Heft 40/2002 | alte und neue nazis in der ddr | Seite 6 - 9

Olaf Kappelt

Mein "Weihnachtsgeschenk" an Erich Mielke

Über die Reaktionen des MfS auf ein Buch über Altnazis in der DDR

 

Vor nunmehr einundzwanzig Jahren, so um die Weihnachtszeit des Jahres 1981, hielt Erich Mielke das von mir verfaßte "Braunbuch DDR – Nazis in der DDR" in Händen. Diese Weihnachtslektüre war ihm von seinen Mitarbeitern vorgelegt worden. Dem DDR-Staatssicherheitsminister erschien mein Buch allerdings als eine unverdauliche Provokation. Schließlich waren die Nazis in der DDR ein von Mielke selbst jahrzehntelang gehütetes Staatsgeheimnis: An der antifaschistischen Fassade der DDR sollte nicht gekratzt werden.

Erich Mielke wußte, worum es geht, denn er hatte bereits vor Gründung der DDR als Vizepräsident der Deutschen Verwaltung des Innern die Entnazifizierung in der Sowjetischen Besatzungszone geleitet. Das daraus erwachsene Herrschaftswissen verstand er jahrzehntelang auf seine Weise im Machtgefüge der DDR einzusetzen. Die NS-Vergangenheit von Führungskadern blieb nicht ungenutzt bei der "Werbung von ehrlichen, an der Zusammenarbeit mit dem MfS interessierten und damit zur Wiedergutmachung ihrer Schuld bereiten Personen." Nachzulesen in einer streng geheimen Studie der Juristischen Hochschule des MfS, in der Vertraulichen Verschlußsache 384/80.
Dieses Schuld-Bündnis funktionierte bis zum Ende der DDR. Und manch einer dieser Leute hielt der SED auch nach der Wende noch die Treue, beispielsweise Egbert von Frankenberg und Proschlitz, der 1994 die SPD als "zahnlose Opposition" bezeichnete und erklärte, die "Altparteien" seien für ihn "nicht wählbar", es verbliebe "als echte Wahlalternative nur die PDS". Frankenberg war einst im spanischen Bürgerkrieg Angehöriger der Legion Condor gewesen und hatte an der Seite von General Franco für den Endsieg der Faschisten gekämpft. Schon 1931 war der langjährige DDR-Politiker in die NSDAP aufgenommen worden.

Die SED war im Nachkriegsdeutschland die erste Partei, die sich ehemaligen Nationalsozalisten öffnete. Bereits 1946 hob das SED-Zentralsekretariat einen entsprechenden Unvereinbarkeitsbeschluß auf. Somit konnten schon in den ersten Nachkriegsjahren massenhaft frühere Mitglieder der NSDAP in die SED aufgenommen werden. Am 15.6.1946 faßte nach einer entsprechenden Einführung von Wilhelm Pieck das SED-Zentralsekretariat den neuen grundlegenden Beschluß zur Aufnahme der ehemaligen Parteigenossen der NSDAP in die SED.

Dennoch war die DDR-Propaganda stets bemüht den Anschein zu erwecken, ehemalige Nationalsozialisten könnten im Westen erfolgreich Karriere machen, die DDR bliebe in der Hinsicht "sauber". Mein Buch dokumentierte aber, wie auch im Staats- und Parteiapparat der DDR ehemalige Mitglieder und Funktionäre der NSDAP zu neuen Ämtern und Karrieren gekommen waren.

Für Mielke war mein Buch "ein hetzerisches Machwerk", eine "Diffamierung von Persönlichkeiten der DDR". Ich sei "ein bekannter militanter Antikommunist und Provokateur", der "im Kindesalter gemeinsam mit den Eltern und den beiden Geschwistern illegal die DDR verließ", also bereits im Kleinkindalter republikflüchtig wurde. Ich versuchte nunmehr, so die DDR-Oberen, mit meinem Buch auf hetzerische Weise den Nachweis zu erbringen, "daß im staatlichen und gesellschaftlichen Leben der DDR eine Reihe ehemaliger NSDAP-Mitglieder aktiven Einfluß ausübt." Wahrlich eine ungeheure Provokation, aber mit durchaus belegbarem Wahrheitsgehalt. Alle Quellen waren in meinem Buch genannt, für jeden überprüfbar, also auch für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS).

Die Rache folgte: Stasi-Opfer gab es auch im Westen
Anfang Januar 1982 gab dann Mielke persönlich die Anweisung zum Handeln, natürlich "streng geheim". Es seien "alle erforderlichen Maßnahmen unverzüglich zu veranlassen", wie Generalmajor Irmler in einem persönlichen Rundschreiben an alle Diensteinheiten-Leiter am 20.5.1982 im "Auftrage des Genossen Minister" feststellte, da "es ein Ziel der gegnerischen Publikation ist, Unruhe und Verunsicherung auszulösen".

Bis heute ist nicht geklärt, was da eigentlich gegen mich alles unternommen wurde. In diversen Operativvorgängen, die Namen wie "Märtyrer", "Oskar", "Apostel" und "Tarantel" trugen, entwickelte das MfS planmäßig und zielstrebig die Maßnahmen gegen mich: Ein Lageplan meiner Wohnung wurde angefertigt, der Weg meiner Kinder zum Kindergarten observiert, zahlreiche Inoffizielle Mitarbeiter wurden gegen mich in Marsch gesetzt. Sogar bei Familienfeiern und am Strand wurde ich von IMs beobachtet. Entsprechende Berichte konnte ich nach der Wende in meiner Akte wiederfinden.

Parallel dazu wurde ich eingeschüchtert. Ein Schlägerkommando wartete nachts auf mich, und am nächsten Tag stand ein Kranz mit der Aufschrift vor meiner Tür "Als letzter Gruß an Olaf". Die Bielefelder Kriminalpolizei holte den Kranz ab, konnte aber den Absender nicht ermitteln. Einer der Mielke-Spione, die mich regelmäßig aufsuchten, war Aribert Freder. Freder war damals Mitglied im Bundesvorstand der Vereinigung der Opfer des Stalinismus und betätigte sich auch in verschiedenen Menschenrechtsorganisationen. Kurze Zeit später wurde er zum Mörder. Ein West-Berliner Gericht verurteilte ihn wegen der Tötung von Bernd Moldenhauer, außerdem wurde er der nachrichtendienstlichen Agententätigkeit für die DDR für schuldig befunden. Der ermordete Moldenhauer war ein Bekannter von mir, den ich bei der Konrad-Adenauer-Stiftung kennengelernt hatte und der ebenfalls aktiv in sog. Feindorganisationen wirkte. Ein weiterer politischer Bekannter kam bei einem mysteriösen Verkehrsunfall um Leben, er hatte mir vorher von Morddrohungen durch das MfS berichtet. Gleichzeitig bekam ich anonyme Anrufe von Personen, die mir wegen meinem Braunbuch drohten. Außerdem wurde ich von einer Kölner Journalistin verklagt, weil ich im "Braunbuch DDR" das Andenken ihres Vaters beschädigen würde. Es ging dabei um den Mitbegründer der NS-Zeitung "Freiheitskampf", den hauptamtlichen NSDAP-Funktionär Benjamin Dietrich, der sich nach dem Krieg bis zum Chefredakteur der "Sächsischen Neuesten Nachrichten" und zum stellvertretenden Vorsitzenden des DDR-Journalistenverbandes hochdiente. Völlig mittellos und auf mich allein gestellt mußte ich durch zwei Instanzen vor dem Landgericht bzw. dem Oberlandesgericht in Köln meine Angaben verteidigen, was mir mit Erfolg gelang.

Ganz erfolglos blieb aber auch das MfS nicht. Es gelang ihm, mich mit Hilfe Inoffizieller Mitarbeiter aus der aktiven Arbeit der CDU und des Brüsewitz-Zentrums, einer sog. Feindorganisation, herauszudrängen.
Trotz allem wurde festgestellt, die "Abteilung XXII/1 verfüge nicht über Möglichkeiten, den K. im Operationsgebiet unter Kontrolle zu halten. Kontrollmaßnamen bei der HA VI sind eingeleitet", es gelte, mich "zu verunsichern bzw. zu kompromittieren". Zwei Jahre vor dem Ende der DDR erging an die DDR-Grenztruppen ein Fahndungsauftrag, die Einreisesperre in die DDR wurde erneuert, sämtliche Verwandtschaftspost kontrolliert und ausgewertet. Meiner Akte konnte ich auch entnehmen, daß schließlich gegen mich 1987 eine "operative Kombination" lief; welche beruflichen und persönlichen Schäden mir dadurch entstanden sind, ist bis heute ungeklärt. Noch im Sommer 1987 machte das MfS aktenkundig: "K. stellt einen potentiellen Gefahrenträger dar". Im gleichen Jahr wurde in meiner MfS-Akte vermerkt: "1982 erschien das von K. verfaßte antikommunistische Machwerk ‘Braunbuch DDR - was machen die Nazis in der DDR?’. Diese verleumderische Hetzschrift diffamiert die Partei- und Staatsführung der DDR. Aktuell tritt KAPPELT mit publizistischen Aktivitäten in der antisozialistischen Zeitschrift ‘Christen drüben’ in Erscheinung. Diese Zeitschrift richtet ihre diffamierenden und verleumderischen Angriffe vor allem gegen das MfS. ... Aufgrund seiner publizistischen Mitarbeit in der antisozialistischen Zeitschrift ‘Christen drüben’ wird vorgeschlagen, gegnerische Abwehrkräfte über K. zu informieren..., den K. den gegnerischen Sicherheitsorganen als Gefahrenträger zu benennen." Versehen wurde der entsprechende operative Maßnahmeplan des MfS mit dem Rand-Hinweis, dabei sei darauf zu "achten, daß wir uns nicht selber schaden". Das MfS schadete sich dabei nicht. Ich dagegen fand seitdem trotz zweier Hochschulabschlüsse und Promotion in meinem wissenschaftlichen Beruf keine Anstellung und muß meinen Lebensunterhalt leider bis heute durch Gastronomie und Kleinkunsttätigkeit bestreiten.

Auf Anordnung Mielkes wurde eine Sondereinheit aus Mitarbeitern der Hauptabteilung XX/2 und der Hauptabteilung IX/11 gebildet, die unter der "Federführung" der ZAIG mehrere Jahre tätig war und über vierzig Aktenordner anlegte, die noch heute bei der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR einsehbar sind (SV 3/82). Mein Buch wurde Seite für Seite überprüft und als unglaubliche Denunziation der Partei- und Staatsführung der DDR  kategorisiert. Denn schließlich handele "es sich bei der Mehrzahl der Genannten um Persönlichkeiten", um ehemalige Nationalsozialisten, die "sich seit Jahrzehnten aktiv für die Entwicklung der DDR eingesetzt haben". Für das MfS war es somit wichtig, "aus dem Gesamtüberprüfungsergebnis Erkenntnisse herausfiltern" zu lassen, "die politisch-operative Maßnahmen gegen die Urheber und Verbreiter der Hetzschrift begründen." Die entsprechenden Berichte waren Erich Mielke persönlich vorzulegen. Mielkes Mitarbeiter recherchierten dann, "der Autor Olaf Kappelt" suggeriere, "daß die DDR durch die Verwendung faschistisch belasteter Personen die vom Nazismus betriebene terroristische Diktatur fortgeführt habe." Der Leser erhalte den Eindruck, "daß im Staatsapparat, in der Justiz, im Bildungswesen, im kulturellen Bereich und auf anderen Gebieten eine Clique alter Nazis dominierend sei, die sich gegenseitig schütze und fördere". Wobei dem ‚Braunbuch DDR‘, "an dem Kappelt nach eigenen Angaben drei Jahre gearbeitet hat", jedoch "eine gewisse neue Qualität nicht abzusprechen" sei.

Außenministerium und Generalstaatsanwaltschaft beunruhigt
Das Außenministerium und die Generalstaatsanwaltschaft der DDR waren besorgt, mein Buch würde die DDR-Führung besonders im Ausland kompromittieren. Das DDR-Außenministerium hatte deshalb die Generalstaatsanwaltschaft der DDR um Unterstützung gebeten. Aber das Ministerium für Staatssicherheit untersagte der Generalstaatsanwaltschaft der DDR "weitere unkontrollierte Aktivitäten", da es selbst in der Angelegenheit zuständig sei. Zuvor hatte Staatsanwalt Foth das MfS um Auskunft gebeten, weil er beabsichtigte, wegen meinem Buch "eine Argumentation zu erarbeiten für das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR". Es wurde dem "Genossen Staatsanwalt Foth mitgeteilt, daß es für alle Beteiligten das sinnvollste wäre, wenn sich das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR bzw. der Generalstaatsanwalt der DDR direkt an das MfS bzw. an den Leiter der Hauptabteilung IX wendet." Am 6.10.1982 wurde dann entschieden, "daß zukünftig keine weiteren Auskünfte an Gen. Foth in dieser Sache gegeben werden."

Keine Auskunft zu geben, das war auch die Konsequenz aus der Tatsache, daß meine Angaben über NS-Belastungen von DDR-Diplomaten zutrafen. Zurecht geriet das DDR-Außenministerium in Argumentationsnotstand. Im letzten Jahrzehnt der DDR waren immer noch ehemalige Nationalsozialisten in führenden Stellungen des diplomatischen Dienstes der DDR anzutreffen.
Selbst der stellvertretende DDR-Außenminister Kurt Nier, zuständig für die Beziehungen zu Westeuropa, Kanada, den USA, Australien und Japan, war einst NSDAP-Mitglied im Gau Sudetenland gewesen. Friedel Trappen, zeitweise DDR-Botschafter in Chile und anschließend stellvertretender Leiter der Abteilung Internationale Verbindungen im SED-Zentralkomitee, seit 1984 Träger des Vaterländischen Verdienstordens der DDR in Gold, war 1942 der NSDAP beigetreten und wurde als NS-Parteigenosse im Gau Westfalen geführt. Ebenfalls 1942 war der langjährige DDR-Botschafter Hans Jürgen Weitz der NSDAP beigetreten; er gehörte zur Ortsgruppe Duisburg im NS-Gau Essen und war außerdem durch Zugehörigkeit zur SS belastet. Seit 1981 war Weitz Botschafter in Ägypten, vorher im Irak und in Kuweit, zeitweise auch führender Mitarbeiter im DDR-Außenministerium. Siegfried Bock, bis 1984 DDR-Botschafter in Rumänien und anschließend bis 1990 Abteilungsleiter im DDR-Außenministerium war ebenso ehemaliger NSDAP-Angehöriger wie Heinz Birch, der 1986 zum Abteilungsdirektor USA, Kanada und Japan im DDR-Außenministerium befördert wurde. Norbert Jaeschke wurde 1974 Botschafter in der Türkei und 1983 in Dänemark, vorher war er im DDR-Außenministerium leitender Mitarbeiter gewesen, ebenso wie Walter Ißleib, der bis 1980 Botschafter der DDR in der Jemenitischen Arabischen Republik war und danach einen leitenden Posten im DDR-Außenministerium übernahm. Für Ißleib und Jaeschke war die ehemalige Mitgliedschaft in der NSDAP offensichtlich kein Karrierehindernis. Selbst bei den Vereinten Nationen waren Ex-Nazis für die DDR tätig. Einer davon war Gerhard Kegel, der 1934 bereits in die NSDAP eingetreten war, 1941 durch Hitler zum Legationssekretär im Auswärtigen Amt befördert wurde und laut Simon Wiesenthal, dem Leiter des Jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, für die Gestapo gearbeitet hatte. Kegel war bis 1976 ständiger Botschafter der DDR beim Sitz der Vereinten Nationen in Genf und vertrat die DDR bei zahlreichen internationalen Organisationen und Konferenzen. Bis 1989 war Harald Rose ständiger Vertreter der DDR bei den Vereinten Nationen; auch er war NSDAP-Mitglied im Gau Thüringen gewesen. 1986 wurde Hermann Klenner nach Protesten aus Israel als Leiter der DDR-Delegation bei der UNO-Menschrechtskommission in Genf abberufen. Klenner war Angehöriger der NSDAP-Ortsgruppe Breslau gewesen und begann nach dem Krieg seine neue Laufbahn als Rechtstheoretiker und Hochschullehrer; als IM "Klee" erstellte er Persönlichkeitsprofile von westlichen und östlichen Bürgern für das MfS.
Alle diese NS-belasteten Diplomaten und DDR-Außenpolitiker waren langjährige Mitglieder der SED.

Das Ende der DDR als Karriereende der letzten NSDAP-Mitglieder
Mit dem Ende der DDR traten 1989/90 auch die letzten ehemaligen Nationalsozialisten von der politischen Bühne in Deutschland ab. Aufgrund der Überalterung der DDR-Führungskader und der Kontinuität der Kaderpolitik saßen ehemalige Parteigenossen der NSDAP bis zum bitteren Ende der DDR in allen Führungsetagen von Partei und Staat. Als letztes Aufgebot einer vergreisten Partei- und Staatsführung wirkten sie an den Universitäten als Dekane und in den Chefredaktionen der Medien, sie waren in der NVA und im DDR-Ministerrat sowie in der DDR-Volkskammer ebenso vertreten wie im Zentralkomitee der SED.  Mehr als vierzig Jahre, bis März 1990, saß der einstige NS-Gaustudentenführer von Thüringen Siegfried Dallmann in der DDR-Volkskammer. Im DDR-Staatsrat hatte bis zuletzt Prof. Heinrich Homann ausgehalten; der großbürgerliche Reedereisohn war bereits 1933 in die NSDAP eingetreten. Sekretär des DDR-Staatsrates war bis 1989 ein weiteres ehemaliges NSDAP-Mitglied: Heinz Eichler. Und als langjähriger Leiter des DDR-Presseamtes wurde am 7. November 1989 Kurt Blecha abgelöst; auch er gehörte zur alten Garde der ehemaligen NSDAP-Mitglieder.

Im letzten SED-Zentralkomitee unter Erich Honecker waren mehr frühere NSDAP- als frühere SPD-Mitglieder anzutreffen, sechzehn waren es zuletzt. Selbst der langjährige SED-Kaderchef Fritz Müller gehörte dazu, der 1938 die NSDAP-Mitgliedschaft in der Ortsgruppe Forst, im sogenannten Gau Kurland erworben hatte. Als langjähriger Leiter der Kaderabteilung beim SED-Zentralkomitee war er für die gesamte Personalpolitik der DDR-Staatspartei zuständig. Er war verantwortlich für die Entwicklungskarteien, in denen nicht nur fachliche Fähigkeiten beurteilt wurden, sondern auch politische und moralische Qualitäten. Er hatte als Kaderchef zudem einen bestimmenden Einfluß auf die gesamte Personalpolitik aller DDR-Organisationen und Institutionen, einschließlich der Blockparteien. Ex-Nazi Müller entschied selbst über das Schicksal von DDR-Spitzenfunktionären.

Zu den ehemaligen NSDAP-Mitgliedern im 1986 bestimmten und letzten SED-Zentralkomitee unter Honeckers Führung gehörte auch der kürzlich verstorbene Manfred Ewald, dem der gesamte DDR-Sport unterstand. Weitere NS-belastete Mitglieder des ZK der SED waren: Gerhard Beil, Wolfgang Biermann, Horst Heintze, Bruno Lietz, Helmut Sakowski, Bernhard Seeger, Werner Scheler, Horst Stechbarth, Waldemar Liemen, Erich Rübensam, Rudolf Winter und Herbert Weiz, außerdem noch Arnold Zimmermann als Kandidat des ZK der SED und Ottfried Steger als Mitglied der Zentralen Revisionskommission. Sie alle waren mehr oder weniger durch ihre NSDAP-Mitgliedschaft vorgeprägt und entsprechend erzogen.

Das Ende der DDR ist markiert von der Flucht der Eheleute Honecker, die Ende Januar 1990 in einer Einrichtung der evangelischen Kirche Unterschlupf fanden, in den Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Bernau. Honecker kannte den langjährigen Leiter dieser Anstalten, Kirchenrat Karl Pagel. Kein Freund aus gemeinsamen antifaschistischen Tagen: Pagel war 1933 in die SS eingetreten und erwarb 1934 die Mitgliedschaft im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund (NSDStB). Aber das dürfte DDR-Gewaltigen wie Honecker und Mielke bekannt gewesen sein, denn die SS-Rolle von Bruder Pagel blieb bereits im "Braunbuch DDR", gut acht Jahre zuvor, nicht ungenannt.

Ouellen:
1. Olaf Kappelt: "Braunbuch DDR – Nazis in der DDR", Berlin 1981
2. Olaf Kappelt: "Rot lackierte Nazis", Zeitschrift Christen drüben, Bonn 1985
3. Olaf Kappelt: "Die Entnazifizierung in der SBZ sowie die Rolle und der Einfluß ehemaliger Nationalsozialisten in der DDR als ein soziologisches Phänomen", Hamburg 1997
4. Olaf Kappelt: "Das braune Erbe der PDS: Von NS-Mitmachern zu DDR-Schrittmachern", Politische Studien Nr. 360, München, Juli/August 1998
5. Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik - Zentralarchiv, MfS HA XXII, 73452/92 u. 3371 Kappelt, Olaf sowie SV 3/82 HA IX/11 und OV "Tarantel", ZOV "Märtyrer", OV "Oskar", OV "Apostel".
6. Bundesarchiv Abt. II, ehemals Berliner Document Center


Olaf Kappelt, Dr. phil., geboren 1953 in Altdöbern bei Senftenberg in der Niederlausitz als drittes Kind einer alten sozialdemokratischen Familie, aufgewachsen in Westfalen, langjährige Mitarbeit in Menschenrechts- und sog. DDR-Feindorganisationen (Exil-CDU, CDU-Deutschlandbüro, Brüsewitz-Zentrum), 1975 bis 1978 Studium der Sozialarbeit in Bielefeld, Dipl.-Sozialarbeiter, 1986 bis 1991 Studium der Soziologie, Staatsrecht und Kirchengeschichte, 1997 Promotion an der Philosophischen Fakultät der Universität Würzburg durch eine Dissertationsschrift über die Entnazifizierung in der SBZ, Herbst 2000 Umzug nach Berlin, Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

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