SonderHEFT 1 | Editorial | SEITE 1

 

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

das vorliegende Sonderheft von "Horch und Guck" ist dem Jenenser Matthias "Matz" Domaschk gewidmet. Erst 23 Jahre alt, kam er am 12. April 1981 während einer Präventivhaft bei der Staatssicherheit unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben.

Matthias Domaschk lebte in den siebziger Jahren in Jena. In der dortigen Szene unangepaßter und ausgegrenzter Jugendlicher, die sich phantasievoll und gemeinschaftlich gegen die diktatorischen Verhältnisse in der DDR wehrte, hatte Matthias Domaschk viele Freunde. Sein Tod löst Trauer, Wut und Aktivitäten aus; er wird zu einer Zäsur für die Opposition, denn plötzlich wird klar, daß ein unangepaßtes Leben tödlich enden kann. In der Folge kommt es sowohl zu einem verstärkten Aufbegehren in Jena wie zu einem Anstieg der Ausreiseanträge.

Gerold Hildebrand zeichnet das Leben von Matthias Do­maschk nach, das gewissermaßen repräsentativ ist für diejenige Minderheit der Jugendlichen in der DDR, die versuchten, sich dem Konformitätsdruck von Staat und Partei zu entziehen und gemeinsam mit anderen selbstbestimmt zu leben. Gespräche mit Freunden von Matthias Domaschk und Erinnerungen des Autors sind in diese biographische Skizze eingeflossen. Besonderer Dank gebührt Peter Rösch, Renate Ellmenreich, Manfred Hil­de­brandt, Doris Liebermann, Wal­ter Schilling, Klaus-Dieter Siegel, Henning Pietzsch, Thomas Auerbach, Nina Scholz, Kerstin Hergert, Petra Falkenberg, Ute Friedrich, Uwe Behr, Uwe Sinnig, Wolfgang "Wolle" Hinkeldey und den anderen Interviewpartnern. In einem zweiten Beitrag werden die Reaktionen dokumentiert, die der Tod von Matthias Domaschk ausgelöst hat. Zwischen diesen beiden Darstellungen eingeschoben ist ein Text von Jürgen Fuchs, der die Verhörsituation von Matthias Domaschk literarisch verarbeitet.

Der Tod von Matthias Domaschk in der Stasi-Untersuchungshaft wurde in der DDR offiziell verschwiegen, als Todesursache Selbstmord durch Erhängen angegeben. Erst nach 1989 wurde eine juristische Aufarbeitung des Falles Domaschk möglich. Über die Schwierigkeiten bei der Ermittlungsarbeit und die ernüchternden Resultate informieren die Beiträge von Gerold Hildebrand, Walter Schilling, Renate Ellmenreich und Wolfgang Loukidis.

Welche Erinnerungen haben Freunde und Wegge­fährten an Matthias Domaschk, wie haben sie auf seinen Tod reagiert? Als Zeitdokumente drucken wir ein Lied des Jenaer Liedermachers Peter Kähler, ein Gedicht von Reinhard Bernhof sowie einen Brief von Michael Stokel­busch ab. In Interviews erzählen der langjährige Freund Peter Rösch, Sylvia Granderath, Roland Jahn und Dorothea Fischer von Erlebnissen mit Matthias Domaschk sowie von ihren Reaktionen auf seinen Tod. Siegfried Reiprich berichtet schließlich von einem Fund in seiner Stasi-Akte.

Eine kommentierte Literaturliste und eine Presseartikelübersicht spiegeln die öffentliche Wahrnehmung und geben Anregungen für eine weiterführende Auseinandersetzung mit dem Leben und Tod von Matthias Domaschk.

Das vorliegende Sonderheft wird herausgegeben vom Bürgerkomitee "15. Januar" e.V., dem Matthias-Do­maschk-Archiv Berlin und dem Landesbeauftragten des Freistaates Thüringen für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes. Aus dem großen Fundus des Matthias-Domaschk-Archivs Berlin stammen auch die Fotos und die meisten schriftlichen Dokumente, die in diesem Heft enthalten sind.

Die Redaktion des Sonderheftes


Inhaltsverzeichnis