Heft Sonderheft/2003 | matthias domaschk | Seite 35 - 44

Gerold Hildebrand

Trauer, Wut und Anklage

Nach dem Tod von Matthias Domaschk

 

Die Nachricht von Matthias Domaschks Tod beim Stasi-Verhör verbreitet sich in Windeseile in Jena und dringt über die wenigen Telefone auch in andere Städte. Die erste Reaktion ist Fassungslosigkeit, Trauer, Wut. Auch wenn niemand genau den Tathergang und die Hintergründe kennt – die Tatsache, daß Matthias Domaschk bei einem Stasi-Verhör ums Leben kam, genügt, daß alle sofort wissen: »Sie haben ihn auf dem Gewissen!« In den Schock mischt sich Empörung. Was soll, was kann man tun? Wie kann der ungeheuerliche Vorgang bekannt gemacht werden? Den verhaßten Staatssicherheitsdienst offen anzuprangern, würde unweigerlich Repressionen nach sich ziehen. Wie ist es dennoch möglich, in der DDR an den Tod von Matthias Domaschk zu erinnern, ohne selbst Haft und damit unter Umständen das gleiche Schicksal zu riskieren, das er erlitten hat? Das sind Fragen, die seine Freunde nicht mehr loslassen.
Der Tod von Matthias Domaschk ist eine Zäsur. Schlagartig wird klar, daß Opposition gegen die Parteiherrschaft oder auch nur eine nonkonforme Lebensführung tödliche Folgen haben kann. Gleichwohl formiert sich ein phantasievoller und allmählich radikalisierender Widerstand, der zunächst von nur wenigen Menschen ausgeht. Die Unabhängige Friedensbewegung in der DDR erlebt 1982 und 1983 ihre ersten Höhepunkte in Jena. Mit den daraufhin einsetzenden staatlichen Repressalien steigt zugleich die Zahl der Ausreiseanträge rapide an. Beides sind Vorboten für die Exit-und-Voice-Bewegung1 von 1989, die zum Ende der DDR beigetragen haben.

Die entsetzliche Nachricht
Am Montag, dem 13. April 1981, spielt die Leipziger Bluesband »Mama Basuto« im RAW.2 Die Jenaer Szene trifft sich hier. Matthias Domaschk wäre dabeigewesen. Aber er ist noch nicht von der Stasi zurück. Wird er dort noch länger festgehalten, oder kommt er in den nächsten Tagen frei? Was am 12. April geschehen ist, weiß noch niemand. Peter Rösch schaut kurz vorbei. Er wirkt ausgelaugt, ist übernächtigt und erzählt, was er in den letzten drei Tagen erleben mußte. Rufe nach einem Arzt hat er im Gefängnis gehört, als er entlassen wurde. Ist Matthias Domaschk etwas zugestoßen? Befindet er sich in einem Haftkrankenhaus? Schon seit Sonntagnachmittag gehen Freunde immer wieder zu seiner Wohnung. Vielleicht wissen die Eltern mehr. Aber kaum jemand kennt ihre Adresse.
Am Mittwochvormittag will sich Matthias Domaschks Schulfreund Manfred Hildebrandt bei der Mutter auf der Arbeitsstelle erkundigen. Doch sie hat frei genommen, und eine Arbeitskollegin flüstert ihm zu: »Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen sagen darf. Morgen ist die Beerdigung von ihrem Sohn.« Manfred Hildebrandt ist entsetzt. Er läßt seine Arbeit ruhen und informiert sofort Freunde. Erst einmal muß jemand mit den Eltern von Matthias Domaschk sprechen, die Nachricht ist zu unglaublich.
Am Wochenende vor seinem Tod hat Matthias Domaschk mit Katrin Werlich bei seinen Eltern die Wohnung renoviert. Sie ruft in Neulobeda an, um von den Eltern etwas zu erfahren. Ihr Sohn habe sich umgebracht, ist ihnen gesagt worden. Inzwischen hat auch Pfarrer Hans Gellner beim Bestattungsinstitut in Erfahrung gebracht, wann das Begräbnis stattfinden soll. Die Stasi notiert: »Nach Bekanntwerden dieses Termins3 am 15.04.1981 gegen 11.00 Uhr verbreiteten diese negativ dekadenten Personen durch mündliche und schriftliche Übermittlungen in ihrem Umgangskreis die Nachricht vom plötzlichen Tod des D. sowie dessen Bestattungstermin. Da zu diesem Zeitpunkt unter diesem Personenkreis noch keine konkreten Angaben zum eigentlichen Sachverhalt vorlagen, wurden verschiedenste Gerüchte, die sich gegen die Sicherheitsorgane richteten, verbreitet.«4
Den 60jährigen Vater, Gerhard Domaschk, hatten am späten Montagnachmittag die Stasi-Offiziere Oberstleutnant Horst Jürgen Seidel,5 Oberleutnant Karl-Heinz Petzold und Oberstleutnant Hande von der Objektdienststelle Zeiss Jena aus dem Krankenhaus zur Stasi-Kreisdienststelle Eisenberg holen lassen und ihm gemeinsam mit dem Bezirksstaatsanwalt Benndorf den Tod seines Sohnes mitgeteilt. Der habe durch sein »dekadentes«6 und »renitentes Verhalten im Zug zu seiner Festnahme beigetragen«,7 behaupten sie. Matthias Domaschk habe bei einer Befragung Aussagen gemacht »über von ihm unterhaltene Kontakte zu einer negativ-feindlichen Gruppierung in Jena, die durch eine in West-Berlin ansässige Person geschult, gesteuert und materiell unterstützt wird.« Mit »dieser Person« hätten »konspirative Treffs im sozialistischen Ausland« stattgefunden.8 Als Matthias Domaschk nach Hause gefahren werden sollte, habe er sich ab 14 Uhr zehn Minuten lang im Besucherzimmer aufhalten können und sei um 14.10 Uhr »mit seinem Oberhemd stranguliert aufgefunden« worden. Es seien sofort Wiederbelebungsversuche unternommen worden. Ein Arzt habe um 14.30 Uhr nur noch den Tod feststellen können. Staatsanwalt Benndorf stützt diese Version bei einem weiteren Gespräch und beteuert, daß »eine Bewachungspflicht des DOMASCHK, Matthias nicht bestanden hätte.«9
Gleich beim ersten Gespräch setzt die Stasi den Vater, der soeben seinen Sohn verloren hat, unter Druck und gibt die Richtung vor: »Obwohl wir die Umstände, die zu diesem bedauerlichen Ereignis führten, wiederholt analysiert haben, können wir zu keinem anderen Ergebnis gelangen, als daß gegnerische Kräfte, die Ihren Sohn seit mehreren Jahren durch ihre Feindtätigkeit mißbrauchten, die volle Verantwortung für den Freitod Ihres Sohnes tragen.«10 Dem Vater wird die Einsicht in das Verhörprotokoll verweigert, somit können die Eltern bis zum Ende der DDR nichts näheres erfahren. Außerdem verlangen die Stasi-Offiziere von Gerhard Domaschk, daß er über die »Unterredung« mit niemandem spricht und Kontakte zu Freunden seines Sohnes meidet.11
Noch wichtiger als ihre Unschuldsbeteuerungen aber ist den Stasi-Abgesandten beim Gespräch mit dem Vater vor allem, »eine Einäscherung seines Sohnes ohne Feierlichkeiten im engsten Kreise der Familie durchzuführen« und »die Beisetzung möglichst nicht in Jena zu realisieren.«12 »Gegenüber Verwandten sollte der Tod des DOMASCHK, Matthias als Unglücksfall dargestellt werden«; darüber hinaus »wird angestrebt zu erreichen, daß keine Mitteilungen in der Presse über den Tod des D., Matthias veröffentlicht werden.«13 Oberleutnant Karl-Heinz Petzold begleitet Vater Domaschk zum Bestattungsinstitut, damit sein Sohn rasch unter die Erde komme, und händigt ihm dessen persönliche Gegenstände aus. Bis zur Urnenbeisetzung und auch um den ersten Todestag von Matthias Domaschk herum werden Oberleutnant Petzold und Oberstleutnant Seidel bei Gerhard Domaschk immer wieder vorstellig. Sie bedrängen ihn, sich an den Thüringer Landesbischof zu wenden, um kirchliche Aktivitäten zu untersagen. Da ein Grabmal nur »Zusammenrottungen« provozieren würde, solle die Familie doch zunächst darauf verzichten.
Am 16. April gibt die Familie eine Traueranzeige in der SED-Bezirkszeitung »Volkswacht« auf. Roland Jahn will ebenfalls eine Annonce schalten mit dem Text »Wir werden nicht vergessen«. Das weiß ein »zuverlässiger IM« zu verhindern.14 Die Eltern von Matthias Domaschk lassen ihren Sohn auf dem Jenaer Nordfriedhof beisetzen, neben dem Grab seiner Schwester Sabine. Die Stasi zimmert eilig einen Maßnahmeplan, den sie »Aktion Nordfriedhof« nennt.15 »Insbesondere der harte Kern der ›Jungen Gemeinde‹ Jena-Stadt-Mitte wird durch die KD Jena und die Abt. XX unter Kontrolle gehalten«16
Auch bei Hergerts läuten Stasi-Offiziere an der Tür und versuchen, gut Wetter zu machen. Sie würden gern mit der Familie reden, daß sie auf ihre Tochter Kerstin, der Freundin von Matthias Domaschk, einwirke. Die Stasi-Offiziere verlangen von den Eltern, mit ihnen zusammen nach Weimar zu fahren, wo Kerstin Hergert im Gefängnis sitzt. Vater Hergert schmeißt die Stasi aus seiner Wohnung.

Das Begräbnis
Am Gründonnerstag, dem 16. April 1981, wird in aller Eile und Herrgottsfrühe um acht Uhr eine Trauerfeier arrangiert, an der nach dem Willen der Stasi mit Vater, Mutter und Schwester nur der engste Familienkreis zugangsberechtigt sein sollte. Auch die viereinhalbjährige Tochter Julia ist in der Trauergemeinde nicht vorgesehen. Peter Rösch wird für den gleichen Morgen zum Stasi-Verhör bestellt und erst am Mittag entlassen, damit er nicht Abschied nehmen kann von seinem Freund. Nach der Regie der Stasi sollen am Grab nicht einmal Worte fallen. Die Mutter von Matthias Domaschk hat aber den Theologen Klaus-Peter Hertzsch17 gebeten, zwischen zwei Musikstücken von Bach in der Friedhofskapelle ein Gebet zu sprechen. »Darüber hinaus wurden Maßnahmen eingeleitet, daß keine unbefugten Personen an die Leiche des DOMASCHK herankommen. Sie wird am Montag, dem 20.04.1981, früh eingeäschert«, bestimmt Stasi-Offizier Horst Jürgen Seidel.18 Der Sarg ist nur wenige Minuten offen aufgebahrt und wird kurz nach 8 Uhr wieder verschlossen. Außer den Familienangehörigen ist es nur Sylvia Granderath aus Weimar vergönnt, noch einmal Matthias Domaschks Angesicht zu sehen. Das Leichenhemd ist bis zum Kinn zugeknöpft, damit keine Spuren von Gewalteinwirkungen sichtbar werden.
Aber die Abschottungsmaßnahmen sind nur am Sarg erfolgreich, denn mehr als einhundert Freunde und Bekannte19 treffen in kleinen Gruppen auf dem Friedhof ein. In Erwartung von Festnahmen meiden manche die Hauptstraßen. Unter ihnen sind Weimarer, Zeitzer, Plauener, Erfurter, Leipziger und Potsdamer. Um die vielen Trauergäste zu informieren, blieben nur wenige Stunden Zeit. Spontan entschließen sich die Freunde, gemeinsam an die vorgesehene Grabstätte von Matthias Domaschk zu gehen, auch ohne Sarg. Der Weg von der Friedhofskapelle, die nicht allen Trauergästen Platz bietet, bis zum Grab mißt etwa einen halben Kilometer. Es ist ein Demonstrationszug, die Stasi steht Spalier. Eine solche offene Konfrontation ist selten; normalerweise suchen die »grauen Kampfgenossen« im Verborgenen zu agieren, hier auf dem Friedhof ist ein Großteil von ihnen sichtbar.20 Manche Stasi-Gesichter werden wiedererkannt von früheren Verhaftungen oder offenen Einschüchterungsobservationen her. Die Verfolgten stehen diesmal nicht allein, sondern bilden ebenfalls eine Menge. Es gibt kaum ein weiteres Publikum, direkter aber als vor den Augen der Stasi kann man nicht gegen die Macht demonstrieren. Blicke werden getauscht, die töten könnten. Die Freunde von Matthias Domaschk lassen sich von den unter schmierigem Grinsen gezischelten Drohungen des Stasi-Aufgebots nicht provozieren. Drei Mannschaftswagen der Volkspolizei stehen am Friedhofseingang sichtbar bereit. Hundertschaften lauern in Bereitschaft, und in den Nebenstraßen sind weitere Polizeilastwagen geparkt, mit denen über 200 Personen weggeschafft werden können. Christian Dietrich, später in Leipzig in der Initiative Frieden und Menschenrechte aktiv, besucht gerade die 8. Klasse in der an den Friedhof grenzenden Nordschule. An diesem Tag wird den Schülern die Hofpause verwehrt. Durch die Fenster des Klassenzimmers aber ist der eigenartige Schweigemarsch zu sehen. Etwas wird auferstehen, da ist sich die Trauergemeinde an diesem Gründonnerstag unausgesprochen einig. Auch Fäuste werden geballt am Grab. Das Land ist still – noch.
Am Friedhofsausgang kommt es doch noch zu einer Auseinandersetzung. Der Trauerzug hat sich schon zerstreut, nur eine kleine Gruppe wartet, ob alle unbehelligt zurückkehren. Als zuletzt eine Siebzehnjährige laut schluchzend den Friedhof verläßt, macht einer aus dem Stasi-Trupp grinsend die blöde Bemerkung: »Nun heul‹ doch nicht, Kleene. Ach, so schöne Tränen.« Die anderen Genossen lachen widerlich. Da schreit ihnen eine Frau aus der wartenden Gruppe ins Gesicht: »Ersaufen sollt ihr drin! Ihr seid das Letzte!«
Eine Gruppe von 30 Personen läuft noch die Leninstraße entlang. In der Mensa und in Cafes wird nach ersten Worten für das Unfaßbare gesucht. Es muß etwas geschehen. Es wird etwas geschehen. Aber was? Der Jenaer Maler Frank Rub schreibt drei Tage später einen anklagenden Text zum Tod von Matthias Domaschk. »Die Hunde, die Mörder, die Spitzel der Krone / haben ihn fertiggemacht / und jetzt noch Blumen zum Friedhof gebracht.«22
Gleich nach der auf Druck der Stasi rasch anberaumten Trauerfeier wird am Ostermontag die Einäscherung vollzogen. Diese Eile hat etwas zu verbergen. Die Urnenbeisetzung findet am 26. Juni 1981 statt.23 Zu einer unabhängigen Obduktion, die Pfarrer Walter Schilling den Eltern von Matthias Domaschk nahezulegen sucht, kommt es nicht mehr.
Über Ostern verbreitet sich die furchtbare Nachricht vom Tod bei der Stasi weiter. Ob bei der 40. Jazzwerkstatt in Peitz, bei Auftritten der »Travelling Bluesband« in Saalfeld und Schlettwein oder beim Jazzfest in Weimar am folgenden Wochenende, überall geht die schlimme Botschaft von Mund zu Mund. In der Friedenskirche, im Stadtzentrum Jenas, findet am Karfreitag eine länger geplante Meditation mit Musik von Genesis, Pink Floyd und Ton Steine Scherben sowie Bibeltexten statt. In der christlichen Lehre geht es in der Karwoche um die Themen Verrat, Gefangennahme, Verhör, Aussageverweigerung, Demütigung, Leiden, Sterben, Wahrheit und Leben. Auf dem Johannisfriedhof vor der Kirche gibt es nur ein Gesprächsthema: Matz, Matthias Domaschk. 30 Tramper aus verschiedenen Städten sind zu Gast. Der gemeinsame Osterspaziergang ins Jenaer Pennickental hat diesmal einen bedrückenden Gesprächsstoff. Über Ostern sind einige Jenenser nach Karlsbad gefahren, um sich mit ausgebürgerten Freunden zu treffen.24 Über diesen und andere Wege gelangt die Nachricht auch in den Westen.

»Wir werden nicht vergessen«
Noch am Tag der Beerdigung sollen sich im Auftrag der JG Stadtmitte Diakon Karsten Christ und Jugendpfarrer Siegfried Nenke25 bei der Stasi in Jena erkundigen. Daß die Stasi wahrheitsgetreu Auskunft über den Tod von Matthias Do maschk geben wird, glaubt niemand, aber es gilt zu zeigen, daß diese Angelegenheit nicht als abgeschlossen betrachtet wird. Christ und Nenke werden nach Gera verwiesen. In der MfS-Bezirksverwaltung erhalten sie von Bezirksstaatsanwalt Benndorf und dem Leiter der Abteilung IX, Horst Jürgen Seidel, keine andere Auskunft als die, die man schon dem Vater gegeben hat. Matthias Domaschk habe sich mit seinem eigenen Hemd am Fensterkreuz erhängt. Die Stasi will beschwichtigen; Oberstleutnant Seidel gibt vor der Begegnung mit den kirchlichen Mitarbeitern die Anweisung: »Über den genannten Sachverhalt wurde Oberst Dr. Herzog26 telefonisch informiert. Nach Konsultationen mit Gen. Generalmajor CARLSOHN27 sollen NENKE und CHRIST höflich und korrekt empfangen werden.«28 Oberst Werner Weigelt29 vermerkt nach dem Gespräch: »Sie [Christ und Nenke] wurden aufgefordert, dafür Sorge zu tragen, daß der tragische Suicid des D. nicht zu feindlichen Aktivitäten zu führen hat. Darüber hinaus wurde ihnen nahegelegt, ihren ganzen Einfluß geltend zu machen, auftretenden Gerüchten offensiv entgegenzuwirken und dagegen vorzugehen, daß kirchliche Institutionen mißbraucht und als Deckmantel für feindliche Aktivitäten genutzt werden.«30 Oberstleutnant Seidel vermerkt: »Beide Funktionäre31 sollen dafür sorgen, daß dem Sozialismus feindlich gesinnte Kräfte nicht die ›Junge Gemeinde‹ Jena-Mitte für schmutzige subversive Ziele ausnutzen sollen. […] Über die Art und Weise des Todes von Mattias Domaschk wurde nicht informiert.«32
Die von Oberstleutnant Müller, Major Artur Hermann,33 Major Herbert Würbach und Hauptmann Horst Köhler34 ausgearbeitete und von Oberst Werner Weigelt bestätigte Konzeption sieht in Punkt sieben vor: »Erarbeitung einer einheitlichen Argumentation zum Vorkommnis sowie generelle Verhaltenslinie für den Einsatz von IM.«35 Dieses Schriftstück kennt noch niemand außer den Stasi-Offizieren. Allen ist klar, daß die Stasi den Tod nicht vertuschen kann und der angebliche Suizid die einzige Erklärung sein wird, die kaum nachzuprüfen ist und daher weiterhin kategorisch behauptet werden wird. Für die Freunde von Matthias Domaschk macht es keinen Unterschied, ob gehenkt oder erhängt. Die Tatsache, daß Matthias Domaschk im Stasi-Gewahrsam ums Leben gekommen ist, genügt. Niemand glaubt der Stasi-Version. Peter Rösch weiß zu berichten, daß in den Zellen Glasbausteine statt Fenstern eingebaut sind und es gar kein Fensterkreuz gibt. Und noch etwas ist ungewöhnlich: Bei einem 48stündigen Stasi-Verhör ist eine ständige Bewachung üblich. Peter Rösch erzählt, er habe aber vor seiner Heimfahrt fast eine Stunde allein in einem Raum zugebracht. Als er bereits im Auto saß, sei laut nach einem Arzt gerufen worden. War das eine gezielte Inszenierung? War Matthias Domaschk schon Stunden eher zu Tode gekommen?
Die Vermutung, es habe sich um einen gezielten Mord gehandelt, wird jedoch nur selten ausgesprochen. War Matthias Domaschk wirklich so gefährlich für die Machthaber? Sollte er bewußt getötet worden sein, um die widerspenstige Jenaer Szene und seine vielen aufsässigen Freunde in anderen Städten bis hin nach West-Berlin nachdrücklich einzuschüchtern? War ihm ähnliches widerfahren, wie dem Krakower Jurastudenten Staszek Pyjas, der 1977 bei seiner Verhaftung eine Treppe hinunter in den Tod gestürzt wurde? Zweifellos macht den Kommunisten in dieser Zeit der Erfolg der unabhängigen Gewerkschaft Solidarnosc im Nachbarland Polen schwer zu schaffen, und sie befinden sich in einer »angespannten Lage«. Ist deshalb ein Vernehmer durchgedreht? Hat einer der Bewacher überreagiert, einen Befehl zu diensteifrig umgesetzt? Wie Verhöre bei der Staatssicherheit verlaufen, haben inzwischen viele aus der Szene erfahren müssen. Unterstellungen, Drohungen und das Spürenlassen von absoluter Macht, gepaart mit Angeboten von Privilegien bei entsprechender Aussagewilligkeit. Hat Matthias Domaschk während einer solchen Situation beim Verhör seinen Vernehmer angebrüllt und schon wurde ihm gezeigt: »Wir können auch anders!«? Hat es eine Auseinandersetzung gegeben, bei der er körperlich angegriffen worden ist? War Matthias Domaschk gewürgt worden, um ihm Atemnot und Angst zu machen, damit er endlich die gewünschten Aussagen macht? War es ein Unfall, eine Situation, die eine Eigendynamik bekommen hat? Ist Matthias Domaschk an Herzversagen während des Verhörs gestorben? Oder hat er sich doch selbst umgebracht, um ein Fanal zu setzen? Gera, das Stammheim der DDR? Nein, das ist zu absurd. Matthias Domaschk war kein Märtyrertyp. Nach nur zwei Nächten in Haft ist das auch sehr unwahrscheinlich.
Den Freundeskreis bewegen viele Fragen, aber einen Suizid aus Lebensmüdigkeit schließen sie aus. Matthias Domaschk befand sich in keiner Lebenssituation mit unlösbaren Konflikten. Es gab keinerlei Anzeichen für eine Depression. Matthias Domaschk wird von seinen Freunden als lebenslustig geschildert. Bringt so jemand sich um, innerhalb von zehn Minuten und im Wissen um seine baldige Entlassung?36 Sollte sich Matthias Domaschk wirklich selbst getötet haben, so müßte dem ein massiver psychischer Terror vorangegangen sein, der eine enorme Angst ausgelöst hätte und innerhalb kurzer Zeit einen ihm völlig unlösbar erscheinenden Konflikt hätte dominant werden lassen müssen. Kein Außenstehender weiß bis zu diesem Zeitpunkt (und bis zur Revolution im Herbst 1989), daß eine IM-Verpflichtungserklärung existiert, angeblich von Matthias Domaschk eine Stunde vor seinem Tod verfaßt und unterzeichnet.37 Hat seine Unterschrift Matthias Domaschk so in Scham und Verzweiflung gestürzt, daß er Hand an sich selbst legte? Und selbst wenn er sich unter diesen Umständen das Leben genommen haben sollte, entläßt das die Stasi-Offiziere nicht aus der Verantwortung! Bis heute bleibt ungeklärt, wie Matthias Domaschk ums Leben kam, denn unabhängige Zeugen gibt es nicht.

»Verunsicherung und Disziplinierung«
Stasi und Partei wissen sehr wohl, daß sie für den Tod verantwortlich gemacht werden. Aber anstatt die Fakten offenzulegen und eine unabhängige Untersuchung zuzulassen, ist das »Schild und Schwert der SED«, der Staatssicherheitsdienst, vor allem um Vertuschung und Unterdrückung jeder öffentlichen Regung bemüht. So soll nach dem Willen der SED nicht einmal auf dem Friedhof eine Erinnerung an Matthias Domaschk zugelassen werden. Fast ein Jahr lang gibt es keinen Grabstein; aber ein Freund ritzt in eine neben dem Grab stehende Birke das Wort »Matz«, eine Freundin fügt die Lebensdaten von Matthias Domaschk hinzu. Das MfS führt Buch darüber, wer das Grab von Matthias Domaschk besucht. So vermerken Stasi-Akten, daß an seinem Geburtstag im Juni zehn Personen sein Grab besuchen.38 Weil am ersten Todestag von Matthias Domaschk noch immer kein Grabstein auf den hier Beigesetzten verweist, stellen seine Freunde ein schlichtes Birkenkreuz auf.
Das MfS begnügt sich nicht mit dem Verschweigen. »Weitere offensive Maßnahmen« gegen Personen aus der Jungen Gemeinde Stadtmitte und anderen sogenannten »feindlichen Gruppierungen« werden ausgetüftelt. Dazu gehören das totale Verbot von Reisegenehmigungen bis hin zum Entzug des Personalausweises und anschließender häufiger Kontrollen durch die Vopos.39 Ziel ist die »Verunsicherung und Disziplinierung«. Koordinierungsmaßnahmen mit MfS-Dienststellen in Halle, Dresden, Berlin, Erfurt, Weimar, Suhl, Karl-Marx-Stadt, Rostock, Saalfeld und Rudolstadt werden beschlossen. Der »überregionale Einfluß« und das »Zusammenwirken dieser Personenkreise« versetzen die Staatssicherheit in Unruhe.40 Vor allem gegen Pfarrer Schilling werden »Disziplinierungsmaßnahmen« geplant.41 Doppelzüngige Amtsbrüder in der Kirchenleitung, wie der Oberkirchenrat Hans Schäfer,42 ermahnen Schilling, er solle sich in Jena raushalten. Das MfS instruiert seine offiziellen und inoffiziellen Mitarbeiter, »alles zu tun, daß über das Vorkommnis keine Informationen nach West-Berlin abfließen.«43 Thomas Auerbach erhält in West-Berlin nächtliche Drohanrufe von der Stasi: »Wehe, es erscheint etwas in der Presse.« Der West-Berliner Radiosender RIAS strahlt am 21. Mai 1981 in der Jugendsendung »Treffpunkt« einen ersten Beitrag über den Fall Matthias Domaschk aus. Die Illustrierte »Stern« druckt am 18. Juni 1981 einen Artikel zum Tod in Gera.44 Die Freunde von Matthias Domaschk lassen sich nicht den Mund verbieten.

Dokumentation der Offenen Arbeit
Pfarrer Walter Schilling stellt mit anderen aus der Offenen Arbeit eine 60seitige Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen zusammen, die die Leitung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR mit der bitteren Realität des Umgangs mit unangepaßten Jugendlichen konfrontieren soll.45 Die Kirchenleitung wird gebeten, gegenüber Staatsvertretern eine Änderung dieser Praxis einzufordern. Das Gedächtnisprotokoll von Peter Rösch über sein Stasi-Verhör ist in dieser Dokumentation enthalten; ebenso der Bericht über eine brutale Polizeirazzia bei der Wohnungseinweihungsfeier von Schillings Tochter Katrin in Berlin-Prenzlauer Berg, die am gleichen Wochenende stattfand, an dem Matthias Domaschk zu Tode gekommen ist und bei der die Anwesenden die Treppe hinunter geprügelt worden waren.46 Lothar Rochau, Karsten Christ, Chris Hermann, Wolfgang Musigmann und Fritz Büchner tragen ähnliche Erfahrungen aus Halle, Erfurt, Saalfeld, Weimar und Leipzig zusammen. Die Dokumentation wird den Bischöfen Leich und Schönherr, Kirchenjurist Manfred Stolpe,47 Rechtsanwalt Wolfgang Schnur48 und anderen zugeleitet.
Die Offene Arbeit ist für das MfS ein großer Verunsicherungsfaktor. Staatliche Instanzen verbieten 1981 die von 1978 bis 1980 jeweils im Juni in Rudolstadt von der Offenen Arbeit organisierte Werkstatt »June«. »June 81« wird aber in kleinerem Rahmen im September 1981 nachgeholt. Bei der Herbstwerkstatt der Jungen Gemeinde Rudolstadt, an der auch JG-Mitglieder aus Jena teilnehmen, lautet das Thema »Aggression/Gewalt – Gespräch/Verhandlung«. Offener »Dialog« aber bleibt für die Herrschenden in der DDR ein Fremdwort.

Der Bischof und der Stasi-Mann
Der Thüringer Bischof Werner Leich besucht die Junge Gemeinde Stadtmitte und stellt sich den Fragen. Er hat die Dokumentation der Offenen Arbeit und das Gedächtnisprotokoll von Peter Rösch zur Kenntnis genommen und verspricht, bei Gesprächen mit dem Staat Diskriminierungen anzusprechen und auf die Einhaltung von Menschenrechten zu dringen. Das MfS hat eine IM-Vorlaufakte »Meister« angelegt und möchte Bischof Leich gern wie seinen Vorgänger Ingo Braecklein für Spitzeldienste werben.49 Werner Leich aber lehnt dieses Ansinnen immer wieder ab. Seine Gespräche mit dem MfS-Major Klaus Roßberg50 dokumentiert er und trägt sie stets dem Landeskirchenrat vor.51 Der Bischof zieht immer eine zweite Person aus der Kirchenleitung zu den Gesprächen hinzu, trifft sich nie in konspirativen Objekten und trägt seine Distanz signalisierende Amtstracht, um dem Meinungsaustausch einen offiziellen Charakter zu verleihen. In den drei Gesprächen zwischen Bischof Leich und »Dr. Roßbach« am 29. April 1981 in Eisenach, am 1. Juni 1981 in Jena und am 7. September 1981 wieder in Eisenach geht es auch um den Tod von Matthias Domaschk. Roßberg notiert für die Akte, daß der Bischof auf folgenden Umstand hingewiesen habe: »Der Fakt zu starker psychologischer Belastungen (einschließlich physischer) als auslösendes Moment für den Selbstmord sei jedoch nicht aus der Welt zu schaffen.«52 In den Aufzeichnungen von Bischof Leich heißt es zu Matthias Domaschk:
»Aktennotiz
Eisenach, den 06.05.1981
[…] Ich spreche von mir aus die Vorfälle an, die sich in der Zeit vom 10.–12. 4. in Jüterbog und Gera bei der Zuführung von Matthias Rösch und Thomas Domaschk ereignet haben.
Ich erläutere Einzelheiten der Methoden der Bahnpolizei und Volkspolizei und auch der Befragung beim Ministerium für Staatssicherheit Bezirk Gera und weise darauf hin, daß die angewandten Methoden in einem krassen Widerspruch zu der Aussage des Bezirksstaatsanwaltes gegenüber dem Kreisjugendpfarrer Nenke und dem Diakon Christ stehen. Die beiden Jugendlichen seien zu keiner Zeit inhaftiert gewesen.
Ich weise daraufhin, daß der psychische Druck, der durch die angewandten Methoden erzeugt worden ist, als Mitursache für den Selbstmord des Thomas Domaschk angesehen werden muß. Roßbach gibt zu, daß die angewandten Methoden dem Anlaß nicht entsprechen und sagt eine genaue Überprüfung zu. […]«53
Das Gespräch über Matthias Domaschk ist Punkt fünf unter sechs Gesprächskomplexen. Neben der Wohnungsräumung in Berlin, Metzer Straße bei Katrin Schilling geht es um Pfarrer Gernot Friedrich aus Jena, bei dem das nächste Zusammentreffen von Leich und Roßberg am 1. Juni 1981 stattfindet. Pfarrer Friedrich war zu Stasi-Verhören geholt worden, bei denen ihm Spionage vorgeworfen worden war.54 Der Bischof verwahrt sich gegen derartige Unterstellungen. Als es beim Gespräch um politische Aktivitäten der Offenen Arbeit und Jugenddiakon Lothar Rochau geht, spielt Roßberg scheinheilig auf Drohbriefe an, die zur Weihnachtszeit 1980 Mitarbeiter der Kirchenleitung erreichten und wahrscheinlich von der Stasi selbst verfaßt worden waren.55 Die Unterstellungen Terrorismus und Spionage werden auch in diesen Fällen vom MfS deutlich in »zersetzender« Absicht zur Diskreditierung und Rufschädigung benutzt. Dabei glaubt die Staatssicherheit selbst an ihre Verleumdungen. Da es für das MfS eine oppositionelle Kritik, die sich aus den gelebten Erfahrungen in der DDR begründet, nicht gibt, muß jede Opposition aus dem Westen gesteuert sein.
Auch den Hinweis Roßbergs, daß Katrin Schilling ihre Wohnung mit »Matrazen aus Müllcontainern eingerichtet habe«, dokumentiert Bischof Leich.56 Wohnungsauflösungen und Sperrmüllcontainer dienten jungen Leuten, die nicht über viel Geld verfügten, in der Mangelwirtschaft der DDR zur Beschaffung von Wohnungseinrichtungen; sie brachten damit auch eine Konsumverweigerungshaltung zum Ausdruck. Diese nonkonforme Haltung und der Umstand, daß die Wohnung ohne staatliche Erlaubnis »besetzt« worden war,57 benutzt der Stasi-Major, um einen Solidarisierungseffekt seitens der Kirchenleitung zu verhindern.
Für die von Stasi-Major Roßberg zugesagte »genaue Überprüfung« der »angewandten Methoden« im Fall Domaschk finden sich keine Belege in Stasi-Akten.58 Immerhin hat Bischof Leich auf den Tod von Matthias Domaschk hingewiesen, wenn er auch scheinbar die MfS-Erklärung »Selbstmord« akzeptiert. Vertreter des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR sprechen gegenüber Staatssekretär Klaus Gysi den Fall Domaschk ebenfalls an. Da »keine genauen Sachkenntnisse vorlagen«, geht Gysi »nicht näher darauf ein.«59

 

»Matthias« steigt aus
Ein anderer Fall bereitet der Stasi größere Sorgen. Bischof Leich erhält am 6. Mai 1981, nachdem er seine Aktennotiz zum Gespräch mit Stasi-Offizier Roßberg verfaßt hat, Besuch aus Jena. Thomas Grund sucht ihn gemeinsam mit Jugendwart Karsten Christ und Peter Rösch auf, um ihm eine wichtige Mitteilung zu machen.
In der Jungen Gemeinde gehört Thomas Grund, von seinen Freunden »Kaktus« genannt, nach 1976 zu den aktivsten freien Mitarbeitern. Er ist auch Mitglied im Gemeindekirchenrat. Bei den Stasi-Verhören, die auf die Proteste gegen die Biermann-Ausbürgerung folgen, läßt er sich darauf ein, regelmäßig an einem konspirativen Ort den Stasi-Offizier Würbach zu treffen. Aus dem IM-Vorlauf wird für das MfS bald der IMS »Matthias«.60 Doch Thomas Grund ist kein gewöhnlicher Spitzel. Er hat seine Kontakte zum MfS von Anfang an Pfarrer Schilling anvertraut, und dieser rät ihm nicht strikt davon ab. Beide glauben, an geheime Informationen gelangen, Hilfe für Menschen in sozialer Not bekommen61 und »Vorurteile abbauen« zu können. Thomas Grund hat sich unüberlegt darauf eingelassen, sich mit dem Stasi-Mann Würbach zu duzen. Nach und nach setzt Thomas Grund Freunde aus der JG von seinen Kontakten in Kenntnis, die ihm abraten, diese aufrechtzuerhalten. Dennoch wird erst der Tod von Matthias Domaschk zum letzten Anlaß für Thomas Grund, die Gespräche mit dem MfS abzubrechen. Sein Führungsoffizier Herbert Würbach62 gibt ihm gegenüber bei einem Treffen am Nachmittag des 15. April 1981 auf die Frage nach den Todesumständen von Matthias Domaschk vor, längere Zeit verreist gewesen zu sein und über den Fall Matthias Domaschk nicht Bescheid zu wissen.63 Das Treffen in der konspirativen Wohnung IMK/KW »Hanna« in Neulobeda ist auf Weisung von Oberst Werner Weigelt kurzfristig anberaumt worden, ein weiteres folgt am Ostersonntag.64 Dem MfS ist sehr daran gelegen, etwas über die Stimmung unter Jenaer Jugendlichen und mögliche Proteste zu erfahren. Thomas Grund hat Walter Schilling von den Treffen informiert; beide glauben naiv, etwas über die Todesumstände von Matthias Domaschk in Erfahrung bringen zu können.
Thomas Grund offenbart im Mai 1981 dem Thüringer Bischof seine Stasi-Kontakte, um sich für seinen Ausstieg offiziell abzusichern. Seine IM-Akte wird 1982 archiviert. Das MfS führt künftig Operative Vorgänge gegen ihn,65 läßt ihn bei brisanten Ereignissen in Jena polizeilich vorladen und unter Druck setzen. Der IM »Carlo«66 verbreitet jetzt auftragsgemäß das Gerücht, Thomas Grund arbeite für die Stasi.

Nur raus hier
Die Zahl der Ausreiseanträge in Jena steigt nach dem Tod von Matthias Domaschk rapide an. Sollte dies seitens der Stasi beabsichtigt gewesen sein? Jetzt kann das MfS einige Aktenbände endlich erleichtert zuklappen. Andererseits bekommt die Abteilung »Innere Angelegenheiten« ein unerwartetes Problem. Die Ausreisebewegung wird zur Lawine. Auch viele Jüngere stellen jetzt schon einen Übersiedlungsantrag.
Bereits am 1. April 1981 werden die Jenenser Henry Leuschner und Peter Dietz in der Nähe von Plauen beim Versuch, die Grenzanlagen zu überwinden, von Selbstschußanlagen getroffen. Dietz erleidet acht Durch- und Streifschüsse, Leuschner 22. Peter Dietz gelingt die Flucht. Henry »Heckebie« Leuschner wird schwer verletzt festgenommen.67 Beide sind gerade 19 Jahre alt geworden. Im Sommer 1981 kann der Jenaer Klaus Ehrlich mit einem Schlauchboot über die Ostsee in den Westen entkommen. Nicht alle wählen einen solch lebensgefährlichen Weg. Peter Rösch, der zusammen mit Matthias Domaschk festgenommen worden war, wird so lange unter Druck gesetzt, bis er sich gezwungen sieht, am 30. September 1981 einen Ausreiseantrag zu stellen. Im nächsten Mai kann er die DDR verlassen. Nicht nur in Jena nimmt die Zahl der Ausreiseanträge zu, mit denen oft kleinere und größere Schikanen verbunden sind, wie Arbeitsplatzverlust, jahrelange Ungewißheit und dann die urplötzliche Abschiebung innerhalb weniger Stunden. Freunde und Bekannte von Matthias Domaschk in Weimar, Zeitz, Plauen und Berlin, die wie er nie an eine Ausreise gedacht haben, wollen jetzt nur eins: so schnell wie möglich raus aus der Diktatur, auch wenn es nicht leicht fällt, Freunde und Vertrautes zu verlassen. In Jena sind es im folgenden Jahr rund vierzig Personen, die weg wollen. In einer Art Schneeballeffekt wächst die Zahl der Ausreisewilligen sprunghaft an.

Eine Nichtwählerwanderung
Wie üblich stehen auch die »Volkswahlen« am 14. Juni 1981 unter besonderer Aufmerksamkeit der Staatssicherheit. Das MfS konstatiert einen Anstieg der »Nichtwähler«, vor allem unter jüngeren Wahlberechtigten; in Jena sind es 25 Personen.68 Etwa 20 von ihnen begeben sich am Wahltag auf eine »Nichtwählerwanderung« zum Bismarckturm, DDR-deutsch »Turm der Jugend« betitelt. Es ist die Jugend, die hier auszieht und häufig in der Jungen Gemeinde Stadtmitte zusammenkommt, und sie macht eine bleibende Erfahrung: Wir sind ziemlich viele, die sich nicht an der Wahl beteiligen. In einer Parterrewohnung in der Wagnergasse 27 steht im Fenster ein Foto von Matthias Domaschk. Die Wahleintreiber sollen es sehen, wenn sie mit der »Fliegenden Urne« durch die Häuser streifen, um Wahlunwillige aufzuspüren.
Der Tod von Matthias Domaschk ist natürlich nicht der einzige Beweggrund, diese Farce zu boykottieren. Einige Jenenser gehen am Abend in die Wahllokale, um die Auszählung der Ergebnisse zu beobachten und Rückschlüsse auf die spürbaren Fälschungen zu ziehen, die eine Wahlbeteiligung von 99,9 Prozent behaupten. Fünf Jahre später wird die Wahlbeobachtung in Berlin-Friedrichshain schon in größerem Umfang organisiert sein und acht Jahre später, 1989, in vielen Städten die Fälschungen nachweisen.

Eine gestohlene Plastik
Kerstin Hergert kommt am 25. Mai 1981 aus dem Gefängnis. Sie beginnt wieder zu malen und versucht, die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Sie, das Malerehepaar Eve und Frank Rub, Roland Jahn und Petra Falkenberg sind oft zu Gast in Graitschen beim Bildhauer Michael Blumhagen. In dem kleinen Dorf bei Jena überlegen sie, wie an Matthias Domaschk angemessen erinnert werden könnte. Er und das, was ihm widerfuhr, dürfen nicht so einfach vergessen werden. Peter Kähler trägt zur Gitarre ein Lied vor, das er »Matz« gewidmet hat. Daß der Liedermacher am Beerdigungstag von Matthias Domaschk zu spät zur Arbeit kommt, seinen Kollegen sagt, die Staatsorgane haben am Tod in Gera Schuld, über seine Ablehnung eines Stasi-Anwerbungsversuchs spricht und wenige Tage später seinen Job bei Carl Zeiss Jena kündigt, wird von der Stasi penibel vermerkt.69
Die Solidarnosc-Aktivitäten und die polnischen Situation vor Augen reagiert das MfS im Frühjahr 1982 zunehmend gereizt auf die jugendliche Friedensbewegung »Schwerter zu Pflugscharen«, die auch in Jena immer größeren Zulauf findet.
Michael Blumhagen fertigt eine Sandsteinplastik, einen schutzsuchenden Menschen mit einer Gewalt abwehrenden Geste. Eingraviert ist kein staatsfeindlicher Text, nur der Name Matthias Domaschk, sein Geburts- und sein Todestag. Am 9. April 1982, es ist der Karfreitag, wird die Plastik auf dem Johannisfriedhof an der Friedenskirche im Jenaer Stadtzentrum aufgestellt. Das genügt, um die Staatsmacht herauszufordern. Klammheimlich will die Stasi die Plastik gleich nach Ostern entfernen lassen. Der Diebstahl am 13. April 1982 aber wird von Roland Jahn fotografiert und öffentlich gemacht. Seine Fotos werden nach der Verhaftung Michael Blumhagens im Hamburger Magazin »Der Spiegel« veröffentlicht.70
Der Schöpfer der Gedenkplastik erhält am 7. Juni einen Einberufungsbefehl zur NVA, dem er bereits acht Tage später Folge leisten soll. Die Einberufung ist kein Zufall,71 sondern zielt auf eine Bestrafung Blumhagens. Denn dieser hatte schon kurz nach Verhängung des Kriegsrechts in Polen am 13. Dezember 1981 seine Verweigerung auf dem Wehrkreiskommando vor dem Hintergrund einer drohenden Intervention der NVA in Polen offen begründet: »Ich möchte in einem dritten Weltkrieg nicht zu den Überlebenden gehören.«72 Da er standhaft bleibt, wird er wegen Reservistenwehrdienstverweigerung zu sechs Monaten Haft verurteilt. Zur Gerichtsverhandlung am 20. August ist keine Öffentlichkeit zugelassen.73 Nicht einmal Blumhagens schwangere Freundin Sabine Weinz darf den Gerichtssaal betreten. Manfred Hildebrandt, der sie zur Verhandlung nach Erfurt fährt, wird auf dem Rückweg festgenommen und verhört.
Die erzwungene Abwesenheit Michael Blumhagens bietet dem MfS nun willkommenen Anlaß für weitere »Maßnahmen«. Wenige Wochen nach seinem Haftantritt wird am 26. Juli 1982 auf Betreiben der Stasi und örtlicher Behörden sein Wohnhaus in Graitschen zerstört, in dem er seit 1977 lebte und das ein beliebter Treffpunkt kreativer und künstlerisch begabter Menschen war. Noch unmittelbar vor seiner Verhaftung war dort am 14. Juni 1982 eine Grafikmappe »Jenaer Druck« zusammengestellt worden. Der Abriß des Künstlerhauses wird in bundesdeutschen Zeitungen thematisiert. Die in der DDR akkreditierten Journalisten Dieter Bub vom »Stern« und Helmut Lölhöffel von der »Süddeutschen Zeitung« haben Kontakt zu Jenensern gefunden.74

Eine Annonce als Flugblatt
Eine deutliche öffentliche Anklage stellt im April 1982 auch eine Anzeige in der »Thüringer Landeszeitung« und im SED-Blatt »Volkswacht« dar. Am 8. und 16. April 1982 gelingt Freunden von Matthias Domaschk, was die Stasi getreu ihren Maßnahmeplänen ein Jahr zuvor verhindert hatte. Manfred Hildebrandt, Petra Falkenberg und Roland Jahn schalten eine Annonce, mit der sie an den Tod von »Matz« erinnern. »Wir gedenken unseres Freundes Matthias Domaschk der im 24. Jahr aus dem Leben gerissen wurde.« Roland Jahn und Petra Falkenberg kleben am frühen Morgen die offiziell gedruckten Annoncen an gut sichtbare Stellen im ganzen Stadtgebiet. Sie haben sich sozusagen von der Parteipresse ihre eigenen Flugblätter drucken lassen. »Aus dem Leben gerissen«, steht da. Die Verantwortlichen wissen, daß sie gemeint sind. Verhöre folgen, bei denen mit den Strafrechtsparagraphen 106 (»Staatsfeindliche Hetze«), 107 (»Verfassungsfeindlicher Zusammenschluß«), 137 (»Beleidigung«), 138 (»Verleumdung«), 139 (»Verfolgung von Beleidigungen und Verleumdungen«), 218 (»Zusammenschluß zur Verfolgung gesetzwidriger Ziele«) und 220 (»Öffentliche Herabwürdigung«) gedroht wird – zusammengenommen 26 Jahre Haft.
Roland Jahn wird am 1. September 1982 inhaftiert. Anlaß ist das Polenfähnchen an seinem Fahrrad mit der Aufschrift »solidarnosc z polskim narodam«,75 mit dem er durch Jena fährt. Am Tag seiner Gerichtsverhandlung versuchen die Gefängniswärter, Roland Jahn zur Rasur seines Bartes zu zwingen.76 Als er sich weigert, wird er von den Stasi-Wächtern in den Würgegriff genommen und findet sich nach einer Bewußtlosigkeit auf dem Boden liegend und rasiert wieder. War Matthias Domaschk ähnliches passiert? Sollte etwas »durchgesetzt« werden, und wurde dabei zu spät losgelassen?
Auch Manfred Hildebrandt und später Petra Falkenberg werden inhaftiert. Eine Verhaftungswelle schließt sich an. Unter dem Namen »Opposition« legt die Stasi eine Akte an. Im Eröffnungsbeschluß vom 21. Januar 1983 heißt es: »Die im Vorgang erfaßten Personen bilden den Kern eines negativ feindlichen personellen Zusammenschlusses. Sie unterhalten Verbindungen in die BRD. Diese Verbindungen sind der sogenannten internationalen Friedensbewegung zuzuordnen und versuchen, den personellen Zusammenschluß dahingehend zu beeinflussen, in der DDR eine sogenannte außerstaatliche Friedensbewegung und mit dieser eine innere Opposition in der DDR zu installieren.«77 Zur Kriminalisierung sollen die Paragraphen 100 (»Landesverräterische Agententätigkeit«) und 106 (»Staatsfeindliche Hetze«) benutzt werden. Es ist die Zeit der unabhängigen Friedensbewegung in der DDR. Proteste erzwingen die Freilassung der 14 Inhaftierten. Die Friedensgemeinschaft Jena erlebt ihre Blütezeit. Das ist nicht von Dauer. Am 19. Mai beginnt in Jena, Weimar und Apolda eine Ausbürgerungswelle. Der Höhepunkt der von der Stasi »Aktion Gegenschlag« genannten Abschiebung ist die Zwangsexilierung Roland Jahns; er wird am 8. Juni 1983 in Handschellen gefesselt im Interzonenzug außer Landes geschafft.

Kerstin Hergert wird erneut inhaftiert
Auch Kerstin Hergert wird aus der DDR vertrieben. Nach einjähriger Haft und dem Tod ihres Freundes stellt sie im August 1981 resigniert einen Ausreiseantrag. Im Sommer 1983 ist er noch immer nicht genehmigt. Sie malt viel in der Zeit und lernt 1983 einen neuen Freund kennen, mit dem sie zusammenleben will. Er beantragt ebenfalls, die DDR verlassen zu können. Als Kerstin Hergert mit ihrem Freund aus dem Urlaub zurückkehrt, soll sie sofort ausreisen – ihr Freund darf jedoch nicht mit. Eine erneute Trennung will sie nicht durchleiden. Als sie bei der für die Ausreiseanträge zuständigen Abteilung Inneres obendrein Zutrittsverbot erhält, verfaßt sie gemeinsam mit anderen, in gleicher Weise betroffenen Antragstellern eine Eingabe und will Unterschriften sammeln. Noch während des Abtippens der Erklärung wird sie mit ihrem Freund von der Stasi abgeholt. Sie muß bis zu ihrem Prozeß in der Untersuchungshaftanstalt Gera durchhalten, wo Matthias Domaschk ums Leben kam. Ohne einen Verteidiger hinzuziehen zu können, wird sie zu 20 Monaten verurteilt. Im Frauengefängnis Hoheneck wird sie gezwungen, jeden Tag 700 Feinstrumpfhosen für die DDR-Exportfirma »Esda« zu nähen.78 Im Januar 1984 darf sie endlich die verhaßte DDR verlassen.79

Der Protest verstummt nicht
Dem zwei Jahre zuvor ausgebürgerten Roland Jahn gelingt es 1985, illegal in die DDR einzureisen und Jena zu besuchen. Ein Freund hat gemeinsam mit Jugendlichen, von denen die meisten Matthias Domaschk nicht mehr persönlich kennengelernt haben, vor Roland Jahns heimlichem Besuch eine Kranzschleife mit seinem Gruß an das Grab von Matthias Domaschk gelegt.
Die oppositionelle Samisdatzeitschrift »Grenzfall« meldet 1987, daß ein erneutes Gedenken am Todestag von Matthias Domaschk von der Stasi verhindert worden ist. Ein Dresdener Bekannter von Matthias Domaschk erhält Aufenthaltsverbot für Jena. Von einem Kranz, den Freunde in Jena niederlegen, wird die Kranzschleife entfernt. Die Aufschrift trägt lediglich einen Gruß und vier Namen. »Berliner Morgenpost« und »taz« berichten kurz über diese Vorfälle.80
Im Januar 1990 erreicht der Protest schließlich das Stasi-Hauptquartier Magdalenenstraße. Dort ist nun die Inschrift zu lesen: »Ihr habt Matthias Domaschk ermordet.«

1 Exit, die Ausreisebewegung, und Voice, der Widerspruch, waren für die revolutionäre Systemüberwindung 1989 maßgeblich. Vgl. Albert O. Hirschman, »Abwanderung, Widerspruch und das Schicksal der Deutschen Demokratischen Republik«, in: Leviathan 20/1992, S. 330–358.
2 Das Kulturhaus des Reichsbahnausbesserungswerkes (RAW) in Jena-Nord wurde ab und zu vom Jazzclub »Jazz im Paradies« für Veranstaltungen genutzt.
3 Gemeint ist die »Trauerfeier«.
4 BStU ASt Gera Allg. P 1097/81, MfS-S. 102 (MDA).
5 Oberstleutnant Horst Jürgen Seidel war Leiter der Untersuchungsabteilung IX in Gera.
6 Konzeption zum zu führenden Gespräch mit dem Vater des DOMASCHK. Gera, 13. April 1981, in: ebd., Bl. 106–109.
7 Ebd., Bl. 111.
8 Ebd., Bl. 106. Diese Anschuldigungen richteten sich vor allem gegen Thomas Auerbach.
9 Ebd., Bl. 112.
10 Ebd., Bl. 108.
11 Ebd., Bl. 114.
12 Ebd., MfS-S. 108.
13 Ebd., MfS-S. 109.
14 Der Direktor der Dewag Jena, Hans Petrich, zugleich GMS »Peter Baum«, MfS Reg.-Nr. X/2335/80, verhinderte im April 1981 den Abdruck der Annonce von Roland Jahn. BStU ASt Gera AIM 717/84, Bl. 115 (MDA).
15 OV »Qualle«, Reg.-Nr. MfS-X/943/80, BStU ASt Gera AOP 449/84, Bd. I, Bl. 152 [MfS-S. 133] (MDA).
16 BStU ASt Gera Allg. P. 1097/81, MfS-S. 100.
17 Klaus-Peter Hertzsch war seit 1974 Professor für praktische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und seit 1978 Mitglied der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR. Das MfS führte gegen ihn den OV »Zersetzung«, MfS-Reg.-Nr. X/699/70.
18 BStU ASt Gera Allg. P. 1097/81, MfS-S. 139.
19 Die Stasi zählte 107. Ebd., MfS-S. 127.
20 Im Großeinsatz bei der »operativen Kontrolle der Beerdigung« waren nach Stasiplan die Diensteinheiten II, VIII (Observation), IX, XX, die KD Jena und die Abteilungen 26 (Belauschen von Telefonaten und Wohnungen), M (Überwachen bzw. Abfangen von Briefen), PZF (Postzollfahndung). Vgl. ebd., MfS-S. 101.
21 Stasibericht der Bezirksverwaltung Gera, Oberleutnant Karl-Heinz Petzold. Ebd., MfS-S. 127.
22 Das vollständige Gedicht ist in Horch und Guck, Heft 18 (1996), S. 38 dokumentiert worden. Ebenso in: Renate Ellmenreich, Matthias Domaschk. Die Geschichte eines politischen Verbrechens in der DDR und die Schwierigkeiten, dasselbe aufzuklären, hg. vom LStU Thüringen, Erfurt 1996, S. 24f.
23 Die Stasi ließ die Eltern von Matthias Domaschk nicht in Ruhe. »Weiterhin ist der Einfluß auf die Eltern des Domaschk mit geeigneten operativen Mitteln zu gewährleisten (insbesondere Urnenbeisetzung, publizistische Auswertungen)«, hieß es im Maßnahmeplan vom 22. April 1981. BStU ASt Gera Allg. P. 1097/81, MfS-S. 170.
24 Die Tschechoslowakei war der einzige Ort, wo sich die in den Grenzen des Ostblocks Eingesperrten und die aus der DDR Ausgesperrten begegnen konnten. Reisen nach Polen erforderten seit Ende 1980 eine Sondergenehmigung.
25 Was damals keiner wußte: Kreisjugendpfarrer Siegfried Nenke, in der JG nur »Gruselgraps« genannt, wurde vom MfS von 1962 bis 1989 als IMB »Ernst Brenner«, MfS Reg.-Nr. X/643/62, geführt.
26 Oberst Klaus Herzog wurde Stellvertreter des Leiters der Hauptabteilung IX.
27 Generalmajor Hans Carlsohn war seit 1971 Leiter des Sekretariats von Stasiminister Erich Mielke.
28 Ebd., MfS-S. 132.
29 Oberst Werner Weigelt war der amtierende Leiter der Bezirksverwaltung Gera und »Stellvertreter Operativ«, er gab auch den Befehl zur Festnahme von Matthias Domaschk und Peter Rösch. Vgl. ebd., MfS-S. 95.
30 Ebd., MfS-S. 103.
31 Die Bezeichnung »Funktionär« traf in gewisser Weise auf den IM Siegfried Nenke zu.
32 Ebd., Bl. 135. Originalbelassen.
33 Beide Bezirksverwaltung Gera, Müller war Leiter der Abteilung XX, Artur Hermann Referatsleiter der XX/4.
34 Beide Kreisdienststelle Jena.
35 »Konzeption zur Sicherung und operativen Kontrolle der Reaktionen nach einem operativ bedeutsamen Vorkommnis« vom 13. April 1981. Ebd., MfS-S. 160.
36 Von »Freitod« zu sprechen, verbietet sich, weil Matthias Domaschk sich in einer Situation befand, in der er nicht über sich selbst bestimmen konnte.
37 Zum Stellenwert dieser Verpflichtungserklärung vgl. den Beitrag von Walter Schilling und das Interview von Renate Ellmenreich.
38 OV »Qualle« (wie Anm. 15), Bd. I, Bl. 263 [MfS-S. 243].
39 BStU ASt Gera Allg. P. 1097/81, MfS-S. 167–169. Der »Entzug des DPA« erfolgte bei Gerold Hildebrand, indem ihm die Stasi die Brieftasche samt Ausweis stahl.
40 Ebd., MfS-S. 169.
41 Ebd., MfS-S. 164–167.
42 Hans Schäfer, Visitator des Kirchenbezirks Thüringen-Mitte in Weimar, wurde 1976 von Stasi-Offizier Artur Hermann geworben und vom MfS als IME »Gerstenberger« (Reg.-Nr. X/537/76) geführt. Vgl. Walter Schilling, »Die ›Bearbeitung‹ der Landeskirche Thüringen durch das MfS«, in: Clemens Vollnhals (Hg.), Die Kirchenpolitik von SED und Staatssicherheit. Eine Zwischenbilanz, Berlin 1996, S. 211–266, hier S. 227.
43 OV »Qualle« (wie Anm. 15), Bd. I, Bl. 150 [MfS-S. 131].
44 »DDR-Geheimdienst. Tod in Gera«, in: Der Stern, Nr. 26 vom 18. Juni 1981 (Rubrik: Diese Woche).
45 Vgl. Ehrhart Neubert, Geschichte der Opposition in der DDR 1949–1989, Bonn 1997, S. 435.
46 Vgl. auch OV »Qualle« (wie Anm. 15), Bd. I, Bl. 150 [MfS-S. 131].
47 IMB »Sekretär«, Reg.-Nr. IV/1192/64.
48 IME »Torsten«, Reg.-Nr. I/1546/64.
49 Zu Braecklein, NSDAP-Mitglied seit 1933 und ab 1959 IMV »Ingo« unter MfS-Hauptmann Franz Sgraja, siehe »Oft nur peinlich«, in: Der Spiegel Nr. 35/1996. S. 76f.
50 Klaus Roßberg, geb. am 8.8.1937, war stellvertretender Leiter der für die Kirchen zuständigen Stasi-Hauptabteilung XX/4 und einer der Führungsoffiziere von Manfred Stolpe. Er stellte sich dem Bichof unter falschem Namen als »Dr. Roßbach« vor.
51 Sie wurden veröffentlicht in einer Studie von Oberkirchenrat Uwe-Peter Heidingsfeld (Hannover) und Oberkonsistorialrat Ulrich Schröter (Berlin). Uwe-Peter Heidingsfeld/Ulrich Schröter, »›Meister‹. Die MfS-Vorlaufakte des Thüringer Landesbischofs Werner Leich im Spiegel seiner Vermerke. Mit zahlreichen Dokumenten«, in: Idea Dokumentation 15/96, S. 142–149.
52 Treff-Bericht von Major Roßberg vom 14. Juni 1981 zu den Gesprächen mit Bischof Leich am 29. April und 1. Juni 1981, in: ebd., S. 147.
53 Aktennotiz von Bischof Leich vom 6. Mai 1981 zum Gespräch mit Dr. Roßbach vom Ministerium für Staatssicherheit, Abteilung Kirchenfragen am Mittwoch, dem 29. April, 15 Uhr, in: ebd., S. 149. Namensverwechslungen im Original; natürlich muß es Peter Rösch und Matthias Domaschk heißen; mit Dr. Roßbach ist wieder Klaus Roßberg gemeint.
54 Gegen Pfarrer Gernot Friedrich aus Jena führte das MfS in den siebziger Jahren den OV »Lützen«, MfS-Reg.-Nr. X/536/71.
55 »Unter Verwendung einer Legende wurde die KP nach negativen Aktivitäten gegenüber dem Landeskirchenrat gefragt. Die KP teilte nach anfänglichem Zögern mit, daß zur Weihnachtszeit bei der Kirchenleitung ein anonymer Brief mit einer Branddrohung eingegangen sei. Der Bischof habe diesen Brief als groben Unfug eingeschätzt und in den Papierkorb geworfen. Der KP wurde erläutert, daß ein solches Herangehen nicht richtig sei. Es liegt auch im Interesse der Kirche, daß Personen mit terroristischen Ambitionen identifiziert werden.« Treff-Bericht von Major Roßberg vom 14. Juni 1981 (wie Anm. 52), S. 145. Dem Bischof sollte offenbar suggeriert werden, im Bereich der Offenen Arbeit würden sich «Personen mit terroristischen Ambitionen« verbergen.
56 Aktennotiz von Bischof Leich vom 6. Mai 1981 (wie Anm. 53), S. 148.
57 Da es Wohnungen in der DDR normalerweise nur auf staatliche Zuweisung gab, wobei die Wartezeit bis zu zehn Jahren betrug, wurden seit Mitte der 70er Jahre verschiedentlich leerstehende und schwer vermietbare Wohnungen von jungen Leuten besetzt. Von der Bürokratie wurde dies zunehmend, aber nicht immer toleriert.
58 In seinen Memoiren behauptet Roßberg: »Nicht wenige solcher einschlägigen ›Bearbeitungen‹ wurden auch von anderen Diensteinheiten verfügt – mitunter gegen unseren Willen, zum Beispiel bei der Bearbeitung von Roland Jahn und Matthias Domaschk in Jena« und wiederholt die bekannte Stasiversion vom vorgeblichen Suizid: »Matthias Domaschk, der sich am 12. April 1981 nach tagelanger, entnervender Observation durch die Bezirksverwaltung Gera und anschließender zeitweiliger Festnahme im Verwahrungsraum erhängte.« In: Klaus Roßberg/Peter Richter, Das Kreuz mit dem Kreuz. Ein Leben zwischen Staatssicherheit und Kirche, aufgezeichnet von Peter Richter, Berlin 1996, S. 68 und 147.
59 Vgl. telefonische Information durch Major Artur Hermann, Abt. XX/4, an Hptm. Horst Köhler vom 4. Mai 1981, in: OV »Qualle« (wie Anm. 15), Bd. I, Bl. 203 [MfS-S. 181].
60 IMS »Matthias«, MfS-Reg.-Nr. X/57/77.
61 Dies hatte mit der sozialdiakonischen Arbeit in der Jungen Gemeinde zu tun.
62 Im April 1990 fand Thomas Grund heraus, daß dieser Stasioffizier zur Archivierung von Stasiakten eingesetzt war. (Brief von Thomas Grund vom 5.4.90 an das Bürgerkomitee Gera, MDA).
63 Dabei gehörte Herbert Würbach zu denjenigen, die die Festnahme veranlaßt hatten und befahlen: »nicht eher entlassen, bis Aussage, […] bis KD Zustimmung gegeben [hat]«, in: OV »Qualle« (wie Anm. 15), Bd. I, Bl. 132f. [MfS-S. 114f.].
64 Ebd., Bd. I, Bl. 147–151 [MfS-S. 128-132].
65 OV »Kreuz«, MfS-Reg.-Nr. X/206/85 und OV »Dach«, MfS-Reg.-Nr. X/1486/88 (MDA).
66 IM »Carlo«, MfS-Reg.-Nr. VI/21/80. Wieland Hoffmann, genannt «Dackel«, wurde am 8.11.1979 wegen »staatsfeindlicher Hetze« zu 16 Monaten verurteilt. Ursprünglich war wegen Diebstahls gegen ihn ermittelt worden. Während seiner Haft wurde er 1979 als IM geworben, seine Verpflichtungserklärung als IMS gab er am 20.2.1980 ab. Am 15.7.1980 erfolgte seine vorzeitige Haftentlassung (unter Anrechnung der Untersuchungshaft ab 15.6.1979 war er insgesamt 13 Monate im Gefängnis gewesen). Ab 1980 wurde er gegen die Junge Gemeinde Jena-Stadtmitte eingesetzt. Bereits in den Jahren 1976/77 war Wieland Hoffmann IM des VPKA Jena, Abteilung K I. Seine Führungsoffiziere waren ab 1980 Oberstleutnant Günter Horn und Oberleutnant Steffen Lippoldt von der BV Gera. Im Dezember 1982 wurde er von Walter Schilling und Thomas Grund enttarnt (MDA).
67 »Mörderischer Perfektionismus der Unfreiheit«, in: Berliner Morgenpost vom 6.8.2001. Vgl. auch Karl Winkler, »Grenze, Selbstschußanlage, Knast: Geschichte vom Weggehen«, in: die tageszeitung vom 11.10.1983.
68 OV »Qualle« (wie Anm. 15), Bd. I, Bl. 264 [MfS-S. 244].
69 BStU ASt Gera Allg. P. 1097/81, MfS-S. 187–193.
70 »Trauernder Mann«, in: Der Spiegel, Nr. 26 vom 28. Juni 1982.
71 Die Wehrkreis- und Wehrbezirkskommandos der NVA zählten zu den »Kräften des politisch-operativen Zusammenwirkens« (POZW). Immer wieder bestätigt sich in MfS-Akten, daß Einberufungen zur NVA instrumentalisiert wurden.
72 Ähnliche Totalverweigerungserklärungen hatten auch Uwe Behr und Frank Rub auf dem Wehrkreiskommando abgegeben.
73 Dies war bei fast allen politischen Prozessen in der DDR der Fall, obwohl laut Gesetz die Urteilsverkündung öffentlich sein sollte. Dafür wurden Stasi- und SED-Kader in den Gerichtssaal gekarrt. Auffällig war auch, daß bis 1980 Verhandlungen vor dem Militärgericht Erfurt wegen Nichtbefolgens des Einberufungsbefehls für unabhängige Prozeßteilnehmer zugänglich waren, wie Pfarrer Walter Schilling berichtete.
74 Der Ex-Jenenser Lutz Rathenow, der seit Anfang 1977 in Ostberlin lebte, stellte die riskanten Kontakte zu den Westjournalisten her. Ausgebürgerte Freunde wie Jürgen Fuchs, Thomas Auerbach, Wolfgang Hinkeldey, Christine und Siegfried Reiprich, Maria und Wolfgang Diete, Petra und Lutz Leibner und der am 20. Mai 1982 ausgereiste Peter Rösch sorgten sich um die in der DDR Verbliebenen. Dem »Stern«-Journalisten Dieter Bub wurde am 12. Januar 1983 die Akkreditierung entzogen.
75 »Solidarität mit dem polnischen Volk«. In dieser Zeit wurden die abstrusesten faschistoiden »Polenwitze«, in denen die polnische Streikbewegung für demokratische Rechte als asozial und arbeitsscheu diffamiert wurde, von den Herrschenden in der DDR unters Volk gebracht.
76 Roland Jahn wollte vor Gericht mit einem zur Hälfte rasierten Schnurrbart auftreten, so wie er am 1. Mai beim Parteiaufmarsch in Jena vor der Tribüne stand: zur Hälfte als Stalin und zur Hälfte als Hitler frisiert.
77 BStU ASt Gera AOV »Opposition« 1564/83, Bl. 193 (MDA).
78 Ungefähr 100 000 politische Gefangene in der DDR mußten Zwangsarbeit verrichten, die Produkte brachten der DDR z. B. über das Versandhaus »Quelle« Devisen in Millionenhöhe ein. Eine Entschädigung steht aus.
79 Ulrich Schacht, »Gespräch mit Kerstin Hergert«, in: ders. (Hg.): Hohenecker Protokolle. Aussagen zur Geschichte der politischen Verfolgung von Frauen in der DDR, Zürich 1984, S. 289–303.
80 Vgl die Presseübersicht am Ende des Heftes, siehe S. 74.