Heft Sonderheft/2003 | matthias domaschk | Seite 62 - 63

Siegfried Reiprich

"In uns zerbrach auch was. Was haben wir hier noch zu verlieren?"

Interview von Dorit Liebermann mit Siegfried Reiprich

Siegfried Reiprich, geboren 1955 in Jena, wirkte mit Lutz Rathenow und anderen im Jenaer »Arbeitskreis Literatur und Lyrik«, bis dieser 1975 verboten wurde. Ein halbes Jahr nachdem Jürgen Fuchs am 17. Juni 1975 von der Friedrich-Schiller-Universität exmatrikuliert worden war, verurteilte ein Disziplinargericht den Philosophiestudenten »zum Ausschluß vom Studium an allen Universitäten, Hoch- und Fachschulen der DDR«. Er mußte nun in Vierfachschicht Hilfsarbeiten im VEB »Schott und Genossen« verrichten. Gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns sammelte er 1976 im Betrieb Unterschriften und rief zwei Jahre später einen Bahro-Lesekreis ins Leben. Am 13. August 1981 wurde er mit seiner Ehefrau Christine ausgebürgert. In der Bundesrepublik studierte er Ozeanographie und Geophysik. Heute arbeitet er in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Das Gespräch führte Doris Liebermann 1996, gekürzt und redigiert von Gerold Hildebrand.

Doris Liebermann: Wie hast Du von Matthias Domaschks Tod erfahren?
Siegfried Reiprich: Zu unseren Freunden gehörte Jutta Tomaschewski. Sie war auch von einer Fachschule geflogen und fuhr nun Telegramme aus. Völlig aufgelöst kam sie zu uns: »Morgen wird Matz begraben, Matz ist tot. Der ist im Stasi-Knast umgebracht worden, ermordet worden, das kann gar nicht anders sein.« Niemand glaubte, daß er sich umgebracht hatte, denn er war ein durchaus lebensfroher Mensch.

Wie hast Du die Beerdigung erlebt?
- Es kamen massenhaft Leute, das hatte sich wie ein Lauffeuer in der Szene herumgesprochen. Hätte man uns etwas Zeit gelassen, wären es Hunderte gewesen. Der Friedhof war von Stasi-Leuten umstellt, die feindselig blickten, böse Bemerkungen machten und drohten: »Wenn im Westen was erscheint, dann seid ihr fällig!« Und in uns zerbrach auch was, daß es schon wieder wie in der Stalin-Zeit ist, daß Leute umgebracht werden. Was haben wir hier noch zu verlieren? Genau in diese Phase platzte die Genehmigung von Ausreiseanträgen. Wir dachten sofort, die wollen uns jetzt ruhigstellen. Ich habe mir damals am Grab von Matthias geschworen, daß ich nicht vergessen werde, woher ich komme, auch wenn wir in West-Berlin landen.

Wie habt ihr damals reagiert?
- Wir wollten uns mit Freunden in Karlovy Vary treffen, Ex-Jenensern, die 1977 über den Knast in den Westen gelangt waren.1 Die Frage war, sollen wir trotz der Stasi-Drohung über die Grenze fahren und die Nachrichten weitergeben, oder sollen wir lieber vorsichtig sein? Wir sind gefahren und haben erzählt, was wir wußten, und gebeten, im Westen etwas zu publizieren, egal, was passiert. Wir dachten, das ist so schlimm, das muß einfach raus. Über andere Kanäle ist es dann im »Stern« veröffentlicht worden.

Was hast Du in Deiner Stasi-Akte gefunden?
- Nach Öffnung der Stasi-Akten habe ich makabere Details feststellen müssen, nämlich einen Zusammenhang zwischen der Verhaftung von Matz und einem Spitzel, der auf mich angesetzt war und einen verlogenen Bericht geschrieben hat. Im allgemeinen hat die Stasi sich nicht selbst belogen. Die haben immer versucht, die »Wahrheit« rauszukriegen im Sinne der Fakten. Die Stasi-Kladden waren Notizbücher der Macht. Es gibt in meiner Akte nur zwei oder drei Berichte, die teilweise oder ganz falsch sind. Einer wurde von einem IM »Klaus Steiner«2 verfaßt. Matthias Domaschk habe bei Maurerarbeiten in unserer Ausbauwohnung geholfen. Dort hatten wir mächtig zu tun, Maurerarbeiten, Fenster einsetzen, Dach, verputzen usw., und Freunde haben geholfen. Angeblich sei Matz einer von ihnen gewesen und hätte dabei Sympathie für die »Roten Brigaden« in Italien geäußert und versucht, mich als ideologischen Kopf einer terroristischen Vereinigung zu gewinnen. Dieser Bericht kam, drei Wochen bevor Matz verhaftet wurde, in die Akten.3 Der IM hat Matz entweder verwechselt oder Dichtung und Wahrheit produziert.4 Es war jemand anderes, der beim Mauern half, auch jemand von der Jungen Gemeinde. Matz konnte gar nicht mauern. Der IM klagte bei der Stasi immer über Geldprobleme und ist für seine Berichte finanziell entlohnt worden. Eine schmierige Figur. Wir haben 1992 versucht, mit ihm zu reden, aber er hat sich sehr verschlossen gegeben. Er hat das gezeigt, was Jürgen Fuchs so gut mit dem Begriff »aggressives Schweigen« beschreibt.

1 In den siebziger Jahren wurden viele Jenenser inhaftiert und vom Gefängnis aus ausgebürgert.
2 Thomas Richter, ehem. Th. Fritsche, Th. Haßelmeier. Führungsoffizier: Oberleutnant Roland Mähler, KD Jena (Reg.-Nr. X/613/79).
3 IMS »Klaus Steiner« an Führungsoffizier Mähler am 23.3.1981, OV »Opponent«, BStU, Reg.-Nr. X 231/80, Archiv-Nr. 1020/81, Bd. XII, Bl. 305f. (MDA).
4 Der Terrorismus-Verdacht durchzieht auch den OV »Kanzel« (gegen Renate Groß, Matthias Domaschk und andere). Es ist aber auch möglich, daß der Führungsoffizier den IM-Bericht etwas »geschönt« hatte (vgl. auch Jürgen Fuchs, Magdalena, Reinbek 1998, S. 316), um – in Kenntnis vorangegangener Verdachtskonstruktionen der MfS-Offiziere Köhler, Würbach, Urbansky u.a. – angesichts des X. SED-Parteitages zu zeigen, wie wachsam er ist.

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