Heft Sonderheft/2003 | matthias domaschk | Seite 60 - 61
Dorothea Fischer
"Entscheidend war, wo er gestorben ist."
Interview von Gerold Hildebrand mit Dorothea Fischer
Dorothea Fischer, geboren 1960 in Weimar, wuchs in der Nähe von Jena auf. Trotz sehr guter Noten wurde sie nicht zum Abitur zugelassen, weil ihre Eltern Kirchenangestellte waren. 1976 begann sie in Jena mit der Berufsausbildung als Krankenschwester und wurde bald in der JG Stadtmitte eine der wichtigsten Personen. Ab 1982 war sie in der sich organisierenden Friedensgemeinschaft Jena aktiv, verfaßte wesentliche Positionspapiere und wurde im Mai 1983 ausgebürgert. Nach einem Studium ist sie in einer therapeutischen Einrichtung tätig. Das Gespräch führte Gerold Hildebrand im Dezember 2000.
Gerold Hildebrand: Kannst Du Dich erinnern, wie Du Matthias Domaschk kennengelernt hast?
Dorothea Fischer: Das war auf einer Fete. Da hab ich ihn als einen sehr netten Menschen erlebt. Ich hatte dann zu Matz sporadisch Kontakt, wenn in der JG1 eine Werkstatt oder ein offener Abend war. Von seinen Schwerpunkten hatte Matz schon ein anderes Leben als ich. Manchmal hat es sich ergeben, daß wir ausführlicher geplaudert haben, auch über Beziehungssorgen. Es gab immer etliche Frauen, die in Matz verliebt waren, und manchmal machte ihm das Probleme. Wir hatten nicht nur lockere, oberflächliche Gespräche, aber es war immer bei irgendwelchen Feiern.
Als ich nach Jena kam, fiel das genau in die Zeit der Unterschriftenaktion gegen die Biermann-Ausbürgerung. In dem Zusammenhang habe ich auch von Matz gehört, weil er da einer der Aktiveren war. Als er zur Armee einberufen wurde, gab es Diskussionen, warum er nicht verweigert. Mir sagte er, die, die ihm vorwerfen, er wäre nicht konsequent genug, hätten keine Ahnung, was Knast bedeutet.
Wie hast Du vom Tod von Matthias Domaschk erfahren?
- Ich wußte es ziemlich bald, solche Nachrichten haben sich immer ganz schnell verbreitet. Blase2 kam aus Gera zurück und hat alle gefragt, ob sie irgendwas von Matz gehört hätten. Er war sehr besorgt, als er von niemandem eine positive Antwort bekommen konnte.
Solche Geschichten, wie jemanden aus dem Zug holen und für ein paar Tage verhaften, oder mal eben zum Verhör holen, einen PM 123 verpassen oder einen Hausarrest, das war so alltäglich. Das war überhaupt nichts Besonderes. Aber als Matz nicht wieder auftauchte, bekam es eine andere Qualität.
Kannst Du Dich an den Tag seiner Beerdigung erinnern?
- Es waren alle Leute da, die ich kannte. Und es gab eine wahnsinnige Stasi-Präsenz. Die grinsten auch noch dämlich. Die hätten sich ja nun wirklich im Hintergrund halten können. Wenn das Gespräch auf den Tod von Matz kommt oder selbst wenn ich »Matthias-Domaschk-Archiv« höre, sehe ich immer diese Bilder vor mir: Diese massenhafte Stasi-Präsenz am Tag seiner Beerdigung!
Walter Schilling4 hat zu uns gesprochen, und ich habe mich geärgert, weil er uns beschwichtigte. Im nachhinein kann ich das verstehen. Er hatte Angst, daß noch mehr passieren würde. Er mußte unsere Wut, unseren Haß, unsere Enttäuschung und Verzweiflung auffangen und andererseits mit uns so umgehen, daß wir nicht ausflippen und der Stasi ins offene Messer laufen. Ich hatte viel mehr Anklage erwartet. Ich selbst habe dafür keine Worte gefunden. Es war vielleicht auch die Enttäuschung Walter Schilling gegenüber, weil er nicht die Worte sprach, die mich befreit hätten. Andererseits war klar, wir dürfen uns nicht länger dort aufhalten, es darf keine Ansammlung von Leuten geben, die Stasi wird das nicht tolerieren. Ich glaube, auch ich habe darauf geachtet, nicht allein nach Hause zu gehen. Was für eine ohnmächtige Wut.
Wie seid ihr mit dem Tod von Matthias Domaschk umgegangen?
- Es hat mich sehr beschäftigt, daß es tatsächlich bis zum Tod führen kann, so wie die Stasi, die DDR, wie das Regime vorgeht. Der Tod von Matz machte das plötzlich bewußt. Das war eine ganz neue, harte und schreckliche Einsicht.
Für mich war immer das Entscheidende, wo er gestorben ist. Da ist es völlig egal, wie er starb, ob er die Treppe runtergefallen ist, ob er sich verschluckt hat und erstickt ist, ob er zu Tode geprügelt wurde oder ob er Selbstmord begangen hat. Letztendlich spielt das überhaupt keine Rolle. Das einzige, was immer entscheidend war, war der Ort und daß er zu diesem Ort nicht freiwillig gegangen ist und dort sterben mußte. Damit war auch klar, wer das verursacht hat. Wenn er dort Selbstmord begangen haben sollte, mußte ihm jegliche Lebensperspektive genommen worden sein während dieser Verhöre. Ich traue der Stasi zu, in längeren Verhören jemanden fertiggemacht zu haben. Ich habe Matz nicht als selbstmordgefährdet eingeschätzt. Wenn die Stasi aber so etwas schafft, dann ist sie dafür auch verantwortlich.
Ich wußte damals nicht viel von den stalinistischen Säuberungen, die ja auch in der DDR stattgefunden haben. Davon habe ich erst Jahre später erfahren. Dabei sind sehr viele auch in der DDR umgekommen. Bis zum Tod von Matz war für mich klar: Die schikanieren mich und versuchen mir das Leben zur Hölle zu machen, aber sie lassen mir das Leben. Selbst wenn sie mich mein Leben lang inhaftieren, das rein physische Leben wird unversehrt bleiben. Aber das war ein Trugschluß.
Der Tod von Matz hatte eine doppelte Dimension. Man konnte nicht nur sehen, daß da einer aus dem Freundeskreis gestorben ist, irgendwie tragisch, sondern es war auch klar: Das war ein politischer Mord. Und das mußte erst mal verarbeitet werden. Wir haben eine ganze Weile gebraucht, um das zu schlucken und dann mit dieser neuen Wirklichkeit zu leben. Die Verarbeitung dessen hat auch die Weichen gestellt, wie es für mich in der DDR weiterging.
Welche Folgen hatte der Tod von Matthias Domaschk für Dich?
- Es waren keine unmittelbaren Folgen, die über mich hereingebrochen wären, wie z. B. die Geburt meines Kindes schlagartig mein Leben veränderte, sondern es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich das verarbeitet hatte. In letzter Konsequenz ging das viel weiter, als mir damals klar war.
Sich politisch zu betätigen oder sich auf eine Anti-Haltung oder ein Anti-Leben der DDR gegenüber einzulassen, hieß nach dem Tod von Matz plötzlich etwas anderes. In dem Moment, wo ich weiß, daß durch mein gesellschaftliches Engagement mein Leben physisch bedroht sein könnte, frage ich mich noch mal anders: Lasse ich mich darauf ein, aufmüpfig zu sein, mich weiter politisch auseinanderzusetzen? In der DDR gehörte nicht viel dazu, um aufzufallen. Man brauchte bloß Jeans aus dem Westen zu haben oder einen anderen Haarschnitt. Das war ja schon eine halbe Revolution.
Der Tod von Matz hat meine politische Haltung radikalisiert, aber meine Bereitschaft, mich einzumischen, könnte ich jetzt nicht auf seinen Tod zurückführen. Das hängt mit meiner persönlichen Lebensgeschichte zusammen.
Es fing schon in der Schule an mit meiner Ablehnung für die Erweiterte Oberschule. Wenn man einen Durchschnitt von 1,0 hat und kein Abitur machen darf, weil man kein Arbeiter- und Bauernkind ist – also die ganz klassische stalinistische Schiene –, wird man zur Staatsfeindin gezüchtet. Aus der Not heraus machte ich eine Berufsausbildung in Jena. Da ging die Diskriminierung weiter. Und als ich auf der Arbeit unerwünschte Dinge geäußert habe, kam ich in die niedrigste Gehaltsgruppe. In der JG gab es viele, die ähnliches erlebt haben.
Der Tod von Matz hat nichts Neues initiiert, aber bestimmte Haltungen zementiert, die schon da waren. In gewisser Weise war für mich klar: Ich bin Staatsfeind, und ich will es auch sein. Sehr lange beschäftigt hat mich der Tod von Pfarrer Oskar Brüsewitz. Er hat sich 1976 selbst verbrannt. Für mich war das ein unkonventionelles politisches Aufbegehren. Ähnlich ging es mir, als ich später von Bonhoeffer gelesen habe, der sich als Pfarrer dem Kreis der potentiellen Hitler-Attentäter angeschlossen hatte. Solche quasi »amoralischen« Verhaltensweisen haben mich unheimlich beeindruckt. Das war genau in der Übergangszeit zwischen Schule und Ausbildung, und ich dachte, jetzt muß sich bei mir etwas ändern. Ich habe mit Kompromissen noch versucht, studieren zu dürfen, aber jetzt werde ich keine Kompromisse mehr machen. Wenn es jemanden gibt, der sich das Leben nehmen muß, weil die Verhältnisse so furchtbar sind, und der das gleichsam als Aufruf versteht, dann soll es wenigstens bei mir angekommen sein. Das klingt jetzt vielleicht ein bißchen pathetisch, aber als 16jährige erlebt man alles etwas pathetischer.
Später kam ich an den Punkt, daß ich mir sagte: Wenn das Leben irgendwie lebenswert sein soll – auch unter dem Gesichtspunkt, Kinder zu haben –, dann habe ich eine ganz andere Verantwortung. Meine Kinder könnten mich irgendwann mal fragen: Was hast du gemacht? So wie ich meine Eltern und Großeltern gefragt habe: Was habt ihr denn im Dritten Reich gemacht? Was kann ich den Kindern denn bieten in der DDR, wenn ich nicht mal versuche, etwas zu ändern? Die Entscheidung fiel: Ich werde etwas tun, und ich kann nur hoffen, daß es mir nicht so gehen wird wie Matz, aber ich muß es darauf ankommen lassen.
In dieser Zeit zog ich mich aus der aktiven JG-Arbeit zurück. Ich wollte etwas verändern, ich wollte, daß sich etwas bewegt. Das war innerhalb der JG nicht möglich. Andererseits war mir klar, daß ich mich schützen muß, nicht leichtsinnig sein darf, wenn ich etwas erreichen will, und da bot auch der Rahmen der JG keine Sicherheit. Für diesen Entschluß spielte es keine Rolle, ob jemand, wie sich im nachhinein herausgestellt hat, alle Details aus der JG der Stasi brühwarm berichtete oder alles nur irgendwelchen Kirchenleuten recht machen wollte und deswegen alle Aktivitäten im Keim erstickte. Es war klar, in diesem Rahmen kann ich nicht sicher sein und auch nichts bewegen. Also versuchte ich, außerhalb etwas aufzubauen.
Waren das die Anfänge der Friedensgemeinschaft Jena, ohne daß sie schon so hieß?
- Wir waren am Anfang vielleicht zehn Leute, die sich absolut vertrauten. Ich hatte immer das Gefühl, daß ich für alle diese Leute meine Hand ins Feuer legen kann. Als ich später bei der Gauck-Behörde meine Unterlagen gelesen habe, ist auch kein Name aus unserem Kreis als Spitzel aufgetaucht. Begonnen hatten wir mit einer Art Lesekreis und inhaltlicher Arbeit in kleinen Gruppen. Richtig zusammengeschweißt hat uns dann die Verhaftungswelle 1982/83.
Einige haben gleich nach dem Tod von Matthias Domaschk Ausreiseanträge gestellt, Du nicht. Warum Ende 1982 dann doch?
- Das geschah aus einer richtig tiefen, allgemein verbreiteten Resignation heraus, keine Perspektiven in der DDR zu haben, auch nicht für unsere Kinder. Zudem sind ganz enge Freunde plötzlich ausgereist. Über meinem Mann schwebte noch das Damoklesschwert der NVA-Einberufung. Ich habe dennoch weiterhin so gelebt, als müßte ich in der DDR bis ans Ende meines Lebens bleiben. Ich wurde nicht risikofreudiger in der Hoffnung, über den Knast schneller in den Westen zu kommen. Als ich den Ausreiseantrag zurückziehen wollte, nahm man mein Schreiben nicht an. Da stand die Aktion »Gegenschlag«5 schon felsenfest.
1 Junge Gemeinde Jena Stadtmitte.
2 Peter »Blase« Rösch.
3 Der PM 12 war ein vorläufiger Personalausweis. Er berechtigte nicht zum Verlassen der DDR und bewirkte besondere Behandlungen bei Ausweiskontrollen.
4 Pfarrer Walter Schilling aus Braunsdorf, »Vater« der Offenen Arbeit.
5 Der in den MfS-Akten gebrauchte Terminus für die schnelle Ausbürgerung der Aktiven der Friedensgemeinschaft Jena.
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