HEFT 02/2003 | Editorial | SEITE 81

 

Editorial

Die vielfältigen Kontroversen über die Geschichte der DDR vernachlässigen oft – nicht erst seit 1989 – ein wesentliches Thema: die Nachwirkungen des Nationalsozialismus in Deutschland. Die DDR erscheint heute vor allem und wesentlich als Diktatur. Manchen erscheint sie im Rückblick eher "kommod", anderen eher "totalitär". Dass man die DDR auch als Staat nach dem Nationalsozialismus erleben konnte, der – wie die Bundesrepublik und Österreich – von der Vergangenheit Deutschlands herausgefordert wurde, wird nur von wenigen Autoren untersucht. Einige von ihnen schreiben in dieser Ausgabe von "Horch und Guck".

Wie Österreich und die Bundesrepublik musste sich die DDR der Erinnerung an die deutschen Verbrechen während des Nationalsozialismus stellen. Zu bearbeiten war – und ist bis heute – die Vergangenheit einer Tätergesellschaft. Dies war nicht nur für die herrschende Elite sondern auch für das Gros der Bevölkerung eine Herausforderung. Die DDR, so analysiert der Journalist Henryk M. Broder, bewältigte diese Herausforderung nur unangemessen. Für ihn war sie eine "Republik der Simulanten". Auch der Filmemacher und Bürgerrechtler Konrad Weiß erinnert sich noch gut, dass die Auseinandersetzung mit den Themen "Schuld" und "Haftung" in Familie, Gesellschaft und oppositionellem Milieu nicht selbstverständlich war.

Ganz verwunderlich ist dies nicht. Schließlich hatte nicht die Tatsache, aber die Art und Weise der Entmachtung nationalsozialistischer Eliten nach dem 2. Weltkrieg in der sowjetischen Besatzungszone einen mehr als zweifelhaften Charakter. Sie wurde deshalb von großen Teilen der Bevölkerung auch nicht angenommen. Clemens Vollnhals, stellvertretender Direktor des Hannah-Arendt-Instituts in Dresden, stellt diesen Prozess in seinem Beitrag über die Entnazifizierung in der sowjetischen Besatzungszone vor. Thomas Haury, Soziologe aus Freiburg, ergänzt: Der nationale Antizionismus der frühen DDR transportierte darüber hinaus schlicht antisemitische Stereotype.

Wenn es jemanden gab, dem das Verdienst gebührt, gegen alle Widerstände seiner eigenen Genossen die Vernichtung der europäischen Juden im Nationalsozialismus beschrieben und zu diesem Thema in der DDR publiziert zu haben, dann war es der Historiker Helmut Eschwege aus Dresden. Peter Maser, Theologe in Münster, der Eschwege selbst kennen gelernt hat, stellt ihn vor. Eschweges Verdienste werden zwar durch seine Zuarbeit für das MfS beschädigt, bleiben aber bedeutend. Eschwege griff auf vielen Veranstaltungen in der DDR auch den Antizionismus der regierenden SED scharf an und kritisierte seine antijüdischen Konnotationen. Er kommt mit einem Text aus seiner inzwischen leider vergriffenen Autobiografie "Fremd unter meinesgleichen" selbst zu Wort.

Das Thema "Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus" ging an der DDR-Opposition nicht ganz vorbei, wie der Autor Christian Halbrock in seinem Beitrag über eine Mahnwache an­lässlich des 9. November1984, eines Jahrestages der Pogromnacht von 1938,  zeigen kann. Allerdings vernebelte der in der DDR propagierte Antifaschismus die Köpfe doch so kräftig, dass die Historikerin Annette Leo, heute Mitarbeiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, die Nachricht von einer Friedhofsschändung 1988 zunächst gar nicht glauben mochte. Sie schildert, warum sie bis heute mit der Geschichte hadert.

Auch auf der anderen Seite der Mauer verwirrte der Antifaschismus nicht wenige Köpfe, zeigt Wolfgang Kraushaar vom Institut für Sozialforschung in Hamburg in seinem Beitrag über die 68er im Westen. Allerdings gab es hier auch Umstände, die den Antifaschismus attraktiv erscheinen ließen: die Weigerung der Bundesrepublik in ihren frühen Jahren, sich dem Nationalsozialismus zu stellen.

Das Thema (Nicht-)Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist damit lediglich angerissen. Es hat Weiterungen, die in diesem Heft völlig fehlen oder nur angedeutet werden. Wie wenig Empathie die DDR für die im Nationalsozialismus ermordeten Juden und ihre lange Geschichte in Deutschland aufbrachte, zeigen z.B. die Fotos von Werner Kiontke, die der Leser im ganzen Heft vorfindet. Jüdische Friedhöfe waren in der DDR, nicht nur in Ost-Berlin, dem Verfall preisgegeben.

Trotz aller Vorläufigkeit hoffen wir ein interessantes und streitbares Heft vorzulegen. Kritik, Lob, Polemiken und Kontroversen sind uns (wie immer) willkommen. Ohne sie gäbe es keine Freiheit.

Für die Redaktion
Martin Jander


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