 16-20.
28 Ebenda, S. 29-31.
29 Ebenda.
30 Zur Rolle Schröders im Fall Havemann s. Carlo Jordan, Kaderschmiede Humboldt-Universität zu Berlin, Berlin 2001, S. 150 ff.
31 SAPMO-BArchiv, BDC, Mitgliedskarte NSDAP für den wissenschaftlichen Mitarbeiter Dr. Schröder.
32 SAPMO-Barchiv, BDC WI Biebubach (A473)
33 BStU-MfS, SV 3/82, S. 164f.
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