Heft 44/2003 | (Nicht-)Auseinandersetzung mit dem nationalsozialismus in der ddr | Seite 26 - 29
Helmut Eschwege
Verketzerung Israels und der Juden in der DDR
Der unter arabischem Deckmantel1 und durch die antizionistische Propaganda offen geduldete Antisemitismus wurde von uns jüdischen Bürgern als so genannte »politische Notwendigkeit« in Kauf genommen. Nur wenn er zu großen Umfang annahm, gab es Proteste. So, als Anfang 1965 eine Grafik- und Plastikausstellung arabischer Künstler in Dresden gezeigt wurde. Diese Ausstellung war schon anlässlich der Frühjahrsmesse in Leipzig gezeigt worden. Bereits dort gab es einige Proteste gegen ein Bild mit extrem antijüdischen Beleidigungen, die ja in der DDR unter Strafe gestellt waren.
Mich machten zwei Freunde auf dieses Machwerk aufmerksam, und ich besuchte diese Ausstellung zusammen mit der hoch betagten Schriftstellerin Dr. Gusti Lazar. Von dem Dargebotenen waren wir mehr als schockiert, und gemeinsam protestierten wir gegen dieses schaurige und schmierige antijüdische Bild.
Ich fühlte mich veranlasst, folgenden Brief an die Bezirksstaatsanwaltschaft zu schreiben: »Betr.: Bitte um Anklageerhebung wegen Verbreitung antisemitischer Hetze. Verbot in der DDR laut Verfassung Artikel 6.
Am 12. März 1965 war ich gegen 10 Uhr in den Ausstellungsräumen der Genossenschaft Bildender Künstler, Dresden A 1, Ernst-Thälmann-Str. 7, um mir die dort ausgestellten Grafiken arabischer Künstler anzusehen. Zu meinem Erstaunen erblickte ich unter den ausgestellten Bildern eines, das auf grauenvolle Weise eine antijüdische Hetze zum Ausdruck brachte.
Vorbilder der von einem gewissen Hazimeh gemalten Bilderhetze waren allem Anschein nach die berüchtigten Karikaturen der Streicher-Zeitung »Der Stürmer«. Die von Hazimeh dargestellten verzerrten Gestalten lassen keine andere Schlussfolgerung zu. Die Grafik trägt den Titel »Das gekreuz. Volk«. Der gekreuzigte Jesus ist auf dem Bild zu sehen, die Ansicht der christlich-arabischen Bischöfe widerspiegelnd, die auf dem letzten Konzil der katholischen Kirche in Rom bemüht waren, das alte Dogma von der Schuld des gesamten Volkes der Juden an der Kreuzigung Jesus aufrechtzuerhalten. Weiter ist auf dem Bild – auch als Blickfang – eine nackte Hure dargestellt, welche die Fahne der Juden und des Staates Israel in die Höhe hält. Es ist die Fahne aller Juden, die in Israel wohnen, nicht nur der zionistisch eingestellten (...) Auch alle anderen dargestellten Gruppen auf diesem Bilde spiegeln einen wilden antijüdischen Hass wider, hinter dem der antizionistische zurücktritt. Während ich im Begriff war, die Räume, die einer demokratischen, völkerverbindenden Erziehung der Dresdner durch künstlerische Mittel dienen, zu verlassen, betrat Frau Professor Lea Grundig dieselben. Nachdem sie das betr. Bild erblickte, verlangte sie von der Ausstellungsleiterin sofort dessen Entfernung, dem nunmehr entsprochen wurde.
Ich fordere hiermit von der Staatsanwaltschaft die Bestrafung der Verantwortlichen für die Aushängung dieses Bildes in Dresden, wie derjenigen, die durch dieses Bild in Leipzig die Bevölkerung verhetzten ...«
Bald darauf erhielt ich den Besuch eines Vertreters der Staatssicherheit, der – natürlich vergeblich – die Rücknahme meiner Beschwerde forderte.
[…]
In der DDR war alle Politik und alle Wissenschaft den außenpolitischen Zielen untergeordnet, so auch die Geschichte, sei es die eigene oder auch die fremder Staaten. Das hieß nicht, dass sich alle Historiker dafür hergaben, jeweils die Geschichte so zu verdrehen, wie es gerade gewünscht wurde. Aber doch gab es nicht wenige, die ihre Feder so lenkten, dass das Geschriebene in den gewünschten Formen erschien. Die Beschmutzung des Staates Israel, die Verdrehung seiner Geschichte, ihre Darstellung im arabischen Licht hatte in der DDR mit dem Slánský-Prozeß begonnen. Nach der Rehabilitierung von Paul Merker und der Entlassung der jüdischen Gefangenen trat ein gewisser Stillstand ein, der etwa zehn Jahre anhielt. In diesen Jahren warb man um die Gunst der arabischen Staatsmänner, verketzerte die Zionisten und Israel weit mehr als andere imperialistische Staaten, doch begann man noch nicht mit der offenen Schwarz-weiß-Politik. Deshalb überraschte uns ein Artikel, der 1965 in der Zeitschrift »Staat und Recht«, herausgegeben von der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften, erschien. Den Aufsatz hatten bekannte Genossen Staatswissenschaftler geschrieben, und er sollte dem Ägypten besuchenden Staatsratsvorsitzenden der DDR, Walter Ulbricht, den Boden bereiten. Die Abhandlung trug den Titel: »Völkerrechtliche Aspekte der aggressiven Rolle Israels im Nahen Osten« und stellte alles bis dato an Feindschaft gegen Israel Dagewesene in den Schatten. In der Akademie wurden die Funktionäre des Außenministeriums der DDR ausgebildet, und so deutete dieser Aufsatz der drei Staatsrechtler Walter Müller, Ingo Steiner und Horst Westphal eine Wende in der Betrachtung Israels an. Erstmals auch hatte man sich auf arabische Quellen gestützt statt auf sowjetische.
Mit aller Deutlichkeit opponierte ich damals zum ersten mal gegen das Dargebotene und schickte am 7. Dezember 1965 folgenden Brief:
»Betr.: Studie über Israel in Heft 10/1965
Da ich als jüdischer Bürger der DDR mit Interesse die Abhandlungen über Israel in der sozialistischen Presse verfolge, möchte ich Ihnen mitteilen, dass Ihr Artikel über Israel in der Nummer 10 Ihrer Zeitschrift einen Höhepunkt in der Hetze der letzten Monate nicht nur gegen dieses Land, sondern generell gegen Juden darstellt. Er könnte von einem der über 6 000 namentlich bekannten SS-Banditen und deutschen Kriegsverbrecher geschrieben worden sein, die in Ägypten ihr politisches Asyl gefunden haben (Näheres bei S. Einstein, Eichmann, Chefbuchhalter des Todes, WN-Verlag, Ffm 1961, S. 166). Die benutzten Quellen deuten daraufhin. (...) Der Artikel ist so voll gepackt mit bewussten Unwahrheiten, dass es sich nicht lohnt, sie aufzudecken.
Fiel es der Redaktion nicht auf, dass die Argumentation des Verfassers ganz die gleiche ist, wie sie die westdeutschen Revanchisten bei ihrer Forderung auf Veränderung der Oder-Neiße-Grenze benutzen? Sie, wie die Grenze am Jordan, ist das Ergebnis eines verlorenen Krieges, den nicht die Juden begannen. Warum verschweigen die Verfasser auch, dass sich letztere nur verteidigen konnten, weil das sozialistische Lager ihnen die Waffen lieferte, während die Araber ihren Krieg mit englischen Warfen führten. Auch die arabischen Quellen verschweigen nicht, dass viele Araber von selbst aus dem jüdischen Territorium flüchteten. Gehört es sich nicht auch für Wissenschaftler, die zu diesem Thema schreiben, zu erwähnen, dass 500.000 jüdische Flüchtlinge aus arabischen Länder in Israel zur gleichen Zeit Zuflucht gefunden haben. Beleidigt und beschimpft werden aber von den Verfassern nicht nur die Juden in Israel, sondern auch die aller anderen Länder. So besitzen mehr als zwei Millionen Juden der Sowjetunion in ihrem Pass den Vermerk, dass sie der jüdischen Nationalität angehören! Und zu dieser jüdischen Nationalität bekennen sich die Juden fast aller Länder, besonders der sozialistischen Welt! Sie sind stolz auf diese, wie auf ihre Kultur.
Unter Stalin wurde den Juden schon einmal in den sozialistischen Ländern böse mitgespielt. Mit Ihrem Artikel leisten Sie einer Wiederholung Vorschub.
Mit was für einer Frechheit das Schicksal der Juden in Ihrem Artikel dargestellt wird, zeigt die Behandlung der 400.000 jüdischen Flüchtlinge, Überlebende der KZ’s und der Nachkriegspogrome in Polen, die sich 1948 in westdeutschen Lagern konzentrierten. Wollte etwa die Regierung der damaligen sowjetisch besetzten Zone auch nur einen dieser Juden aufnehmen? Sollte man sie nach Polen zurückjagen, wo die Reaktion gerade mit der Abschlachtung der überlebenden Juden beschäftigt war? War es nicht geradezu ein Glück, dass die Juden im neu gegründeten Israel Asyl fanden? Und hat dessen Regierung nicht völlig zu Recht dafür von Westdeutschland Reparationen erhalten? Denn es war doch Deutschland, das die Juden entwurzelte und in die Vernichtungslager transportierte.
Allem Anschein nach sind die Verfasser der Meinung, dass es ein Verbrechen an den Arabern war, dass die jüdische Jugend in den Jahren 1933-1939 nach Palästina flüchtete, statt sich in Deutschland abschlachten zu lassen, oder hätten die Verfasser sie in Deutschland geschützt? Nebenbei, hätten die Verfasser sich die benutzten Statistiken genau angesehen, hätten sie feststellen müssen, dass zur gleichen Zeit, als die Juden nach Palästina kamen, auch Araber einwanderten.
Warum verschweigen die Verfasser die Haltung der Araber gegenüber den Juden, deren ständige Überfalle auf die Bewohner israelischer Randgebiete? Warum verschweigen die Verfasser die großen fortschrittlichen Bewegungen in Israel? (...) Die Verfasser haben dazu beigetragen, den schwarzen Peter des Antisemitismus von Westdeutschland in die DDR zu verlagern. Durch gleiche Artikel wie den vorliegenden in der Presse der DDR flüchteten 1953 die Hälfte der damals in der DDR wohnenden Juden aus unserer Republik. Auch damals hieß es, man meine »nur« die Zionisten, Israel etc. Gelitten haben aber damals auch die Juden, die mit den vorstehenden Kategorien nichts zu tun hatten.«
In der Antwort der Akademie für Staat und Recht wurde darauf hingewiesen, dass die Verfasser des Aufsatzes die Klassenfrage als Ausgangsposition genommen hätten, aus der sie alle Thesen ableiteten. Rassentheorien verwendet zu haben, müssen sie von sich weisen. Im Übrigen spiegele der Aufsatz Prinzipien der Regierungspolitik der DDR wider.
Zugleich mit dieser Antwort ging eine Meldung der Akademie an meine Dienststelle in der Technischen Universität, an die Bezirksleitung der SED, die Dienststelle der VdN2 und an das Ministerium des Innern. Von den meisten dieser Stellen wurde ich vorgeladen und »belehrt« und ob meiner nationalen Einstellung verwarnt. Die Vertreter der Bezirksleitung der SED machten mich darauf aufmerksam, dass der Aufsatz von den Verfassern mit den einzelnen Vertretern der zuständigen Abteilungen der SED wie des Ministeriums abgesprochen worden sei!
Mein damaliger Institutsleiter veranlasste mich zu einer Entschuldigung bei der Redaktion wegen »falscher« Formulierungen. In dieser Erklärung gab ich die Schuld meinem »labilen Klassenstandpunkt«.
Hier nun einige Thesen und Behauptungen der Staats- und Rechtswissenschaftler. Es wurde festgestellt, dass die Verknüpfung des nationalen Kampfes der DDR mit dem der arabischen Völker es verlange, der Rolle Israels besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Danach wurde Lenin zitiert, der an einer Stelle gesagt hat: »Die Idee der jüdischen Nationalität widerspricht den Interessen des jüdischen Proletariats, da sie in ihm unmittelbar und mittelbar eine der Assimilation feindliche Stimmung, eine ›Ghetto-Stimmung‹ erzeugt.«
Dass Lenin an anderen Stellen seiner umfangreichen Werke eine gegenteilige Meinung geäußert hat, wurde verschwiegen. Er war es, der ausdrücklich festgelegt hatte, dass Juden als eigene Nationalität zu gelten haben, und dies, obwohl nicht alle üblichen Merkmale einer Nationalität auf sie zutreffen.
Als Demagogie erwies sich auch folgendes: »Das bedeutete nicht weniger, als dass Großbritannien die Herrschaft über Gebiete, die ihm nicht gehörten und deren Bewohner es niemals befragt hatte, Personengruppen versprach, die dort niemals gelebt hatten.«
Wo in aller Welt hat man denn je bei einer Um- oder Ansiedlung von Menschengruppen die Urbevölkerung befragt? Nirgendwo fand ich eine Befragung derselben, auch nicht bei der Bildung der jüdisch-autonomen Gegend Birobidschan durch die sowjetische Regierung. Und auch damals wurden die Juden anderer Länder aufgefordert, dort zu siedeln.
Es wurde auch behauptet, dass Großbritannien als Hauptmacht der Anti-Hitler-Koalition und ständiges Mitglied des Sicherheitsrates sich hätte dafür verantwortlich fühlen müssen, dass »auch die Rechte der leidgeprüften jüdischen Menschen in allen Teilen der Welt für die Zukunft gesichert werden mussten. Statt dessen leitete der Imperialismus, ... die Sehnsucht dieser Menschen nach einem gesicherten und friedlichen Leben missbrauchend, einen Generalangriff gegen das palästinensische Volk ein.« Das musste man zweimal lesen, um den Hohn dieser Sätze zu verstehen. Woher kamen denn die 400000 jüdischen Flüchtlinge, die damals, 1945,1946, 1947 und 1948, in den Lagern Westeuropas vegetierten? Hunderttausende kamen aus Osteuropa, in einzelnen Ländern herrschten noch 1946 und 1947 kriegsähnliche Zustände, besonders in Polen, Litauen und der Ukraine, und die Opfer waren meist die wehrlosen jüdischen Familien. Es waren Gegenden, in denen damals auch grausamer militanter Antisemitismuss grassierte. Viele dieser Juden hatten als Partisanen oder als Angehörige der sowjetischen und polnischen Streitkräfte überlebt. Wer wollte sie denn damals haben? Und eilig war es, sie aus den Lagern, die ehemalige KZ-Lager waren, wieder herauszuführen, denn es drohte ihnen hier ein neuer Antisemitismus. Es gab damals kein Volk, das sie aufnehmen wollte. Nachkriegseuropa hatte Arbeitslosigkeit, Not und Hunger, andererseits war Palästina für die Juden das Land ihrer Vorväter, ihrer Geschichte, ihrer Literatur. Von einem anderen Land stand nichts in ihren Geschichtsbüchern, und in Palästina, wohin in den letzten 40 Jahren bereits Hunderttausende Juden sich vor Pogromen in Sicherheit gebracht hatten, sahen sie ihre Heimat.
Werden in dem Aufsatz zu Recht die Massaker von Israelis an Arabern gegeißelt, so finden wir jedoch nichts von den durch diese ermordeten Juden. Es passt nicht in diese Gut-und-böse-Malerei, wie überhaupt der Terror gegen Israelis in den letzten 15 Jahren in unserer sozialistischen Presse ganz oder mindestens so gut wie totgeschwiegen wurde.
Eine weitere These in »Staat und Recht«: »Von den herrschenden Kräften dieser jüdischen Minderheit wurde der Anspruch auf einen jüdischen Staat erhoben, obgleich die jüdische Bevölkerung zu diesem Zeitpunkt keine kompakte nationale Gruppe bildete und kein geschlossenes Territorium in Palästina bewohnte, so dass sie nicht als Subjekt des völkerrechtlichen Selbstbestimmungsrechts gelten konnte und kein Recht auf einen eigenen Staat besaß. Das Recht auf einen eigenen, unabhängigen Staat in Palästina stand vielmehr ausschließlich beiden Bevölkerungsgruppen gemeinsam zu ...«
Was sollte die Diskussion über die Rechtfertigung des arabischen Standpunktes zur Zeit, da die Geschichte diesen ad absurdum geführt hatte. Der langjährige Bürgerkrieg zwischen Arabern und Juden hatte ein Zusammenleben unmöglich gemacht. Damals stellte dies der Vertreter der UdSSR in der UNO, Gromyko, eindeutig fest, und es war für ihn die Gründung zweier Staaten der einzige Ausweg. Das verschweigen die Verfasser. Gromyko sagte fast ein Jahr vor der Bildung des Staates Israel in seiner Rede vor der UNO am 26. November 1947: »Die Delegation der UdSSR ist der Meinung, dass dieser Beschluss (die Teilung Palästinas in zwei Staaten) den fundamentalen nationalen Interessen beider Völker entspricht, den Interessen der Araber ebenso wie denen der Juden. (...) Die Delegation der UdSSR stellt fest, dass der Beschluss, Palästina zu teilen, mit den hohen Prinzipien und Zielen der Vereinten Nationen übereinstimmt. Er steht in Einklang mit dem Prinzip der nationalen Selbstbestimmung der Völker. (...) Die aus dem Studium der Palästinafrage gewonnene Erfahrung hat gezeigt, dass Juden und Araber in Palästina nicht zusammen leben wollen oder können. Der logische Schluss war, an Stelle eines Landes zwei Staaten zu schaffen, einen arabischen und einen jüdischen. Dies ist, nach der Meinung unserer Delegation, die einzige durchführbare Lösung. (...) Die Lösung des Palästinaproblems auf der Basis der Teilung in zwei separate Staaten wird von tiefer historischer Bedeutung sein, denn dieser Beschluss wird dem Begehren des jüdischen Volkes gerecht werden, von dem, wie Sie wissen, noch Hunderttausende ohne Land, ohne Heimat sind, die nur in besonderen Lagern in einigen westeuropäischen Ländern vorläufige Unterkunft gefunden haben.« Natürlich gab es hierüber auch zahlreiche andere Aussagen. Aber jüdische Quellen wurden in sozialistischen Ländern als zionistische und die westlicher Staatsmänner und Historiker als imperialistische Meinungen abqualifiziert und für unwissenschaftlich und indiskutabel gehalten.
Interessant war auch, was die Verfasser in folgendem Satz verschwiegen: »Um trotz dieser durch die anglo-amerikanische Kolonialpolitik und die reaktionären zionistischen Kreise geschaffenen effektiven Verhältnisse zur Sicherung des Friedens in Palästina und zur schnellstmöglichen Beendigung der bankrotten britischen Mandatsherrschaft zu gelangen und sowohl der jüdischen als auch der arabischen Bevölkerung eine gesicherte Perspektive zu eröffnen...«, sprach die UNO die Teilung aus. Dass die Vertreter der Sowjetunion in der UNO es damals waren, die für die Teilung Palästinas als einzige Großmacht nicht nur eintraten, sondern auch moralisch die Schaffung des jüdischen Staates begründeten, davon kein Wort.
Oder folgender Satz: »Sofort nach Abzug der britischen Truppen aus Palästina und ohne die von den Vereinten Nationen für Palästina übernommene Autorität zum Zwecke der Sicherung friedlicher Verhältnisse bei den vorgesehenen Staatsbildungen zu respektieren, riefen sie am 14. Mai 1948 den Staat Israel aus.«
Wie es sich damals wirklich verhalten hatte, hätten diese Staatsrechtler mühelos der sowjetischen Presse entnehmen können. Die Moskauer Zeitschrift »Neue Zeit« schrieb hierüber 1948: »Vom Augenblick seines Entstehens war der neue Staat gezwungen, einen Verteidigungskrieg gegen die regulären Armeen der arabischen Länder zu führen, die in Palästina eingefallen waren.« Hier ist eindeutig zu lesen, letztere waren schon vor der Gründung von Israel eingefallen.
Und weiter: »Die Gründung des Staates Israel musste sofort ernste Gefahren provozieren. Dies um so mehr, als der Terror gegen die arabische Bevölkerung in ganz Palästina seit Annahme der UNO-Resolution einen friedensbedrohenden, das Prinzip der Achtung der Menschenrechte verletzenden Umfang angenommen hatte.«
In der Zeitschrift »Neue Zeit« schildern die sowjetischen Kommentatoren in verschiedenen Artikeln, wer hier die Menschenrechte bedrohte. Wörtlich lesen wir in der Nummer 24 des gleichen Jahres: »Die öffentliche Meinung der Sowjetunion verurteilt entschieden die gegen den Staat Israel gerichtete Aggression der arabischen Staaten sowie ihre Versuche, das jüdische Volk gewaltsam daran zu hindern, im Einklang mit dem Beschluss der UNO seinen eigenen Staat zu schaffen.« Der nicht zu entschuldigenden Vertreibung von Arabern durch Israelis aus ihrem Land wurde von den Verfassern des Aufsatzes in »Staat und Recht« natürlich breiter Raum gewidmet. Diese Vertreibungen waren geradezu Verbrechen und zu verdammen. Doch verschwiegen wurde, dass auch viele Palästinenser freiwillig nach Aufforderung fremder und eigener arabischer Führer ihren Grund und Boden verlassen hatten, um, wie sie glaubten, wenige Tage später gemeinsam mit den in der »Neuen Zeit« angeführten Armeen von Syrien, Ägypten, TransJordanien, Libanon und Saudi-Arabien zurückzukehren.
Alle Vertreibungen von Völkern und Personengruppen aus ihren Wohnsitzen sind ein Verbrechen. Das hatte auch der Generalsekretär der KPdSU, Chruschtschow, in seiner Rede über gleiche Verbrechen seines Vorgängers streng gegeißelt. Interessanterweise las man aber nirgends, dass diese in der Sowjetunion vertriebenen Völker jemals in ihre inzwischen von anderen Völkern besiedelten Gebiete zurückkehren durften. Der Grund lag darin, dass eine solche Rückkehr selbst unter sozialistischen Bedingungen Krieg bedeutet hätte. Somit war die erhobene Forderung nach Rückkehr arabischer Flüchtlinge in ihre alte Heimat reinste Demagogie. Demagogie ist es auch, wenn verschwiegen wird, dass zur selben Zeit mindestens eine gleiche Zahl Juden unter Zurücklassung all ihrer Habe in Gegenrichtung arabische Länder verlassen mussten.
Ein weiteres Zitat der Staatsrechtler lautete: »In diesem Kampf gegen den Imperialismus findet das arabische Volk von Palästina die Unterstützung auch der DDR. So heißt es in der Gemeinsamen Erklärung über den Freundschaftsbesuch des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR in der VAR3, dass beide Staaten die aggressiven Pläne des Imperialismus (verurteilen), nach denen Israel gegen die Rechte des arabischen Volkes und dessen Kampf als Speerspitze geschaffen wurde.«
Die Staatsmänner der Sowjetunion hatten 1948 dagegen folgenden Grund für die Scharrung Israels angegeben (»Neue Zeit«, 1948): »Die Anerkennung des Staates Israel und seiner provisorischen Regierung durch die Sowjetunion wird der Verwirklichung des UNO-Beschlusses und der Herstellung des Friedens in Palästina förderlich sein.«
Einen ganzen Abschnitt ihres Aufsatzes widmeten die Staatsrechtler der Ableitung des Jordanwassers. Sie regten sich auf, dass Israel der arabischen »Lösung«, die Quellflüsse ins Mittelländische Meer abzuleiten, nicht zustimmte. Es wurde den Israelis als Verbrechen angelastet.
Die Wiedergutmachungsverträge mit Israel seitens der BRD wurden als Wiederaufnahme der Kolonialpolitik bezeichnet, es soll angeblich darum gegangen sein, »... von Anfang an Israel als Aggressionszentrum gegen die arabische nationale Befreiungsbewegung unter dem Deckmantel der ›Wiedergutmachung‹ zu stärken.«
Ihre Wiedergutmachung an Israel begründete die Regierung der BRD seinerzeit bekanntlich damit, »dass der Staat Israel die schwere Last auf sich genommen hat, so viele entwurzelte und mittellose jüdische Flüchtlinge aus Deutschland und den ehemals unter deutscher Herrschaft stehenden Gebieten in Israel anzusiedeln und deshalb einen Anspruch gegen die Bundesrepublik auf globale Erstattung der entstandenen Eingliederungskosten geltend gemacht hat.« Dieser Teil aus der Präambel des Wiedergutmachungsabkommens wurde sogar von den Staatsrechtlern zitiert, um dann hinzuzufügen: »Der notwendige Weg, um auch den jüdischen Menschen die gesicherte Perspektive eines friedlichen Lebens in Europa zu eröffnen, bestand indessen in der Schaffung einer dauerhaften Friedensordnung in Europa selbst durch die Entmachtung namentlich des deutschen Militarismus, und nicht darin, Teile der jüdischen Bevölkerung Europas auszusiedeln und mit ihrer Hilfe künstlich einen jüdischen Staat zu schaffen.« Auch das ist reine Demagogie. Es war doch unmöglich, eine andere Lösung für die jüdischen Flüchtlinge zu finden, was dem Vertreter der Sowjetunion in der UNO eine der wichtigsten moralischen Beweggründe für die Befürwortung der Entstehung des jüdischen Staates lieferte.
Am Ende dieses langen Aufsatzes wurde die Geschichte noch ein letztes Mal mit folgendem Satz auf den Kopf gestellt: »Das verlogene Gerede von einer angeblichen Wiedergutmachung gegenüber den in Israel lebenden jüdischen Menschen soll nur die Tatsache verschleiern, dass der deutsche Militarismus und die für die faschistischen Judenverfolgungen Schuldigen wiederum dazu übergegangen sind, eine jüdische Bevölkerung — und zwar diesmal vor allem die Israels — skrupellos in den Dienst ihrer expansionistischen Ziele zu stellen.«
Dass die Nazis die Juden in den Dienst ihrer expansionistischen Ziele gestellt hatten, ist dem denkenden Bürger etwas Neues. Bis dato galt die Judenpolitik der Nazis als eine Politik der Ausrottung. Dass Juden und Nazis zusammengearbeitet hätten, finden wir hier erstmalig in der DDR-Literatur. In den darauf folgenden Jahren wurde diese Theorie in der Presse der DDR immer mehr ausgebaut und ist in die Gehirne vieler Bürger der Republik tief eingedrungen.
1 Der hier wiedergegebene Artikel Helmut Eschweges stammt aus seiner leider vergriffenen Autobiographie (»Fremd unter meinesgleichen«, Berlin 1991, Christoph Links Verlag). Der Christoph Links Verlag gab uns freundlicherweise die Erlaubnis für den Nachdruck.
2 Verfolgte des Naziregimes
3 Vereinigte Arabische Republik Ägypten
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