HEFT 03/2003 | Editorial | SEITE 81

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

"Alles für das Wohl des Volkes" lautete eine zu DDR-Zeiten gängige Losung. Zwar hatten die Herrschenden im Lande am 17. Juni ‘53 mit Waffengewalt langfristig ihre Macht ge­sichert, aber sie wollten mehr: Das Volk sollte seine Kräfte ganz in den Dienst der herrschenden Ordnung stellen. Was voraussetzte (das sah man "höheren" Ortes ganz re­alistisch), daß diese Ordnung seinem Wohl diente. Was dem Volkswohl dienlich sein sollte, bestimmten die Herr­schenden allerdings selbst. Zu welchen Konflikten das in der Ära Honecker mit ihrer vielpropagierten "Einheit von Wirt­schafts- und Sozialpolitik" führte und wie der Staat mit solchen Konflikten umging, ist die Grundfrage, der wir im Hauptteil dieses Heftes nachgehen.

Wichtige Elemente der damaligen krisenhaften Entwicklung der DDR-Wirtschaft benennt Sebastian Gerhardt in seinem einleitenden Beitrag. Die Versuche der Arbeiterschaft, unter diesen Voraussetzungen selbst definierte Interessen positiv zur Geltung zu bringen, hatten in den 70er und 80er Jahren – nicht anders als in den Jahrzehnten zuvor – nur selten Erfolg. Unter anderem, weil ihr Handeln, das Renate Hürt­gen und Olaf Klenke in ihren Beiträgen analysieren, unter dem Druck der Verhältnisse zunehmend Privatcharakter annahm. Denn auch die Arbeiterschaft in den Betrieben, das verdeutlicht ein weiterer Beitrag Renate Hürtgens, unterlag einer intensiven Überwachung, bei der Partei- und Gewerk­schaftsgremien eng mit staatlichen Institutionen bis hin zum MfS zusammenarbeiteten. Daß man als Arbeiter eine Art Narrenfreiheit genossen habe, sei, so die Autorin, eine Legende. Kollektive innerbetriebliche Aktionen wurden im Laufe der Jahre zur Ausnahme; erst gegen Ende der 80er Jahre spielten sie wieder eine größere Rolle, wurden zu einem der Vorboten des Endes der alten Ordnung.

Zugleich gewannen in den 80er Jahre andere Arten und Formen des Protests an Bedeutung, eines Protestes, der sich, wie Reinhard Buthmann anhand der Auseinander­setzungen um den Bau des Reinstsiliziumwerkes Dresden-Gittersee zeigt, nicht zuletzt gegen den ökonomistischen, ökologische Erfordernisse vernachlässigenden Charakter der damaligen Wirtschaftspolitik richtete. Diesen – von der Dresdner evangelischen Kirche und ihrem Ökologischen Arbeitskreis unterstützten – Protest zu unterdrücken gelang den auch im Falle "Gittersee" eng zusammenwirkenden Partei- und Wirtschaftsfunktionären sowie Polizei- und MfS-Führungskräften nicht mehr. Er mündete unmittelbar in den Massenprotest vom Herbst ‘89.

Insgesamt fanden die oppositionellen oder alternativen Zir­kel und Gruppen der 70er und 80er Jahre bei ihrem Be­mühen um Alternativen zur DDR-Wirtschaftsordnung, von dem Bernd Gehrke und Thomas Klein berichten, jedoch wenig Resonanz. Die Prinzipien, von denen sie sich leiten ließen – Selbstbestimmung, Solidarität und Ökologie – scheinen mir aber nach wie vor aktuell zu sein. Eine ganz persönliche Sicht auf die Produktionsweise in den letzten Jahren der DDR bieten die Fotos und der den Hauptteil abschließende Beitrag von Wolfgang Falk.

In der Rubrik "Themen" widmet sich Reinhard Dobrinski skrupellosen MfS-Wirtschaftsaktivitäten vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten der DDR. Wie sich in Prag die 89er Revolution vorbereitete, zeigt der Text Tomáš Vilímeks.

Im Namen der Redaktion
Erhard Weinholz


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