Heft Sonderheft/2003 | matthias domaschk | Seite 64 - 66

Roland Jahn

"Matz hat mich im Gefängsnis in Gedanken begleitet."

Interview von Gerold Hildebrand mit Roland Jahn

Roland Jahn, geboren 1953 in Jena, 1977 wegen seines Protestes gegen die Biermann-Ausbürgerung vom Studium exmatrikuliert, versuchte mit verschiedenen Aktionen in Jena den Tod von Matthias Domaschk in der Stasi-Haft unvergessen zu machen. Am 1. September 1982 wurde er wegen widerständiger Aktivitäten inhaftiert und am 17. Januar 1983 zu 22 Monaten Haft verurteilt; er mußte jedoch Ende Februar 1983 nach internationalen Protesten wieder freigelassen werden. Er war aktiv in der Friedensgemeinschaft Jena und wurde in der Nacht zum 8. Juni 1983 gegen seinen Willen und unter Gewaltanwendung in den Westen abgeschoben. Heute ist er »Kontraste«-Redakteur beim Sender Freies Berlin. Das Gespräch führte Gerold Hildebrand im März 2001.

Gerold Hildebrand: Was verbindest Du mit dem Todestag von Matthias Domaschk?
Roland Jahn: Der Tod von Matthias Domaschk, »Matz«, wie wir ihn nannten, war einerseits ein persönlicher Schock, daß ich einen Freund verloren habe, gleichzeitig aber auch eine politische Ernüchterung. Es ist mir erstmals richtig bewußt geworden, daß wir, mein politisches Umfeld in Jena, in großer Gefahr waren. Es ging nicht mehr um die Fragen: »Wird jemand verhört? Wird jemand inhaftiert? Wie steht er das durch?«, sondern es ging um Leben und Tod.
Auf der anderen Seite hat es mich wachgerüttelt: »Wenn wir uns nicht wehren, kann es uns passieren.« Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt darin um. Sprich, selbst Leute wie Matthias, die den Staat nicht frontal herausgefordert haben, sind auf der Strecke geblieben.
Wir sind ganz bewußt zur Trauerfeier gegangen und haben klar und deutlich eine Form von Demonstration durchgeführt. Plakate waren gar nicht nötig. Allein unser massives Auftreten, ca. 300 Leute, und das Blumenmeer dort am Grab machten deutlich: Matz ist einer von uns und wir lassen nicht zu, daß einer von uns rausgerissen wird aus seinem jungen Leben. Wir lassen uns nicht einschüchtern und zeigen, daß wir das nicht vergessen. Die Jahrestage waren immer Anlaß, dieses Aufbegehren zu zeigen.

Welche Zeichen habt ihr gesetzt?
- Am ersten Jahrestag haben meine Freunde Petra Falkenberg, Manfred Hildebrandt und ich Todesanzeigen in die Jenaer Zeitungen gesetzt, ausgeschnitten und in der Nacht angeklebt, an Litfaßsäulen, an Lichtmasten und verschiedene Stellen, wo viele Menschen es sehen. Gleichzeitig organisierten wir Westöffentlichkeit über den RIAS, der in Jena zu hören war. Es ging darum: Wie kann man etwas deutlich zeigen, ohne daß man gleich eingesperrt wird? Meine Idee war, wir lassen die SED die Flugblätter drucken, dann können sie uns nichts anhaben: »Wir gedenken unseres Freundes Matthias Domaschk, der im 24. Jahr aus dem Leben gerissen wurde. Manfred, Petra und Roland.« Das war ein deutliches Zeichen in Richtung Staatssicherheit, aber auch in Richtung der Jenaer Bevölkerung, daß wir das nicht so einfach hinnehmen. Es war äußerst kompliziert, in eine SED-Zeitung eine Todesanzeige zu setzen, die politisch motiviert war, und schwierig, überhaupt genügend Zeitungen zu beschaffen. Ich bin morgens von Kiosk zu Kiosk geradelt und habe so viele Exemplare wie möglich gekauft. Freunde, die auf der Post arbeiteten, haben auch welche besorgt, und so kamen wir dann auf ungefähr 100 Stück.

Wie war die Reaktion?
- Die Staatssicherheit war gereizt, und es gab Festnahmen und Verhöre. Aber es war für sie nicht einfach, hier eine strafrechtliche Relevanz herzustellen. Damals war ich noch so naiv, daß ich dachte, sie bräuchten wirklich Straftatbestände, um jemanden einsperren zu können. Später wußte ich, es geht nicht um Recht und Gesetz, sondern sie machen, was sie wollen, die Herren der Staatsmacht. Eine Gedenkplastik für Matthias Domaschk, die mein Freund Michael Blumhagen gehauen und auf dem Jenaer Johannesfriedhof aufgestellt hat, diese zentnerschwere Kalksteinplastik ist einfach gestohlen worden. Der Diebstahl war eine Kooperation von Stadtverwaltung und Staatssicherheit. Der Tod in Stasi-Haft sollte totgeschwiegen werden. Als ich diesen Diebstahl zufällig fotografieren und dann im »Spiegel« veröffentlichen konnte, hat das natürlich die Staatssicherheit besonders in Wut gebracht. Wenn es um ihre Missetaten ging, waren sie äußerst empfindlich. Dies hat dann auch zu meiner Inhaftierung geführt im September 1982. In den Verhören wurde das deutlich. Der angebliche Haftgrund, meine polnische Fahne am Fahrrad mit der Aufschrift »Solidarität mit dem polnischen Volk« war eigentlich nur ein Verhaftungsanlaß, oder wie sie es ausgedrückt haben: »Das ist bloß das Kompott.« Das Hauptgericht waren für sie die Aktionen im Fall Matthias Domaschk.

Hatten diese Aktionen Auswirkungen auf die politische Szene in Jena?
- Diese Proteste waren der Beginn einer ganz neuen Etappe in den Auseinandersetzungen zwischen den Jenaer Leuten, die nicht so staatskonform waren, auf der einen Seite und dem Apparat des Staates auf der anderen Seite. Die neue Qualität von unserer Seite bestand auch in dem ganz bewußten Auftreten in der Öffentlichkeit, sowohl in der DDR als auch zusätzlich in der Westpresse. Den Abschluß dieser Etappe bildeten die Demonstrationen mit eigenen Plakaten in der Jenaer Innenstadt im Frühjahr 1983. Der Tod von Matthias Domaschk hat ein Bewußtsein dafür geschaffen, daß es existentiell ist, was da in der DDR passiert. Nach der Verhaftungswelle 1982/83 und unserer Entlassung in die DDR haben wir diesen 12. April wieder genutzt, um zu zeigen, wir lassen uns trotz Knast nicht unterkriegen. Etwa 50 Leute demonstrierten von der Jenaer Innenstadt bis zum Nordfriedhof mit einem Trauerkranz. Die Stasi mit einem Lieferwagen immer neben uns her. Aber wir haben deutlich gezeigt, Matz’ Tod in der Stasi-Haft ist unvergessen. Als ich 1983 in den Westen kam, war für mich dieses Gedenken, das persönliche sowieso nicht, aber auch das Gedenken in politischer Form nicht vorbei. Neben dem Organisieren von Presseberichten im Westen habe ich zum Todestag Trauerkränze in die DDR geschickt. Auf den Schleifen stand die Botschaft an die Stasi: »Matthias Domaschk – Unvergessen«.

Kannst Du Dich an gemeinsame Erlebnisse mit Matz erinnern?
- Erst einmal an seine menschliche, freundliche Art, die einfach angenehm war, und an seine Hilfsbereitschaft. Seine Wohnung war offen in dem Sinne, daß du immer klingeln konntest und immer eingeladen wurdest auf einen Tee. Er war stets gesprächsbereit. Ich entsinne mich, wie er geholfen hat, unsere Wohnung zu tapezieren. Er war einfach da, wenn man ihn brauchte. Sprich, ein richtig guter Freund.
Was das Politische betrifft, war er für mich jemand, der ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben führen wollte und das auch ausgedrückt hat. Er war überhaupt nicht ideologisch, sondern hat aus seinem Lebensgefühl heraus seine politischen Visionen entwickelt von einer gerechteren Gesellschaft, wo niemand an die Kandare genommen wird. Visionen, die vielleicht nicht klar ausgefüllt waren, aber in dem Gefühl geäußert, es muß anders werden. Die Ideen, die in Polen vorgetragen wurden, wo eine emanzipatorische Bewegung wie die Solidarnosc auftrat, waren eine Orientierung für ihn. Ich weiß noch, wie wir in guter Stimmung über die Camsdorfer Brücke in Jena gezogen sind und das polnische Lied gesungen haben. »Polen ist noch nicht verloren …«
Matthias erzählte begeistert über einen Besuch aus dem Westen. Da ging es nicht um die Frage des Lebensstandards, sondern er erzählte fasziniert, daß er einen Zweig Flieder geschenkt bekommen hatte, weißen Flieder, mitten im Februar, wo es in der DDR kaum eine Blume zu kaufen gab. Und das ist bei mir im Gedächtnis geblieben. Ein Mensch, der so naturverbunden war und der diesen Zweig Flieder wahrgenommen hat als Hoffnungszweig. Es ist ein Symbol für mich geworden, daß in dieser DDR mitten im kalten Winter der Diktatur ein Zweig blüht, der Hoffnung gibt, daß sich was ändert, daß das Grün irgendwann aus den Zweigen bricht.1 Immer wenn ich weißen Flieder sehe, kommen mir fast die Tränen, und ich muß an Matz denken.

Du bist im September 1982 auch in Gera inhaftiert worden?
- Im Knast habe ich Erfahrungen gemacht, wo ich auch an Matz denken mußte. Mir ging immer die Frage durch den Kopf: Wie wird es wohl mit ihm passiert sein? Du fährst in diesen Knast ein, wo er zu Tode gekommen ist. Da läuft dir ein kalter Schauer über den Rücken. Dann sitzt du den gleichen Leuten gegenüber, Hauptmann Seidel zum Beispiel. Du merkst, plötzlich bist du in ihren Klauen, so wie es Matz damals war. Wie kannst du hier entkommen? Als Person, ohne Schaden zu nehmen, sowohl körperlich als auch psychisch. Das hat mir in dieser Situation große Angst gemacht, hat mir andererseits aber auch Kraft gegeben, Widerstand zu leisten. Ich habe deswegen dort drinnen demonstrativ bestimmte Umgangsformen entwickelt, die deutlich gemacht haben: mit mir nicht.
Einen Tag vor meinem Prozeß habe ich mir meinen Bart als Hitlerbart rasiert. Damit wollte ich deutlich machen, was das hier für ein Schauprozeß ist. Ich muß dazu noch sagen, daß ich unter anderem in dem Prozeß angeklagt worden bin, weil ich am 1. Mai 1982 in Jena die Maiparade abgenommen habe mit einer Gesichtshälfte, die in Haar- und Bartfrisur aussah wie Hitler und die andere wie Stalin frisiert. Die Jenaer Bevölkerung sollte sich mal überlegen, wem sie zujubelt am 1. Mai: früher Hitler, später Stalin und aktuell Honecker. Deswegen wurde ich auch angeklagt. Jedenfalls, einen Tag vor meinem Prozeß, habe ich mir einen Hitlerbart rasiert. Ich darf aussehen, wie ich will, war meine Position. Da ist die Stasi wieder einmal durchgedreht.

Was hat die Stasi dann unternommen?
- Die Herren von der Stasi wollten auf keinen Fall, daß ich in dem Prozeß mit Hitlerbart auftrete. Da hat man mich in eine Zelle geführt, Rasierzeug hingelegt und gesagt, ich solle den abrasieren. Ich habe mich geweigert. Dann hat man mich gepackt, von hinten, hat zugelangt, unter anderem am Hals zugedrückt, gewürgt sozusagen, und für eine gewisse Zeit verlor ich das Bewußtsein. Als ich wieder zu mir kam, war der Bart ab, aber noch viel erschreckender für mich war der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoß: So kann das auch bei Matz gewesen sein. Irgend jemand dreht durch, irgend jemand langt zu, und schon ist es vorbei. Du bist in ihrer Macht und ihren Klauen ausgesetzt. Und dieses Erschrecken, mit den Gedanken an Matz, das war eigentlich die furchtbarste Szene, die ich in diesem halben Jahr Knast, in dieser Untersuchungshaftanstalt, wo Matz zu Tode gekommen ist, erlebt habe.
Da drin bist du allein, du weißt nicht, wann es das nächste Mal passiert. Du bist ihnen ausgeliefert. Du kannst dich mit Händen und Füßen wehren, sie sind in der Überzahl. Du bist eingesperrt, und sie machen die Tür hinter dir zu, du kannst nicht raus. Aber sie kommen auch rein und krallen dich und tun das, was sie wollen, mit deinem Körper. Ganz abgesehen von den psychischen Methoden, mit denen sie dich kaputtmachen wollen. Da sind natürlich viele Gedanken in meinem Kopf um Matz gekreist.
Matz hat mich in diesem halben Jahr in meinen Gedanken begleitet. Für mich war er richtig gegenwärtig in diesem Knast, in diesem Haus. Das war das Schlimme. Aber auch die Herausforderung: Du mußt hier gesund und widerspenstig raus kommen, und nicht kaputt und gebrochen. Das hat mir die Kraft gegeben. Die wichtigste Erkenntnis war: Alles, was sie tun, tun sie gegen dich. Sprich, wenn du hier aussagst, egal was, sie benutzen es immer gegen dich. Deswegen habe ich im Verhör immer geschwiegen.

Gibt es eine Frage nach Schuld und Verantwortung?
- 1993 habe ich einen »Kontraste«-Beitrag für die ARD über den Tod von Matthias Domaschk gemacht.2 Darin wird ganz deutlich: Viele haben einen Baustein geliefert für die Gefängnismauer, hinter der Matz zu Tode gekommen ist. Jeder redet sich raus, daß er nur einen kleinen Baustein geliefert hat und nicht schuld sein will an seinem Tod. Doch genau darum geht es hier im konkreten Fall wie auch in der Beurteilung der DDR insgesamt. Jeder muß sich bewußt sein, was er in dieser Diktatur für ihren Bestand getan hat. Wer zur Wahl gegangen ist, hat das System gestützt und trägt dafür Verantwortung. Im Fall Domaschk heißt das konkret: Der kleine IM, der Matthias Domaschk angeschissen hat, der Führungsoffizier, der die IM-Information weitergemeldet hat, der Transportpolizist, der ihn aus dem Zug gezogen hat, der diensthabende Leiter der Kreisdirektion, der die Kommandos zur Festnahme gegeben hat, der Diensthabende in der Bezirksleitung, der Anweisungen gegeben hat, der Vernehmer, der ihn gepeinigt hat, der »operative« Stasi-Mitarbeiter, der versucht hat, ihn kaputtzuspielen, um ihn dann als IM für die Stasi zu nutzen. Jeder hat seinen Anteil daran, daß am Ende der Tod dieses Menschen stand. Das kommt in dem Film sehr deutlich zum Ausdruck.
Die Frage nach Schuld und Verantwortung muß letztendlich jeder für sich selbst beantworten. Wir, die es unvergessen sein lassen wollen, wir können sie immer nur aus ihrem Versuch, es wegzuwischen, herausreißen, indem wir einfach aufmerksam machen und sagen: »Ihr habt diese Verantwortung zu tragen.« Solange sie es nicht akzeptieren, muß man es immer wieder benennen und sie herausfordern.

Ist die juristische Aufarbeitung gescheitert?
- Gescheitert ist der falsche Ausdruck. Das war nur die falsche Erwartung, die Justiz könnte ein gerechtes Urteil sprechen. Im Endeffekt ist sie nicht gescheitert, sondern hat verdeutlicht, daß das Festschreiben von Verantwortungen möglich ist. Auch ohne Urteil wegen Mord oder Tötung, die Täter werden aus ihrer Verantwortung nicht entlassen. Darum geht es zum Beispiel in dem Prozeß wegen Freiheitsberaubung gegen diese Stasi-Offiziere, die Matz eingesperrt hatten. Allein die Tatsache, daß sie sich erinnern müssen, ihre Terminplanung, ihr Alltag durcheinander kommt, sie an ihr Handeln erinnert werden, sie sich damit beschäftigen müssen, der Tod von Matz sie nicht zur Ruhe kommen läßt. Für mich sind die Urteile zweitrangig. Die erste Strafe ist schon mal, daß sie 20 Jahre danach nicht einfach darüber hinweggehen können. Sie müssen Leuten wie uns vor Gericht begegnen.

Du hast der Verhandlung im September beigewohnt. Dort war auch Dein Vernehmer Hans Joachim Seidel vorgeladen. War das nicht eine unerträgliche Begegnung?
- Also in dieser Hinsicht bin ich ganz gelassen und nicht verbittert. Ich saß nicht auf der Anklagebank, sondern er. Er ist verurteilt worden durch die Bundesrepublik Deutschland. In gewisser Weise habe ich da Genugtuung empfunden. Es gab immer so ein Spiel zwischen ihm und mir. Nachdem ich ein halbes Jahr lang meine Aussage verweigert habe in der Stasi-Haft, hat er immer gesagt: »Wer zuletzt lacht, lacht am besten.« Als ich dann verknackt wurde, hat er den Satz wiederholt. Nach meiner Entlassung habe ich ihm eine Postkarte geschickt, die im Prozeß übrigens auch eine Rolle gespielt hat, eine Fotomontage, ich mit Bauhelm als DDR-Arbeiter, und darunter steht in Analogie zu einem SED-Plakat: »Das Arbeiterwort gilt«. Diese Postkarte habe ich ihm zugeschickt, und hinten stand drauf: »Wer zuletzt lacht, lacht am besten.« Diesen Satz konnte ich jetzt noch einmal wiederholen. Sprich, ich habe meinen Weg gemacht, der nicht der schlechteste war, und er gehört zu den Verlierern der Geschichte. Ob es ihm jetzt materiell besser geht, ist eine andere Frage. Ich habe ihm damals gesagt: »Wenn ich mal raus komme, erzähle ich es Deinen Kindern.« Ich habe die einfach immer geduzt. Vor dem Gerichtssaal habe ich ihm jetzt eine Videokassette mit meinen Stasi-Filmen in die Hand gedrückt und gesagt, er soll sie seinen Kindern geben, damit die sich mal ein Bild machen können von ihrem Vater und seinen Missetaten.
Um den Bogen noch einmal zu spannen: Genau dieser Vernehmer sagte mir im Knast, bezogen auf den Tod von Matthias: »Wir werden uns doch nicht die Hände schmutzig machen, dazu haben wir feinere Methoden.« Erstens wurde doch Gewalt angewendet, das Beispiel mit dem Würgen. Zweitens bekam ich ein halbes Jahr lang alle Register der psychischen Einwirkungen zu spüren. Als ich später in den Akten gelesen habe, was da ablief an Methoden, um Matthias kaputtzuspielen, ihn am Boden zu zerstören, seine Ehre zu nehmen, ihn als IM anzuwerben, all diese Dinge, da dachte ich auch wieder an meinen Vernehmer und an diese Worte.

Welche Bedeutung hat Gedenken heute?
- Jahrestage sind vielleicht nicht mehr entscheidend, es geht um die kontinuierliche Beschäftigung mit dem Thema. Der Fall Matthias Domaschk ist sehr wichtig, und die Frage zu beantworten, was eigentlich an psychischer Folter stattgefunden hat. Wenn wir über psychische Folter, Staatssicherheit reden, müssen wir über Matthias Domaschk reden. Da bin ich ganz in der Gegenwart bei der Frage: Mit welchen Methoden arbeiten Diktaturen?

1 Anspielung auf eine Zeile aus Wolf Biermanns Lied »Ermutigung« (1966).
2 Ausgestrahlt am 17.5.93. Dieser Beitrag und Videos anderer Sendungen des ARD-Politmagazins »Kontraste« mit DDR-Themen sind über das Matthias-Domaschk-Archiv erhältlich.

 

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